1914 – 1996
Marguerite Duras
Kurzbiografie↑
Als französische Schriftstellerin, Dramatikerin, Drehbuchautorin und Filmregisseurin gehört Marguerite Duras (1914–1996) zu den vielseitigen Stimmen der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde sie als Marguerite Donnadieu in Französisch-Indochina, unweit von Saigon. Ihre Kindheit in Vietnam und ihre frühen Liebeserfahrungen kehren in vielen ihrer Bücher wieder, so im Roman Der Liebhaber, für den sie 1984 den Prix Goncourt erhielt. Internationale Bekanntheit erlangte sie 1959 mit dem Drehbuch zu dem Film Hiroshima, mon amour. Ihre knappe, andeutungsreiche Sprache lässt sich keiner der großen literarischen Strömungen ihrer Zeit eindeutig zuordnen.
Biografie↑
Geboren wurde Marguerite Donnadieu am 4. April 1914 in Französisch-Indochina, in der Nähe von Saigon. Beim Geburtsort widersprechen sich die Quellen: Wikidata nennt Gia Định, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen Ho-Chi-Minh-Stadt. Sie war die Tochter eines Lehrerehepaars und nahm später den Künstlernamen Duras nach dem Familiensitz ihres Vaters im Département Lot-et-Garonne an. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Mutter zog die drei Kinder allein groß und kämpfte mit den Folgen einer verunglückten Investition in Reisfelder im heutigen Kambodscha. Diese Erfahrung verarbeitete Duras später im Roman Heiße Küste, der erstmals 1950 auf Französisch erschien.
Während der Weltwirtschaftskrise ging sie 1931 nach Frankreich. In Paris studierte sie zunächst Mathematik, dann Jura und Politikwissenschaft. Gemeinsam mit Philippe Roques engagierte sie sich zunächst für ein Wiedererstarken des französischen Kolonialreichs. Nach dem deutschen Westfeldzug und dem Waffenstillstand vom Juni 1940 schloss sie sich einer Résistance-Gruppe von Buchhändlern an. Dort hatte sie Zugang zu rationiertem Papier und lernte den späteren französischen Präsidenten François Mitterrand kennen. Ihr Ehemann Robert Antelme (1917–1990), ebenfalls in der Résistance aktiv, wurde im Juni 1944 von der Gestapo verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Seine dort entstandenen Aufzeichnungen veröffentlichte Duras 1985 unter dem Titel Der Schmerz.
Im Jahr 1944 trat Duras der Kommunistischen Partei Frankreichs bei. Später protestierte sie gegen die Behandlung von Schriftstellern in der stalinistischen Sowjetunion und wurde 1950 aus der Partei ausgeschlossen. Kommunistin blieb sie dennoch zeitlebens. Während ihrer Zeit in der Résistance lernte sie Dionys Mascolo kennen, der 1947 ihr zweiter Ehemann und Vater ihres Sohnes Jean wurde. Duras litt unter Alkoholismus und hatte große Schwierigkeiten bei der Erziehung ihres Sohnes. Die letzten sechzehn Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit dem fast vierzig Jahre jüngeren Schriftsteller Yann Andréa. Ihm widmete sie das Buch Yann Andréa Steiner von 1992.
Ihr Erstlingsroman Les Impudents von 1943 wurde von der Öffentlichkeit weitgehend übersehen. Ihr zweites veröffentlichtes Werk, Heiße Küste, war dagegen ein Erfolg und brachte ihr beinahe den Prix Goncourt ein. Den internationalen Durchbruch bedeutete 1959 das Drehbuch zu Hiroshima, mon amour. Der Film thematisierte erstmals die Demütigung und Ächtung jener französischen Frauen, denen man eine sogenannte „horizontale Kollaboration“ mit deutschen Besatzungssoldaten vorwarf. Ihre Romane waren fast durchweg autobiografisch geprägt, so auch Der Liebhaber von 1984 und Der Liebhaber aus Nordchina von 1991, in denen sie ihre Kindheit und ihre frühen Liebeserfahrungen im Indochina der ersten Jahrhunderthälfte beschrieb.
Auch für das Theater war Duras tätig; 1965 entstand etwa das Drama La musica. In den 1970er und frühen 1980er Jahren trat sie zudem als Filmregisseurin hervor. Sie brachte eigene Texte auf die Leinwand, darunter India Song von 1975, und schuf eigenständige Kinoarbeiten wie Le Camion von 1977. Die in dieser Zeit erschienenen Bücher standen stets im Zusammenhang mit ihrem filmischen Schaffen; Der Liebhaber gilt als ihre erste wieder rein literarische Veröffentlichung nach dieser Phase. Marguerite Duras starb am 3. März 1996 in Paris.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für die Sprache von Marguerite Duras ist eine große Schlichtheit in Wortwahl und Satzbau. Sie arbeitet mit zahlreichen Ellipsen, mit Anspielungen und mit fragmentarisch zusammengefügten Sätzen. Vieles bleibt unausgesprochen und steht nur im Hintergrund. Ihr Gesamtwerk lässt sich keiner der großen literarischen Strömungen des 20. Jahrhunderts zuordnen.
Charakteristisch ist außerdem die enge Verbindung von Literatur und Film. In den 1970er und frühen 1980er Jahren standen ihre literarischen Veröffentlichungen unmittelbar mit ihrem filmischen Schaffen in Zusammenhang. Immer wieder kehren dieselben Motive und Themen in ihren Büchern wieder. Diese Wiederholungen brachten ihr den Vorwurf ein, eine oberflächliche Schriftstellerin zu sein. Duras selbst äußerte sich 1988 in einem Interview mit Leslie Kaplan zu ihrem Schreiben und zum entfremdeten Leben in der Neuzeit. Die Unendlichkeit des Menschen, so lässt sich ihr Anliegen umschreiben, war letztlich ihr eigentliches Thema.
Rezeption↑
Von der Öffentlichkeit wurde Marguerite Duras zunächst kaum wahrgenommen: Ihr Erstlingsroman Les Impudents blieb 1943 weitgehend unbeachtet. Der Erfolg von Heiße Küste 1950 änderte dies, und mit dem Drehbuch zu Hiroshima, mon amour erlangte sie 1959 internationale Bekanntheit. Für Der Liebhaber erhielt sie 1984 den Prix Goncourt sowie 1986 den Prix Ritz Paris Hemingway. Den Hörspielpreis der Akademie der Künste bekam sie 1986 für Savannah Bay.
Ihre Wirkung reicht über die Literatur hinaus in den Film. Mehrere ihrer Werke wurden verfilmt, darunter Der Liebhaber 1991 unter der Regie von Jean-Jacques Annaud. Ihre Erzählung Die Krankheit Tod übersetzte 1985 Peter Handke ins Deutsche. Auch Duras' Leben selbst wurde zum Stoff: 2001 verfilmte Josée Dayan die gemeinsamen Jahre mit Yann Andréa unter dem Titel Diese Liebe, mit Jeanne Moreau in der Rolle der Marguerite Duras. Zahlreiche Biografien und wissenschaftliche Arbeiten befassen sich mit ihrem Werk, unter anderem die Biografie von Laure Adler aus dem Jahr 2000.
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