Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die gelbe Tapete
Eingang · Werke · Die gelbe Tapete
Cover Die gelbe Tapete
Die gelbe Tapete
1892
– Werkseintrag –

Die gelbe Tapete

1892 · Kurzgeschichte

Eine junge Mutter wird zur Ruhe verurteilt, bekommt ein Zimmer im obersten Stock zugewiesen und findet dort nichts, woran ihr Blick hängenbleibt, außer dem Muster einer gelben Tapete.

Überblick↑

Die Kurzgeschichte Die gelbe Tapete der amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman erschien im Januar 1892 im New England Magazine. Der Text ist autobiografisch geprägt und gilt als wichtiges Werk des frühen amerikanischen Feminismus. Erzählt wird von einer jungen Frau, deren Depression behandelt wird, ohne dass die Behandlung ihr hilft. Was die Erzählerin am Muster der Tapete ihres Krankenzimmers zu sehen glaubt, wird im Lauf der Geschichte zum Abbild ihres seelischen Zustands.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In Tagebucheinträgen berichtet eine junge Mutter von der Behandlung ihrer „leicht hysterischen Tendenz“, die nach der Geburt ihres ersten Kindes aufgetreten ist. Ihr Ehemann John ist zugleich ihr Arzt. Er verordnet ihr eine „Ruhekur“: jede körperliche und geistige Anstrengung ist ihr untersagt. Für die Zeit der Behandlung mietet die Familie ein Sommerhaus.

Dort weist John seiner Frau ein Zimmer im obersten Stock zu. Sie vermutet, dass es früher ein Kinderzimmer war, denn das Fenster ist vergittert, das Bett am Boden festgenagelt und der Fußboden zerkratzt. Die Tapete hängt an manchen Stellen von der Wand. Von Anfang an findet die Frau das Haus seltsam und die gelbe Tapete abstoßend.

Außer ihren heimlichen Aufzeichnungen hat sie nichts, was ihre Sinne beschäftigt. So kreisen ihre Einträge immer häufiger um die Tapete: um deren Muster, deren Farbe, sogar deren Geruch. Anfangs schreibt sie auch über ihre Familie und über ihren Wunsch zu schreiben, doch das tritt zurück. Bald meint sie zu bemerken, dass sich das Muster verändert, besonders im Mondlicht.

Die Handlung im Detail↑

Erzählt wird durchgehend aus der Sicht der jungen Frau, die in Tagebucheinträgen festhält, was sie erlebt. Nach der Geburt ihres ersten Kindes leidet sie unter dem, was ihr Mann John eine „leicht hysterische Tendenz“ nennt. Als Arzt verordnet er ihr eine Ruhekur, bei der ihr jede Anstrengung verboten ist. Die Familie bezieht für die Dauer der Behandlung ein Sommerhaus, und John weist ihr ein Zimmer im obersten Stock zu.

Das Zimmer hält sie für ein früheres Kinderzimmer: Gitter vor dem Fenster, ein am Boden festgenageltes Bett, ein zerkratzter Fußboden, stellenweise von der Wand hängende Tapete. Das Haus erscheint ihr seltsam, die gelbe Tapete abstoßend. Da ihr außer dem Schreiben nichts erlaubt ist, wird die Tapete zum einzigen Gegenstand, der ihr noch neue Eindrücke liefert. Immer mehr Einträge handeln von ihr. Gedanken über die Familie und über ihren Wunsch zu schreiben verschwinden allmählich, die Tapete übernimmt die Hauptrolle.

Zuerst beschäftigt sie sich mit Muster, Farbe und dem „gelben“ Geruch. Dann beginnt sie zu schildern, wie sich das Muster verändere, vor allem wenn Mondlicht darauf fällt. Nach einiger Zeit ist sie überzeugt, dass hinter dem Muster eine Frau eingesperrt ist, die sich kriechend dahinter bewegt. Sie fasst den Entschluss, dieser Frau zum Entkommen zu verhelfen, und beginnt, die Tapete von der Wand zu reißen.

Damit ihre Familie sie nicht daran hindert, sperrt sie sich in ihrem Zimmer ein. Selbst ihren heimkehrenden Mann lässt sie nicht herein. John besorgt den Schlüssel und schließt die Tür auf. Er findet seine Frau auf allen vieren am Boden, wie sie an der Wand entlang durch die abgerissene Tapete kriecht. Sie erklärt ihm, sie sei nun freigekommen, und er könne sie nicht wieder hinter die Tapete zurückbringen. John fällt in Ohnmacht. Die Frau kriecht weiter Runde um Runde an der Wand entlang und dabei über ihren ohnmächtigen Mann hinweg.

Stil↑

Die Form der Tagebucheinträge bestimmt den Text von der ersten bis zur letzten Zeile. Alles, was der Leser erfährt, kommt aus der Feder der Erkrankten selbst. Diese Sicht ist von Anfang an eingeschränkt und wird zunehmend unzuverlässig: Die Beobachtungen werden wirrer und von Wahnvorstellungen bestimmt.

Der Aufbau folgt dieser Entwicklung. Anfangs stehen neben der Tapete noch andere Themen, etwa die Familie oder der Wunsch zu schreiben; nach und nach verdrängt die Tapete alles andere. Die Beschreibungen wandern von Muster, Farbe und Geruch hin zu einer Gestalt, die sich hinter dem Muster bewege. So wird die Wandbespannung zum Abbild eines seelischen Zustands, ohne dass der Text dies je ausspricht.

Rezeption↑

Zunächst fand Gilman nur schwer einen Verleger. Der Verleger Horace Elisha Scudder lehnte den Text in einem Brief ab: „Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn ich dafür sorgen würde, dass sich andere [durch das Lesen der Geschichte] genauso erbärmlich fühlen würden wie ich mich [nach dem Lesen der Geschichte] selbst fühle“. Nach dem Abdruck im New England Magazine 1892 fielen die Reaktionen gemischt aus. In ihrem Beitrag Warum ich die gelbe Tapete schrieb berichtet Gilman, ein Bostoner Arzt habe ihr in der Zeitung The Transcript vorgeworfen, „solch eine Geschichte nicht geschrieben werden sollte, dass sie dazu genügte, jeden Leser in den Wahnsinn zu treiben“. Ein anderer Arzt schrieb ihr voller Respekt, die Erzählung sei „die beste Beschreibung beginnenden Wahnsinns“, die er je gelesen habe.

Der Text wurde 1920 in William Dean Howells' Sammelband Great Modern American Stories aufgenommen, geriet danach jedoch für mehr als fünfzig Jahre in Vergessenheit. Erst 1973 machte eine neue Auflage des Verlags The Feminist Press die Geschichte wieder bekannt. Es folgten kritische Diskussionen, die vor allem feministisch geprägt waren. Im deutschen Sprachraum erschien der Text 1978 in der Zeitung COURAGE, übersetzt von Adelheid und Christine Zöfel. Eine von Katie Mitchell eingerichtete Bühnenfassung wurde 2013 an der Schaubühne Berlin gezeigt und von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten