1867 – 1950
Hedwig Courths-Mahler
Kurzbiografie↑
Zu den meistgelesenen deutschen Unterhaltungsschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts zählt Hedwig Courths-Mahler, geboren 1867 in Nebra an der Unstrut, gestorben 1950 in Tegernsee. Sie schrieb über 200 Liebesromane, die zu ihren Lebzeiten außerordentlich beliebt waren. Ihre erfolgreichsten Bücher entstanden zwischen 1910 und 1926; einzelne erreichten schon damals Auflagen von über 100.000 Exemplaren. Die literarische Kritik lehnte sie ab, das Publikum aber blieb ihr treu: Bis heute erscheinen ihre Geschichten in gekürzter Form als Heftromane. Über zwanzig ihrer Bücher wurden verfilmt.
Biografie↑
Geboren wurde sie 1867 in Nebra als Ernestine Friederike Elisabeth Mahler, uneheliches Kind der Marketenderin Henriette Mahler und des Saaleschiffers Ernst Schmidt. Der Vater starb noch vor ihrer Geburt an den Folgen der Schlacht bei Königgrätz. Der Stiefvater Max Brand wollte von dem Mädchen nichts wissen. So wuchs sie beim Schusterehepaar Birkner in Weißenfels auf. Der Deutschen Biographie zufolge verdankte sie dem Flickschuster Birkner manche Geschichte. Die Schule verließ sie früh, um Geld zu verdienen.
Mit vierzehn Jahren kam sie nach Leipzig zu ihrer Mutter, die inzwischen dort lebte. Sie arbeitete als Dienstmädchen und nebenbei als Vorleserin für eine alte Dame im Haus ihres Arbeitgebers. Diese Familie hatte die „Gartenlaube“ abonniert. Über die dort abgedruckten Romane von E. Marlitt kam sie mit Literatur in Berührung und entdeckte die eigene Freude am Schreiben. Mit siebzehn verfasste sie ihre erste Erzählung Wo die Heide blüht, die eine Lokalzeitung abdruckte. Danach arbeitete sie in Halle als Verkäuferin.
In Leipzig heiratete sie den Dekorationsmaler Fritz Courths; sie bekam zwei Töchter. Über das Hochzeitsjahr gehen die Angaben auseinander: Die Deutsche Biographie nennt 1888, andernorts wird 1889 angegeben. Als ihr Mann 1894 eine Stelle in Chemnitz antrat, zog die Familie mit. Dort drängte sie der befreundete Chefredakteur Paul Hermann Hartwig zum Weiterschreiben. 1904 druckte er ihr erstes Romanmanuskript im Chemnitzer Tageblatt als Fortsetzungsgeschichte unter dem Titel Licht und Schatten. Von Hartwig stammte auch der Künstlername Hedwig Courths-Mahler.
1905 ging die Familie nach Berlin, weil der Betrieb ihres Mannes dorthin verlegt worden war. Bis 1914 wohnte sie in Karlshorst im Haus ihres Schwagers, des Architekten F. Courths, danach in Charlottenburg. In Berlin begann ihre intensivste Schaffenszeit. Es erschienen mehrere Romane pro Jahr, 1920 allein vierzehn. Die Einbände gestaltete meist ihr Ehemann. Sie wurde zu einer angesehenen Persönlichkeit der Stadt. In ihrem Charlottenburger Salon verkehrten zahlreiche Berliner Künstler, vor allem Schauspieler, darunter Adele Sandrock, Emil Jannings, Curt Götz, Fritzi Massary und Käthe Haack.
Wann sie an den Tegernsee übersiedelte, wird unterschiedlich berichtet. Die Deutsche Biographie nennt 1933 als Beginn der Tegernseer Jahre, andere Angaben nennen den Hauskauf 1935. Das Haus mit Blick auf den See und den Wallberg taufte die Tochter Margarete „Mutterhof“; die ganze Familie mit Töchtern und Schwiegersöhnen zog dort ein. 1936 starb Fritz Courths.
In der Zeit des Nationalsozialismus gehörte Courths-Mahler wie alle beruflich tätigen Schriftsteller der Reichsschrifttumskammer an. Sie war außerdem förderndes Mitglied der SS. Ihre Romane den Vorgaben des Regimes anzupassen lehnte sie jedoch ab. Neuauflagen erschienen darum ab 1935 kaum noch, 1941/42 waren nur noch fünf ihrer Werke lieferbar. Ihr Gesuch, aus der Schrifttumskammer entlassen zu werden, wies man mit dem Hinweis ab, ihre Werke würden ja noch vertrieben.
Beide Töchter wurden ebenfalls erfolgreiche Schriftstellerinnen: Margarete Elzer (1889–1966) und Elfriede Stein (1891–1985), die unter dem Namen Friede Birkner schrieb. Auch sie gerieten in politische Schwierigkeiten. Friede Birkner erhielt 1941 Schreibverbot und wurde nach dem Heimtückegesetz zu 28 Monaten Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Margarete Elzer, zunächst noch mit Unterhaltungsromanen erfolgreich, wurde 1941 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen.
Als Courths-Mahler 1950 in ihrem Haus am Tegernsee starb, hatte sie 208 Unterhaltungsromane und -novellen veröffentlicht, teils auch unter den Pseudonymen Relham und Hedwig Brand. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt; die Gesamtauflage wird auf rund 80 Millionen Exemplare geschätzt. Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof in Tegernsee.
Literarische Merkmale↑
Ihr Ideal war es, laut der Deutschen Biographie, so zu schreiben, wie das Leben eigentlich sein müsste. Dieser Satz beschreibt ihr Verfahren genau. Ihre Romane zeigen nicht die Wirklichkeit, sondern eine tröstliche Gegenwelt. Sie schrieb schnell und in großer Zahl: im Durchschnitt vier Bücher pro Jahr.
Das wiederkehrende Grundmuster ist die Liebe zwischen Adel und Kleinbürgertum. Diesen Standesunterschied löst sie stets zugunsten des bürgerlichen Wunschtraums auf. Wer im Leben zu Unrecht gelitten hat, wird am Ende erhöht; eine unvermutete Erbschaft ebnet den Weg zu Verlobung und Ehe. Die Figuren sind Typen, die Handlung folgt einem festen Schema, in dem die Moral siegt und das Böse zugrunde geht.
Der Personalbestand ist entsprechend überschaubar: blondgelockte Waisen, die von schmucken Grafen gerettet werden, giftmischende Komtessen, treu liebende Soldatenbräute. Genau diese Machart traf ein Bedürfnis der Zeit. Leser, die von der harten Wirklichkeit Erholung suchten, fanden bei ihr eine unproblematisch geschilderte Scheinwelt. Die Deutsche Biographie sieht darin eine Vorwegnahme dessen, was später das Kino als „Traumfabrik“ leistete.
Rezeption↑
Umstritten war Courths-Mahler schon zu Lebzeiten. Der Bucherfolg war gewaltig, in literarischen Kreisen aber stieß sie mit ihren „Märchen für Erwachsene“ auf Ablehnung. Die Deutsche Biographie hält fest, dass die Typisierung der Gestalten und das immer gleiche Handlungsschema denkende Leser nicht befriedigen konnten. Wie sehr sie zur öffentlichen Figur geworden war, zeigt Hans Reimanns Parodie Hedwig Courths-Mahler. Schlichte Geschichten fürs traute Heim, die 1922 mit Zeichnungen von George Grosz erschien.
In Zahlen ausgedrückt fällt der Erfolg umso deutlicher aus. Allein in Deutschland wurden nach Angaben der Deutschen Biographie mehr als 25 Millionen Exemplare verkauft. Von den 205 zwischen 1905 und 1939 erschienenen Romanen kamen 95 nach 1948 neu heraus. Auch der Film bediente sich reichlich bei ihren Stoffen: Über zwanzig ihrer Bücher wurden verfilmt.
Ihre Wirkung reichte weit über ihren Tod hinaus. In den 1960er Jahren verwendete der RIAS Motive ihrer Romane in der Serie „Damals war's – Geschichten aus dem alten Berlin“. 1991 richtete der Freundeskreis Hedwig Courths-Mahler mit Unterstützung des Bastei Lübbe Verlages in ihrem Geburtsort Nebra ein Archiv zu ihrem Werk ein. Bis heute erscheinen ihre Geschichten regelmäßig in gekürzter Form als Heftromane.
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