Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Max und Moritz
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Cover Max und Moritz
Max und Moritz
1865
– Werkseintrag –

Max und Moritz

1865 · Erzählung

Zwei Lausbuben, sieben Streiche und ein Reimwerk, dessen Zeilen seit über 150 Jahren in der deutschen Sprache nachklingen.

Überblick

Der Untertitel dieser Bildergeschichte lautet Eine Bubengeschichte in sieben Streichen. Mit ihr veröffentlichte Wilhelm Busch im Oktober 1865 einen der größten Erfolge der deutschen Literatur. Erzählt wird in gereimten Versen und begleitenden Federzeichnungen. Zwei Lausbuben spielen den Bewohnern eines Dorfes übel mit, bis ihr Treiben ein böses Ende nimmt. Das Werk gehört zum Frühwerk Buschs. Es gilt als Urbild der modernen Bildergeschichte, aus der später der Comic hervorging. Es ist eines der meistverkauften Kinderbücher überhaupt und wurde in rund 300 Sprachen und Dialekte übertragen. Zahlreiche Reime aus dem Buch sind zu geflügelten Worten geworden, etwa „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!" oder „Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich".

Inhalt (ohne Spoiler)

Zwei Lausbuben namens Max und Moritz treiben ihr Unwesen in einem deutschen Dorf. Eine kurze Einleitung stellt das Duo vor. Sie kündigt die folgenden sieben Streiche an, in denen die beiden ihre Mitmenschen aufs Schwerste piesacken.

Reihum bekommen es die Dorfbewohner mit den beiden zu tun. Die hühnerhaltende Witwe Bolte, der Schneider Böck, der Pfeife rauchende Lehrer Lämpel, der schlafende Onkel Fritz und schließlich der Bäcker und der Bauer Mecke werden Ziel der Streiche. Mal wird gefoppt, mal mit beträchtlichem Schaden zugeschlagen, mal geraten die Buben selbst in Bedrängnis. Jeder Streich ist eine geschlossene kleine Episode. Eingeleitet wird sie mit der berühmten Zeile, die den Fortgang ankündigt.

Wer das Buch zur Hand nimmt, findet eine in vierhebige Trochäen gegossene Folge derber Späße, untermalt von Buschs eigenen Zeichnungen. Wie es ausgeht, ist seit Generationen Allgemeingut – wer es noch nicht weiß, soll es selbst entdecken.

Die Handlung im Detail

Eine moralisch getönte Einleitung nennt die Namen der beiden Lausbuben und spricht parodistisch von der allgemeinen Schlechtigkeit der Kinder; statt finsterer Unholde aber blicken den Leser zwei kecke Knaben an. Dann folgen die sieben Streiche.

Im ersten und zweiten Streich wird Witwe Bolte zum Opfer. Max und Moritz legen einen Köder mit Schnüren aus, an dem sich die drei Hühner und der Hahn der Witwe verfangen und im Apfelbaum den Tod finden. Die Witwe brät die toten Tiere in der Pfanne. Während sie im Keller den Sauerkohl holt, angeln die Buben die Brathühner durch den Kamin aus der Pfanne. Die Witwe verdächtigt zu Unrecht ihren Spitz und bestraft ihn.

Im dritten Streich nehmen sich die beiden den Schneider Böck vor. Sie sägen den hölzernen Steg neben seinem Haus an und locken den Schneider mit Schmährufen heraus. Als er mit der Elle in der Hand über den Steg läuft, um die Bösewichter zu bestrafen, bricht der Steg, und Böck fällt in den Bach. Nur ein Gänsepaar zieht ihn heraus.

Im vierten Streich dringen die beiden während der Abwesenheit des Lehrers Lämpel in dessen Haus ein und füllen Schwarzpulver in seine Meerschaumpfeife. Als der zurückkehrende Lehrer wie gewohnt seine Pfeife anzündet, kommt es zur Explosion, bei der er schwere Verbrennungen erleidet.

Im fünften Streich setzen Max und Moritz dem schlafenden Onkel Fritz Maikäfer ins Bett. Der Onkel muss einen nächtlichen Vernichtungskampf gegen die eigentlich harmlosen Insekten austragen, bis er die Käfer besiegt hat und wieder einschlafen kann.

Der sechste Streich misslingt. Über den Kamin gelangen die beiden in eine Bäckerei. Sie fallen in die Mehlkiste, klettern weiß bestäubt auf einen Stuhl, um an die süßen Brezeln zu kommen, und stürzen, als der Stuhl bricht, in die Teigmulde. Der Bäcker greift die in Teig eingehüllten Buben, formt sie zu Broten und schiebt sie in den Ofen. Doch Max und Moritz überleben: Sie fressen sich durch den Teigmantel und entkommen.

Im siebten Streich erwischt Bauer Mecke die beiden, als sie Löcher in seine Getreidesäcke schneiden. Er bringt sie in die Mühle, wo der Müller sie zerschrotet. Die Enten des Müllers fressen anschließend alles auf. Im Epilog freuen sich alle Opfer über das Ende der Übeltäter; die abschließende Moral lautet, Bosheit sei kein Lebenszweck. Bauer Mecke, der die beiden zur Mühle getragen hat, hintertreibt die Moral in einer der zwei plattdeutschen Zeilen des Textes ironisch mit seinem trockenen „Wat geiht meck dat an!". Hier zeigt sich Buschs Hang zu schwarzem Humor, der sein gesamtes Werk durchzieht.

Stil

Gedichtet ist die Bildergeschichte in vierhebigen Trochäen. Eine Übergewichtung der betonten Silben verstärkt die Komik der Verse. Kennzeichnend ist der Kontrast zwischen der drastischen Komik der Zeichnungen und einem scheinbar ernsthaften Begleittext. Der erste Streich beginnt mit zehn erhabenen Zeilen über den Sinn der Hühnerhaltung. Das rührselige Lamento der Witwe Bolte nach dem Tod ihrer Tiere steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Anlass. Ähnlich ironisch-grotesk klagt der Erzähler über die vorübergehende Arbeitsunfähigkeit des Lehrers Lämpel nach der Explosion seiner Pfeife.

Eine besondere Rolle spielen Lautmalereien. „Gewisse Dinge sieht man am deutlichsten mit den Ohren", erklärte Busch 1889 seinem Freund Franz von Lenbach. „Schnupdiwup" entführen die Buben die gebratenen Hühner durch den Kamin. „Ritzeratze!" sägen sie „voller Tücke, in die Brücke eine Lücke", und „Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke". Durch leicht variierte Schreibweisen oder eine wechselnde Zahl von Ausrufezeichen erzeugt Busch fein abgestufte Klangwirkungen. So wird etwa das zweite Krähen des Hahnes durch Verdopplung lauter und dramatischer als das erste. Wortgebilde aus Ablautpaaren wie „kritze, kratze!" oder „knusper, knasper!" verleihen den Versen eine eingängige Melodie, die an kindliche Abzählreime erinnert. Interjektionen wie „Ach herrje! Herrjemine!" unterstreichen die dramatischen Höhepunkte.

Hinzu treten neu konstruierte Wortverbindungen wie „Käferkrabbelei" oder „Flintenpulverflasche", die die Komik der jeweiligen Szene verstärken. Refrainartig wiederkehrende Zweizeiler gliedern die Handlung und akzentuieren ihren Fortgang. Bewusst gesetzte grammatische Unrichtigkeiten und plötzliche Einsprengsel direkter Rede halten die Verse lebendig.

Aufgebaut ist das Werk nicht als geschlossenes Drama, sondern als Abfolge einzelner Episoden, umrahmt von Prolog und Epilog. Ein ständiges Widerspiel von Ordnung und Chaos prägt jede Episode: Zunächst wird die bestehende Ordnung detailgenau geschildert, dann von den beiden Buben zerstört. Die Übeltäter selbst sind dabei in der Regel nicht Zeugen der Folgen ihrer Streiche – allein der Leser erlebt die Katastrophen mit. Eine stimmige zeitliche Abfolge ist nur suggeriert und teils widersprüchlich: Die Maikäfer des fünften Streiches schwirren bei Busch vor Ostern, also lange vor ihrer eigentlichen Flugzeit im Mai und Juni.

Rezeption

Bereits kurz nach dem Erscheinen Ende Oktober 1865 begann der ungewöhnliche Siegeszug des kleinen Buches. Es entwickelte sich zu einem der meistverkauften Kinderbücher überhaupt und wurde in rund 300 Sprachen und Dialekte übertragen – vom Lateinischen über zahllose deutsche Mundarten bis zu außereuropäischen Sprachen. Zahlreiche Verse sind ins kollektive Gedächtnis übergegangen und werden bis heute zitiert, ohne dass die Sprecher die Quelle stets bewusst nennen würden. Verse wie „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!", „Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich" oder „Gott sei Dank! Nun ist's vorbei mit der Übeltäterei!" gehören zum festen Bestand deutscher geflügelter Worte.

Auch die Form selbst wirkte weit über das Erscheinungsjahr hinaus. Mit der Verbindung von gereimtem Text und einer Bildfolge, in der jede Szene eine eigene erzählerische Pointe trägt, schuf Busch ein Muster, das als Vorläufer des modernen Comics gilt. Stoff und Figuren wurden vielfach adaptiert: in Kompositionen, Balletten, Hörspielen und mehreren Verfilmungen. Dazu zählen ein früher Stummfilm Curt Wolfram Kießlichs von 1923 und ein Trickfilm Ferdinand Diehls von 1941.

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