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Autoreneintrag · Elias Canetti
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Porträt Elias Canetti
Elias Canetti
1905 – 1994
– Autorenporträt –

Elias Canetti

1905 – 1994 · 89 Jahre

Erforscher der Masse und der Macht, später Chronist seiner eigenen Lebensgeschichte – 1981 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Kurzporträt

Elias Canetti gehört zu den schwer einzuordnenden Gestalten der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er war ein in Bulgarien geborener, sephardisch-jüdischer Autor. Deutsch lernte er erst mit zwölf Jahren und machte diese Sprache zu seiner geistigen Heimat. Sein Werk umfasst den Roman Die Blendung, drei Dramen, die anthropologische Studie Masse und Macht, aphoristische Aufzeichnungen und eine mehrbändige Autobiografie. Im Mittelpunkt seines Schreibens stehen die Erforschung des Todes, der Massenphänomene und der Macht. Lange Zeit blieb Canetti einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt. Erst ab Mitte der 1960er Jahre fand sein Werk verstärkte Anerkennung. 1981 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.


Biografie

Elias Salomon Canetti wurde am 25. Juli 1905 im bulgarischen Russe geboren. Er war der älteste Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie, die über das Osmanische Reich nach Bulgarien gekommen war. Seine erste Sprache war das judenspanische Ladino. Als Kind erkrankte er an Masern und verlor für einige Tage sein Sehvermögen. Dieses Erlebnis verfolgte ihn lebenslang und ging mehrfach in sein Werk ein.

1911 zog die Familie nach Manchester, wo sich der Vater an einem Geschäft beteiligte. Dort lernte Elias Englisch und etwas Französisch. Im Oktober 1912 jedoch starb der Vater überraschend, vermutlich an einem Herzinfarkt. Dieser frühe Verlust prägte Canettis spätere Beschäftigung mit dem Tod entscheidend. Die Mutter zog mit den drei Söhnen nach Wien und brachte Elias in einer strengen pädagogischen Kur Deutsch bei.

1916 wechselte die Familie wegen des österreichischen Kriegspatriotismus in die neutrale Schweiz. Von 1917 bis 1921 besuchte Canetti das Realgymnasium Rämibühl in Zürich. 1921 zog er mit der Mutter und den Brüdern nach Frankfurt am Main. Dort legte er 1923 am Wöhler-Realgymnasium das Abitur ab. In dieser Zeit entwickelte sich eine sehr enge, eifersüchtige Beziehung zur Mutter, einer stolzen, theaterbegeisterten Frau. Die gemeinsamen Leseabende mit klassischen Dramen nährten Canettis Wunsch, Dichter zu werden. Später entfremdete er sich von der Mutter und brach schließlich ganz mit ihr.

Ab 1924 lebte Canetti wieder in Wien und studierte dort Chemie, ohne echtes Interesse für das Fach. 1929 wurde er in Chemie promoviert. Im selben Jahr lernte er Veza Taubner kennen. Er heiratete sie 1934, und sie ermutigte ihn in seinen schriftstellerischen Plänen. Vier Jahre lang besuchte er die Vorlesungen von Karl Kraus, den er fanatisch verehrte. Später löste er sich aber bewusst von ihm, um eine eigene Stimme zu finden. Persönliche Erlebnisse weckten in ihm das Interesse am Phänomen der Masse: die Demonstration nach der Ermordung Walther Rathenaus 1922 in Frankfurt und vor allem der Wiener Justizpalastbrand 1927. 1928 arbeitete er während eines Berlin-Aufenthalts als Übersetzer beim Malik-Verlag von Wieland Herzfelde. Dort begegnete er John Heartfield, George Grosz, Bertolt Brecht, Isaak Babel und Ludwig Hardt. Der Kontrast zwischen Wien und dem „Irrenhaus" Berlin regte ihn zu seinem Roman Die Blendung an, den er 1930/31 schrieb. Es folgten die Dramen Hochzeit und Die Komödie der Eitelkeit. Durch Lesungen lernte Canetti Hermann Broch, Robert Musil, Alban Berg, den Bildhauer Fritz Wotruba und den Gelehrten Abraham Sonne kennen.

Nach dem „Anschluss" Österreichs 1938 floh das staatenlose Ehepaar zur Jahreswende 1938/1939 über Frankreich nach England. In London lebten die Canettis unter wechselnden Adressen, oft in getrennten Wohnungen. Veza sorgte durch Auftragsarbeiten für einen großen Teil des spärlichen Einkommens und verstand sich als Förderin seines Werkes. Canetti unterhielt zugleich langjährige Beziehungen zu anderen Frauen, darunter Frieda Benedikt, die Malerin Marie-Louise von Motesiczky und die Schriftstellerin Iris Murdoch, die ihn den „Zauberer" nannte. In London konzentrierte er sich auf seine Studie über die Masse und veröffentlichte rund zwanzig Jahre lang kaum Neues. 1946 erschien Die Blendung in einer viel beachteten englischen Übersetzung, die ihn in den Londoner Intellektuellenkreisen bekannt machte. Er verkehrte mit Franz Baermann Steiner, Hans Günther Adler, Erich Fried, Bertrand Russell, Dylan Thomas und Arthur Waley. 1952 erwarb er die britische Staatsbürgerschaft.

1960 erschien endlich Masse und Macht. Die verhaltene Resonanz enttäuschte Canetti. Ab 1963 nahm der Münchner Hanser-Verlag seine Werke ins Programm. Im selben Jahr starb seine Frau Veza, 1971 sein geliebter Bruder Georges. Aus der Bekanntschaft mit der Kunstrestauratorin Hera Buschor (1933–1988) wurde eine Liebesbeziehung. Das Paar heiratete 1971, ein Jahr später kam die Tochter Johanna zur Welt. Canetti übersiedelte nach Zürich, behielt aber die Wohnung in London-Hampstead und seine britische Staatsbürgerschaft. In Zürich arbeitete er vor allem an seiner Autobiografie. Der erste Band, Die gerettete Zunge, erschien 1977 und wurde ein Publikumserfolg. 1981 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Daraufhin entschloss er sich, keine Interviews und Lesungen mehr zu geben. 1988 starb seine Frau Hera an Krebs.

Elias Canetti starb am 14. August 1994 im Alter von 89 Jahren in Zürich. Er wurde auf dem Friedhof Fluntern in der Nähe des Grabes von James Joyce beigesetzt. Die algorithmische Quellenprüfung ergab einen Widerspruch beim Sterbedatum. Wikidata verzeichnet den 14. August 1994, die Deutsche Nationalbibliothek nennt den 14. August 1944. Dies ist ein offenkundiger Erfassungsfehler, denn die Wikipedia-Darstellung belegt das Sterbejahr 1994 zweifelsfrei. Sein Nachlass befindet sich nach seinem Wunsch in der Zentralbibliothek Zürich. Einen privaten Teil – Tagebuch und große Teile der Briefkorrespondenz – hatte er für dreißig Jahre nach seinem Tod gesperrt. Er darf erst ab 2024 eingesehen werden.


Literarische Merkmale

Canetti ist literarisch schwer in eine Schublade zu stecken. Schon die Vielfalt der Gattungen, in denen er gearbeitet hat, sprengt jede einfache Zuordnung. Roman, Drama, anthropologische Studie, Aphorismen, Reiseaufzeichnungen und Autobiografie stehen nebeneinander. Thematisch dagegen ist sein Werk auffallend einheitlich. Es kreist um eine einzige große Frage: Was bedeutet die Erkenntnis des unausweichlichen Todes für das Leben des Menschen? Aus dieser Frage erwachsen seine weiteren Interessen: die verschiedenen Religionen und Glaubensformen, vor allem aber das Phänomen der Masse und die Erscheinungsformen der Macht.

Sein Interesse am Massenphänomen ist nicht aus Büchern entstanden, sondern aus eigenem Erleben. Demonstrationen wie nach der Ermordung Walther Rathenaus 1922 und besonders der Wiener Justizpalastbrand 1927 wurden für ihn zu Schlüsselerfahrungen. Die Studien von Gustave Le Bon und Sigmund Freud erschienen ihm unzureichend. Er wollte das Phänomen von Grund auf neu erfassen. Daraus erwuchs sein Hauptwerk Masse und Macht, an dem er Jahrzehnte arbeitete.

Trotz aller Skepsis gegenüber Massenbewegungen und Führerkult war Canetti kein pessimistischer Autor. In seinem Essay Der Beruf des Dichters von 1976 verstand er es als Aufgabe des Dichters, Raum für Hoffnung und Wege aus dem Chaos zu öffnen. Seine deutsche Sprache war eine erworbene Sprache, denn Ladino, Englisch und Französisch waren vorausgegangen. Gerade dieses späte und bewusste Hineinwachsen in das Deutsche prägte sein Verhältnis zur Sprache. Sie sei, schreibt er in Die Provinz des Menschen, die Heimat seines Geistes geblieben, und er wolle ihr als Jude zurückgeben, was er ihr schulde.

Charakteristisch ist auch Canettis zögerliches Veröffentlichen. Zwischen der Blendung von 1935 und Masse und Macht von 1960 liegen zweieinhalb Jahrzehnte, in denen er fast nichts publizierte. Diese Zurückhaltung ist Teil seines Schreibens. Er arbeitete langsam, prüfte lange und brachte erst dann ans Licht, was er für reif hielt.


Rezeption

Canettis Weg zur literarischen Anerkennung verlief langsam und in Schüben. Sein Roman Die Blendung blieb nach dem Erscheinen 1935 weitgehend ohne Echo. Erst die englische Übersetzung von 1946 brachte ihm in London erstmals Aufmerksamkeit und machte ihn in den dortigen Intellektuellenkreisen zu einer schillernden Figur. Im deutschen Sprachraum dagegen blieb er noch lange ein Geheimtipp.

Auch die Veröffentlichung seines philosophischen Hauptwerks Masse und Macht 1960 brachte zunächst nicht die erhoffte Wirkung. Canetti selbst war enttäuscht von der geringen Resonanz. Erst als der Münchner Hanser-Verlag ab 1963 sein Werk systematisch ins Programm nahm – sowohl die frühen Wiener Arbeiten als auch neue Texte –, wuchs seine Präsenz in der Öffentlichkeit. Lesungen, Interviews, Theateraufführungen und Literaturpreise machten ihn in den 1960er und 1970er Jahren bekannter. Das Drama Die Befristeten, 1956 uraufgeführt, hatte allerdings nur mäßigen Erfolg.

Den eigentlichen Durchbruch beim Publikum brachte 1977 der erste Band seiner Autobiografie, Die gerettete Zunge. Vier Jahre später, 1981, erhielt Canetti den Nobelpreis für Literatur – die Krönung einer langen, zögerlichen Karriere. Anders als viele Preisträger nutzte er die Auszeichnung nicht für mehr öffentliche Auftritte, sondern zog sich noch entschiedener zurück. Er gab fortan keine Interviews und Lesungen mehr.

Seine Wirkung reichte auch in die Forschung und in andere Lexika hinein. Die Deutsche Biographie verzeichnet ihn ausführlich. Das Historische Lexikon der Schweiz behandelt ihn in einem 2015 von Rüdiger Zymner verfassten Artikel. Sein Andenken ist im wörtlichen Sinn an Zürich gebunden: Auf dem Friedhof Fluntern liegt er in der Nähe von James Joyce begraben – eine letzte Nachbarschaft, die er bewusst gesucht hatte.

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