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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Ivan Cankar
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Porträt Ivan Cankar
Ivan Cankar
1876 – 1918
– Autorenporträt –

Ivan Cankar

1876 – 1918 · 42 Jahre

Ivan Cankar gilt bis heute als einer der bedeutendsten Autoren der slowenischen Kulturgeschichte, dessen Werk moderne Ästhetik mit scharfer Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen seiner Heimat verbindet. Elf Jahre lebte er in Wien, schrieb aber stets nur für sein slowenisches Publikum.

Kurzbiografie↑

Als zentrale Gestalt der slowenischen literarischen Moderne gilt Ivan Cankar (1876–1918) bis heute als einer der bedeutendsten Autoren der slowenischen Kulturgeschichte. Er arbeitete als Prosaist, Dramatiker, Lyriker, Satiriker, Essayist und Kritiker. Elf Jahre verbrachte er in Wien, doch schrieb er stets allein für ein slowenisches Publikum. Neben seiner in Prag lebenden Kollegin Zofka Kveder war er einer der ersten slowenischen Berufsschriftsteller. Sein Werk verbindet moderne Ästhetik mit scharfer Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen seiner Heimat.


Biografie↑

Geboren wurde Ivan Cankar am 10. Mai 1876 in Vrhnika (Oberlaibach) bei Ljubljana, damals Österreich-Ungarn. Er war der Sohn des Schneiders Jožef Cankar und dessen Frau Neža, geborene Pivk, der Tochter eines Knechts. Seine Kindheit und Jugend waren von Armut geprägt. Weil Ivan ein guter Schüler war, ermöglichte ihm eine jährliche Zuwendung der Krainischen Sparkasse den Besuch des Realgymnasiums in Ljubljana, dessen Unterrichtssprache Deutsch war. Das Geld reichte kaum für die Wohnung, sodass er auf sogenannte Freitische angewiesen war, unter anderem beim Schriftsteller und späteren Bürgermeister Ljubljanas Ivan Tavčar. Die Demütigungen dieser fremden Wohltätigkeit verarbeitete er später in der postum erschienenen Erzählung Grešnik Lenart (Der Sünder Lenart. Biographie eines Kindes).

Nach der Matura 1896 ging Cankar nach Wien und schrieb sich für Hochbau an der Technischen Universität ein. Bereits im Frühjahr 1897 brach er das Studium ab und kehrte nach Vrhnika zurück. Nach dem Tod seiner Mutter, deren Begräbnis er mit dem Vorschuss für seinen ersten Gedichtband Erotika bezahlte, zog er nach Ljubljana. 1898 lebte er kurz in Pula, ehe er im Herbst wieder nach Wien ging und sich dort als Schriftsteller niederließ. Am längsten wohnte er im Arbeiterbezirk Ottakring, den er in vielen Texten verewigte und der auch einigen seiner Romane als Schauplatz dient.

Cankar verbrachte elf Jahre in Wien, schrieb aber nie für ein anderes als das slowenische Publikum. So spielt auch der Großteil seines dort entstandenen Werks in Slowenien. Schon vor der Übersiedlung waren die beiden Dramen Romantične duše (Romantische Seelen, 1897) und Jakob Ruda (1898) entstanden, von denen das zweite 1900 in Ljubljana inszeniert wurde. Seine erste Buchpublikation, der im Frühjahr 1899 erschienene Gedichtband Erotika, geriet zum Skandal: Der Bischof von Ljubljana, Anton Bonaventura Jeglič, ließ bald nach der Veröffentlichung alle noch verfügbaren Exemplare aufkaufen und vernichten. Cankar ließ sich davon nicht beirren und betrachtete den Skandal sogar als willkommene Reklame für seinen Erzählband Vinjete (Vignetten), der noch im selben Jahr erschien.

Auf Fotografien inszenierte sich der junge Autor gern als großstädtischer Dandy, obwohl er in ständigen Geldnöten war und oft auf Pump lebte. Ein großer Teil seiner Korrespondenz mit Verlegern, Bekannten und Freunden dreht sich um finanzielle Angelegenheiten. Diesem dekadenten Selbstbild stand der im proletarischen Umfeld der Vorstadt lebende und pausenlos arbeitende Autor gegenüber, der sich bewusst von der Wiener literarischen Moderne distanzierte.

In Wien begann Cankar, sich politisch zu organisieren. 1907 ließ er sich als Kandidat der Sozialdemokratischen Partei der Südslawen für den Reichsrat aufstellen und unternahm eine Wahlkampftour durch seinen Wahlkreis Litija und Zagorje. Die Kandidatur blieb im Wesentlichen eine biographische Episode, doch blieb er der Partei als Vortragender in Arbeitervereinen und als kritischer Kommentator ihrer Beschlüsse verbunden. Einzelne Entscheidungen missbilligte er öffentlich, etwa die 1909 verabschiedete Tivoli-Resolution zur sprachlichen und kulturellen Vereinigung der Südslawen.

1909 nutzte Cankar eine Reise nach Sarajevo, um nicht mehr nach Wien zurückzukehren und sich so auch einem jahrelangen Heiratsversprechen gegenüber der Tochter seiner Zimmerwirtin zu entziehen. Er lebte zunächst in einem Hotel in Ljubljana und zog 1910 in ein Gasthaus auf dem Rožnik, wo er ein eigenes Nebenhäuschen bewohnte. Die für Dezember 1909 geplante Aufführung seines Dramas Hlapci (Knechte) kam nicht zustande, weil die Krainer Zensurbehörde mehr als sechzig Stellen als gefährlich einstufte; Cankar zog das Stück schließlich zurück, um einem gesamtösterreichischen Aufführungsverbot zuvorzukommen. Als Buch konnte es anstandslos erscheinen. 1911 stellte er nach mehr als siebenjähriger Arbeit das Drama Lepa Vida fertig, das Anfang 1912 im Laibacher Landestheater uraufgeführt wurde. 1913 ging Cankar für eine Woche ins Gefängnis, nachdem er sich in seiner Rede Slovenci in Jugoslovani (Die Slowenen und die Jugoslawen) angesichts der Balkankriege heftig über die österreichische Diplomatie geäußert hatte. Die Rede zielte offen auf eine Föderation der Südslawen ohne Österreich-Ungarn.

Im August 1914, nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde Cankar aufgrund einer Denunziation und ohne gerichtliche Anklage wegen angeblich „serbophiler“ Äußerungen für sechs Wochen auf der Laibacher Burg interniert. 1915 wurde er trotz schlechter Gesundheit zum Militärdienst in Judenburg eingezogen, aber bereits nach sechs Wochen ausgemustert. Zunehmend zog er sich zum Schreiben ins Hotel Union im Zentrum Ljubljanas zurück. 1917 siedelte er endgültig in die Innenstadt über, nachdem er vorübergehend konfiniert worden war. Trotz eines von Depression und Alkoholismus gezeichneten Zustandes hielt er noch 1918 politische Reden in Arbeiterbildungsvereinen in Triest und Ljubljana. Ende Oktober 1918 stürzte er über die Treppe zu seiner letzten Wohnung und verletzte sich am Genick. Er starb am 11. Dezember 1918 im Krankenhaus an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Kosten seiner Beisetzung auf dem Friedhof Žale, die einem Staatsbegräbnis gleichkam, übernahm die damalige Nationalregierung für Slowenien. 1923 wurden seine Überreste zusammen mit denen seiner früh verstorbenen Dichterfreunde Dragotin Kette und Josip Murn in ein Gemeinschaftsgrab überführt.


Literarische Merkmale↑

Seine Anfänge machte Cankar als Lyriker, doch überragen ihn hier seine Weggefährten Dragotin Kette, Josip Murn und Oton Župančič. Nach Erotika (1899, erweiterte Auflage 1902) veröffentlichte er keinen weiteren Gedichtband mehr. Seine große und nachhaltige Bedeutung erwarb er sich mit der Prosa, die auch der schieren Menge nach den Hauptteil seines Werks bildet. Zugleich verstand er sich stark als Dramatiker: Vor seinen ersten Buchveröffentlichungen 1899 hatte er bereits zwei Dramen fertiggestellt. Denkbar ist, dass der Dramatiker Cankar heute einen ähnlichen Rang einnähme wie der Prosaist, wenn nicht der Intendant des Laibacher Landestheaters, Fran Govekar, die Aufführung mehrerer Stücke verhindert hätte. Wie sehr er sich dem Theater verbunden fühlte, zeigt die Farce Pohujšanje v dolini šentflorjanski (Die Verderbnis im Sankt Florianital), die er 1907 in nur zwei Wochen niederschrieb und die zu seinem erfolgreichsten Stück wurde.

In seinen Dramen zielen unterschiedliche Stoßrichtungen auf dieselbe moralische Fragestellung. Jakob Ruda und Kralj na Betajnovi (Der König von Betajnova) sind psychologisch motivierte Gesellschaftsdramen, in denen die Profit- und Machtgier der Figuren mit der Wiederkehr einer verdrängten Schuld kontrastiert. Die Komödie Za narodov blagor (Zum Wohl des Volkes) und die Farce Pohujšanje v dolini šentflorjanski nehmen prinzipienloses politisches Strebertum und kollektive Heuchelei aufs Korn. Das Drama Hlapci (Knechte) war eine direkte Reaktion auf die Verhältnisse nach den Reichsratswahlen 1907, als die regierenden Klerikalen gegen Liberale im öffentlichen Dienst vorgingen. Sein letztes Stück Lepa Vida greift die für den frühen Cankar charakteristische Sehnsuchtsthematik noch einmal auf und formt sie zu einem poetischen Vermächtnis an die nachfolgende Generation.

Als Prosaist begann Cankar mit Skizzen und Novellen, etwa in den Erzählbänden Vinjete (Vignetten), Knjiga za lahkomiselne ljudi (Buch für Leichtsinnige) und Ob zori (Im Morgengrauen). Wien wurde auch zum Schauplatz mehrerer Langerzählungen und Romane, so im Künstlerroman Tujci (Die Fremden), im Roman Hiša Marije Pomočnice (Das Haus der Barmherzigkeit) und in der Erzählung Nina. Dort erzählt er von gescheiterten Hoffnungen Zugewanderter, von Krankheit, sozialem Elend und Misshandlung. Die slowenischen Kritiker lehnten diese Texte fast durchweg ab. Auf einen Verriss reagierte Cankar mit dem Kurzroman Gospa Judit (Frau Judit), einer Satire auf den geheuchelten Moralismus der kulturellen Eliten. Eine besondere Rolle spielt bei ihm der Künstlerroman, der immer wieder das Motiv der Fremdheit und der Abhängigkeit des Künstlers von einem kunstfernen Umfeld behandelt. Seine bekannteste und meistübersetzte Erzählung ist Hlapec Jernej in njegova pravica (Der Knecht Jernej und sein Recht), eine oft als Parabel bezeichnete Geschichte über einen alten Großknecht, der um sein Recht am selbst geschaffenen Besitz kämpft. Cankar lehnte jedes auf bloße Erbauung gerichtete Kunstverständnis ab und verband seine Kritik an ausbeuterischer kultureller Praxis mit einer Kritik an den kapitalistischen Produktionsbedingungen.


Rezeption↑

Bis heute ist Cankars Name in Slowenien allgegenwärtig. In seinem Geburtsort Vrhnika gibt es ein Cankar-Museum. Das 1981 in Ljubljana eröffnete Kultur- und Kongresszentrum Cankarjev dom trägt seinen Namen, ebenso ein Stadtbezirk in Maribor. In Ljubljana erinnern eine Bronzebüste und ein Gedenkraum im Stadtmuseum an ihn. Sein Bildnis zierte bis 2006 die 10.000-Tolar-Banknote, und sowohl die jugoslawische als auch die slowenische Post gaben Sonderbriefmarken mit seinem Konterfei heraus. Seine gesammelten Werke erschienen im Verlag Državna založba Slovenije in Ljubljana.

Auch an seine Wiener Jahre wird erinnert. In Wien-Ottakring hängt eine Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus in der Lindauergasse 26, und in Wien-Donaustadt wurde die Cankarstraße nach ihm benannt. Eine Straße zu seinen Ehren gibt es zudem in Sarajevo.

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