1929
Berlin Alexanderplatz
Überblick↑
Berlin Alexanderplatz erschien 1929 im S. Fischer Verlag. Der Roman gilt als der bedeutendste Großstadtroman der deutschsprachigen Literatur und als eines der Hauptwerke der Moderne. Alfred Döblin erzählt darin die Geschichte des Transportarbeiters Franz Biberkopf. Dieser wird nach vier Jahren Haft aus dem Gefängnis Tegel entlassen und will in Berlin ein anständiges Leben führen. Der Untertitel der Erstausgabe nennt das Vorhaben beim Namen: Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Neben dieser Lebensgeschichte ist das Buch ein Zeitbild der späten Weimarer Republik. Häufig wird es in einem Atemzug mit James Joyces Ulysses und John Dos Passos’ Manhattan Transfer genannt. Wie diese antwortet es mit einer neuen, montierten Erzählweise auf die moderne Großstadt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Franz Biberkopf, ein einfacher Lohnarbeiter, verlässt die Strafanstalt Tegel. Er hat vier Jahre wegen Totschlags abgesessen: Im Streit hatte er seine Freundin Ida erschlagen. Vor dem Gefängnistor steht er nun ratlos und überfordert in einer Stadt, die ihm fremd geworden ist. Häuser, Passanten, Straßenlärm – alles drängt auf ihn ein. Bei zwei Juden in der Münzstraße findet er erste Zuflucht und schwört sich, von jetzt an anständig zu bleiben.
Er versucht es ehrlich. Mal verkauft er Schlipshalter am Rosenthaler Platz, mal Zeitungen, mal Schnürsenkel. Er findet eine neue Freundin, die Polin Lina, und bekommt sogar ein bisschen Boden unter die Füße. Doch das Berlin der späten zwanziger Jahre lässt einen wie ihn nicht in Ruhe. Ein erster Schicksalsschlag bringt ihn ins Wanken. Schließlich gerät er in den Sog einer Bande um den undurchsichtigen Pums und dessen kalten, fanatischen Mitläufer Reinhold. Dieser Mann braucht alle vier Wochen eine neue Frau und reicht die abgelegten an Biberkopf weiter. Ob Franz seinen Schwur halten kann, ob er die Großstadt besteht oder von ihr zermahlen wird, entscheidet sich in einer Kette von Begegnungen, Versuchungen und Schlägen. Sie ziehen ihn immer tiefer in die Halbwelt zwischen Alexanderplatz und Hinterhof.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman ist in neun Bücher gegliedert und umfasst etwa achtzehn Monate. Im Prolog kündigt der Erzähler an, was Biberkopf am Ende sein wird: sehr verändert, ramponiert, aber doch zurechtgebogen.
Im ersten Buch verlässt Franz Biberkopf das Gefängnis Tegel. Vier Jahre saß er, weil er aus Eifersucht seine Freundin Ida erschlagen hatte. Auf den Straßen Berlins ist er völlig überfordert: Passanten verschmelzen mit Gebäuden, am Rosenthaler Platz erschrickt er vor einem speisenden Paar, er wechselt die Straßenseite, weil ihn die Dunkelheit an die Zelle erinnert, und fürchtet, die Dächer könnten herunterrutschen. In einem Hausflur findet ihn ein rotbärtiger Ostjude und nimmt ihn mit in die Stube eines Rabbiners. Dort streitet Nachum mit einem Alten über den fremden Mann und erzählt zur Beruhigung die Geschichte des Hochstaplers Stefan Zannowich, die später der junge Eliser zu Ende führt: Zannowich war ein Falschspielersohn, der sich als albanischer Prinz ausgab, in Wien Kaiserin Therese um den Finger wickelte und schließlich in einem Brüsseler Gefängnis Selbstmord beging. Biberkopf trinkt Cognac, geht ins Kino, kauft eine dicke kleine Prostituierte für drei Mark, isst und säuft tagelang. Er besucht Idas Schwester Minna und vergewaltigt sie; die zerrissene Schürze ersetzt er ihr. Dann sucht er die Juden noch einmal auf und schwört sich, anständig zu bleiben. „Dann aber ging ihm das Geld aus.“
Im zweiten Buch versucht Biberkopf, mit ehrlichem Handel über die Runden zu kommen. Auf einer Versammlung drückt ihm ein Redner Papiere als ambulanter Textilhändler in die Hand; er verkauft Schlipshalter, dann Zeitschriften zur sexuellen Aufklärung, schließlich Zeitungen. Eine neue Freundin, die Polin Lina Przyballa, steht ihm bei. In einer Kneipe lässt er sich von einem betrunkenen Invaliden anstecken und vertreibt nun völkische Blätter, obwohl er, wie er selbst sagt, nichts gegen Juden hat, sondern nur „für Ordnung“ ist. Linke Gäste entdecken seine Hakenkreuz-Armbinde und machen sich über ihn lustig; er beruft sich auf den Stellungskrieg bei Arras, brüllt zurück und wird vom Wirt Henschke aus dem Lokal geworfen. Nachgetragen wird, wie er Ida erschlug – ein Totschlag, den der Erzähler parallel zum Mord an Agamemnon und Klytaimnestra setzt, mit der Pointe, dass Biberkopf, anders als Orest, nicht von den Erinnyen verfolgt wird.
Im dritten Buch fällt der erste Schlag des Schicksals, wie der Vorspruch ihn nennt. Pünktlich zu Weihnachten steigt Franz auf Schnürsenkel um und gewinnt das Herz einer Witwe, die ihm nach einer Schmuserei reichlich abkauft. Davon prahlt er in der Kneipe vor Lüders, Linas Onkel. Der besucht am nächsten Morgen die Witwe, gibt vor, im Auftrag Biberkopfs die Ware zu holen, raubt sie aus und durchwühlt die Schubladen. Als Franz später unbedarft an der Tür klingelt, schlägt die Frau ihm die Tür vor der Nase zu. Ein Brief klärt ihn auf. Er kündigt sein Zimmer und verschwindet. Lina schaltet Meck ein, der Lüders niederschlägt und zwingt, Franz aufzusuchen. Lüders bringt ihm das geraubte Geld; Franz bespritzt ihn mit Wasser und zieht erneut um.
Im vierten Buch verkriecht sich Biberkopf in einer Bude in der Linienstraße, säuft, schläft, grübelt. Ein Pastor kann ihm nicht helfen, die Juden in der Münzstraße auch nicht. Eingelegt ist die berühmte Schlachthofszene: Döblin schildert den Berliner Schlachthof im Nordosten der Stadt, die Tötung von Schweinen, eines Stiers, eines Kalbs, dazu nüchterne Zahlen über Vieh und Lagepläne. Eine Stimme aus dem Buch Hiob spricht zum Geschundenen: nur er selbst könne sich helfen; nach einer Nacht des Schreiens werden Hiob die ersten Geschwüre genommen. Die Zwischenüberschrift „Und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh“ gibt der Szene ihren Sinn. Eingeflochten ist die Geschichte des Hausverwalters Gerner, der im Februar 1928 einen Einbruch beobachtet und beschließt, selbst als Dieb anzufangen; er wird tags darauf abgeführt. Franz, der die Verhaftung mitansieht, rappelt sich auf, geht essen, verzichtet auf den Schnaps. Bei Minna trifft er nur deren Mann Karl, der ihn abweist; Franz beschimpft ihn und geht. Am Schluss des Buches spürt er wieder Kraft in sich.
Im fünften Buch verkauft Franz Zeitungen am Alexanderplatz und bleibt anständig. Am 9. Februar lockt ihn der kleine Meck in eine Kneipe. Ein gewisser Pums fragt, ob er nicht mit „Obst“ handeln wolle; Biberkopf lehnt ab. An Pums’ Tisch sitzt Reinhold, ein „Gelber“, dessen krankes Aussehen Franz’ Mitleid weckt. Reinhold öffnet sich ihm und gesteht, alle vier Wochen eine neue Freundin haben zu müssen. Er schiebt seine Kutscherfrau Fränze und später Cilly an Franz weiter, der diese Frauen übernimmt. Als Reinhold wieder eine abgeben will, weigert sich Franz, denn er liebt Cilly. Ein Jeremiazitat – „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt“ – kündigt das Unheil an. Am 8. April, einem Sonntag, beobachtet Franz eine Prügelei zwischen zwei Pums-Leuten und lässt sich überreden, eine Botschaft zu überbringen. Pums engagiert ihn für fünf Mark die Stunde beim angeblichen Obsthandel. Reinhold ist dabei, plötzlich stark und herrisch. Erst zu spät begreift Franz, dass er bei einem Raubzug Schmiere stehen soll. Beim Abtransport der Beute werden sie von einem Auto verfolgt. Reinhold, zornig, weil Franz seine Schwäche kennt, stößt ihn mit einem Komplizen aus dem fahrenden Fluchtwagen. Das Verfolgerauto überrollt ihn. Das Buch endet mit Betrachtungen des Erzählers über den Sonnenaufgang am nächsten Morgen.
Im sechsten Buch findet Reinhold sein Glück im Alkohol, verprügelt seine Freundin Trude und wird sie damit los. Franz wird schwerverletzt zum Zuhälter Herbert und dessen Freundin Eva gebracht; um die Sache zu vertuschen, schaffen die beiden ihn nach Magdeburg ins Spital, wo ihm der rechte Arm abgesägt wird. Zurück in Berlin verraten ihm die Freunde, dass Pums ein ausgekochter Betrüger ist. Doch Biberkopf weigert sich, die Bande zu bestrafen oder Schadensersatz zu fordern. Er schließt sich der Bande sogar wieder an und beginnt eine Beziehung zur Prostituierten Mieze.
Die Ermordung Miezes durch Reinhold ist der entscheidende Schlag. Biberkopf gerät unter Tatverdacht, wird verhaftet und schließlich als Patient in eine Irrenanstalt eingewiesen. Dort wird er, wie der Erzähler sagt, vom Tod geläutert, erkennt seine eigenen Verfehlungen und akzeptiert sie. Nach der Entlassung beginnt er ein neues Leben als Hilfsportier. Im Epilog beobachtet er einen Aufmarsch von Soldaten.
Stil↑
Der Roman ist in neun Büchern angelegt. Diese zerfallen jeweils in kleinere Geschichten und werden mit schlagzeilenartigen Überschriften wie „Mit der 41 in die Stadt“ oder „Belehrung durch das Beispiel des Zannowich“ angekündigt. Jedem Buch ist ein kurzer Vorspruch vorangestellt, der den Ausgang der folgenden Ereignisse vorwegnimmt. Döblin verzichtet damit bewusst auf bloße Spannungserzählung. Der Leser weiß, wohin es geht, und soll sich dafür auf das Wie konzentrieren.
Sprachlich fährt der Roman alles auf, was Berlin in den zwanziger Jahren zu hören war: das Berlinerisch des kleinen Mannes, das Rotwelsch der Ganoven und Zuhälter, das Jiddisch der weisen Juden Nachum und Eliser, die Sprache der Ärzte, der Behördenverordnungen, der Statistiken, der Zeitungen und Reklamen, der politischen Parteien, der Bibel, des Bänkelsangs, der klassischen Dichtung und der Soldatenlieder. Daneben treten sogar Piktogramme und Formeln in den Text, etwa Newtons erstes Gesetz, das ausgerechnet auf Idas zerschlagene Rippen bezogen wird. Die Schlagertexte, Bibelverse und Statistiken sind nicht Beiwerk. Walter Benjamin sah in dieser Montage das stilbildende Mittel des Buches und verglich sie mit den formelhaften Versen der alten Epik.
Auffällig ist die grotesk-sarkastische Sprachgewalt, die sich immer wieder gegen den Helden selbst wendet. Idas Tod wird kühl mit einem physikalischen Gesetz und einem Sahneschläger als Tatwerkzeug abgehandelt. Aus „Heil dir im Siegerkranz“ wird im Mund eines Rufers „Heil dir im Siegerkranz, Kartoffeln mit Heringsschwanz“. Kalauer, Witze und Wortspiele durchziehen das Buch.
Erzählt wird mehrstimmig. Der auktoriale Erzähler alter Schule ist verabschiedet. Ganz verzichtet wird auf einen kommentierenden, mitunter direkt zum Leser sprechenden Erzähler aber nicht; er greift dabei auf den Ton des Bänkelsängers zurück. Daneben stehen innerer Monolog, erlebte Rede und Bewusstseinsstrom. Die Handlung wird nicht linear erzählt: Kurze Vorschauen geben Ergebnisse vorweg, dann holt der Text in Ruhe nach, wie es dazu kam. Hochliterarische Versatzstücke werden eingestreut: der Mord an Agamemnon durch Klytaimnestra, Worte des Prinzen von Homburg, die Geschichte Hiobs. Sie dienen jedoch nicht als bloßer Schmuck, sondern als Vergleichsmaß und oft auch als ironische Brechung. Biberkopf ist eben kein Orest, ihn jagen keine Erinnyen.
Rezeption↑
Der Roman war ein schneller Erfolg. In den ersten zwei Monaten verkaufte er sich 20.000-mal, 1932 waren es 50.000 Exemplare, bis 1933 erreichte er die fünfzigste Auflage. Kritiker erkannten früh die literarische Innovation: die Collagetechnik und die Bewältigung der modernen Großstadt als Stoff. Walter Benjamin sah in dem Buch „die äußerste, schwindelnde, letzte, vorgeschobenste Stufe des alten bürgerlichen Bildungsromans“ und sprach von einer „Éducation sentimentale“. Konservative Stimmen empörten sich an Milieu und Stoffwahl. Am schärfsten griffen jedoch die Linkskurve, die Parteizeitung der KPD, und der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller den Roman an. Helmuth Kiesel zufolge sahen sie in ihm einen reaktionären Angriff auf die These des organisierten Klassenkampfes. Dieser Vorstoß sollte ein Auftakt zum Generalangriff der extremen Linken auf die linksbürgerlichen Intellektuellen werden.
Mit Ausnahme von Wallenstein wurden Döblins Bücher unter dem Nationalsozialismus verboten und verbrannt. 1947 brachte der Schleber Verlag den Roman erstmals wieder in Westdeutschland heraus, 1955 erschien er auch in der DDR. Die Popularität des Buches überschattete das übrige Werk des Autors derart, dass Döblin selbst spöttisch festhielt: „Wenn man meinen Namen kannte, so fügte man Berlin Alexanderplatz hinzu. Aber mein Weg war noch lange nicht beendet.“
Der Roman Berlin Alexanderplatz wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Marcel Reich-Ranicki nahm es 2002 in seinen Kanon auf, der britische Guardian zählte es zu den 100 größten fiktionalen Werken. Der Germanist Volker Klotz nannte es den „ersten und bis heute einzigen belangvollen Roman in deutscher Sprache, der vorbehaltlos die zeitgenössische Großstadt zu seiner Sache macht“. Es wurde zur Referenzgröße für nachfolgende deutschsprachige Großstadtromane und regte zahllose Parodien, Nachahmungen und Verarbeitungen an. Schon 1930 entstand ein Radiohörspiel unter dem Titel Die Geschichte vom Franz Biberkopf, 1931 die Verfilmung von Phil Jutzi und 1980 die berühmte vierzehnteilige Miniserie von Rainer Werner Fassbinder.
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