1747
Die zärtlichen Schwestern
Überblick↑
Mit der Komödie Die zärtlichen Schwestern schuf Christian Fürchtegott Gellert ein Theaterstück in drei Aufzügen, das 1747 erschien. Die Erstaufführung fand am 6. Mai 1749 in Leipzig statt. Das Werk gehört in den Zusammenhang der Aufklärung. Gellert wollte ein Vorbild für eine neue Art von Komödie schaffen: eine, in der bürgerliche Figuren nicht ausgelacht werden, nur weil sie nicht zum Adel gehören. Seine Figuren zeigen, dass sie zu edlem Handeln fähig sind. Das Geld spielt dabei eine wichtige Rolle. Mit diesem Stück begründete Gellert einen deutschen Zweig der rührenden Komödie, wie sie in Paris unter Autoren wie Pierre-Claude Nivelle de La Chaussée und Marivaux entwickelt worden war.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Cleon, ein Vater, der sich liebevoll um seine beiden Töchter Julchen und Lottchen kümmert. Die ältere Lottchen liebt Siegmund, einen jungen Mann, der durch einen unglücklichen Prozess seines Vaters sein Vermögen verloren hat. Um das jüngere Julchen wirbt unterdessen der reiche, vernünftige Damis. Doch Julchen sträubt sich: Sie schätzt ihre Freiheit höher als die Liebe und will sich nicht festlegen lassen.
Lottchen möchte dem Glück ihrer kleinen Schwester nachhelfen und drängt sie zur Ehe mit Damis. Dabei greift sie zu einem listigen Mittel: Siegmund soll Julchen eine Liebe vortäuschen, um sie aus der Fassung zu bringen und ihr so ihre wahren Gefühle bewusst zu machen. Zugleich kommt eine Erbschaft ins Spiel, die alles in Bewegung bringt. Das Geld stellt die Beteiligten auf die Probe – auch den treuen Siegmund. Das Werk verbindet eine heitere Liebes- und Werbungsgeschichte mit der Frage, wie sich Herz, Vernunft und Vermögen zueinander verhalten.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn ärgert sich Cleon, dass Damis um seine jüngere Tochter Julchen wirbt, denn er möchte zuerst die ältere Lottchen verheiratet sehen. Lottchen jedoch freut sich für die Schwester, denn Damis ist reich, galant und vernünftig und will eine Frau aus armem Hause heiraten. Im Gespräch mit dem Vater gesteht Lottchen ihre Liebe zu Siegmund, der durch den verlorenen Prozess seines Vaters sein Vermögen einbüßte. Siegmund tritt – zunächst nur vom Vater bemerkt – in den Raum. Als Lottchen ihn offen ihrer Liebe versichert, weiß er nicht, ob er sie verdient, da er ihr in Geld und Gut nichts bieten kann. Lottchen erklärt, sie sei mit dem glücklich, was sie an ihm habe.
Damis ist verzweifelt, weil Julchen immer abweisender wird, je mehr er sie umwirbt. Lottchen und Siegmund beschließen, ihm zu helfen: Siegmund soll Julchen eine Liebe vorspielen, um ihr Herz in Unordnung zu bringen, damit sie im Zorn ihre eigentliche Liebe zu Damis erkenne. Siegmund gefällt diese Aufgabe nicht. Julchen wiederum erklärt Damis, sie ziehe die Freundschaft der Liebe vor und schätze ihre Freiheit über alles. Damis tritt enttäuscht ab; allein zurückgeblieben, beginnt Julchen an sich selbst zu zweifeln, ob sie ihn nicht doch liebe. Auch der Magister, Cleons Bruder, versucht sie zu überzeugen, dass die Liebe der natürliche Weg sei – vergeblich. Gemeinsam mit Cleon beschließt er, Julchen die Vorzüge einer Heirat künftig mit Hilfe von Fabeln, Allegorien und Parabeln nahezubringen. Unterdessen kündigt Simon, der Vormund des Damis, durch einen Zettel sein Kommen an, um über die Hochzeit zu sprechen. Cleon verspricht, seine Töchter zu unterstützen, sollte er durch das Testament der verstorbenen Frau Muhme Stephan zu Vermögen kommen.
Im zweiten Aufzug bittet Julchen ihren Vater weiter um Freiheit und Aufschub. Cleon gewährt sie ihr, will sie zu nichts zwingen. Da kommt Simon voller Freude zu Lottchen und verkündet, die verstorbene Frau Muhme habe ihr das ganze Rittergut vermacht. Doch er hat die Schwestern verwechselt: Die reiche Erbin sei in Wahrheit die jüngere Julchen. Lottchen freut sich dennoch für die Schwester. Als Siegmund von der Erbschaft erfährt, beginnt er zu schwanken: Schon länger sieht er in Julchen viele Vorzüge, und nun lockt das Geld. Er redet sich ein, Lottchen selbst habe ihm ja aufgetragen, sich in Julchen verliebt zu stellen – und sollte das misslingen, bleibe ihm immer noch Lottchen. Julchen erfährt von der Erbschaft und ist zugleich entsetzt und erfreut; großmütig will sie mit Vater und Schwester teilen, doch der Vater lehnt ab. Im Gespräch mit Cleon erkennt Julchen, dass sie an Damis alles habe, was sie auch an Siegmund hätte – warum solle sie dann nicht Damis lieben? Der Vater setzt ihr eine Frist: Am Abend, wenn alle zusammensitzen, solle sie ihre Entscheidung verkünden.
Im dritten Aufzug spitzt sich die List zu. Siegmund redet Julchen ein, Damis hintergehe sie und ziehe ihr in Wahrheit Lottchen vor. Tief enttäuscht stellt Julchen Damis zur Rede. Er weist die Beschuldigungen von sich und beteuert, diese Worte stammten nicht von ihm. In diesem Streit gesteht Julchen, dass sie ihn niemals hassen könne, weil sie ihn so sehr liebe. Schließlich kommt die Wahrheit ans Licht. Simon erklärt Lottchen, er habe sich geirrt: Sie selbst, nicht ihre Schwester, sei die wahre Erbin. Damit wird auch Siegmunds Treulosigkeit offenbar: Er hatte sich, vom Geld geblendet, von Lottchen ab- und Julchen zugewandt. Lottchen muss einsehen, dass Siegmund ihrer nicht würdig ist und eine Ehe mit ihm nicht mehr in Frage kommt. Julchen aber entscheidet sich für Damis und heiratet ihn.
Stil↑
Als Komödie in drei Aufzügen ist das Werk ganz auf gesprochenen Dialog gebaut. Die Handlung entfaltet sich in zahlreichen kurzen Auftritten, in denen jeweils nur wenige Figuren aufeinandertreffen und sich aussprechen. Gellert nutzt diese Wechsel, um Gefühle, Zweifel und Hintergedanken seiner Figuren offenzulegen. Besonders die Selbstgespräche – etwa Julchens Grübeln, wenn sie allein zurückbleibt – machen sichtbar, wie das Herz gegen den erklärten Willen arbeitet.
Der Ton ist nicht spöttisch, sondern teilnehmend. Statt seine bürgerlichen Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben, lässt der Autor sie als empfindsame, zu edlem Handeln fähige Menschen erscheinen. Damit verkörpert das Stück die rührende Komödie: Es will den Zuschauer nicht durch Auslachen, sondern durch Mitfühlen erreichen. Eine eigene Rolle spielt die Figur des Magisters, der seine Überzeugungsversuche in Fabeln, Allegorien und Parabeln kleidet – ein Zug, der zur belehrenden Grundhaltung der Aufklärung gehört. Immer wieder kreist die Sprache um die Begriffe Liebe, Freundschaft, Freiheit und Vermögen und stellt sie zur Diskussion.
Rezeption↑
In der Geschichte des deutschen Lustspiels nimmt das Werk eine eigene Stellung ein. Gellert begründete damit einen deutschen Zweig der rührenden Komödie, einer Gattung, die in Paris durch Autoren wie Pierre-Claude Nivelle de La Chaussée und Marivaux geprägt worden war. Sein Anliegen, bürgerliche Figuren ernst zu nehmen und ihnen edles Handeln zuzugestehen, traf den Nerv der Aufklärung. Damit rückte das Stück von der älteren Komödie ab, die ihre Figuren vor allem dem Gelächter aussetzte, und ebnete einer empfindsameren, am Mitgefühl orientierten Bühnenkunst den Weg.
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