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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Masse und Macht
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Masse und Macht
1960
– Werkseintrag –

Masse und Macht

1960 · Essay

Zwanzig Jahre lang suchte Elias Canetti eine Antwort auf die Frage, warum Menschen sich zu Massen zusammenschließen und wie aus dieser Erfahrung die Macht der Diktatoren erwächst.

Überblick

Mit Masse und Macht legte Elias Canetti 1960 sein philosophisches Hauptwerk vor. An diesem Buch hatte er über zwanzig Jahre gearbeitet. Es untersucht, warum Menschen sich zu Massen zusammenschließen. Es fragt, was in ihnen vorgeht, sobald sie Teil einer solchen Masse geworden sind. Und es zeigt, wie Machthaber sich diese Vorgänge zunutze machen. Canetti verbindet darin Beobachtungen aus Anthropologie, Soziologie, Psychologie, Ethnologie und Mythenforschung. So entsteht ein eigenständiger Versuch, das 20. Jahrhundert mit seinen Diktaturen und Massenbewegungen zu verstehen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Das Werk beginnt mit einem einfachen Befund: Nichts fürchte der Mensch mehr als die Berührung durch Fremdes. Im Alltag halte er Abstand, weiche Berührungen aus, ziehe sich in seine Wohnung zurück. Nur in der Masse, so Canetti, falle diese Furcht ab. Wer in ihr aufgehe, fühle sich plötzlich gleich mit allen anderen, befreit von seiner Vereinzelung.

Von dieser Beobachtung ausgehend entwickelt Canetti eine ganze Typenlehre der Masse. Er beschreibt, wie Massen entstehen, wie sie sich verdichten, wachsen, eine Richtung suchen. Er unterscheidet Fluchtmassen, Festmassen, Umkehrungsmassen und Doppelmassen. In den Doppelmassen stehen sich zwei Gruppen gegenüber – Männer und Frauen, Junge und Alte, Lebende und Tote. Er führt den Begriff der Massensymbole ein. Er zeigt, wie Feuer, Wasser, Wald, Geld oder das Heer im Empfinden ganzer Völker als Bilder für Masse wirken.

Im zweiten großen Teil wendet sich Canetti der Macht zu. Er fragt, was geschieht, wenn ein Einzelner über eine Masse herrscht. Er fragt, wie Befehle wirken und warum der Mensch ihnen so bereitwillig folgt. Aus all dem entsteht ein Buch, das weder Roman noch Lehrbuch ist. Es ist ein eigenwilliger Versuch, dem Rätsel der Masse auf die Spur zu kommen.

Die Handlung im Detail

Canetti eröffnet sein Buch mit dem Satz, nichts fürchte der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. Diese Furcht erkläre, weshalb wir uns in der Öffentlichkeit für jede zufällige Berührung entschuldigen, im Aufzug in die Ecke drängen, uns in unsere Häuser zurückziehen. Erst in der Masse, einem von Affekten getragenen Gebilde, falle diese Berührungsangst von uns ab. Im Augenblick der „Entladung" werden alle gleich, Unterschiede verschwinden, der Einzelne steht nicht mehr allein der chaotischen Welt gegenüber. Doch dieses Gefühl trage nicht lange. Sobald die Gleichheit im Inneren erreicht sei, werde das Andere außerhalb der Masse umso bedrohlicher empfunden – und so entstehe ihre auffälligste Eigenschaft, die Zerstörungssucht: Um sich selbst zu erhalten, will die Masse das Fremde vernichten.

Aus archaischen Verhaltensweisen kleiner Menschengruppen, die er „Meuten" nennt, leitet Canetti vier Grundzüge jeder Masse ab: Sie will wachsen, sie verlangt Gleichheit unter ihren Gliedern, sie liebt die Dichte, und sie braucht eine Richtung. Die Masse an sich existiere nicht; sie tritt immer in bestimmten Gestalten auf. Jagd- und Fluchtmassen entstehen unter Todesdrohung, Festmassen aus Lebenslust. Umkehrungsmassen erheben sich gegen Unterdrückung. In Doppelmassen begrenzen sich zwei Gruppen wechselseitig – Männer und Frauen, Junge und Alte, Außenseiter und Etablierte, vor allem aber die Lebenden und die Toten. Den Toten will man nicht angehören; man ehrt, fürchtet, besänftigt sie und triumphiert mit jedem neuen Tag über sie.

Canetti weitet seine Untersuchung auf das aus, was er „Massensymbole" nennt: Erscheinungen, die in Menschen Massengefühle auslösen. Das Feuer vom Funken bis zum Inferno, das Wasser vom Tropfen bis zum Meer, der Wald vom Ast bis zum Urwald gehören dazu, ebenso soziale Phänomene wie Kunstsammlungen oder angehäuftes Geld. Jede Nation, so Canetti, lebe von solchen Symbolen; sie definiere sich nicht über Sprache, Gebiet oder Geschichte, sondern fast wie eine Religion über die Bilder, die sie sich von sich selbst macht. Für die Deutschen sei dies bis zur Niederlage im Zweiten Weltkrieg das Heer gewesen – „aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald".

Anders als Gustave Le Bon und Sigmund Freud, deren Massenpsychologie er ausdrücklich zurückweist, sieht Canetti in der Masse keine Regression auf primitives Verhalten und auch keinen bloßen Reflex auf die Bindung an einen Führer. Die Masse brauche keinen Anführer, um zu entstehen. Wenn ein Machthaber sie an sich binde, dann nicht durch Hypnose oder Libido, sondern zuallererst durch die Drohung mit dem Tod.

Im zweiten Großteil des Werkes wendet sich Canetti der Macht selbst zu. Sie offenbare sich in ihrem ältesten Augenblick als „Augenblick des Überlebens": dann, wenn ein Lebender triumphierend einem Toten gegenübersteht. Machtbesitz bedeute Überleben, und das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden, sei das sicherste Mittel, sie zu erhalten. In totalitären Systemen werde dieses archaische Instrument als Recht ausgegeben und verleihe dem Diktator den Anschein einer Gottesähnlichkeit. Doch der Diktator sei kein Gott, sondern ein paranoider Machthaber, ständig von Bedrohungsgefühlen verfolgt. Seine Masse halte er nur dadurch in der Hand, dass er exzessiv über Leben und Tod verfüge – im Krieg, in Schauprozessen, in Vernichtungslagern. „Seine sichersten, man möchte sagen seine vollkommensten Untertanen sind die, die für ihn in den Tod gegangen sind."

Canetti vermeidet die Begriffe Faschismus und Nationalsozialismus, doch sein Buch ist ohne diese Erfahrung nicht zu denken. Hitler ist für ihn kein einzigartiges Phänomen, sondern ein Typ unter anderen Machthabern. Erklärt werden soll nicht ein einzelner Zivilisationsbruch, sondern die elementare Struktur totalitärer Herrschaft.

Am Ende steht die Analyse des Befehls. Der Mensch sei von klein auf an Befehle gewöhnt, sie machten einen Großteil dessen aus, was Erziehung genannt werde, und sie durchzögen das gesamte Erwachsenenleben in Arbeit, Kampf und Glauben. Der Befehl, so Canetti, sei älter als die Sprache. Wer einen Befehl ausführt, empfinde die Handlung als fremd; sie ist ihm auferlegt worden, und in ihr spürt er die Macht dessen, der ihn erteilt hat. Damit schließt sich der Kreis: Aus der Furcht des Einzelnen vor der Berührung wächst die Masse, aus der Masse wächst die Macht, und die Macht hält sich durch das uralte Recht über Leben und Tod.

Stil

Canetti schreibt weder als Soziologe noch als Philosoph im akademischen Sinn. Er meidet die Fachsprache und verzichtet auf Fußnoten und Theoriegerüste. Seine Gedanken entwickelt er in kurzen, oft aphoristisch zugespitzten Abschnitten. Seine Sprache ist anschaulich, bildkräftig, manchmal beinahe lyrisch. Der „marschierende Wald" der Deutschen ist ein typisches Beispiel für die Verdichtung, mit der er ganze Geschichtsdeutungen in ein Bild fasst.

Das Werk lebt vom Reichtum seiner Beispiele. Canetti zieht Mythen sogenannter Naturvölker, ethnologische Berichte, historische Episoden und psychiatrische Fallgeschichten heran. Systematisch ordnet er sie nicht. Begriffe wie Meute, Entladung, Massensymbol, Umkehrungsmasse oder Doppelmasse sind seine eigenen Prägungen. Eine Weltanschauung trägt er nicht offen vor. Er verabscheut Ideologien und überlässt dem Leser die Schlussfolgerungen. So wirkt das Buch eher wie eine fortlaufende Annäherung an ein Rätsel als wie ein abgeschlossenes System. Es ist ein Werk, das man, wie Canetti es selbst von der Masse sagt, immer wieder neu erschließen muss.

Rezeption

Der Essay Masse und Macht gilt als das Hauptwerk Canettis und als Begründung seines Ruhmes als Denker. Es ist das Buch, an dem er über zwanzig Jahre gearbeitet hat. Er selbst bezeichnete es als seine Obsession. Und es trug wesentlich zu der Anerkennung bei, die im Nobelpreis für Literatur mündete. Anteil an seiner Entstehung hatte seine Frau Veza Canetti. In einem Brief an Hermann Kesten würdigte er sie ausdrücklich als geistig gleichberechtigte Mitdenkerin: Es gebe keine Silbe darin, die sie nicht gemeinsam bedacht und besprochen hätten.

Das Werk wird bis heute zwischen Anthropologie, Sozialpsychologie, Soziologie, Ethnologie, Philosophie und Mythenforschung verortet. Es entzieht sich jeder schlichten Einordnung. Canetti setzt sich ausdrücklich von der klassischen Massenpsychologie Le Bons und Freuds ab. Er versteht die Masse nicht als Verfallsform, sondern als anthropologische Grundtatsache. Gerade deshalb hat sein Buch immer wieder neue Lesergenerationen herausgefordert. Es bleibt ein Schlüsselwerk für das Nachdenken über totalitäre Herrschaft, Führerkult und die Anfälligkeit moderner Gesellschaften für Massenbewegungen.

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