Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Berge, Meere und Giganten
Eingang · Werke · Berge, Meere und Giganten
Abbildung nicht verfügbar
Berge, Meere und Giganten
1924
– Werkseintrag –

Berge, Meere und Giganten

1924 · Roman

Eine wuchernde Zukunftsvision vom 21. bis ins 28. Jahrhundert, in der mächtige Stadtschaften, riesige Migrationen und eine entfesselte Technik die Erde verwandeln – Alfred Döblins eigenwilligster Roman.

Überblick

Mit Berge, Meere und Giganten legte Alfred Döblin 1924 im S. Fischer Verlag in Berlin einen der eigenwilligsten Romane der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts vor. Auf wenigen hundert Seiten spannt er einen Bogen vom 21. bis ins 28. Jahrhundert. Er entwirft eine Menschheitsgeschichte, in der Technik, Politik und Natur in immer neuen Katastrophen aneinandergeraten. 1932 erschien eine stark gekürzte und umgearbeitete Fassung unter dem Titel Giganten. Ein Abenteuerbuch. Das Werk ist in neun Bücher gegliedert. Es gilt als früher und besonders radikaler Versuch, in deutscher Sprache große Zukunftsvisionen zu erzählen. Heute wird es oft als ein Vorläufer der Science-Fiction gelesen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der Roman erzählt sieben Jahrhunderte Menschheitsgeschichte. Er beginnt in einer Welt, in der Energie im Überfluss vorhanden ist. Mächtige „Stadtschaften" beherrschen die Erde – große städtische Verbünde rund um London, Neu York und andere Zentren. Wissen und Technik werden in alle Erdteile exportiert. Afrika, Asien und Südamerika übernehmen sie bereitwillig. Doch Migrationswellen, innere Machtkämpfe und der Streit um Rohstoffe stellen die alten Ordnungen auf die Probe.

Im 23. Jahrhundert verschärft sich die Rivalität zwischen Westen und Osten. Im 26. Jahrhundert bricht der „Uralische Krieg" aus. In ihm werden nie gesehene Waffen eingesetzt. Danach zerfallen politische Strukturen in Europa und Nordamerika. Technikfeindliche Bewegungen gewinnen Macht, neue Herrscher treten auf, und immer mehr Menschen verlassen die zerstörten Städte. Schließlich entsteht ein gewaltiger Plan: Die vulkanische Energie Islands soll eingefangen und genutzt werden, um den grönländischen Eispanzer zu schmelzen und Platz für die Menschenmassen zu schaffen.

Im Mittelpunkt stehen weniger einzelne Lebenswege als kollektive Bewegungen. Doch immer wieder tauchen einzelne Figuren auf – Konsuln, Senatorinnen, Wissenschaftler, Liebende. Ihre Leidenschaften und Verbrechen prägen den Lauf der Ereignisse.

Die Handlung im Detail

Eröffnet wird der Roman mit einer Zueignung, in der sich der Autor an ein unbestimmtes Gegenüber wendet und sich der Natur in ihren verschiedenen Erscheinungen vergewissert – der eigenen Schreibhand, dem Rasen, dem Schlachtensee. Das Erzählte beginnt im 21. Jahrhundert mit den „westlichen Kontinenten". Energie ist im Überfluss vorhanden, die führenden Stadtschaften exportieren Wissen und Technologie weltweit, London bleibt im Verbund mit Neu York die vorherrschende Macht. Afrikanische Migrationswellen erreichen Europa und führen besonders in Südeuropa zu gewaltsamen Aufständen; in Mailand kommt es zu Massenvergewaltigungen, die Opfer enden als Sklavinnen. In Bordeaux herrscht Melise, die zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen tötet und ihre Geliebte Belise mit sadistischen Taten in den Selbstmord treibt.

Im zweiten Buch nimmt die Bevölkerung weiter zu, die Macht in den Senaten bleibt bei alteingesessenen Familien, doch die Fabrikeigentümer steigen zu neuen Herrschern auf, getragen von der nahezu religiösen Verehrung der Maschinen. Der Wissenschaftler Meki erfindet ein Verfahren, mit dem sich Nahrung in fast unbegrenzten Mengen aus anorganischer Materie, Abfällen und Zellkulturen herstellen lässt. Eine technikfeindliche Bewegung im 24. Jahrhundert geht so weit, dass sich Menschen opfern, um die Maschinen zu stoppen. Im 26. Jahrhundert bricht der Uralische Krieg aus: Aus Asien drängen riesige Menschenmassen über Russland nach Europa. Die Asiaten setzen erstmals eine Waffe ein, die die Erde unterirdisch verglüht und nach Westen wandert; Europa antwortet mit derselben Waffe. Große Teile Russlands werden zerstört, viele Millionen Menschen sterben.

Das dritte Buch führt nach Berlin im 27. Jahrhundert. Marduk, ein genialer Biowissenschaftler, hat schon in jungen Jahren Jonathan seine Liebe gestanden, die dieser erwidert. Der erste Konsul Berlins, Marke, hasst die Technik wegen ihrer zerstörerischen Kraft und residiert vor einem Gemälde der uralischen Schlacht und einer Pyramide aus Opferschädeln. Er beginnt, möglichst alle Technik zu zerstören. Marduk tötet aus reiner Mordlust Jonathans Mutter und weitere wichtige Menschen der Stadt mit einem Experiment, in dem gesteuertes Baumwachstum die Opfer zerquetscht. Danach folgt er Marke als zweiter Konsul nach. Von der Balladeuse angezogen, die zahllose Liebhaber und Liebhaberinnen hatte, verliert er nach einer Vereinigung mit ihr den Verstand; sie stirbt durch einen Fenstersturz. Marduk ergraut, zerstört alle Produktionsstätten, behält aber die alten Waffen und die symbolisch röhrenden Stiermonumente.

Im vierten Buch reisen Jonathan und seine Freundin Elina in einem Flugapparat durch Europa und schlagen bei Würzburg ihr Zelt auf, ihre Liebe ist so groß, dass ihre Seelen verschmelzen. Bei einer Landung wird eine Frau schwer verletzt, kann aber im nahen Krankenhaus gerettet werden. Während Barbaren durch Brandenburg ziehen, versuchen die „Täuscher" die alten technikfreundlichen Ideen wiederzubeleben. Marduk lässt eine feministische Militäreinheit unter Angela Castel einmarschieren, die eine neue Waffe aus undurchdringlichen Rauchwolken einsetzt; die Frauen unterliegen jedoch, die Gefangenen werden grausam gefoltert und getötet. Ein letzter Konflikt zwischen Jonathan und Marduk bleibt ungelöst, auch Elina, die sogar mit Marduk schläft, kann ihn nicht beilegen. Zimbo, der von London entsandte Spion, entwickelt eigene Pläne, übernimmt die Macht und tötet Marduk schließlich mit einer neuartigen Waffe, die ihn schwebend in der Luft festhält. Zimbo wird dritter Konsul Berlins.

Das fünfte Buch erzählt vom Auslaufen der Städte. Überlebende aus Hannover und Hamburg erreichen den freien Westen, dessen letzte Zentren in Brüssel und London liegen. Die monotheistischen Religionen sind fast verschwunden; indianische Mythologie, Schamanismus, Orakel und Astrologie herrschen vor. Das westliche Nordamerika ist von Japanern und Mongolen besetzt, die dem Ansturm wilder Massen nicht standhalten. Nahrungsfabriken werden zerstört, viele verlassen die Städte und kehren zu einer natürlichen Lebensweise zurück. White Baker, eine der drei mächtigsten Senatorinnen Londons, schließt sich angestiftet von nordamerikanischen Indianern einer friedliebenden Kommune an; ihre Liebe zur Indianerin Ratschenila bleibt unerfüllt. Senator Delvil dagegen fasst nach langen Seelenqualen den Entschluss, das Schicksal der Menschheit neu zu gestalten – eine Begegnung mit einer kleinen Katze in englischer Frühjahrslandschaft hat ihm symbolisch die Augen geöffnet.

Im sechsten Buch wird Delvils Plan umgesetzt. Geführt vom Schweden Kylin bricht eine Flotte von zweihundert Schiffen von den britischen Inseln auf, um Islands vulkanische Energien einzufangen. Tausende Pfeiler werden in die Erde geschlagen, Viadukte für Eisenbahnlinien gebaut. Die Tötung mehrerer hundert Ureinwohner durch Kylins brutale Mitkapitäne bringt ihn fast um den Verstand; ein Teil der Flotte meutert und begeht Selbstmord. Die Felswände der Vulkane Krabla und Leirhukr am See Myvatn werden aufgesprengt, ebenso Herdubreid, Askja, Skaldbreidur, die Vulkane am Vatnajökull und am Eyjafjallajökull. Alle großen isländischen Vulkane fließen schließlich im Lavafeld Odadahraun zu einem gigantischen Lavasee zusammen, dessen Energie in riesigen Netzen aus Turmalin gespeichert wird; mutige Piloten holen sie mit Flugmaschinen ab.

Das siebte Buch beschreibt die Enteisung Grönlands. Während die Flotte mit den energiegeladenen Turmalinnetzen unterwegs ist, geschieht Seltsames: Algen, Meereslebewesen und Seevögel werden von den Netzen angezogen, die Besatzungen geraten in Rauschzustände und enthemmen sich auch sexuell. Pflanzen und Tiere wuchern so schnell, dass die Schiffe vor Erreichen Grönlands wie Hügel oder Wiesen aussehen. Erste Versuche, küstennahe Gletscher zu schmelzen, gelingen nur teilweise. Erst eine Erfindung des Wissenschaftlers Holyhead bringt den Durchbruch: Er modifiziert die früheren Rauchwaffen so, dass begehbare Flächen entstehen, von denen aus die Turmalinnetze über Grönland ausgebreitet werden können. Die Gletscher schmelzen, die Region erwärmt und erhellt sich stark. Östlich von Grönland tauchen nie gesehene Meeresbewohner auf, schwimmende Riesenreptilien und gigantische Quallen, die ganze Schiffe verschlingen. Grönland selbst, von seiner eisigen Last befreit, hebt sich und zerreißt in eine westliche und eine östliche Insel. Eine beschleunigte Evolution setzt ein: Unter dem Eis vergrabene prähistorische Knochen und Pflanzenreste werden wiederbelebt, kombinieren sich neu und bringen monströse Mischwesen aus Pflanze, Tier und Mineral hervor, darunter flugsaurierähnliche Riesengeschöpfe.

Im achten Buch erreichen die Monsterwesen aus Grönland Skandinavien und Westeuropa. Ihre bloße Berührung erweist sich als verheerend: Jeder Kontakt mit ihren Körpern oder ihrem Blut löst krebsartiges organisches Wachstum aus, Tiere verschiedener Arten wachsen ineinander, Menschen werden von ihren eigenen wuchernden Organen ausgezehrt oder erwürgt. Hamburg, Brüssel und London werden unbewohnbar, die Überlebenden ziehen sich in neu gebaute unterirdische Städte zurück. In der dunklen, hedonistischen Messingstadt im unterirdischen London spielt sich eine tragikomische Episode ab: Ibis und seine Geliebte Laponie entdecken Leuchtfarben, mit denen sie ihre Geschlechtsteile bestreichen und sich nur noch daran erkennen. Sie verbreiten die Mode unter ihren Sexpartnern; doch das Leuchten ihrer überbordenden Sexualität vergiftet sie schließlich in ihrer Liebesraserei und bringt ihnen den Tod.

Stil

Die Sprache des Romans ist ungewöhnlich und für viele Leser sperrig. Döblin verzichtet weitgehend auf eine durchgehende epische Linie und auf eine überschaubare Figurenführung. Statt einzelner Lebenswege treten Kollektive in den Vordergrund – Stadtschaften, Heere, wandernde Massen, ganze Generationen. Beschreibungen werden gerafft, Szenen knapp aneinandergesetzt. Immer wieder bricht eine grelle Bildlichkeit hervor. Die Erzählhaltung wechselt zwischen analytischem Überblick und mythischer, fast biblischer Anrufung. Auch die vorangestellte Zueignung legt diese Doppelung offen: Sie stellt die Hinwendung zur Natur dem Erzählten programmatisch voran. Eine Vielzahl von Figuren und Schauplätzen, ungewöhnliche Wortneuschöpfungen wie „Stadtschaft" und „Täuscher" und eine Häufung von Gewalt- und Perversionsbildern bestimmen den Ton. Stilistische Mittel des Expressionismus wirken in der Bildsprache fort. Die übliche erzählerische Kontinuität wird dagegen bewusst aufgegeben.

Rezeption

Schon bei Erscheinen polarisierte der Roman heftig. Ernst Blass sah in ihm „ein großes, bewegtes, wimmelnd-lebendiges Weltbild, analytisch und geheimnisvoll, mythisch und wissenschaftlich". Fred Hildenbrandt sprach von einer „exorbitanten artistischen Leistung". Max Krell sprach von einer „homerischen Kraft" des Verfassers. Erik Ernst Schwabach erklärte: „Vor dieser nicht weniger titanenhaften Phantasie Döblins muß jede Kritik schweigen". Andere reagierten schroff ablehnend. Moritz Goldstein hatte die Bedeutung des historischen Romans Wallenstein früh erkannt. Er meinte, man könne dem Leser nicht böse sein, der „sich solche Ausschweifungen der Phantasie nicht gefallen läßt und das Buch in die Ecke schleudert". Gaetano Mitidieri hat die zeitgenössische Aufnahme so zusammengefasst: Manche Kritiker schätzten den ästhetischen und inhaltlichen Experimentalismus. Andere maßen das Buch am Maßstab der Literaturtradition und hielten es wegen seiner unpoetischen Thematik, der Gewalt- und Perversionsbilder, des abweichenden Stils und der chaotischen Erzählstruktur für undichterisch und unlesbar.

Auch nach 1945 fielen die Urteile auseinander. Peter Härtling nannte das Werk hermetisch und teilweise unlesbar: „Ein Höhenflug hätte es werden sollen; es war ein Sturz." Marcel Reich-Ranicki erkannte „eindrucksvolle, sogar wunderbare Kapitel". Er sah aber eine gewisse Leere, die der Roman nicht überdecken könne. Walter Delabar lobte das erzählerische Chaos. Er gab aber zu, dass Döblin die Regeln des Erzählens ignoriere. Jeden Versuch des Lesers, sich Text und Figuren zurechtzulegen, unterlaufe er gezielt. Ulrich Holbein spottete: „Selbst Döblinexperten drücken sich ums Mammut-Opus". Zugleich lobte er aber die Auseinandersetzung mit modernen Themen wie Technik, Menschenzüchtung und Urbanisierung.

In der Literaturwissenschaft blieb der Roman lange wenig beachtet. Klaus Müller-Salget sah ihn 1972 als Wendepunkt in Döblins Schaffen. Ardon Denlinger deutete ihn 1977 als Versuch einer Rückkehr zu einer kosmischen Weltvorstellung, in der das Subjekt nicht mehr der Entfremdung durch Technik ausgeliefert sei. Hannelore Qual widersprach dieser Verengung und betonte die zahlreichen gesellschaftspolitischen Bezüge. Uwe Steiner sprach von einem „im Grunde zu Unrecht wenig bekannten und gelesenen Roman". Gabriele Sander stuft das Werk als Experiment ein. Volker Klotz liest es als „Super-Märchen" oder Science-Fiction. Er kommt zu dem Schluss: „Schwer vorstellbar, daß dieser Roman irgendwem, der auch nur kurz hineinschaut, egal wäre. Er lockt an und stößt ab, reißt mit und zermürbt, beschwingt und widert an, aber kalt lässt er wohl niemanden."

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten