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Porträt Günter Grass
Günter Grass
1927 – 2015
– Autorenporträt –

Günter Grass

1927 – 2015 · 87 Jahre

Günter Grass gilt als einer der wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren, der in seinen Romanen von seiner Kindheit in Danzig erzählte und sich Zeit seines Lebens politisch einmischte – 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Kurzporträt

Zu den wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren zählt Günter Grass, geboren 1927 in Danzig, gestorben 2015 in Lübeck. 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, mit der Begründung, er habe der deutschen Literatur nach Jahrzehnten moralischer und sprachlicher Zerstörung einen Neuanfang ermöglicht. Weltweite Bekanntheit brachte ihm bereits sein Romandebüt Die Blechtrommel von 1959. Sein vielseitiges Werk umfasst Prosa, Lyrik, Dramen und bildkünstlerische Arbeiten. Zugleich war Grass ein streitbarer Intellektueller, der sich Zeit seines Lebens gesellschaftspolitisch einmischte und unablässig für die Vergegenwärtigung deutscher Schuld angesichts der NS-Verbrechen eintrat – was ihm ebenso Zustimmung wie heftige Ablehnung eintrug.


Biografie

Aufgewachsen ist Grass im Danziger Vorort Langfuhr. Das Elternhaus im Labesweg war ein vierstöckiges Mietshaus, in dessen Erdgeschoss die Mutter einen Kolonialwarenladen betrieb. Der Vater Willy entstammte einer eingesessenen protestantischen Handwerkerfamilie, die Mutter war katholisch und kaschubischer Herkunft. Auf ihren Wunsch wurden die Kinder katholisch erzogen, und Günter diente in der örtlichen Herz-Jesu-Kirche als Messdiener. Zur Familie gehörte auch die drei Jahre jüngere Schwester Waltraud. Von den im Ersten Weltkrieg gefallenen Onkeln übernahm der junge Grass eigenen Angaben nach die Neigungen, von denen ihm die Mutter erzählte: die Schriftstellerei, das Schauspiel und das Kochen.

In der Schule galt Grass als frech und aufsässig, sodass er wiederholt die Schule wechseln musste. Interesse zeigte er vor allem für Deutsch und Kunst. Seiner Zeichenlehrerin Lilly Kröhnert fiel sein Talent auf; sie machte ihn auch mit Werken bekannt, die die NS-Propaganda als „entartete Kunst“ verfemt hatte. Zugleich identifizierte sich der Heranwachsende mit der Hitler-Jugend und dem Kriegsgeschehen. 1939 wurde er Mitglied im Jungvolk und in der Hitler-Jugend.

1944 endete die Schulzeit ohne Abitur mit der Einberufung, zunächst als Flakhelfer, dann zum Reichsarbeitsdienst. Im September 1944 wurde der noch nicht 17-Jährige zur Waffen-SS eingezogen und zum Panzerladeschützen ausgebildet. Diese Zugehörigkeit machte Grass erst spät in seinem Erinnerungswerk Beim Häuten der Zwiebel von 2006 öffentlich. Im Februar 1945 wurde er der 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“ zugeordnet, die bereits beim ersten Einsatz an der Ostfront schwere Verluste erlitt. Grass wurde durch einen Streifschuss und einen Granatsplitter verletzt und geriet am 8. Mai in Marienbad in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Die Beweisfotos der KZ-Verbrechen, die die amerikanische Lagerverwaltung vorlegte, hielt er zunächst für Fälschungen. Nach eigenem Bekunden änderte sich seine Haltung erst 1946, als er im Radio die Schuldbekenntnisse aus den Nürnberger Prozessen mithörte.

Aus der Gefangenschaft entlassen wurde Grass 1946. Er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, unter anderem als Erntehelfer und als „Koppeljunge“ in einem Kalibergwerk, wo er unter den Arbeitern Sympathie für die Sozialdemokratie entwickelte. 1947 ließ er sich in Düsseldorf ein Jahr lang zum Steinmetz ausbilden. 1948 bestand er die Aufnahmeprüfung an der Düsseldorfer Kunstakademie und studierte Bildhauerei und Grafik, zunächst bei Josef Mages, dann bei Otto Pankok. Bildungsreisen führten ihn 1951 nach Italien und 1952 nach Frankreich. Auf der Rückreise lernte er in der Schweiz seine spätere Frau Anna Schwarz kennen, die er 1954 heiratete.

1953 wechselte Grass an die Hochschule für bildende Künste in Berlin-West, wo er Schüler des Bildhauers Karl Hartung wurde, der ihn 1956 zum Meisterschüler ernannte. Den Anstoß zur literarischen Laufbahn gaben seine Frau und seine Schwester, die ihn 1955 zur Teilnahme an einem Lyrikwettbewerb des Süddeutschen Rundfunks überredeten. Der dritte Preis führte zur Einladung in die Gruppe 47 und zur Bekanntschaft mit Walter Höllerer, der ihm zu ersten Gedichtpublikationen verhalf. 1956 erschien der Gedichtband Die Vorzüge der Windhühner. Im selben Jahr zog das Ehepaar nach Paris, wo Grass mit Paul Celan verkehrte und in einem Kelleratelier den überwiegenden Teil der Die Blechtrommel schrieb. 1957 kamen die Zwillinge Franz und Raoul zur Welt.

Anfang 1959 war das Manuskript vollendet. Schon vor der Veröffentlichung erhielt Grass für zwei vorgetragene Kapitel 1958 den Preis der Gruppe 47. Das Erscheinen 1959 machte ihn mit einem Schlag auch im Ausland bekannt. Mit Katz und Maus von 1961 und Hundejahre von 1963 bildet der Roman die „Danziger Trilogie“. Wegen einer Tuberkulose kehrte die Familie 1960 nach Berlin zurück, wo im selben Jahr der Gedichtband Gleisdreieck erschien.

Ab 1961 engagierte sich Grass im Wahlkampf für Willy Brandt und die SPD, deren Touren er zwischen 1965 und 1972 mitorganisierte. 1970 begleitete er Brandt nach Warschau zur Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrags. Von 1982 bis 1993 war er Mitglied der SPD. 1972 zog er nach Wewelsfleth in Schleswig-Holstein, 1987 nach Behlendorf bei Lübeck, das für seine letzten Lebensjahrzehnte zum Schaffensmittelpunkt wurde. Eine seiner ausgedehntesten Reisen führte ihn 1986/87 für ein halbes Jahr nach Kalkutta. Zu seinen weiteren großen Romanen zählen Der Butt, Die Rättin und der Wiedervereinigungsroman Ein weites Feld von 1995. 1999 erhielt Grass den Nobelpreis für Literatur, für den er seit 1966 mehrfach nominiert worden war. Er war seit 1974 konfessionslos und gründete mehrere Stiftungen. Er starb 2015 in Lübeck und wurde auf dem Friedhof in Behlendorf beigesetzt.


Literarische Merkmale

Kennzeichnend für Grass ist die enge Verbindung von schriftstellerischer und bildkünstlerischer Arbeit. Vom Debüt bis zum letzten Buch gestaltete er seine Gedichtbände und einen Großteil seiner Prosawerke gemeinsam mit eigenen Zeichnungen. Seine frühen Gedichte in Die Vorzüge der Windhühner leben von spielerischer Artistik sowie skurrilen, traumnahen Metaphern. Der Werkinterpret Dieter Stolz sieht darin die scheinbar grenzenlose Freiheit des Dichters, ein privates Universum nach eigenen ästhetischen Gesetzen aufzubauen. Grass selbst betonte oft, dass er von der Lyrik herkomme und sich darin am präzisesten ausmessen könne. Seine frühen Dramenentwürfe wie Hochwasser waren vom Theater des Absurden beeinflusst; ihre Figuren bleiben in wiederkehrenden Wechsellagen gefangen, ohne je anzukommen.

Im Zentrum von Grass’ Prosa, Lyrik, Text-Bild-Bänden, Theaterstücken, Essays und Reden stehen wiederkehrende Themen und Motive. Seine Werke sind Erinnerungstexte, die geschichtliche Ereignisse mit gegenwärtigen verweben und die Geschichten historischer Figuren mit autobiografischen und autofiktionalen Erzählungen verknüpfen. Zentral sind seine Kindheit und Jugend in Danzig und die Zeit des Nationalsozialismus. In der Die Blechtrommel zeigt sich seine bevorzugte Verschlingung des menschlichen Mikrokosmos mit der als absurd betrachteten Makrohistorie: Der Ich-Erzähler, der sein Wachstum mit drei Jahren stoppt, lässt das Kleine groß und das Große klein erscheinen und trägt Anklänge an den Schelmenroman. In seinen späteren Jahren wandte Grass sich verstärkt sozialen und ökologischen Fragen zu, etwa im experimentellen Roman Die Rättin über die globale ökologische Krise oder in Text-Bild-Bänden wie Zunge zeigen und Totes Holz über das Waldsterben.


Rezeption

Bereits vor der Veröffentlichung erzeugte Die Blechtrommel gespannte Erwartungen. Hans Magnus Enzensberger nannte Grass in einer Rezension einen „Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel, ein wilder Einzelgänger“ und sagte voraus, das Buch sei ein Brocken, an dem Rezensenten und Philologen mindestens ein Jahrzehnt zu würgen hätten. Zugleich stieß der Roman auf drastische Ablehnung; Zuschreibungen wie „Pornographie“, „Blasphemie“ und „Nihilismus“ machten die Runde. Der Bremer Senat verweigerte 1960 die Zustimmung zum Literaturpreis für Grass. Anderswo in Europa und Amerika erschienen bald Übersetzungen, und binnen weniger Jahre wurde das Buch zu einem Welterfolg. In Frankreich erhielt es 1962 den Preis für das beste ausländische Buch. Einen weiteren Erfolgsschub brachte 1979 Volker Schlöndorffs Oscar-gekrönte Verfilmung.

Grass’ öffentliches Wirken war eng mit der Aufnahme seines Werks verwoben. Sein Engagement für die SPD und seine Haltung zur deutschen Wiedervereinigung, die er als „Einverleibung der DDR“ kritisierte, riefen unterschiedliche Reaktionen hervor. Seinen größten Erfolg seit Der Butt erzielte er mit der Novelle Im Krebsgang von 2002. Die Veröffentlichung von Beim Häuten der Zwiebel 2006 provozierte einen Skandal, da die Rezeption das Werk auf das späte Eingeständnis der SS-Zugehörigkeit reduzierte. Einen weiteren Skandal löste 2012 das Gedicht Was gesagt werden muss aus, in dem er die Außenpolitik der israelischen Regierung kritisierte. Laut der Deutschen Biographie wird Grass, dessen Wirkung sich unter anderem bei John Irving, Nadine Gordimer, Amos Oz und Salman Rushdie zeige, gleichermaßen als Meister des Magischen Realismus und als engagierter Zeitzeuge wahrgenommen. Sein Werk und seine Rolle als politischer Intellektueller sind bis heute Gegenstand umfangreicher Forschung im In- und Ausland.

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