1959
Die Blechtrommel
Überblick↑
Der Roman Die Blechtrommel von Günter Grass erschien 1959 und bildet den Auftakt der Danziger Trilogie. Er zählt zu den meistgelesenen Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Im Mittelpunkt steht Oskar Matzerath, ein Junge aus Danzig, der beschließt, mit drei Jahren sein Wachstum einzustellen, und der die Welt der Erwachsenen von unten betrachtet. Das Werk verbindet mehrere Erzählformen: Es ist zugleich historischer Roman, Zeitroman, Schelmenroman und Entwicklungsroman. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und begleitet den Aufstieg des Nationalsozialismus im kleinbürgerlichen Milieu.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Aus einer Heil- und Pflegeanstalt heraus schreibt Oskar Matzerath in den Jahren 1952 bis 1954 seine Lebensgeschichte nieder. Er berichtet von seinem Pfleger Bruno, von Besuchen durch Freunde und Verwandte und lässt zugleich sein bisheriges Leben Revue passieren. Erzählt wird zunächst von seiner Herkunft: von der kaschubischen Großmutter Anna, unter deren weiten Röcken ein flüchtiger Brandstifter Zuflucht findet, und von Oskars Mutter Agnes, die schließlich Alfred Matzerath heiratet.
In diesem kleinbürgerlichen Danzig wird Oskar geboren. Er schildert sich als hellhöriges Kind, dessen geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist. Zum dritten Geburtstag erhält er eine rot-weiß lackierte Blechtrommel – und beschließt am selben Tag, nicht mehr zu wachsen und für immer ein Dreijähriger zu bleiben. Bald entdeckt er zudem eine seltsame Gabe: Mit seiner Stimme kann er Glas zerschreien.
Von diesem Blickwinkel eines scheinbar Dreijährigen aus beobachtet Oskar die Erwachsenen mit ihren Heimlichkeiten, ihren Sehnsüchten und Schwächen. Zwischen Ladentisch, Kirche und Schule bewegt er sich durch eine Welt, in der sich die politischen Verhältnisse zusehends verdüstern.
Die Handlung im Detail↑
In den Jahren 1952 bis 1954 sitzt Oskar Matzerath in einer Heil- und Pflegeanstalt und bringt seine Lebensgeschichte zu Papier. Er beschreibt die Gespräche mit seinem Pfleger Bruno, dessen Kunstwerke aus verknoteten Bindfäden sowie die Besuchstage, an denen ihn Freunde wie Klepp und Vittlar und Verwandte wie Maria aufsuchen. Die eigentliche Handlung besteht aus locker aneinandergefügten Episoden.
Die Erzählung beginnt an einem verregneten Tag im Oktober 1899. Oskars Großmutter Anna Bronski erntet auf einem Feld in ihrer kaschubischen Heimat Kartoffeln, als der Brandstifter Joseph Koljaiczek vor der Polizei flüchtet. Der kleingewachsene Joseph rettet sich unter Annas vier übereinander getragene Röcke, und sie gewährt ihm ohne Widerwillen Schutz. Aus dieser Begegnung geht Oskars Mutter Agnes hervor. Joseph nimmt später die Identität eines Ertrunkenen an, heiratet Anna und arbeitet als Flößer. Als ihn jemand aus seiner Vergangenheit erkennt, gerät er in Panik, taucht unter schwimmende Baumstämme und kommt nie wieder zum Vorschein. Ob er ertrank oder nach Amerika auswanderte und dort als Joe Colchic reich wurde, bleibt offen.
Agnes lernt 1918 als Krankenschwester in einem Lazarett bei Danzig den Hobbykoch und Soldaten Alfred Matzerath kennen und heiratet ihn. Gemeinsam eröffnen sie einen kleinen Lebensmittelladen. Hier wird Oskar geboren. Als Erstes erblickt er einen Falter, der um zwei brennende Glühbirnen schwirrt. Schon als Säugling vernimmt er, dass ihm die Mutter zum dritten Geburtstag eine Blechtrommel verspricht, und er wartet sehnsüchtig darauf. Tatsächlich hält Agnes ihr Versprechen und schenkt ihm eine kleine, rot-weiß lackierte Trommel.
Noch an seinem dritten Geburtstag beschließt Oskar, das Wachstum einzustellen. Um seinen Eltern eine Erklärung zu liefern, stürzt er im Vorratskeller vom Regal und fällt auf den Kopf. Fortan gilt seine Wachstumsstörung als Folge dieses Unfalls, und er kann sich ungestört seiner Trommel widmen. Als Matzerath ihm die ramponierte Trommel entreißen will, entdeckt Oskar seine Gabe, Glas zu zerschreien: Die Scheibe der Standuhr zerspringt. Jan Bronski besorgt ihm eine neue Trommel. Beim Arzt Dr. Hollatz zerschreit Oskar sämtliche Glasobjekte; der Arzt reagiert jedoch nicht erbost, sondern fasziniert und versucht, sich auf Oskars Kosten einen Namen zu machen. Behandelt wird die Wachstumsstörung nicht.
Mit sechs Jahren kommt Oskar auf eine polnische Schule. Am ersten Tag zerschreit er alle Fensterscheiben und die Brillengläser der Lehrerin, Fräulein Spollenhauer, weil sie ihm die Trommel nehmen will. Die Eltern geben die Schulsuche schließlich auf. Um dennoch lesen zu lernen, sucht Oskar die kinderlose Bäckersfrau Gretchen Scheffler auf und bringt sie dazu, ihm aus dem Buch Rasputin und die Frauen und später aus Goethes Die Wahlverwandtschaften vorzulesen. Heimlich reißt er Seiten heraus, um sie allein zu studieren, und erlernt so Lesen und Schreiben, ohne es jemandem zu verraten.
Jeden Donnerstag setzt Agnes den kleinen Oskar beim jüdischen Spielwarenhändler Sigismund Markus ab, von dem sie seine Trommeln bezieht, und verbringt die Zeit mit Jan Bronski in einem Hotelzimmer. Oskar, der ohnehin vermutet, in Wahrheit von Jan gezeugt worden zu sein, hält sich heraus. Er steigt auf den Stockturm und zersingt von dort aus die Scheiben des Stadttheaters. Im Zirkus trifft er auf den kleinwüchsigen Bebra, der eine große Macht in ihm erkennt und ihm rät, „immer auf der Tribüne zu sitzen und niemals vor der Tribüne zu stehen“. Diesem Rat folgend, schleicht sich Oskar später unter das Rednerpult einer NSDAP-Veranstaltung und bringt mit seiner Trommel die Musiker dazu, nach seinem Takt zu spielen.
Oskar setzt seine Stimme nun gezielt ein: Er singt Löcher in Schaufenster, gerade wenn ehrliche Bürger davorstehen, und macht sie so zu Dieben. Sogar Jan Bronski verführt er dazu, aus einem Juwelierladen ein Collier für Agnes zu stehlen. In der Kirche fasziniert Oskar eine Gipsfigur der Gottesmutter mit dem Jesuskind, dem er wegen der Ähnlichkeit seine Trommel umhängt. Er möchte den Heiland trommeln hören, doch nichts geschieht; wütend bricht er weinend zusammen.
Am Karfreitag 1938 unternehmen Jan, Matzerath, Agnes und Oskar einen Ausflug auf eine Mole, wo ein Aalfänger mit einem Pferdekopf Aale anlockt. Der Anblick der Aale im toten Kopf ist für Agnes zu viel; sie übergibt sich. Matzerath aber kauft vier Aale und bereitet sie zum Abendessen zu, was einen heftigen Streit auslöst. Danach beginnt Agnes unaufhörlich Fisch zu essen. Sie stellt sich als schwanger heraus, will das Kind aber nicht bekommen und stirbt nach wenigen Wochen an einer Fischvergiftung. Oskars geliebte Mutter wird in einem sich zum Fußende hin verjüngenden Sarg begraben.
Oskar trifft Bebra wieder, diesmal in Begleitung der kleinwüchsigen Roswitha. Bebra will ihn für ein Leben im Zirkus gewinnen, doch Oskar lehnt ab. Er freundet sich mit Herbert Truczinski an, einem ehemaligen Kellner mit vielen Narben auf dem Rücken. Gemeinsam begehen sie mit Oskars Gabe einige Schaufensterdiebstähle. Dann wird Herbert Aufseher im Stadtmuseum und bewacht die grüne Galionsfigur Niobe, die als verflucht und todbringend gilt. Bereits am ersten Tag, an dem er die Arbeit allein verrichtet, kommt Herbert beim Versuch, die Figur zu besteigen, durch ein Beil ums Leben.
Bestürzt vom Tod des Freundes betrinkt sich der Trompeter Meyn, der sich der SA angeschlossen hat. Er tötet seine vier Katzen und steckt sie in die Mülltonne, obwohl sie sich noch bewegen. Der Uhrmacher Laubschad beobachtet dies und klagt Meyn an, worauf dieser von der SA verstoßen wird. Am Tag der Novemberpogrome eilt Oskar zum Spielzeugladen von Markus und sieht, wie SA-Truppen ihn gerade verwüsten.
Stil↑
Bestimmend für das Werk ist die Ich-Erzählung eines höchst eigenwilligen Berichterstatters. Oskar Matzerath schreibt seine Geschichte aus der Anstalt heraus nieder und schildert die Welt aus der Perspektive eines scheinbar Dreijährigen, der doch alles versteht. Dieser Blick von unten lässt die Erwachsenen mit ihren Heimlichkeiten und Schwächen umso deutlicher hervortreten.
Der Roman ist nicht streng durchkomponiert, sondern setzt sich aus oft nur locker zusammengefügten Episoden zusammen, die einer Kapitelstruktur folgen. Wiederkehrende Dinge und Bilder – die Blechtrommel, die weiten Röcke der Großmutter, die glaszersingende Stimme – halten das Ganze zusammen. Realistische Milieuschilderung des kleinbürgerlichen Danzig verbindet sich mit phantastischen Zügen: Oskars Entschluss, nicht mehr zu wachsen, und seine Gabe, Glas zu zerschreien, gehören in den Bereich des magischen Realismus. In der Verbindung von schelmenhaftem Erzählen, historischem Panorama und Entwicklungsgeschichte liegt die besondere Form des Buches.
Rezeption↑
Große Verbreitung fand das Werk rasch: Es zählt zu den meistgelesenen Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur. Als Auftakt der Danziger Trilogie prägte es das Bild, das viele Leser von Danzig und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewannen.
Schon bei seinem Erscheinen sorgte der Roman für einen Skandal: 1960 schlug die Jury des Bremer Literaturpreises Grass zur Auszeichnung vor, doch der Bremer Senat verweigerte die Zustimmung. Die damalige Jugendsenatorin Annemarie Mevissen hielt das Buch für jugendgefährdend; der Preis wurde in jenem Jahr nicht vergeben, mehrere Jurymitglieder traten daraufhin zurück.
Die Nachwirkung reicht über die Literatur hinaus. 1979 verfilmte Volker Schlöndorff den Stoff unter dem Titel Die Blechtrommel und trug so dazu bei, die Geschichte Oskar Matzeraths einem noch breiteren Publikum bekannt zu machen. Der Film gewann 1979 in Cannes die Goldene Palme – gemeinsam mit Francis Ford Coppolas Apocalypse Now – und wurde 1980 als erster deutscher Beitrag mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.
Als Günter Grass 1999 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, würdigte die Schwedische Akademie in ihrer Begründung ausdrücklich die Blechtrommel: Deren Erscheinen habe eine „Wiedergeburt des deutschen Romans“ des 20. Jahrhunderts bedeutet.
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