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Der stille Amerikaner
1955
– Werkseintrag –

Der stille Amerikaner

1955 · Roman

Ein britischer Korrespondent will neutral bleiben – bis der Krieg in Indochina und die Liebe zu einer jungen Vietnamesin ihn zwingen, Partei zu ergreifen.

Überblick↑

Der Roman Der stille Amerikaner von Graham Greene erschien 1955 unter dem Originaltitel The Quiet American. Er verbindet Elemente des Kriminalromans mit denen des Polit-Thrillers. Im Mittelpunkt steht der britische Zeitungskorrespondent Fowler, der seine journalistische Neutralität aufgibt, sich in den Indochinakrieg einmischt und in ein Mordkomplott gegen den amerikanischen Geheimagenten Pyle verstrickt. Das Buch gilt als hellsichtige Schilderung der Lage in Indochina Mitte der 1950er Jahre. Vor allem das durch Pyle verkörperte beginnende amerikanische Engagement, das rund ein Jahrzehnt später in den Vietnamkrieg mündete, hat Greene früh und genau erfasst. Wegen der amerikakritischen Darstellung stand der Autor von der Veröffentlichung bis zu seinem Tod unter geheimdienstlicher Beobachtung.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Gegen Ende der französischen Kolonialherrschaft lebt der Brite Thomas Fowler als Auslandskorrespondent in Saigon. An seiner Seite ist die junge Einheimische Phuong. Von seiner Frau in England hat sich Fowler entfremdet; ob er sich wirklich scheiden lassen will oder die angekündigte Scheidung nur ein Mittel ist, um Phuong an sich zu binden, bleibt zunächst offen, denn seine katholische Frau lehnt die Trennung ab.

Fowler berichtet vom Vorgehen der französischen Kolonialmacht gegen die Widerstandsbewegung Việt Minh und bemüht sich dabei um Objektivität und Neutralität. Er lernt den jungen Amerikaner Alden Pyle kennen, der von den Ideen eines Sachbuchautors fasziniert ist und meint, die Lösung des Krieges liege in einer unbestimmten „dritten Kraft“. Pyle gibt sich als Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft aus, ist aber in Wahrheit für einen Geheimdienst tätig. Zugleich verliebt er sich in Phuong und tritt gegen Fowler in einen Wettbewerb um die junge Frau.

Der Roman setzt mit der polizeilichen Untersuchung eines Mordes ein und erzählt die Dreiecksgeschichte in Rückblicken. So entsteht eine doppelte Spannung: die um das Verbrechen und die um die moralische Frage, wie weit ein Mensch schuldig wird, der sich einzumischen beginnt.

Die Handlung im Detail↑

Zwischen Ende 1951 und Anfang 1952 lebt der britische Korrespondent Thomas Fowler in Saigon, wo er als einsamer Berichterstatter den Indochinakrieg verfolgt. Bei sich hat er die junge Vietnamesin Phuong. Von England und seiner Frau hat er sich gelöst; die angekündigte Scheidung ist womöglich nur ein Trick, um Phuong zu halten, da seine Frau aus religiösen Gründen nicht einwilligt.

Fowler lernt den jungen Amerikaner Alden Pyle kennen, der von den Visionen des fiktiven politischen Autors York Harding fasziniert ist. Harding war nur kurz in Vietnam, glaubt aber, die Lösung des Krieges liege im Aufbau einer unbestimmten „dritten Kraft“. Fowler erfährt später, dass Pyle sich zwar als Mitarbeiter des Handelsattachés ausgibt, tatsächlich aber Agent eines nicht genannten US-Geheimdienstes ist. Pyle will diese prowestliche dritte Kraft aufbauen und unterstützt dafür den Terror eines lokalen Warlords: Er liefert Plastiksprengstoff für Bombenanschläge, die auch Zivilisten treffen. Zugleich verliebt sich Pyle in Phuong. Nach einem längeren, betont „fairen“ Wettstreit gewinnt er sie mit einem Heiratsversprechen für sich. Bei einem gemeinsamen Besuch an der Front rettet Pyle Fowler das Leben.

In dieser lebensbedrohlichen Lage an der Front erkennt Fowler, dass schon seine bloße Anwesenheit die Abläufe verändert und er damit mitschuldig wird am Tod anderer. Er zieht den Schluss, dass eine neutrale Position zwischen den Fronten eine Illusion sei. Er verlässt seine Beobachterrolle und entschließt sich, an der politisch motivierten Tötung Pyles mitzuwirken: „Früher oder später muß man Partei ergreifen. Wenn man ein Mensch bleiben will (…) Ich war mittlerweile genauso engagé wie Pyle, und es schien mir, dass nie wieder eine Entscheidung einfach sein würde.“

Als sich Pyle als Repräsentant einer menschenfeindlichen Politik erweist, hinter der auch wirtschaftliche Interessen von Amerikanern stehen, und als klar wird, dass menschliche Opfer nur als Zahlen in einer Rechnung zählen, liefert Fowler den Amerikaner den Kommunisten aus, die ihn töten. Damit dient Fowler zugleich der vietnamesischen Sache und der Rückgewinnung Phuongs. Der Roman beginnt zeitlich nach diesem Tod: Pyle ist bereits ermordet, und erst auf den letzten Seiten wird deutlich, dass Fowler an der Tat mitwirkte.

Stil↑

Erzählt wird der Roman aus der Ich-Perspektive Fowlers. Die Handlung springt zwischen dem Rahmen der polizeilichen Mordermittlung und den Rückblicken auf die Dreiecksgeschichte hin und her. Diese nicht-chronologische, leicht zwischen den Schauplätzen wechselnde Führung hält sowohl die kriminalistische als auch die moralische Spannung bis zum Schluss aufrecht. Erst auf den letzten Seiten wird Fowlers Mitwirkung am Tod seines Nebenbuhlers erkennbar.

Bemerkenswert ist der nüchterne, betont „faire“ Standpunkt des Erzählers. Fowler bezeichnet den Amerikaner mehrfach als einen „Unschuldigen“ und sieht in ihm einen Romantiker, der für hehre Ziele über Leichen geht: „Er war bis zur Unverwundbarkeit gepanzert mit seinen guten Absichten und seiner Unwissenheit.“ Greenes Blick findet beim Bösen ein Gutes und beim Guten eine moralisch faule Stelle, denn Fowler räumt mit dem Mord an Pyle zugleich seinen Rivalen um Phuong aus dem Weg. So bleibt kein Beteiligter moralisch eindeutig, und die Schuldfrage lässt sich bis zuletzt nicht glatt auflösen.

Rezeption↑

Weithin gilt das Buch als weitsichtige Beschreibung der Lage in Indochina. Zu einer Zeit, als die USA erst begonnen hatten, den französischen Truppen zu helfen, skizzierte Greene die breite Unterstützung der Việt Minh in der Bevölkerung, den überlebten Kolonialanspruch der Franzosen und die Mittel der amerikanischen Strategie. Etwa ein Jahrzehnt später mündete diese Entwicklung in den Vietnamkrieg. In einer häufig angeführten Deutung stehen die drei Hauptfiguren als Parabel für die politischen Akteure: Fowler für die kraftlosen europäischen Kolonialmächte, Pyle für das naive beginnende Engagement der USA und Phuong für das vietnamesische Volk, um das beide werben. Der Philosoph Paul Watzlawick sah in Pyle einen exemplarischen Zug des amerikanischen Nationalcharakters: „Denn für ihn ist die Idee wirklicher als die Tatsache.“ Der Journalist Peter Scholl-Latour erkannte in Phuong typische Eigenschaften des vietnamesischen Volkes wieder.

Als Vorbild für Alden Pyle wird oft der CIA-Offizier Edward Lansdale genannt, doch Greene bestritt dies ausdrücklich und nannte als Anregung Leo Hochstetter, einen jungen Mitarbeiter der amerikanischen Wirtschaftshilfe. Dafür spricht, dass Greene einen Entwurf fertigstellte, bevor Lansdale seinen Dienst in Vietnam antrat. Bei der Erstverfilmung von 1958, Vier Pfeifen Opium unter der Regie von Joseph L. Mankiewicz, nahm Lansdale Einfluss, sodass der Amerikaner als Held und Fowler als zwielichtige Figur erschien. Greene war empört und nannte den Film einen „Propagandafilm für Amerika“. In den USA wurde das Buch weithin als antiamerikanisch kritisiert. Das war der Anlass dafür, dass Greene von den 1950er Jahren bis zu seinem Tod 1991 unter Beobachtung durch US-Geheimdienste stand; die britische Zeitung The Guardian machte dies 2002 anhand von Regierungsdokumenten öffentlich. Im selben Jahr kam eine Neuverfilmung von Phillip Noyce in die Kinos.

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