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Die Blendung
1935
– Werkseintrag –

Die Blendung

1935 · Roman

Ein weltfremder Gelehrter, 25.000 Bücher und eine Heirat, die alles zerstört: Canettis Roman über einen Mann, dem die Wirklichkeit zur größten Bedrohung wird.

Überblick

Der Roman Die Blendung erschien 1935. Er ist das Erstlingswerk des deutschsprachigen Schriftstellers Elias Canetti, der später den Nobelpreis für Literatur erhielt. Im Mittelpunkt steht Peter Kien, ein weltabgewandter Sinologe und Büchersammler. Er lebt in einer Wiener Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek. Als er seine Haushälterin Therese heiratet, bricht die rohe Wirklichkeit in seine abgeschottete Gelehrtenwelt ein. Der Roman gilt als ein literarisches Hauptwerk der Zwischenkriegszeit. Er ist zugleich eine beklemmende Studie über einen Menschen, der die Welt nur noch durch seine Bücher wahrnimmt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Peter Kien lebt zurückgezogen in seiner riesigen Bibliothek in Wien. Er gilt als der größte lebende Sinologe, kennt die Welt aber kaum außerhalb seiner vier Zimmer voller Bücher. Er will seine Sammlung zuverlässig versorgt wissen. Deshalb heiratet er seine Haushälterin Therese, die ihm besonders sorgfältig im Umgang mit den Bänden erschienen war.

Die Ehe entpuppt sich rasch als Katastrophe. Therese hat ganz andere Erwartungen an das gemeinsame Leben. Sie denkt an Möbel, Geld und körperliche Nähe, er nur an Ruhe und seine Studien. In der Wohnung beginnt ein zäher Kampf um Räume, Besitz und Vorherrschaft. Er führt den weltfremden Gelehrten an die Grenze des Erträglichen.

Vertrieben aus seiner gewohnten Ordnung, gerät Kien hinaus in eine ihm fremde Stadt. Dort begegnen ihm zwielichtige Gestalten. Allen voran steht der bucklige Zwerg und Zuhälter Siegfried Fischer, genannt Fischerle. Er träumt von einer Schachweltmeisterschaft in Amerika und wittert in Kien ein dankbares Opfer. Auch ein brutaler Hausbesorger spielt eine immer größere Rolle. Im Hintergrund existiert noch ein Bruder, der Pariser Psychiater Georg Kien. Von ihm weiß Peter lange nichts.

Der Roman erzählt, wie ein Mensch, der sein Leben hinter Büchern verbarrikadiert hat, dem Zugriff der Welt nicht länger ausweichen kann.

Die Handlung im Detail

Peter Kien, ein weltberühmter Sinologe, lebt in einer Wiener Vier-Zimmer-Wohnung, die ganz seiner Bibliothek von 25.000 Bänden gewidmet ist. Er führt darin ein groteskes Höhlenleben, eigensinnig, verschroben, ganz seiner Bibliomanie ergeben. Um die Sammlung in guten Händen zu wissen, heiratet er seine Haushälterin Therese Krumbholz, weil sie ihm vorgemacht hatte, die Bücher besonders gewissenhaft zu behandeln.

In der Hochzeitsnacht zerbricht die Täuschung. Therese versucht, Kien zu verführen, und fegt dabei mit einer Handbewegung Bücher von seinem Schlafdiwan. Kien ist entsetzt und flüchtet. In der Wohnung beginnt ein erbarmungsloser Kampf um die „Bücherfestung“. Therese geht es um Räume, Möbel und Geld. Beim Möbelkauf verliebt sie sich in den Verkäufer Herrn Grob, den sie in Gedanken liebevoll „Herr Puda“ nennt; dieser Spitzname stammt aus dem zufälligen Lesen eines Buchtitels über Buddha. Kien dagegen verlangt Sprechverbot und ungestörten Zugang zu seinen Büchern. Therese, die sich nach körperlicher Nähe sehnt, wird wiederholt abgewiesen und prügelt ihn schließlich rasend vor Zorn.

Nach diesem Vorfall zeigen sich erste deutliche Anzeichen von Wahn. Kien sitzt wochenlang apathisch vor seinem Schreibtisch und „verwandelt sich in Stein“, um weiteren tätlichen Angriffen zu entgehen. Im Streit um sein ohnehin schon geschrumpftes Vermögen vertreibt Therese ihn schließlich aus seiner eigenen Wohnung.

Kien irrt nun durch die ihm fremde Stadt und richtet sich eine „Kopfbibliothek“ ein, in der er seine Bücher im Gedächtnis aufstellt. In der Bar Zum idealen Himmel begegnet er Siegfried Fischer, genannt Fischerle: einem buckligen Zwerg, Zuhälter und besessenen Schachspieler, der davon träumt, in Amerika Schachweltmeister zu werden. Dafür braucht er Geld. Kien hat eine neue Berufung gefunden: die „Errettung“ von Büchern, die beim Pfandleihhaus Theresianum versetzt werden sollen. Fischerle nutzt das aus und schickt verschiedene Mittelsmänner mit immer demselben Bücherpaket zum Theresianum, das Kien für immer höhere Beträge „freikauft“. So zweigt Fischerle einen Teil von Kiens Geld ab – das er zuvor allerdings bei einem Raubüberfall im Idealen Himmel für ihn gerettet hatte.

Einer der Mittelsmänner überbringt Kien die falsche Nachricht, Therese sei tot. Kien malt sich aus, sie sei langsam verhungert und habe sich am Ende selbst verzehrt. Fischerle wiederum schickt aus einer Laune heraus ein Telegramm an Kiens Bruder Georg in Paris, in dem er dessen verheerenden Zustand schildert; damit öffnet er die Tür zu einer möglichen Rettung. Fischerle selbst wird kurz darauf von einem Liebhaber seiner Frau – einem früheren Komplizen, genannt „Der Blinde“ – ermordet.

Inzwischen beginnt die sexuell frustrierte Therese eine Affäre mit dem Hausbesorger Benedikt Pfaff, dem „roten Kater“. Pfaff ist ein sadistischer Schläger, dessen Frau an seinen Prügeln gestorben ist und dessen Tochter er ebenfalls in den Tod treibt; sein Vergnügen ist das Verprügeln von Bettlern. Therese und Pfaff beschließen, Kiens Bücher gemeinsam ins Theresianum zu schaffen. Dort treffen sie auf Kien. Da er Therese für tot hält, betrachtet er sie als Halluzination. Eine Schlägerei bricht aus, die Polizei wird gerufen. Im Verhör hält Kien sie noch immer für ein Trugbild und glaubt zugleich, sie umgebracht zu haben. Er gesteht den nicht begangenen Mord, woraufhin Therese fest überzeugt ist, er habe seine „erste Frau“ getötet. Am Ende lässt man ihn dennoch laufen.

Kien zieht in die Wohnung des Hausbesorgers Pfaff und wird dort immer offener gefangen gehalten und ausgeraubt, ohne dies klar wahrzunehmen. Er hält weiter an dem Gedanken fest, Therese sei tot, und sieht in ihrer leibhaftigen Anwesenheit eine Halluzination. Er beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln.

In dieser ausweglosen Lage trifft Georg Kien aus Paris ein, von Fischerles Telegramm gerufen. Als Pariser Psychiater ist er der Einzige, der ernsthaft um den verehrten Bruder bemüht ist. Er sorgt dafür, dass Pfaff und Therese aus Peters Leben verschwinden, und führt ihn zurück in seine Bibliothek. Scheinbar ist Kiens Welt wiederhergestellt, und Georg kehrt nach Paris zurück. Doch Peter Kien empfindet auch den eigenen Bruder nur noch als Störer und Feind seiner Gelehrtenexistenz, dem er die Bücher um keinen Preis überlassen will.

Nun verfällt er vollständig dem Wahn. Die fixe Idee, wegen des eingebildeten Mordes an Therese auf Lebenszeit ins Gefängnis zu kommen, vermischt sich mit der Vorstellung, im Theresianum würden die Bücher verbrennen und um Hilfe schreien. Am Ende setzt Kien seine Bibliothek in Brand und stirbt mit ihr in den Flammen.

Stil

Canetti erzählt sein Geschehen in einer kühl beobachtenden, oft satirisch zugespitzten Prosa. Sie stellt ihre Figuren wie in einem grellen Licht aus. Der Roman ist in drei große Teile gegliedert. Ihre Überschriften „Ein Kopf ohne Welt“, „Kopflose Welt“ und „Welt im Kopf“ fassen den Weg Peter Kiens in eine knappe, gedankliche Formel.

Auffällig ist die Technik, jede Hauptfigur in einer eigenen Sprachwelt einzuschließen. Kiens hochgestochene Gelehrtensprache steht neben der dumpfen Plattheit Theresens, neben der zynischen Gaunersprache Fischerles und der rohen Brutalität des Hausbesorgers. Die Personen reden weniger miteinander als aneinander vorbei. Jeder versteht den anderen nur durch das Filter seiner fixen Ideen. So entsteht ein Eindruck, in dem die Welt aus lauter aneinanderstoßenden Monomanen besteht.

Komik und Grauen liegen dabei dicht beieinander. Das groteske Detail, der absurde Einfall, die karikierende Übertreibung gehören ebenso zum Erzählton wie ausgedehnte innere Monologe, in denen sich Wahnvorstellungen Schritt für Schritt zur Gewissheit verfestigen.

Rezeption

Die Blendung erschien als Erstlingswerk eines damals noch jungen Autors. Später ist der Roman zu einem der meistdiskutierten deutschsprachigen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. Spätestens mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Elias Canetti rückte das Buch endgültig in den Rang eines Klassikers der Moderne. Im englischsprachigen Raum erscheint der Roman unter dem Titel Auto-da-Fé. Dort gehört er zu den bekanntesten Werken Canettis.

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