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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Bettelprinzeß
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Die Bettelprinzeß
1914
– Werkseintrag –

Die Bettelprinzeß

1914 · Roman

Ein Waisenkind wächst als geduldete Almosenempfängerin auf einem Schloss auf, wird von der Tochter des Hauses „Bettelprinzeß“ genannt und ahnt nicht, welches Geheimnis über seiner Herkunft liegt.

Überblick↑

Der Roman Die Bettelprinzeß von Hedwig Courths-Mahler erschien 1914 im Deutschen Druck- und Verlagshaus in Berlin. Im Mittelpunkt steht die junge Liselotte, eine Waise, die nichts von ihrer wahren Herkunft ahnt. Sie lebt als geduldete Almosenempfängerin im Haus eines Barons und muss dort viele Demütigungen ertragen. Das Buch gehört zu den bekannten Titeln einer Autorin, deren Unterhaltungsromane ein sehr breites Publikum fanden.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Schauplatz ist das erfundene thüringische Dorf Bodenhausen, die Zeit ist die Gegenwart der Autorin, also die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Im Gasthof zur Weißen Taube führt die Witwe Martha Schulte resolut und warmherzig das Regiment, unterstützt von ihrem Hausknecht Heinrich. Über dem Dorf liegt das Schloss des Barons und der Baronin von Bodenhausen. Dort wachsen zwei Kinder auf: der dreizehnjährige Hans, gutherzig und ein wenig schüchtern, und die fünfjährige Lori, verzogen und schon in diesem Alter hochmütig und selbstsüchtig. Die Eltern sind keine schlechten Menschen, doch fehlt ihnen der innere Halt. Sie bewirtschaften das Gut nachlässig und geraten in Geldnot.

Eines Tages kommt eine Fremde ins Dorf: Maria Hochberg, jung, aber seit dem Tod ihres Mannes gezwungen, sich ihr Brot selbst zu verdienen. Sie bittet um ein bescheidenes Quartier und beginnt, Blumenbilder zu malen. Weil sie still und zurückgezogen lebt, hält das Dorf sie zu Unrecht für eingebildet. Maria hat ein fünfjähriges Töchterchen, Liselotte. Das Kind möchte gern mit Hans und Lori spielen. Hans mag die Kleine sofort, Lori dagegen empfindet gegen das ärmlich gekleidete Mädchen einen unüberwindlichen Widerwillen und gibt ihr den Spottnamen „Bettelprinzeß“.

Was niemand im Dorf weiß: Liselottes Vater war Graf Botho von Hochberg, einziger Sohn und Erbe eines reichen Grafen. Weil er die bürgerliche Waise Maria gegen den Willen des strengen Vaters geheiratet hatte, kam es zum Bruch mit dem Elternhaus. Das junge Paar musste in einfachen Verhältnissen leben. Nur die Großmutter, Gräfin Katharina, hätte die Schwiegertochter aus Liebe zum Sohn angenommen, konnte sich gegen ihren Mann aber nicht durchsetzen. In einer dunklen Vorahnung vertraut Maria dem Dorfpfarrer Helmers Geld und Papiere an. Er soll beides verwahren und Liselotte an ihrem achtzehnten Geburtstag aushändigen.

Von da an führt der Weg des Mädchens durch Jahre der Zurücksetzung: ein karges Kämmerchen im Schloss, Loris abgelegte Kleider, die Gleichgültigkeit der Herrschaft. Nur die Erzieherin Fräulein Herter liebt das Kind wie ein eigenes und lehrt es Nachgiebigkeit und Geduld. Später gehen die beiden Mädchen zur weiteren Ausbildung in ein Pensionat nach Lausanne. Dort zeigt sich, dass Liselotte nicht nur eine ausgezeichnete Schülerin ist, sondern auch eine ungewöhnliche Sängerin. Unterdessen spitzt sich die Geldnot auf Schloss Bodenhausen zu, und in der Ferne beginnt sich das Schicksal der vergessenen Erbin zu regen.

Die Handlung im Detail↑

Im thüringischen Dorf Bodenhausen kommt die junge Witwe Maria Hochberg an und findet im Gasthof zur Weißen Taube ein bescheidenes Quartier bei der Wirtin Martha Schulte. Maria verdient ihren Unterhalt mit dem Malen von Blumenstücken, einer Arbeit, die sie schon vor ihrer Ehe ausgeübt hatte. Ihre fünfjährige Tochter Liselotte möchte gern mit den Schlosskindern Hans und Lori spielen. Hans hat das Mädchen sofort gern, Lori aber blockiert jeden Kontakt und nennt Liselotte spöttisch „Bettelprinzeß“.

Liselottes Herkunft kennt im Dorf niemand. Ihr Vater war Graf Botho von Hochberg, einziger Sohn des reichen Grafen Armin von Hochberg-Lindeck und seiner Frau Katharina. Nach dem Willen des Vaters hätte Botho eine Reichsgräfin heiraten sollen. Er heiratete stattdessen die bürgerliche Waise Maria, worauf der Vater mit ihm brach. Maria verzichtete auf den Grafentitel, das Paar lebte in einfachen Verhältnissen. Baron Rainau, ein Nachbar des Grafen und enger Freund Bothos, lud diesen ein, um eine Versöhnung anzubahnen. Graf Armin weigerte sich jedoch, den Sohn zu empfangen. Unmittelbar danach kam Botho ums Leben: Auf dem Grund seines Vaters wollte er einen Wilderer stellen, der ihn erschoss.

Maria ahnt ihren eigenen Tod voraus und übergibt dem protestantischen Pfarrer Helmers Geld und Papiere, die er Liselotte an deren achtzehntem Geburtstag aushändigen soll. Bald darauf prescht das Pferdegespann des Barons wild am Gasthof vorbei. Maria versucht, ihr Kind vor den Hufen zu schützen, und wird tödlich getroffen. Der Baron fühlt sich mitverantwortlich und nimmt Liselotte zu sich, um sie zusammen mit Lori erziehen zu lassen. Frau Schulte und der Knecht Heinrich bleiben wichtige Vertraute des Kindes, das oft ins Dorf kommt, um das Grab der Mutter zu besuchen.

Fünf Jahre später ist Lori außer sich darüber, die „Bettelprinzeß“ zur Ziehschwester zu haben. Sie behandelt Liselotte wie eine Dienerin und macht ihr das Leben zur Hölle. Der Baron und die Baronin geben dem Mädchen ein einfaches Kämmerchen und Loris abgelegte Kleider und beachten es sonst kaum. Die Erzieherin Fräulein Herter dagegen liebt die Waise wie ein eigenes Kind. Da sie das Mädchen gegen Loris Feindseligkeit nicht schützen kann, lehrt sie es Nachgiebigkeit und Fügsamkeit. Hans besucht inzwischen ein auswärtiges Gymnasium und ist selten daheim. Liselotte hängt innig an ihm, und es wirkt stark auf sie, dass er ihr denselben Rat gibt wie die Erzieherin.

Liselotte nimmt alle Herabsetzungen mit gleichbleibender Geduld hin. Dabei bildet sie genau jene Eigenschaften aus, die Lori fehlen: Selbstbeherrschung, Tapferkeit, Fleiß, Klugheit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, gute Manieren und eine natürliche Vornehmheit. Heranwachsend wird sie sogar schöner als Lori. Mit vierzehn Jahren werden beide Mädchen konfirmiert. Obwohl der Baron längst in ernsten Geldschwierigkeiten steckt, schickt er sie zur weiteren Ausbildung nach Lausanne in die Pension von Madame Chevaux. Fräulein Herter wird entlassen und geht zunächst zu ihrer verheirateten Schwester; später arbeitet sie erneut als Erzieherin, unter Verhältnissen, die sie sehr unglücklich machen.

Im Pensionat müssen sich die Mädchen ein Zimmer teilen. Lori verlangt von Liselotte Zofendienste und redet zugleich schlecht über sie. Erst nach vielen Monaten erkennen einige Mitschülerinnen Liselottes Charakter und schließen Freundschaft mit ihr. Sie erweist sich als hervorragende Schülerin, und der Musiklehrer entdeckt, dass sie eine außergewöhnliche Stimme besitzt und das Zeug zu einer großen Sängerin hat. Auf der Schulbühne kann sie ihr Können zeigen.

In den Weihnachtsferien ist die Lage auf Schloss Bodenhausen so ernst, dass Hans eine reiche Erbin heiraten soll. Der Hinweis von Madame Chevaux, Liselotte könne als Bühnensängerin gut verdienen, kommt der Familie gelegen. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, lässt man Liselotte beim Fest einige Weihnachtslieder singen. Sie ist viel zu bescheiden, um einer Gesangsausbildung zuzustimmen, doch ihr Gesang bewirkt, dass Hans sich noch stärker zu ihr hingezogen fühlt. Der Baronin entgeht weder das noch die Tatsache, dass Liselotte inzwischen schöner ist als die eigene Tochter. Um Hans wie Lori leichter verheiraten zu können, beschließt sie, Liselotte nach dem Ende der Ausbildung so rasch wie möglich aus dem Haus zu schaffen.

Dieser Plan wird durchkreuzt. Hans hat zehntausend Mark Spielschulden gemacht. Kurz nach Weihnachten gesteht er es den Eltern, die ihm nicht helfen können. Er ruft aus: „Ist es ganz unmöglich, Papa? Du weißt, was es heißt, auf Ehrenwort solche Summe schulden. Mir bleibt dann nichts – als eine Kugel“. Liselotte hat das Gespräch vom Nebenzimmer aus ungewollt mitangehört. Sie stürzt mit einem Aufschrei herein und bittet inständig, Hans helfen zu dürfen: Von ihrer Mutter habe sie fünfzehntausend Mark geerbt. Zögernd willigt der Baron ein. Vor den Augen seiner Eltern küsst Hans sie auf den Mund. Danach kehren die Mädchen nach Lausanne zurück.

Auf Schloss Hochberg liegt Graf Armin unterdessen schwer krank. Sterbend erklärt er, dass er Bothos Witwe und deren Kind als Schwiegertochter und Enkelin anerkennen wolle. Gräfin Katharina stellt Nachforschungen an, erfährt, dass Maria zuletzt in der Weißen Taube gewohnt hat, und reist unter dem Namen „Gräfin Lindeck“ nach Bodenhausen. Von der Wirtin hört sie, dass Maria längst tot ist, dass Liselotte auf dem Schloss aufwuchs und dass der Baron eine Anzeige aufgegeben hat, um für sie eine Stellung zu finden. Liselotte und Lori sind inzwischen siebzehn und aus dem Pensionat zurück. Katharina zögert, dem Mädchen sogleich die ganze Wahrheit zu sagen, denn sie hat sich jahrelang nicht um die Enkelin gekümmert und möchte sich erst deren Zuneigung verdienen. Sie stellt sich deshalb als Interessentin an der Stellenanzeige vor und will Liselotte als Gesellschafterin engagieren. Bei der Begegnung fassen die alte Dame und das Mädchen sofort große Zuneigung zueinander. Man wird sich einig, der Baron übergibt Liselottes persönliche Papiere, und beide reisen gemeinsam ab.

Schloss Hochberg erweist sich als weit stattlicher als Bodenhausen. Zu ihrer Überraschung wird Liselotte dort wie eine Dame gehalten: schöne Gemächer, kostbare Kleider, eine eigene Zofe. Vor einem Gemälde des verstorbenen Botho erzählt Katharina ihr dessen Geschichte, verschweigt aber noch, dass er Liselottes Vater war. Erst am achtzehnten Geburtstag darf Liselotte im Beisein der Gräfin die Dokumente ihrer Mutter lesen. Daraus erfährt sie, dass sie Bothos Tochter, Katharinas Enkelin und eine Gräfin von Hochberg ist. Unter den Glückwünschen findet sich ein Brief von Hans, der sie natürlich weiterhin für die „Bettelprinzeß“ hält. Er schreibt, dass er sie liebt und keine andere heiraten will. Weil ihm für einen förmlichen Antrag das Geld fehlt, wolle er ins Ausland gehen und sich dort eine Existenz aufbauen. Da seine Abreise Liselotte das Herz brechen würde, verspricht Katharina zu helfen. Liselotte darf ihre Gefühle in einem Antwortbrief gestehen, ihre Herkunft aber noch nicht verraten.

Der Baron hat Liselotte zwar kein liebevolles Zuhause gegeben, aber immerhin verhindert, dass sie „als ein kleines, unwissendes Bauernmädchen“ aufwächst. Aus Dank dafür will Katharina etwas für ihn tun. Als Schloss Bodenhausen unter den Hammer kommt, erwirbt sie das Anwesen für Liselotte, wobei Baron Rainau als Mittelsmann auftritt und der neue Besitzer zunächst unbekannt bleibt. Katharina hat sich die Zukunft der Familie genau überlegt: Sie darf lebenslang auf dem Schloss bleiben, aber im Angestelltenverhältnis. Der Baron wird Verwalter. Hans soll nicht ins Ausland gehen, sondern vom Vater zum Verwalter ausgebildet werden. Lori soll als Wirtschafterin eine Hausangestellte ersetzen und jene armselige Kammer beziehen, in der früher Liselotte geschlafen hat. Für sie ist das ein Schock, doch nicht der erste: Kurz zuvor hatte sie erfahren, wie sehr die Familie Liselotte wegen der Spielschulden verpflichtet ist. Auf Liselottes Wunsch ruft Katharina auch Fräulein Herter zurück, die als Gesellschafterin lebenslang ein gutes Auskommen finden soll. Zuletzt stellt Gräfin Katharina dem Baron und seiner Familie die neue Besitzerin von Schloss Bodenhausen vor: die junge Gräfin von Hochberg – Liselotte.

Stil↑

Erzählt wird geradlinig und in klarer zeitlicher Folge, unterbrochen von Sprüngen über mehrere Jahre, die den Weg des Kindes bis ins junge Erwachsenenalter begleiten. Die Figuren sind eindeutig gezeichnet: Auf der einen Seite steht die geduldige, tugendhafte Liselotte, auf der anderen die hochmütige Lori. Dazwischen stehen Menschen, die weder gut noch böse sind, sondern nur haltlos, wie der Baron und die Baronin. Die Sprache bleibt einfach und unmittelbar verständlich. Kunstvolle Wendungen sucht man nicht; das Buch setzt auf Gefühl, auf klare Gegensätze und auf eine sorgfältig vorbereitete Enthüllung, die den Leser über weite Strecken mehr wissen lässt als die Hauptfigur selbst. Wiederkehrende Motive wie die verschwiegene Herkunft, das versiegelte Erbe und der Spottname geben der Handlung ihren Zusammenhalt.

Rezeption↑

Die Bettelprinzeß gehört zu den bekannten Titeln Hedwig Courths-Mahlers. Der Roman erschien 1914 und traf den Geschmack eines sehr breiten Lesepublikums. Sein Muster ist das verkannte Waisenkind, das seine Demütigungen mit Geduld erträgt und am Ende in seine wahre Stellung findet. Die Deutsche Biographie widmet der Autorin einen Artikel in der Neuen Deutschen Biographie von 1957.

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