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Porträt André Gide
André Gide
1869 – 1951
– Autorenporträt –

André Gide

1869 – 1951 · 81 Jahre

Französischer Erzähler und Tagebuchschreiber, Mitbegründer der Nouvelle Revue française und 1947 mit dem Literaturnobelpreis geehrt.

Kurzporträt

André Gide wuchs als Sohn einer wohlhabenden calvinistischen Pariser Familie auf. Er lebte zwischen strenger protestantischer Erziehung und einem früh erwachten Drang nach Freiheit. Er wurde zu einem der einflussreichsten französischen Schriftsteller seiner Zeit. In Erzählungen, Tagebüchern und autobiographischen Schriften kreiste er unablässig um die Spannung zwischen Sinnlichkeit und Moral, zwischen Begierde und Tugend. 1909 gehörte er zu den Begründern der Literaturzeitschrift La Nouvelle Revue française. Diese machte ihn nach 1918 zu einer tonangebenden Figur des französischen Literaturlebens. 1947 erhielt er den Literaturnobelpreis.


Biografie

André Paul Guillaume Gide wurde am 22. November 1869 in Paris geboren. Er war das einzige Kind einer wohlhabenden calvinistischen Bürgerfamilie. Sein Vater Paul Gide war Professor für Römisches Recht an der Juristischen Fakultät von Paris und stammte aus der mittleren Bourgeoisie der südfranzösischen Stadt Uzès. Die Mutter, Juliette Rondeaux, kam aus der Großbourgeoisie von Rouen. Mit knapp elf Jahren verlor Gide 1880 seinen Vater. Fortan war er ganz der puritanischen Erziehung seiner Mutter und ihrer begüterten normannischen Familie unterworfen. Seinen Unterricht erhielt er teils bei Privatlehrern, teils an regulären Schulen. Immer wieder unterbrachen ihn Nervenleiden und Kuraufenthalte. 1887 trat er in die reformpädagogische École Alsacienne ein, wo er sich mit Pierre Louÿs anfreundete. Am Gymnasium Henri IV legte er 1889 das Baccalauréat ab und schloss in dieser Zeit Freundschaft mit Léon Blum.

Bei einem Besuch in Rouen verliebte sich der Dreizehnjährige 1882 in seine Cousine Madeleine Rondeaux. In ihr sah er fortan den Inbegriff von Reinheit und Tugend. Ein erster Heiratsantrag 1891 wurde abgelehnt. Erst nach dem Tod der Mutter im Mai 1895 verlobte sich das Paar und heiratete im Oktober desselben Jahres. Zu diesem Zeitpunkt war Gide sich seiner Homosexualität bereits bewusst geworden. Die Ehe wurde wohl nie vollzogen. Die daraus erwachsende Spannung prägte sein Werk zumindest bis 1914 und belastete die Verbindung schwer.

Nach dem Baccalauréat entschied sich Gide gegen ein Studium. Da er nicht auf Erwerbsarbeit angewiesen war, verfolgte er allein das Ziel, Schriftsteller zu werden. 1891 erschien sein autobiographisch geprägter Erstling Die Tagebücher des André Walter. Wie alle Werke bis 1909 ließ er ihn auf eigene Kosten drucken. Das Buch verschaffte ihm Zugang zu den Symbolistenkreisen um Stéphane Mallarmé und José-Maria de Heredia, wo er Oscar Wilde begegnete. Im selben Jahr legte er mit Traité du Narcisse eine symbolistische Programmschrift vor. Das Tagebuch führte er seit 1889 konsequent. Es wurde zur ihm gemäßen Form.

Eine Reise nach Nordafrika 1893/94 in Begleitung des Malers Paul-Albert Laurens wurde zum Wendepunkt. In Biskra genas Gide von einer ausgebrochenen Tuberkulose und erlebte seine ersten sexuellen Erfahrungen. Eine zweite Reise 1895 führte ihn erneut nach Algier und Biskra. Diese Erlebnisse verarbeitete er in lyrischer Prosa in Uns nährt die Erde (1897), als Erzählung in Der Immoralist (1902) und schließlich autobiographisch in Stirb und werde (1926).

Politisch trat Gide zunächst kaum hervor. In der Dreyfus-Affäre 1898 positionierte er sich aber klar auf der Seite Émile Zolas. Um die Jahrhundertwende wandte er sich verstärkt dem Drama zu. König Kandaules wurde 1901 in Paris uraufgeführt, das schon 1898 vollendete Saul erst 1922. Seine erzählenden Werke teilte er in Soties und Récits ein. Zu Letzteren zählte er Die enge Pforte (1909). Mit Freunden begründete er 1909 die Zeitschrift La Nouvelle Revue française. 1911 wurde ihr ein Verlagshaus unter Gaston Gallimard angegliedert. In die Literaturgeschichte ging die Ablehnung des ersten Bandes von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ein. Für sie trug Gide als Lektor die Hauptverantwortung, und später bedauerte er sie als großen Fehler. 1914 erschien Die Verliese des Vatikans. Das Werk rief bei Proust Begeisterung, bei Paul Claudel scharfe Ablehnung hervor.

Während des Ersten Weltkriegs engagierte sich Gide in der Hilfsorganisation Foyer Franco-Belge. Die Jahre 1915/16 brachten eine tiefe religiöse Krise. In ihr war er dem Katholizismus zeitweise nahe und verfasste die Schrift Numquid et tu…?. Überwunden wurde sie durch die Liebe zu Marc Allégret, mit dem er seit 1917 ein Verhältnis einging. Aus Empörung verbrannte Madeleine 1918 sämtliche Briefe ihres Mannes. 1923 wurde Gides Tochter Catherine geboren. Er hatte sie aus der Verbindung mit Elisabeth van Rysselberghe und erkannte sie erst nach Madeleines Tod 1938 offiziell an.

In den Zwischenkriegsjahren erschienen Die Falschmünzer (1925) und der Reisebericht Kongoreise (1927). Nach einer Reise in die Sowjetunion veröffentlichte Gide 1936 das ernüchterte Buch Zurück aus Sowjet-Russland. 1947 wurde ihm der Literaturnobelpreis zuerkannt. André Gide starb am 19. Februar 1951 in Paris.


Literarische Merkmale

Schon mit dem frühen Narziss-Mythos entwarf Gide das Bild eines Schriftstellers, der sich selbst bespiegelt. Dieser steht in permanentem Dialog mit sich selbst und erschafft sich im Schreiben erst. Die dieser Haltung gemäße Form ist das Tagebuch. Er führte es seit 1889 konsequent, und auch in seinen erzählenden Werken ist es als Darstellungsmittel allgegenwärtig.

Sein erzählendes Werk ordnete Gide zwei Gattungen zu. Die Sotie arbeitet mit satirischen und parodistischen Mitteln. Der Récit dagegen stellt eine einzelne Figur idealtypisch, aus der Fülle des Lebens herausgelöst, als Fall dar. Von der Totalität des Romans grenzte er beide bewusst ab. So meinte er selbst lange Zeit, keinen Roman vorgelegt zu haben.

Charakteristisch ist die starke autobiographische Prägung seiner Texte bei gleichzeitiger Distanzierung von der eigenen Person. Gide arbeitete meist an mehreren Werken zugleich. Diese reiften über Jahre und standen in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Der Immoralist und Die enge Pforte bezeichnete er selbst als Zwillinge, die im Wettstreit miteinander wuchsen. Die eine Figur gibt sich rückhaltlos der selbstbezogenen Vitalität hin, die andere opfert ihre Liebe der blinden Nachfolge Christi. Beide scheitern in entgegengesetzter Radikalität. Sie verkörpern Anlagen, die Gide gerade nicht ins Extrem trieb, sondern dem Vorbild Goethes folgend in sich auszugleichen suchte.

Stilistisch reicht sein Werk von der hymnischen, lyrisch durchsetzten Prosa der frühen Schriften bis zu klar gebauten Erzählungen. Wiederkehrend ist das Motiv des acte gratuit, der völlig freien, willkürlichen Handlung. Es bestimmt etwa den Mord Lafcadios in den Verliesen des Vatikans. An geistigen Einflüssen treten vor allem Goethe und Nietzsche hervor, mit dem Gide sich seit 1898 intensiv auseinandersetzte. Schon als Schüler hatte er sich zudem für Heinrich Heine begeistert.


Rezeption

Zunächst blieb der kommerzielle Erfolg aus. Von Uns nährt die Erde verkauften sich bis zum Ersten Weltkrieg nur einige hundert Exemplare. Nach 1918 jedoch entwickelte sich das Werk nach einem Wort, das die Wikipedia überliefert, „für mehrere Generationen zur Bibel". Über die Zeitschrift La Nouvelle Revue française und ihren Verlag wurde Gide einer der tonangebenden französischen Literaten seiner Epoche. Er pflegte Kontakte mit fast allen bedeutenden europäischen Autoren von Rang.

Besonders in Deutschland fand Gide früh Resonanz. Die Erzählung Die Rückkehr des verlorenen Sohnes erschien 1914 in der Übersetzung Rainer Maria Rilkes und wurde dort zu einem Bekenntnisbuch der Jugendbewegung. Felix Paul Greve und Franz Blei traten als weitere frühe Übersetzer hervor. Klaus Mann verglich die lebensgeschichtliche Bedeutung der ersten Afrikareisen für Gide mit dem Italienerlebnis Goethes und widmete ihm das Buch André Gide und die Krise des modernen Denkens (1948). Auch Ernst Robert Curtius behandelte ihn in seinen Studien zum französischen Geist.

Sein Werk rief auch heftige Auseinandersetzungen hervor. Die Verliese des Vatikans stießen bei Erscheinen teils auf Begeisterung, teils auf scharfe Kritik, wie sie etwa Paul Claudel äußerte. Die Autobiographie Stirb und werde sorgte wegen ihres offenen Bekenntnisses zur Homosexualität für kontroverse Debatten. Später galt sie als Meilenstein in der Entwicklung schwulen Selbstbewusstseins in westlichen Gesellschaften. Die Anerkennung gipfelte 1947 in der Verleihung des Literaturnobelpreises.

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