Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die Betschwester
Eingang · Werke · Die Betschwester
Cover Die Betschwester
Die Betschwester
1745
– Werkseintrag –

Die Betschwester

1745 · Komödie

Eine fromme Witwe verbringt Stunden im Gebet – doch hinter den frommen Worten verbergen sich Geiz und Berechnung, die eine ganze Heirat ins Wanken bringen.

Überblick

Das Lustspiel Die Betschwester von Christian Fürchtegott Gellert erschien 1745 und wurde im selben Jahr uraufgeführt. In drei Aufzügen entlarvt es eine scheinbar fromme Frau als heuchlerische Frömmlerin: Hinter den langen Gebeten der Frau Richardinn verbergen sich Geiz und Berechnung. Das Werk ist im Sinne einer Typenkomödie angelegt, in der eine Figur einen einzigen Charakterfehler verkörpert und durch das Stück hindurch bloßgestellt wird. Gellert verbindet die Komik mit einem moralischen Anliegen und einer milden Lehre über wahre und falsche Tugend.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Frau Richardinn, eine Witwe, die sich gern als besonders gottesfürchtig zeigt. Stundenlang zieht sie sich zum Beten zurück – doch wer genauer hinsieht, bemerkt, dass es ihr vor allem um Geld und Vorteil geht. Selbst einen Bettler weist sie schroff ab, und ihre Frömmigkeit dient als Vorwand für allerlei Berechnung.

Anlass der Handlung ist eine geplante Heirat. Der wohlhabende Simon aus Berlin will Christianchen heiraten, die Tochter der Frau Richardinn. Sein Brautwerber Ferdinand soll mit der Mutter die Einzelheiten und vor allem die Mitgift aushandeln – ein zähes Geschäft, denn Frau Richardinn versucht mit allen Mitteln, möglichst wenig zu zahlen.

Doch Simon zögert. Christianchen ist hübsch und reich, aber von ihrer Mutter so weltfremd erzogen worden, dass sie ihm zu ungebildet erscheint. Zugleich lebt im Haus die ältere, klügere Eleonore, genannt Lorchen, eine Freundin der Tochter. Zwischen Heiratsverhandlungen, zerbrochenem Geschirr und gekränkter Eitelkeit gerät die scheinbar fest beschlossene Verbindung ins Wanken.

Die Handlung im Detail

Im ersten Aufzug wartet der Brautwerber Ferdinand schon seit Tagen darauf, mit Frau Richardinn die Heirat zwischen Simon und Christianchen zu besprechen. Lorchen erklärt ihm, die Hausherrin habe noch bis vier Uhr zu beten. Als Frau Richardinn ihn dann doch empfängt, klagt sie zunächst, ein Bettler habe sie beim Gebet gestört – dass dem Mann eine Hand fehle, lässt sie nicht gelten: „Kann er denn nicht mit der rechten arbeiten?“ Lorchen verrät Ferdinand unter vier Augen, dass die fromme Witwe ihrer Nachbarin Wucherzinsen abverlangt und ihre Gebetszeit in Wahrheit damit verbringt, über ihren Besitz Buch zu führen.

Im Gespräch über die Heirat versucht Frau Richardinn mit Tränen, die Mitgift zu drücken, und verwickelt Ferdinand schließlich in einen frommen Disput. Als Simon hinzukommt, empfängt sie ihn kühl. Simon gesteht Ferdinand, dass ihm Christianchen zwar gefällt, ihm aber zu wenig klug erscheint; Ferdinand rät ihm, die Sache notfalls abzublasen. Da bietet Lorchen eine Lösung an: Wenn man die Heirat um ein Jahr verschiebe, wolle sie sich um Christianchens Erziehung kümmern. Frau Richardinn ringt sich derweil dazu durch, wenigstens die Hälfte der geforderten Mitgift zu zahlen, nämlich 5.000 Gulden. Simon willigt dankbar in Lorchens Vorschlag ein; sein Angebot, sie dafür großzügig zu entlohnen, lehnt sie ab.

Im zweiten Aufzug will Frau Richardinn Simon das Versprechen abnehmen, das Geld nicht für Kleider ihrer Tochter zu verwenden. Sie rühmt die eigene Großzügigkeit, schimpft über die Mode und erzählt stolz, wie sie Christianchen den Briefroman Pamela aus den Händen gerissen habe. Lorchen forscht unterdessen bei Christianchen nach, ob diese verliebt sei; das Mädchen gibt offen zu, dass es Simon zwar mag, aber keine große Liebe für ihn empfindet.

Dann kippt die Lage durch eine Kleinigkeit. Beim Kaffeetrinken zerbricht Simon versehentlich eine Tasse und stößt einen Fluch aus – Frau Richardinn überwirft sich mit ihm. Kurzerhand ändert Simon seine Pläne und trägt Lorchen seine Liebe an, doch auch das lehnt sie zunächst ab. Christianchen kehrt von ihrer Mutter zurück und bittet selbst darum, die Verlobung mit Simon zu beenden und seine Liebe auf Lorchen zu lenken. Nun erklärt sich Lorchen bereit, Simons Antrag anzunehmen – allerdings nur unter der Bedingung, dass sie Christianchen mitnehmen darf.

Im dritten Aufzug weiß Frau Richardinn noch nichts von diesen Veränderungen. Sie schimpft über Simon, unterstellt ihm, die Tasse absichtlich zerbrochen zu haben, und macht auch ihrer Tochter Vorwürfe. Schlagartig dreht sich ihre Stimmung, als sie erfährt, dass Simon ihr als Ersatz für die zerbrochene Tasse ein ganzes Teeservice schenkt. Hingerissen vom Geschenk überlegt sie lange, ob sie dem überbringenden Diener ein Trinkgeld geben soll – und lässt es schließlich bleiben.

Nun will Frau Richardinn die Heirat mit Simon sofort festmachen. Doch Christianchen teilt ihr mit, die Verlobung sei gelöst, und erinnert die Mutter daran, dass diese ihr die Verbindung selbst verboten habe – was Frau Richardinn rundheraus abstreitet. Ferdinand, eigens herbestellt, hält ihr ebenfalls vor, dass sie die Lage selbst verschuldet habe; sie aber beharrt darauf, dass die Heirat stattzufinden habe. Beobachtet wird zugleich, wie sehr Christianchen unter Lorchens Einfluss schon „in kurzer Zeit recht aufgeweckt und manierlich“ geworden ist.

Am Ende ordnet sich alles zu neuem Glück. Simon bekräftigt, dass Lorchen seine Braut werden soll, und Christianchen stimmt der Verbindung der beiden ausdrücklich zu. Lorchen jedoch macht ihre eigene Verlobung mit Simon davon abhängig, dass Christianchen ein Jahr bei ihr bleiben und von ihr erzogen werden darf. Simon willigt ein. Ferdinand wiederum ist so begeistert von Lorchen, dass er sie in seinen Haushalt aufnehmen will. Gemeinsam begeben sich die drei schließlich zu Tisch, um mit Frau Richardinn und Christianchen – die von ihrem Glück noch gar nichts ahnt – die Einzelheiten der Heirat zu besprechen.

Stil

Das Stück ist als Typenkomödie angelegt: Die Hauptfigur verkörpert einen einzigen, klar umrissenen Fehler, der im Lauf der drei Aufzüge immer deutlicher hervortritt. Frau Richardinn betet viel und handelt geizig – aus diesem Widerspruch zwischen frommer Fassade und kalter Berechnung gewinnt Gellert seine Komik. Kleine Begebenheiten wie die zerbrochene Tasse, das geschenkte Teeservice oder das verweigerte Trinkgeld entlarven ihren Charakter anschaulicher als jede lange Rede.

Das Lustspiel ist streng in nummerierte Auftritte gegliedert, die sich nach dem Kommen und Gehen der Personen richten. Ursprünglich war der Ton schärfer und satirischer; Gellert ließ in die erste Fassung auch biblische Zitate einfließen. In späteren Überarbeitungen milderte er die Schärfe und entfernte diese biblischen Zitate und Teilzitate wieder. So verbindet sich die heitere Bloßstellung der Heuchelei mit einer maßvollen, lehrhaften Grundhaltung.

Rezeption

Der Text erschien zuerst in den Neuen Beyträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes und noch im selben Jahr als eigenständige Veröffentlichung. Später wurde das Lustspiel gemeinsam mit weiteren Stücken Gellerts – darunter Das Loos in der Lotterie, Die zärtlichen Schwestern und Die kranke Frau – unter der Bezeichnung „Lustspiele“ herausgegeben. Dass Gellert das Werk mehrfach überarbeitete und seinen scharfen Ton abschwächte, zeigt, wie sehr er um die Wirkung des Stücks bemüht war. Bis ins 20. Jahrhundert wurde es neu aufgelegt, etwa innerhalb einer Reihe deutscher Lustspiele vom Barock bis zur Gegenwart.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten