1967
Die Stimmen von Marrakesch
Überblick↑
Das schmale Buch Die Stimmen von Marrakesch trägt den Untertitel „Aufzeichnungen nach einer Reise“ und versammelt Eindrücke, die Elias Canetti von einem Aufenthalt in Marokko mitgebracht hat. Es erschien 1967 in der Reihe Hanser. Statt eines fortlaufenden Reiseberichts bietet es eine Folge kurzer, in sich geschlossener Szenen aus der Stadt Marrakesch. In ihnen versucht Canetti, die Atmosphäre der Stadt und die Stimmen ihrer Menschen einzufangen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Als Ich-Erzähler führt Canetti den Leser in die marokkanische Großstadt Marrakesch, die er in den 1950er Jahren in Begleitung eines Filmteams bereiste. Vor den Einheimischen tritt er als Engländer auf, denn er lebt in London; im jüdischen Viertel, der Mellah, gibt er sich auch als Jude zu erkennen.
Das Buch besteht aus vielen kurzen Abschnitten, von denen jeder eine eigene Szene festhält. Der Erzähler besucht einen Kamelmarkt und entdeckt im Wesen der Tiere viel Menschliches. Er streift über die Suks, die überdachten Märkte, und schildert die Düfte und Farben der Waren und das Feilschen mit den Händlern. Immer wieder hört er die fordernden Rufe der Blinden, die zugleich Allahs Segen versprechen.
Weitere Szenen führen auf die flachen Dächer der Häuser, zu einem heiligen Mann, zu einer Frau hinter einem Gitter und tief hinein in die Mellah. Der Erzähler wird in ein Haus eingeladen, beobachtet Geschichtenerzähler und Schreiber auf der Straße und lauscht den vielen Stimmen, die der Stadt ihren Klang geben. Da die Abschnitte weitgehend für sich stehen, lässt sich das Buch wie eine Sammlung von Momentaufnahmen lesen.
Die Handlung im Detail↑
Mit seinem Freund besucht der Erzähler zu Beginn einen Kamelmarkt. Im Verhalten der Tiere erkennt er viel Menschliches, und es erschüttert ihn, dass die Kamele zur Schlachtung geführt werden. Auf den Suks beschreibt er die Waren, ihre Düfte und Farben sowie das Feilschen mit den Händlern. In den immer wiederkehrenden Bittrufen der Blinden, verbunden mit dem versprochenen Segen Allahs, erkennt er einen tieferen Sinn des Lebens.
Ein heiliger Mann, der Marabu, nimmt die ihm gespendeten Münzen in den Mund, kaut sie und spuckt sie mit viel Speichel wieder aus. In einem anderen Abschnitt sucht der Erzähler einen Ort der Stille und steigt auf das flache Dach des Hauses seines Freundes. Er blickt in die Ferne; als er aber die Nachbarhäuser betrachten möchte, wird sein Freund unruhig, denn es gilt als verpönt, in fremde Häuser zu sehen. Auf einem Spaziergang trifft er eine unverschleierte Frau, die ihm vom ersten Stock herab liebliche Koseworte zuruft. Fasziniert bleibt er lange stehen und schaut zu ihr hinauf, bis er einen Jungen auf Französisch fragt, ob sie verrückt sei – was dieser bestätigt.
In einem längeren Abschnitt besucht der Erzähler die Mellah, das jüdische Viertel. Zuerst trifft er auf kleine Läden mit feinen Stoffen, doch je weiter er geht, desto ärmer wird die Umgebung. Schließlich gelangt er auf einen kleinen Platz, den er als Mittelpunkt der Mellah bezeichnet und mit dem er sich stark verbunden fühlt. Nach dem Besuch einer Schule, in der der Lehrer das Können seiner Schüler vorführt, wird er von einem seltsamen Führer über den jüdischen Friedhof geleitet und dabei von vielen Bettlern bedrängt.
Den Wunsch, ein arabisches Haus von innen kennenzulernen, erfüllt ihm die Familie Dahan, die ihn einlädt. Ihr Haus ist ganz nach europäischem Geschmack eingerichtet. Er lernt den schwatzhaften Sohn und den Großvater kennen, einen klugen, abgeklärten Gelehrten. In einem kurzen Kapitel beschreibt er die Geschichtenerzähler, die auf der Straße Menschen um sich versammeln und gekonnt unterhalten; er bewundert sie sehr. Etwas abseits warten die Schreiber mit ihrem Schreibzeug auf Kundschaft, bei einem von ihnen sitzt eine ganze Familie. Am Abend verkaufen Frauen an einer bestimmten Stelle Brote, und der Erzähler beobachtet, wie ein Mann einen Laib kauft und dann verschwindet.
Dunkler werden die letzten Szenen. Vor einem Restaurant, um das Bettelkinder stehen, erzählt der französische Inhaber von einem Erlebnis: Einst lugte er durch ein Loch, während sich ein Freund mit einem jungen Mädchen vergnügte, stahl heimlich das ihm gegebene Geld zurück, und alle lachten darüber. Seither verachten ihn die Engländer, in deren Ansehen er nun tiefer steht als die Bettelkinder. In einer anderen Nacht umringt eine Menschenmenge einen Mann, der mit dem Stock auf einen ausgemergelten Esel einschlägt, bis sich das Tier im Kreis dreht und der Herr mit ihm; die Leute biegen sich vor Lachen. Canetti glaubt, der Esel werde die Nacht nicht überleben. Am nächsten Morgen aber steht er wieder allein auf dem Platz, und zwischen seinen Hinterbeinen hängt ein riesenhaftes Glied herab – Canetti bewundert die Lebenskraft des Tieres.
Die Bar Scheherazade wird nur von Ausländern und reichen Arabern besucht. Ihre Inhaberin, Madame Mignon, hat eine chinesische Mutter und einen französischen Vater; sie ist mit einem ehemaligen Fremdenlegionär verheiratet, der Kunden gelegentlich in das Bordell auf der anderen Straßenseite begleitet. Am Ende steht der Unsichtbare: ein Mann, der täglich unter schmutzigen Lumpen auf dem Platz hockt und kaum zu erkennen ist. Sein durchdringendes Krächzen „ä, ä, ä“ ist über den ganzen Platz zu hören. Canetti ist von ihm fasziniert, nähert sich ihm immer wieder, sieht ihn aber niemals die zugeworfenen Münzen aufsammeln.
Stil↑
Kein Reisebericht im üblichen Sinne ist dieses Buch, sondern, wie schon der Untertitel andeutet, eine Sammlung von Impressionen. Sie sind zu Skizzen geronnen, zu Momentaufnahmen, mit denen Canetti die Atmosphäre der Stadt einfangen oder zumindest blitzlichtartig beleuchten will. Die einzelnen Abschnitte stehen grundsätzlich unabhängig voneinander, auch wenn gelegentlich Verweise und Übergänge eingebaut sind, die das Buch im Inneren zusammenhalten.
Canetti schreibt durchgehend als Ich-Erzähler. Vieles erschließt sich über das genaue Hinhören: Rufe, Stimmen und Geräusche werden zu eigentlichen Hauptfiguren der Schilderung, wie es schon der Titel verspricht. Auffällig ist der wache, oft mitfühlende Blick auf Menschen und Tiere am Rand, deren Würde der Erzähler ernst nimmt, ohne die Fremdheit der Szenen zu glätten.
Rezeption↑
Zu den kürzeren Prosawerken Elias Canettis zählend, besteht der Band aus einzelnen Skizzen, die sich für sich lesen lassen. Die dichte, sinnliche Beschreibung Marrakeschs und das genaue Hinhören auf die Stimmen der Stadt prägen das Bild, das viele Leser von diesem Buch behalten haben.
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