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Porträt Alfred Döblin
Alfred Döblin
1878 – 1957
– Autorenporträt –

Alfred Döblin

1878 – 1957 · 78 Jahre

Bedeutendster Romancier des deutschen Expressionismus und Schöpfer des Großstadtromans "Berlin Alexanderplatz" – Lehrer einer ganzen Erzählergeneration nach 1945.

Kurzporträt

Alfred Döblin (1878–1957) gilt als einer der wichtigsten deutschen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Er war zugleich der bedeutendste Romancier des Expressionismus. Sein 1929 erschienener Roman Berlin Alexanderplatz wurde der erste große deutschsprachige Großstadtroman. Bis heute zählt er zu den Schlüsseltexten der literarischen Moderne. Daneben verfasste der ausgebildete Nervenarzt historische Romane wie Wallenstein, die Amazonas-Trilogie und das Versepos Manas. Unter dem Pseudonym Linke Poot schrieb er außerdem zahlreiche satirische Essays. 1933 floh er vor den Nationalsozialisten ins Exil. 1945 kehrte er als Literaturoffizier der französischen Militärverwaltung nach Deutschland zurück. 1953 verließ er es enttäuscht ein zweites Mal.


Biografie

Bruno Alfred Döblin wurde am 10. August 1878 in Stettin geboren. Er war das vierte Kind des Schneidermeisters Max Döblin und seiner Frau Sophie, geborene Freudenheim. Die Familie gehörte dem assimilierten Judentum an und lebte zunächst in bürgerlich gesicherten Verhältnissen. Im Juni 1888 verließ der Vater die Frau und vier Kinder und emigrierte mit einer zwanzig Jahre jüngeren Geliebten nach New York. Dieses Verschwinden traumatisierte den zehnjährigen Alfred nachhaltig. Die mittellose Mutter zog mit den Kindern nach Berlin zu ihrem Bruder, der dort eine Möbelfabrik betrieb. Döblin wuchs in den proletarisch geprägten Straßen östlich des Alexanderplatzes auf. Die Familie war Armut und Antisemitismus ausgesetzt. 1891 konnte er das Köllnische Gymnasium besuchen. Er las Kleist, Hölderlin, Dostojewski, Spinoza, Schopenhauer und Nietzsche und legte 1900 mit 22 Jahren das Abitur ab.

Anschließend studierte er Medizin in Berlin und Freiburg im Breisgau. 1905 promovierte er dort mit einer Arbeit über Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose. Seine erste Stelle als Assistenzarzt trat er in der psychiatrischen Anstalt im ehemaligen Kloster Prüll in Regensburg an. Von 1906 bis 1908 arbeitete er in der Irrenanstalt Buch in Berlin. Dort verliebte er sich in die Krankenschwester Frieda Kunke, die 1911 den gemeinsamen Sohn Bodo gebar. Im selben Jahr beendete Döblin die Beziehung offiziell und heiratete 1912 die wohlhabende Medizinstudentin Erna Reiss. Mit ihr bekam er die Söhne Peter, Wolfgang, Klaus und Stephan. 1913 eröffnete er eine Praxis als Internist und Nervenarzt in der Frankfurter Allee. Laut der Deutschen Biographie war er von 1911 bis 1933 als Kassenfacharzt für Nervenkrankheiten in Berlin tätig.

Schon als Student schloss er Freundschaft mit Herwarth Walden und Else Lasker-Schüler. Ab 1910 veröffentlichte er in Waldens Zeitschrift "Der Sturm" seine ersten Erzählungen. Um einer Einberufung zuvorzukommen, meldete sich Döblin 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. Er arbeitete als Militärarzt vor allem in einem Seuchenlazarett in Saargemünd, später in Hagenau. Während des Krieges entstand sein Roman Wallenstein, den er 1919 abschloss und 1920 in zwei Bänden veröffentlichte. In den Berliner Märzkämpfen 1919 kam seine Schwester Meta Goldberg durch Granatsplitter ums Leben. Döblin bejahte die Weimarer Demokratie, trat 1918 der USPD bei und verfasste unter dem Pseudonym Linke Poot Polemiken und Glossen. 1923 setzte er sich nach den Pogromen im Berliner Scheunenviertel intensiver mit dem Judentum auseinander. Er bereiste Polen und beschäftigte sich mit der jiddischen Literatur. 1928 wurde er in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste berufen. 1929 erschien sein bekanntester Roman Berlin Alexanderplatz, die Geschichte des aus der Haft entlassenen Zementarbeiters Franz Biberkopf. Der Roman wurde rasch zu einem der größten Erfolge der Weimarer Republik.

Einen Tag nach dem Reichstagsbrand verließ Döblin auf Bitten seiner Freunde Deutschland und überschritt am 28. Februar 1933 die Schweizer Grenze. Wenig später folgten Frau und Söhne. Im September zog die Familie nach Paris. 1936 erhielt Döblin gemeinsam mit Frau und jüngstem Sohn die französische Staatsbürgerschaft. Nach dem deutschen Einmarsch floh er 1940 in mehreren Etappen durch Frankreich. Über Lissabon gelangte er in die Vereinigten Staaten und bekam in Hollywood für 100 Dollar die Woche eine Anstellung als Schreiber bei MGM. Diese lief nach einem Probejahr 1941 aus. Am 30. November 1941 ließ er sich gemeinsam mit Frau und Sohn Stephan in der Blessed Sacrament Church in Hollywood katholisch taufen. Vorausgegangen war ein Erweckungserlebnis in der Kathedrale von Mende im Sommer 1940. Vor jüdischen Hilfsorganisationen, die ihn unterstützten, musste er die Konversion verschweigen.

Döblin war einer der ersten Exilautoren, die nach Europa zurückkehrten. Im November 1945 trat er als Literaturinspekteur der französischen Militärverwaltung im Rang eines Obersten den Dienst in Baden-Baden und später in Mainz an. Er zensierte Manuskripte und gab die Monatszeitschrift "Das goldene Tor" heraus. Im März 1945 erfuhr er, dass sein Sohn Wolfgang sich 1940 als französischer Soldat vor der drohenden Gefangennahme erschossen hatte. Die Witwe seines Bruders Ludwig samt Tochter und sein jüngster Bruder Kurt Viktor mit Frau waren in Auschwitz ermordet worden. Enttäuscht über die Verdrängungsbereitschaft im Nachkriegsdeutschland verließ Döblin 1953 die Bundesrepublik und ging zurück nach Frankreich. Eine fortschreitende Parkinson-Krankheit zwang ihn zu wiederholten Klinikaufenthalten in Höchenschwand, Buchenbach und Freiburg. Am 26. Juni 1957 starb er im Alter von 78 Jahren während eines Klinikaufenthalts in Emmendingen. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof von Housseras in den Vogesen neben seinem Sohn Wolfgang. Seine Frau Erna nahm sich am 14. September 1957 in Paris das Leben und wurde neben Mann und Sohn beigesetzt.


Literarische Merkmale

Döblins Schreiben verdankt seinen unverwechselbaren Klang einer dauerhaften Auseinandersetzung mit der literarischen Avantgarde, von der er sich zugleich abgrenzte. Seine frühesten Erzählungen wie Adonis oder Der schwarze Vorhang waren noch dem Fin de Siècle und der Sprachkritik Fritz Mauthners verpflichtet. Ab etwa 1910 entwickelte er dann in Erzählungen wie Die Tänzerin und der Leib oder Die Ermordung einer Butterblume einen experimentellen Stil. Den Anstoß gab die Auseinandersetzung mit Filippo Tommaso Marinettis Futurismus. Von diesem distanzierte er sich 1913 mit dem berühmten Ausruf "Pflegen Sie Ihren Futurismus. Ich pflege meinen Döblinismus". Aus dieser Reibung entstand ein eruptiver Erzählton. Dieser gibt die auktoriale Perspektive auf, verknappt die Sprache, personifiziert die Natur und zerschlägt kausale Erzählmuster. Die vom Futurismus übernommene Zerstörung der Syntax und Streichung der Interpunktion fiel bei ihm jedoch maßvoller aus als bei Marinetti.

Sein 1913 erschienener Essay An Romanautoren und ihre Kritiker. Berliner Programm bereitete theoretisch den Montageroman vor und entwarf eine antibürgerliche, antirealistische Poetik. Daran arbeitete er später in den Schriften Bemerkungen zum Roman und Der Bau des epischen Werks weiter. Helmuth Kiesel hält den letztgenannten Aufsatz für die wohl bedeutendste Romanpoetik der Moderne. Die Deutsche Biographie nennt als zentrale Mittel die erlebte Rede und eine parataktische Montagetechnik. Diese kommen im Berlin Alexanderplatz zur vollen Entfaltung.

Inhaltlich kreist Döblins Werk laut der Deutschen Biographie immer wieder um die Massenseele der modernen Welt. Aus der ärztlichen Arbeit kannte er die Großstadtpsyche und ihre Gruppenseele, während die Vorstellung von Individualität zurücktrat. Sein Werk weist eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit auf. Naturalismus, Expressionismus und Surrealismus werden je nach Stoff dienstbar gemacht. Nicht jedes Buch folgt dem avantgardistischen Programm. Pardon wird nicht gegeben von 1935 etwa steht in der Tradition des bürgerlichen Realismus und verzichtet auf modernere Stilexperimente. Über alle Wandlungen hinweg blieb das Ziel, durch die Dichtung eine neue ethische und metaphysische Ordnung zu gewinnen.


Rezeption

Bereits mit den Drei Sprüngen des Wang-lun wurde Döblin von Kollegen und Rezensenten als moderner Autor wahrgenommen, nicht nur in avantgardistischen Organen wie dem "Sturm". Der Verkaufserfolg von Berlin Alexanderplatz machte ihn 1929 weit über die Kreise der Avantgarde hinaus bekannt. Der Roman fand Eingang in Schulen und Universitäten. Schon zu Lebzeiten hatte er Bewunderer im Ausland. Jorge Luis Borges erkannte in den Romanen Verwandtschaft zum Magischen Realismus und regte die spanische Übersetzung des Amazonas-Romans an, die 1943 und 1945 erschien.

Nach Vertreibung und Rückkehr blieb die Verbreitung seines Werks gering, abgesehen von Berlin Alexanderplatz und den frühen Erzählungen. Oliver Bernhardt nannte ihn einen "vergessenen Dichter". Als französischer Kulturoffizier und Katholik verstimmte er den literarischen Betrieb der jungen Bundesrepublik. Der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel fasst zusammen, die Geschichte der Wirksamkeit Döblins im Nachkriegsdeutschland sei unglücklich verlaufen. Sie habe mit Missverständnissen begonnen und sich in Fehlurteilen fortgesetzt. Mehrfach wurde Döblin für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, zuletzt 1957 durch Ludwig Marcuse, ohne ihn jemals zu erhalten. Mit der ab 1960 von Walter Muschg herausgegebenen Werkausgabe lagen seine Romane wieder vollständig vor. Der Herausgeber wertete das Spätwerk jedoch in großen Teilen ab. Erst seit den siebziger Jahren und endgültig mit der Gründung der Internationalen Alfred-Döblin-Gesellschaft 1984 rückten auch Spätwerk und Publizistik in den Fokus der Germanistik.

Die Deutsche Biographie würdigt ihn als einen der markantesten Vertreter der Dichtung nach den beiden Weltkriegen. Er war Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, deren Literaturpreis er 1954 erhielt. 1957 bekam er den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Außergewöhnlich war Döblins Einfluss auf die deutschen Erzähler nach 1945. Bertolt Brecht bekannte, von Döblin mehr als von jedem anderen über das Wesen des Epischen erfahren zu haben. Günter Grass bezeichnete ihn 1967 emphatisch als seinen "Lehrer". Wolfgang Koeppen zählte ihn neben Proust, Joyce und Faulkner zu den "Lehrern des Handwerks". Arno Schmidt nannte ihn den "Kirchenvater unserer neuen deutschen Literatur". Auch Wolfdietrich Schnurre, Uwe Johnson und der Lyriker Peter Rühmkorf erhielten wichtige Anregungen aus seiner Lektüre.

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