1860 – 1935
Charlotte Perkins Gilman
Kurzbiografie↑
Charlotte Perkins Gilman war eine US-amerikanische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Geboren 1860 in Hartford, hatte sie 1892 ihren literarischen Durchbruch mit der autobiographisch geprägten Erzählung Die gelbe Tapete, die von einer jungen Ehefrau erzählt, die dem drohenden Wahnsinn und der Auslöschung ihrer Persönlichkeit zu entkommen versucht. Später fand sie vor allem mit feministischen Vortragsreihen und Studien viel Beachtung; sie galt als mitreißende Rednerin. Ihre Hauptthemen waren die Befreiung der Frau und der Frieden. Sie starb 1935 in Pasadena.
Biografie↑
Zur Welt kam Charlotte Anna Perkins am 3. Juli 1860 in Hartford, Connecticut. Ihre Mutter Mary Perkins war Gelegenheitsarbeiterin, ihr Vater Frederic Beecher Perkins Buchhändler und Schriftsteller sowie ein Neffe der Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, und vor allem mangelte es an elterlicher Liebe. Der Vater verließ die Familie früh. Mit ihrer Mutter lebte sie in Providence, der Hauptstadt von Rhode Island an der US-Ostküste.
Nach häufigen Schulwechseln besuchte sie dort die eben erst gegründete Kunstgewerbeschule, die Rhode Island School of Design. Ihr Vater unterstützte sie darin, auch finanziell. Einen Abschluss machte sie jedoch nicht. 1884 heiratete sie den Kunstmaler Charles Walter Stetson. Vier Jahre später verließ sie ihn wieder – für ihre Zeit ein kühner Schritt. In der Ehezeit hatte sie unter Depressionen gelitten, was sie zum Schreiben brachte, zunächst der Gelben Tapete. Nach der offiziellen Scheidung 1894 überließ sie Stetson und dessen neuer Gefährtin, der Schriftstellerin Grace Ellery Channing, einer Freundin Perkins Gilmans, die gemeinsame Tochter Katherine.
Sie ging nach San Francisco, wo sie in der 21 Jahre älteren sozialistischen Schriftstellerin Helen Campbell zugleich eine enge Freundin und eine Lehrerin fand. Sie besuchte viele Frauenkongresse, die sie bis nach Berlin und London führten; dort lernte sie unter anderem Beatrice Webb und George Bernard Shaw kennen. 1900 ging sie mit ihrem Cousin George Gilman, einem Rechtsanwalt in New York, ihre zweite Ehe ein, die bis zu dessen Tod 1934 währte.
Ab 1902 wirkte sie öffentlich als Rednerin und Journalistin. Ihre eigene Monatszeitschrift Forerunner gab sie von 1909 bis 1916 heraus. Ihr theoretisches Hauptwerk dürfte die Studie Women and Economics von 1898 sein, die in sieben Sprachen übersetzt wurde und auf uneingeschränkte Berufswahl und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen pocht. Ihren ersten Roman What Diantha Did veröffentlichte sie 1909/1910 in Forerunner. In dem Buch The Man-Made World or Our Androcentric Culture von 1911 verwendete und definierte sie als Erste den Begriff Androzentrismus. 1915 rief sie mit ihrer Freundin Jane Addams die Women's Peace Party ins Leben. Im selben Jahr erschien ihr Roman Herland, der eine fiktive, nur aus Frauen bestehende Republik in Südamerika schildert und als reines Lehrstück gilt; Krieg kennen die Herländerinnen nicht.
Zu erwähnen ist, dass Perkins Gilman eine Befürworterin der Eugenik war und dies mit feministischen Argumenten begründete: Ihrer Ansicht nach würden behinderte Kinder geboren, weil Frauen Bildungsmöglichkeiten verwehrt blieben. 1922 zog sie mit ihrem Mann nach Norwich in Connecticut, wo sie das religionskritische Buch His Religion and Hers schrieb und ihre Autobiographie begann. Zehn Jahre später wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Nach dem Tod ihres Mannes 1934 wechselte sie nach Kalifornien, um näher bei ihrer Tochter zu sein. Am 17. August 1935 nahm sie sich in Pasadena das Leben, indem sie Chloroform inhalierte. In einem Abschiedsbrief hielt sie fest, es gehöre zu den simpelsten Rechten des Menschen, angesichts des unausweichlichen Todes einen schnellen, leichten Tod anstelle eines furchtbaren und langsamen zu wählen.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für ihr öffentliches Wirken war die Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte gemeinverständlich auf den Punkt zu bringen, dabei oft mit Humor. Als Rednerin galt sie als mitreißend. In ihrer Erzählprosa griff sie zu eigenem Erleben: Die gelbe Tapete ist autobiographisch geprägt und schildert von innen heraus eine vom Wahnsinn bedrohte junge Frau. In ihren utopischen Romanen wie Herland stellte sie die literarische Form ganz in den Dienst ihrer Anliegen; das Buch gilt als reines Lehrstück. Ihre Themen blieben die Befreiung der Frau und der Frieden.
Rezeption↑
Beachtung fand Perkins Gilman zu Lebzeiten vor allem mit ihren feministischen Vortragsreihen und Studien. Ihre Studie Women and Economics wurde in sieben Sprachen übersetzt und erschien 1901 auch auf Deutsch unter dem Titel Mann und Frau. Ihre Wirkung reicht bis in die jüngere Zeit: Die deutsche Ausgabe von Herland bei Rowohlt erreichte bis 1994 eine Auflage von 83.000 Exemplaren, und mehrere ihrer Werke wurden neu übersetzt, darunter What Diantha Did 2017 unter dem Titel Diantha oder der Wert der Hausarbeit.
In der Forschung ist sie vielfach gewürdigt worden. Ann J. Lane gab 1980 einen Reader mit ihren Texten heraus, im selben Jahr erschien Mary Armfield Hills Darstellung ihrer Entwicklung zur radikalen Feministin. Es folgten Sammelbände mit kritischen Essays sowie ein Fallbuch eigens zu Die gelbe Tapete, ferner Ausgaben ihrer Tagebücher und 2010 eine Biographie von Cynthia J. Davis. Auch im deutschsprachigen Raum befasste man sich mit ihr, etwa in einem Band der Reihe WahnsinnsFrauen sowie in einer Arbeit des Interdisziplinären Arbeitskreises Frauenforschung der Universität Mainz.
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