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Werkseintrag · Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre
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Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre
1951
– Werkseintrag –

Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre

1951 · Roman

Ein Wiener Gesellschaftsroman von 900 Seiten, in dem eine Straßentreppe im Alsergrund zum heimlichen Mittelpunkt eines ganzen Zeitalters zwischen Kaiserreich und Erster Republik wird.

Überblick

Mit der Strudlhofstiege legte Heimito von Doderer 1951 seinen bis heute bekanntesten und populärsten Roman vor. Das Buch wird zu den bedeutendsten Werken der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts gerechnet. Auf rund 900 Seiten entwirft der österreichische Schriftsteller ein dichtes Wiener Gesellschaftsbild der Jahre 1923 bis 1925. Immer wieder blendet es in die Sommer 1910 und 1911 zurück. Doderer selbst hat die Strudlhofstiege als „Rampe“ zu seinem noch umfangreicheren Hauptwerk verstanden, dem fünf Jahre später erschienenen Roman Die Dämonen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz ist ein eng umrissenes Stück Wien im neunten Bezirk Alsergrund. Es liegt zwischen dem heutigen Julius-Tandler-Platz am Franz-Josefs-Bahnhof und dem Schottentor. Den heimlichen Mittelpunkt bildet die titelgebende Strudlhofstiege. Diese Straßentreppe verbindet die Liechtensteinstraße mit der höher gelegenen Boltzmanngasse, und auf ihr ereignen sich entscheidende Begegnungen. Von dort führen Rückblenden und Erinnerungen hinaus in die Berge der Rax, in die Wiener Vororte und in verschiedene Städte der alten Donaumonarchie bis nach Bosnien.

Die Personen, die sich in diesem Raum bewegen, gehören überwiegend dem gehobenen Bürgertum an, manche mit adeligem Hintergrund. Im Zentrum steht der im Untertitel genannte Melzer. Er war 1910 und 1911 als Infanterieleutnant in Bosnien stationiert. Nach dem Krieg versieht er als pensionierter Major einen ruhigen Posten als Amtsrat in der staatlichen Tabakregie. Neben ihm tritt der junge René von Stangeler hervor. 1911 ist er noch Maturant, 1925 nach Kriegsdienst und Gefangenschaft gerade fertig studierter Historiker. Um diese beiden gruppiert sich ein großes Personentableau: Mary K., deren bereits im ersten Satz angekündigter Straßenbahnunfall wie eine Klammer um das ganze Buch gelegt ist; Renés Schwester Etelka Grauermann; die Pianistin Grete Siebenschein, die sich in der Nachkriegszeit allein in Oslo durchgebracht hat und nach ihrer Rückkehr mit René verlobt ist; Editha Pastré, 1911 verzweifelt auf Männerjagd, 1923 geschiedene Frau Schlinger.

Die Handlung besteht aus einer Vielzahl raffiniert ineinander verflochtener Erzählstränge, die von Zeitsprüngen durchbrochen sind. Beim ersten Lesen sind sie schwer zu überblicken. Wichtiger als jeder einzelne Strang sind die eingeflochtenen kleinen Erzählungen und Szenen: eine Bärenjagd in Bosnien, ein Skandal im Badezimmer, hochgestochene Gespräche junger Konsular-Akademiker, ein Abendessen unter dem strengen Vorsitz des alten Stangeler. Der gemeinsame Hintergrund aller Figuren ist der historische Bruch des Ersten Weltkriegs. Jeder erlebt, verarbeitet oder verdrängt ihn auf seine Weise.

Die Handlung im Detail

Der Roman spielt in Wien zwischen 1923 und 1925, mit ausgedehnten Rückblenden vor allem in die Sommer 1910 und 1911. Die meisten Szenen sind eng zwischen dem Althanplatz, dem im Buch eigenwillig „Böhmischer Bahnhof“ genannten Franz-Josefs-Bahnhof und dem Schottentor angesiedelt; das herzstückhafte Bauwerk ist die Strudlhofstiege, jene Straßentreppe im Alsergrund, auf der sich die wichtigsten Begegnungen ereignen. Rückblenden führen hinaus in das Gebiet der Rax mit Prein und Reichenau, in die Wiener Vororte und in verschiedene Städte der Donaumonarchie, einschließlich Bosniens, wo Melzer als junger Offizier seinen Dienst tat.

Ein Hauptstrang ist die Entwicklung Melzers. Obwohl er als Soldat im Krieg vielfach selbständig handeln musste, hat er lange Zeit eine wirklich selbständige Art zu existieren überhaupt nicht besessen. Das zeigt der Rückblick in die Sommer 1910 und 1911: Eine Verlobung mit Mary K. kommt nicht zustande, weil Melzer die Konsequenz, dann den Militärdienst quittieren zu müssen, gar nicht erst zu Ende denkt – unausgesprochen steht im Hintergrund, dass Mary Jüdin ist. Eine Verbindung mit Editha Pastré bleibt ihm nur erspart, weil er die Einmaligkeit der sich bietenden Gelegenheit nicht erkennt. Seine hoffnungslose Liebe zu Asta Stangeler bleibt unausgesprochen. Erst 1925, im Hauptteil der Erzählzeit, wird Melzer in entscheidenden Augenblicken dann alles richtig machen.

Neben ihm steht René von Stangeler, der 1911 noch Maturant ist und 1925 nach Kriegsdienst und Gefangenschaft gerade erst sein Studium der Geschichte abgeschlossen hat. Andere Personen, die man streckenweise ebenfalls für Hauptfiguren halten könnte, treten bald wieder zurück, um womöglich erst Hunderte von Seiten später wieder aufzutauchen. Mary K. ist von Anfang an präsent: Ihr Straßenbahnunfall wird bereits im ersten Satz angekündigt und bildet eine Klammer um das ganze Buch. Renés Schwester Etelka Grauermann wird in einer Lebensgeschichte erzählt, die perspektivisch von vornherein auf ihren Selbstmord zuläuft – sie ist es, die in dem inneren „Wettlauf zum Tode“, den der Roman andeutet, als erste ankommt. Grete Siebenschein, ausgebildete Pianistin, hat sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit allein in Oslo durchgebracht und ist nach ihrer Rückkehr 1923 mit René verlobt; Editha Pastré, 1911 noch verzweifelt auf Männerjagd, taucht 1923 als geschiedene Frau Schlinger wieder auf.

Übergreifende Handlungsstränge füllen jedoch nur den kleinsten Teil des Buches aus. Weitaus charakteristischer sind eingeflochtene kleine Erzählungen: die fliegende Umverlobung der Grete Siebenschein; wie René von seinem Vorgänger E. P. lernt, ohne Hosenträger zu leben; eine Bärenjagd in Bosnien; ein Skandal im Badezimmer, wo es zu einem Kuss gekommen war. Noch charakteristischer sind kurze Szenen und Dialoge, die gesellschaftliche Wirklichkeit vor Augen rufen: hochgestochene Gespräche junger Konsular-Akademiker, ein Abendessen unter dem erdrückenden Vorsitz des Vaters Stangeler, eine Szene, in der René von einem Mädchen aus dem Volk angesprochen wird, oder die, in der Etelkas heimlicher Verehrer bei seinen Besuchen die Hausmeisterin entlohnt.

Der äußere gemeinsame Nenner der vielen Figuren ist der historische Bruch des Ersten Weltkriegs, den sie auf verschiedene Weise erleben, verarbeiten oder als Trauma verdrängen. Doderer berücksichtigt dabei mit äußerster Präzision die zivilisatorischen Veränderungen jener Jahre: den Übergang vom Gaslicht zur elektrischen Lampe, vom Fiaker zum Autobus, von der kaiserlich-königlichen zur österreichischen Tabakregie mit ihren Zigaretten- und Zigarrenmarken, die Umbenennung von Straßen, den Neubau und Abriss von Gebäuden. Der innere gemeinsame Nenner ist eine an Schnitzler erinnernde Gebrochenheit und Fragilität der Charaktere, die mehrere Figuren bis an die äußerste Gefährdung treibt.

Stil

Charakteristisch für Doderers Erzählweise ist das Übergewicht des Betrachtens über das Handeln. Auf einen handlungstreibenden Satz kommen oft mehrere rein reflektierende. Solche Betrachtungen haben den Hauptanteil an den rund 900 Seiten und machen den eigentlichen Reiz des Buches aus. Sie geben ihm zugleich seinen Wert als Zeitdokument.

Typisch ist auch der zuweilen recht aufwendige Satzbau mit Einschüben in Einschüben. Dazu kommt eine große sprachliche Präzision, die feinste Unterschiede festhält – etwa wenn es heißt, jemand sei „wohlhabend“ gewesen oder habe nur „wohlhabende Väter“ gehabt, was eben nicht dasselbe ist. Humanistisches Bildungsgut bezieht Doderer wie selbstverständlich ein. Lateinische und griechische Zitate erscheinen im Original. Dazu treten latinisierende Wortbildungen wie „connational“ und überraschende Adjektivverbindungen wie „konsolidiert fremd“. Der Erzählton ist von einer liebevoll-ironischen Distanz zu den Figuren geprägt. Philosophische Reflexion und feinsinniger Humor halten sich in einer sorgfältigen Balance.

Eine besondere Sorgfalt verwendet Doderer auf die sprachlichen Schichten. Im Text erscheinen je nach Kontext norddeutsche, süddeutsche und österreichische Sprachvarianten. Die Austriazismen reichen vom Wortschatz bis in die Grammatik und bis in die feinsten Verästelungen der Wiener Dialekte. Ebenso genau differenziert sind die Soziolekte: die Sprache des Bürgertums, das Wiener Amtsdeutsch, die geschraubte Sprache pubertärer Jugendlicher, die Umgangssprache einfacher Leute, das Militärdeutsch der kaiserlich-königlichen Armee. Manche hartnäckige Eigenheit kann Sprachpuristen stören – etwa der konsequente Komparativ mit „wie“ statt „als“ („schöner wie …“). Das Wort „hinten“ ersetzt Doderer durchgehend durch das amtsdeutsch-prüde „rückwärtig“. Darüber hat sich schon Karl Kraus lustig gemacht: Wer „hinten“ sage, fühle sich beim Rückwärtigen ertappt.

Ein weiterer Zug ist das Autoreferentielle in Doderers Gesamtwerk. So tritt der Amtsrat Zihal, Held des Romans Die erleuchteten Fenster, mehrfach als Nebenfigur auf. Doderer leitet daraus sogar das Adjektiv „zihaloid“ ab. Umgekehrt wird die Strudlhofstiege später versteckt in den Wasserfällen von Slunj zitiert. Besonders eng ist der Zusammenhang mit dem unmittelbar folgenden Roman Die Dämonen.

Rezeption

Die Strudlhofstiege wurde zu Doderers populärstem Buch. Sie gilt als eines der bedeutendsten Werke der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Doderer selbst hat den Roman ausdrücklich als „Rampe“ zu seinem noch umfangreicheren Hauptwerk Die Dämonen verstanden, das fünf Jahre später, 1956, erschien. Beide Bücher gehören seither als nahe verwandtes Paar zusammen und werden in der Forschung gemeinsam diskutiert. Schon zur Entstehungszeit fand das Buch seinen festen Platz im literarischen Kanon. Heimito von Doderer wurde bereits 1955 in der Neuen Deutschen Biographie verzeichnet.

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