1912
Die Biene Maja und ihre Abenteuer
Überblick↑
Der Entwicklungsroman Die Biene Maja und ihre Abenteuer von Waldemar Bonsels erschien 1912. Er erzählt von der neugierigen kleinen Biene Maja, die ihren Bienenstock verlässt, um die weite Welt und die Natur auf eigene Faust zu entdecken. Schon kurz nach dem Erscheinen wurde das Buch zu einem weltweiten Erfolg und in über 40 Sprachen übersetzt. Die Geschichte setzte Bonsels 1915 mit dem Roman Himmelsvolk fort. Bis heute ist die Figur der Biene Maja durch zahlreiche Verfilmungen und Fernsehserien einem großen Publikum vertraut.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Frisch geschlüpft ist die kleine Biene Maja neugierig und ein wenig vorlaut. Sie gehört zum Bienenvolk vom Schlosspark, das von der Königin Helene der Achten regiert wird. Ihre Erzieherin Kassandra bereitet sie auf den ersten Ausflug vor. Doch statt pflichtgemäß in den Stock zurückzukehren, macht sich Maja auf, die große weite Welt zu erkunden – ohne von all den Gefahren zu ahnen, die dort auf sie lauern.
Auf ihrer Reise begegnet Maja einer bunten Schar von Insekten: einem Rosenkäfer, einer Stubenfliege, einem Schmetterling, einem dichtenden Marienkäfer und vielen anderen. Jede Bekanntschaft lehrt sie etwas Neues über die Natur, über das Leben und über die geheimnisvollen Menschen, die sie unbedingt einmal sehen möchte. Immer wieder gerät die junge Biene dabei in brenzlige Lagen, denn zwischen all der Schönheit warten auch Räuber und Fressfeinde. Der Roman folgt Maja durch einen ganzen Sommer, in dem aus der übermütigen kleinen Biene allmählich ein starkes, kluges Geschöpf wird.
Die Handlung im Detail↑
Kaum geschlüpft, wird die neugierige und etwas vorlaute Maja von der Erzieherin Kassandra für ihren ersten Ausflug vorbereitet. Von diesem kehrt sie jedoch nicht zurück. Stattdessen bricht sie auf, um die Natur zu entdecken.
Sie trifft den Rosenkäfer Peppi und die Schmeißfliege Hans Christoph, die sie vor den Fröschen warnt, dann aber kurz darauf selbst von der Libelle Schnuck gefressen wird. Schnuck erzählt Maja von den Menschen, die zu Insekten grausam sein können. Maja beobachtet einen Regenwurm, dessen eine Hälfte der Mistkäfer Kurt verspeist – Kurt gibt sich als Rosenkäfer aus –, während die andere Hälfte weiterkrabbelt. Nur knapp entgeht Maja einer Grasmücke. Sie lernt die räuberischen Ameisen kennen und spricht mit einem Grashüpfer, der vermutet, dass die Menschen zwar Laute von sich geben, aber wohl nicht wirklich sprechen können.
Von der Stubenfliege Puck, die sehr von sich selbst überzeugt ist, hört Maja, die Menschen seien nicht besonders klug. Das widerspricht dem, was Kassandra ihr beigebracht hat: dass die Menschen weise und gut seien. Majas Wunsch, die Menschen zu treffen, wird immer stärker.
Auf dem Weg dorthin erlebt sie viele weitere Abenteuer. Sie gerät in das Netz der Kreuzspinne Thekla, doch Mistkäfer Kurt ist zufällig in der Nähe und befreit sie. Maja nimmt sich vor, künftig vorsichtiger zu sein. Sie begegnet dem Schmetterling Fritz, der ihr von den Wanzen erzählt; Maja bewundert seine Schönheit und kann kaum glauben, dass er einst eine Raupe war. In der Nähe ihrer neuen Sommerwohnung in einer Baumhöhle lebt der Borkenkäfer Fridolin mit seiner Familie. Obwohl Maja weiß, wie gefährlich diese Tiere für den Wald sind, plaudert sie gern mit ihm. Von ihm erfährt sie von der Bedrohung durch den Specht. Beim Weberknecht Hannibal, den sie nach dem Erlebnis mit Thekla zunächst fürchtet, entdeckt sie, dass ihm ein Bein fehlt – ein Mensch hatte nach ihm gegriffen.
Mehrere Wochen vergehen, und Maja wächst zu einer starken Biene heran. Sie genießt ihre Freiheit, empfindet aber manchmal Heimweh nach dem Bienenstock. Von einer Mücke erfährt sie, dass diese – anders als sie selbst – nach einem Stich nicht sterben muss. Eines Nachts weckt sie der Gesang einer Nachtgrille. Maja ist fasziniert von der Nacht und trifft auf einen Blumenelf. Die Elfen erfüllen dem ersten Lebewesen, dem sie nach dem Verlassen ihrer Blume begegnen, den sehnlichsten Wunsch und sterben danach. So bringt der Blumenelf Maja noch in derselben Nacht in die Nähe einer Bank, auf der zwei Verliebte im Mondschein sitzen. Für Maja ist es das Herrlichste, das sie je gesehen hat.
Später trifft sie den Marienkäfer Alois Siebenpunkt, der sich als Dichter vorstellt, sie aber mit seiner Kunst nicht begeistert. Mehr angetan ist sie vom ewig zweifelnden Tausendfüßer Hieronymus, der sie vor einer Hornissenburg warnt. Die Warnung kommt zu spät: Maja wird von einer Hornisse gepackt und erwacht als Gefangene in der Hornissenburg. Sie belauscht eine Beratung mit der Hornissenkönigin und erfährt von Kriegsvorbereitungen gegen ihr eigenes Volk. Maja schafft es unerkannt bis zum Ausgang, doch dort steht ein Wächter. Im Gespräch stellt sich heraus, dass dieser in die Libelle Schnuck verliebt ist. Weil Maja ihm Schnucks Aufenthaltsort verrät, lässt er sie entkommen.
Maja gelingt es, ihr Volk und die Königin rechtzeitig zu warnen. So kann sich der Bienenstaat auf den Angriff der Hornissen vorbereiten und ihn trotz herber und zahlreicher Verluste abwehren. Majas eigenmächtige „Flucht“ wird ihr verziehen, und die Königin ernennt sie zu ihrer Beraterin.
Stil↑
Erzählt wird die Geschichte als modernes Tiermärchen, in dem die Insekten sprechen, denken und fühlen wie Menschen. Zugleich schildert Bonsels ihre Lebensräume mit großer biologischer Sachkenntnis, sodass der Leser neben dem Märchen auch viel über die Natur erfährt. Die Tierwelt wird zu einer kleinen Gesellschaft mit eigenen Namen und Eigenarten: Käfer, Fliegen und Schmetterlinge treten als Figuren mit unverwechselbarem Charakter auf. Über die Abenteuer hinaus schwingen ernstere Fragen mit, denn Maja lernt auf ihrer Reise nicht nur die Natur kennen, sondern begegnet auch dem Nachdenken über Leben und Tod. Der Ton bleibt dabei poetisch und zugleich kindgerecht.
Rezeption↑
Schon bald nach dem Erscheinen wurde das Buch zu einem weltweiten Erfolg und eroberte Kinderherzen rund um den Globus. Es war so beliebt, dass Soldaten es im Ersten Weltkrieg mit an die Front nahmen, um sich abzulenken. Der Rezensent Frederik H. Green hob hervor, Bonsels habe ein „bezauberndes Buch mit pädagogischem Anspruch“ verfasst, in dem Tiere und ihr Lebensraum mit viel biologischer Sachkenntnis beschrieben werden und Maja auch „Philosophisches über Leben und Tod“ lerne. Der Tagesspiegel nannte das Werk ein „modernes Märchen“, das sich den klassischen ebenbürtig an die Seite stellen lasse, und betonte den Charme und die Poesie der Geschichte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung verwies auf die weltweite Beliebtheit der Figur, die in Amerika, Japan und Indien ebenso geschätzt werde wie in Deutschland.
Kritischer fällt ein Rückblick des NDR aus, der die braune Seite des Autors beleuchtet und Bonsels eher als guten Verkäufer und lediglich mittelmäßigen Schriftsteller einordnet. Dort wird darauf hingewiesen, wie gut der Roman zur Kriegsbegeisterung seiner Zeit passte: Das Tiermärchen lese sich „wie eine Metapher auf das Kaiserreich“, in dem die tapferen Bienen gegen die feindlichen Hornissen kämpfen, und weise an vielen Stellen deutliche militärische Anklänge auf. Die Figur der Biene Maja wirkte weit über das Buch hinaus und lebt bis heute in Comics, Filmen und Fernsehserien fort.
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