1904 – 1991
Graham Greene
Kurzbiografie↑
Henry Graham Greene, geboren am 2. Oktober 1904 in Berkhamsted und gestorben am 3. April 1991 in Vevey, war ein britischer Schriftsteller. Er begann als Journalist und wurde dann Romancier, Dramatiker und Drehbuchautor. Viele seiner Romane, Erzählungen und Theaterstücke wurden verfilmt; daneben schrieb er Reiseliteratur, Essays und Kinderbücher. Sein katholischer Glaube, seine Reisen in die Krisengebiete der Zeit und sein Blick auf Politik und Gewissen prägen sein Werk. Greene gilt als der Autor mit den meisten Nominierungen für den Literaturnobelpreis, den er jedoch nie erhielt.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Graham Greene als viertes von sechs Kindern des Lehrers Charles Henry Greene und seiner Frau Marian, geborene Raymond. Die Eltern waren Cousins ersten Grades. Zur einflussreichen Großfamilie gehörten Bankiers, Politiker und die Besitzer der Greene King Brewery in Bury St Edmunds, die Charles Greenes Großvater Benjamin Greene 1799 gegründet hatte. Über seine Mutter war Greene ein Großneffe des Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Sein ältester Bruder Raymond war Arzt und Bergsteiger und nahm an der Everest-Expedition von 1933 teil; sein jüngerer Bruder Hugh Greene wurde Journalist und später Generaldirektor der BBC.
Die Schulzeit begann 1910 an der Internatsschule in Berkhamsted, deren Schulleiter der Vater war. Diese Kindheit war schwierig, weil Greene zwischen dem Vater und den Mitschülern in einen Loyalitätskonflikt geriet. In seiner Autobiografie berichtete er später, als Schüler depressiv gewesen zu sein und mehrere Suizidversuche unternommen zu haben, unter anderem durch Russisches Roulette. 1920 wurde er mit sechzehn Jahren zu einer sechsmonatigen psychoanalytischen Behandlung nach London geschickt. Anschließend studierte er Geschichte am Balliol College in Oxford; dort trat er 1925 aus einer Laune heraus, in der Hoffnung auf eine kostenlose Reise nach Moskau, für kurze Zeit der Kommunistischen Partei bei. Sein erstes Werk, der Gedichtband Babbling April, erschien 1925, wurde aber kaum beachtet.
Nach dem Studium arbeitete Greene vier Jahre als Journalist, zunächst beim Nottingham Journal, dann als sub-editor bei der Tageszeitung The Times. In Nottingham begann eine Korrespondenz mit der gleichaltrigen Katholikin Vivien Dayrell-Browning, die ihm wegen eines falsch dargestellten Punktes der katholischen Glaubenslehre geschrieben hatte. Greene war damals Agnostiker, dennoch kamen die beiden sich näher. 1926 konvertierte er mit 22 Jahren zum Katholizismus. Am 15. Oktober 1927 heirateten Greene und Vivien Dayrell-Browning in London. Aus der Ehe gingen die Tochter Caroline und der Sohn Francis hervor.
Im Jahr 1929 veröffentlichte Greene seinen ersten Roman The Man Within. Die gute Resonanz ermutigte ihn, den Dienst bei der Times zu beenden und fortan als Romanschriftsteller zu leben. Die beiden nächsten Versuche, The Name of Action (1930) und Rumour at Nightfall (1931), blieben erfolglos. Der Durchbruch kam 1932 mit Stamboul Train, der in den USA unter dem Titel Orient Express erschien und 1934 verfilmt wurde. Um sein Einkommen aufzubessern, schrieb Greene auch Filmkritiken, etwa für das Magazin The Spectator, in denen er Alfred Hitchcock verriss. Beim Magazin Night and Day war er Mitherausgeber. Eine Besprechung des Films Wee Willie Winkie (1937) mit dem Kinderstar Shirley Temple führte zu einem Verleumdungsprozess, der die Zeitschrift ruinierte. Greene war unterdessen nach Mexiko gereist und wartete dort das Ende des Prozesses ab. Dort reiften die Ideen für den Roman, der oft als sein Meisterwerk bezeichnet wird: Die Kraft und die Herrlichkeit (1940).
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Greene von 1941 bis 1943 in einer Sondermission des britischen Auslandsgeheimdienstes in Sierra Leone. Nach seiner Rückkehr nach London 1943 unterstand er in der Zentrale dem Doppelagenten Kim Philby, mit dem ihn bald eine lange Freundschaft verband. Aus dieser Zeit stammten seine genauen Kenntnisse der verborgenen Seiten des diplomatischen Lebens, die er in Romanen wie Unser Mann in Havanna (1958) ironisch darstellte. Ein ständiges Gefühl der Langeweile trieb ihn, wie er in seiner Autobiografie Ways of Escape schrieb. Das führte ihn zum Alkohol, der in vielen seiner Romane eine Rolle spielt, etwa beim „Schnaps-Priester“ in Die Kraft und die Herrlichkeit. Greene reiste in die Krisengebiete seiner Zeit und hatte viele Affären. Das Ehepaar trennte sich 1947, blieb aber bis zu seinem Tod verheiratet.
Als Schriftsteller war Greene außerordentlich produktiv. Sein erstes Theaterstück, The Living Room (1953), wurde ein großer Erfolg. Im selben Jahr belegte Kardinal Giuseppe Pizzardo den Roman Die Kraft und die Herrlichkeit mit einem Bannspruch; zeitlebens blieb Greene ein Kritiker der Amtskirche. In seinen reifen Jahren wurde er zu einem scharfen Kritiker der US-Außenpolitik und unterstützte unter anderem die Politik Fidel Castros. In dem Roman Der stille Amerikaner (1955) übte er Kritik an der US-Politik in Indochina; in den USA galt das Buch als antiamerikanisch. Von den 1950er Jahren bis zu seinem Tod stand er nahezu durchgehend unter Überwachung durch US-Geheimdienste, was erst 2002 bekannt wurde. In Die Stunde der Komödianten (1966) stellte er das Terror-Regime in Haiti dar und nannte den Diktator François Duvalier einen „Folterer“, worauf dieser ihn mit Verleumdungen verfolgte.
Zu Greenes großem Freundeskreis gehörten der Schriftsteller Evelyn Waugh, der Präsident Panamas Omar Torrijos und der Filmproduzent Alexander Korda. In François Truffauts Film Die amerikanische Nacht (1973) spielte Greene eine stumme Rolle. Über vierzig Jahre lang war er öffentlich präsent, sein Privatleben aber hielt er möglichst abgeschirmt. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er in Vevey am Genfersee, wo er sich mit Charlie Chaplin anfreundete und ihn bis zu dessen Tod 1977 oft besuchte. Graham Greene starb 1991 mit 86 Jahren an Leukämie. Sein Grab liegt auf dem Friedhof von Corseaux im Kanton Waadt. Seine Frau Vivien starb 2003.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Greenes Erzählen ist der Blick auf Zweifel, Schuld und Gewissen, oft vor dem Hintergrund seines katholischen Glaubens. Figuren wie der „Schnaps-Priester“ in Die Kraft und die Herrlichkeit zeigen, wie er Glaubensnot und menschliche Schwäche zusammenführt. Auch der Alkohol, der in vielen seiner Romane eine Rolle spielt, gehört zu diesen wiederkehrenden Motiven.
Seine Kenntnis der verborgenen Seiten von Diplomatie und Geheimdienst brachte er mit spürbarer Ironie ein, etwa in Unser Mann in Havanna. Politik und Zeitgeschehen verarbeitete er unmittelbar, so die US-Politik in Indochina in Der stille Amerikaner oder das Terror-Regime in Haiti in Die Stunde der Komödianten. In Orient Express heißt es: „Ein Romanschriftsteller ist so etwas wie ein Spion.“ Rudolf Walter Leonhardt, der Greene persönlich kannte, sah in ihm vor allem einen Individualisten, der für die Literaturwissenschaft und auch für die Nobelpreis-Jury schwer einzuordnen war.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten war Greene ein weithin bekannter und produktiver Autor, dessen Romane, Erzählungen und Theaterstücke vielfach verfilmt wurden. Er gilt als der Schriftsteller mit den meisten Nominierungen für den Literaturnobelpreis, erhielt ihn jedoch nie. Rudolf Walter Leonhardt führte dies unter anderem darauf zurück, dass Greene als Individualist auch für die Jury zu schwer einzuordnen war.
Sein Werk löste immer wieder Streit aus. Der Roman Die Kraft und die Herrlichkeit wurde 1953 von Kardinal Giuseppe Pizzardo mit einem Bannspruch belegt, und Greene blieb zeitlebens ein Kritiker der Amtskirche. In den USA galt Der stille Amerikaner vielen als antiamerikanisch. Diese und weitere US-kritische Äußerungen führten dazu, dass Greene über Jahrzehnte unter der Überwachung von US-Geheimdiensten stand, was erst 2002 bekannt wurde. Für seine Darstellung Haitis in Die Stunde der Komödianten wurde er vom Diktator François Duvalier mit Verleumdungen verfolgt.
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