1963
Die Wasserfälle von Slunj
Überblick↑
Mit den Wasserfällen von Slunj legte Heimito von Doderer 1963 den letzten Roman vor, den er selbst vollenden konnte. Das Buch war als erster Teil einer groß angelegten Tetralogie geplant. Sie trug den Arbeitstitel Roman No. 7. Der zweite Teil, Der Grenzwald, blieb Fragment und erschien 1967 erst nach Doderers Tod. Erzählt wird vom Aufstieg einer britischen Industriellenfamilie in der späten Donaumonarchie. So entsteht ein breit gefächertes Gesellschaftsbild. Es lebt von Doderers charakteristischer Mischung aus Ironie, psychologischer Genauigkeit und feinem Humor.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die Familie Clayton, britische Maschinenbauer. Neben ihrem Stammwerk in Großbritannien gründen sie eine Zweigstelle in Wien und lassen sich dort nieder. Ihre Villa liegt im Pratercottage, die Fabrik jenseits des Donaukanals. Die Erzählung setzt 1877 mit der Hochzeitsreise von Robert und Harriet Clayton ein. Später begleitet sie auch den Sohn Donald. Auf jener Reise besichtigen die jungen Eheleute die titelgebenden Wasserfälle von Slunj an der Mündung der Slunjčica in die Korana. Dieses Bild umschließt den Roman wie eine Klammer.
Um die Claytons herum entfaltet Doderer ein vielstimmiges Gesellschaftsbild der österreichisch-ungarischen Monarchie. Zahlreiche Figuren aus den verschiedensten Schichten kreuzen den Weg der Familie: Schüler aus dem gehobenen Bürgertum, die einen „Metternich-Club“ gründen, zwei Vorstadtprostituierte, die ein Kind vor dem Ertrinken retten, ein bescheidener Buchhalter namens Chwostik, der zum Glücksfall für die Firma Clayton wird, die Ingenieurin Monica Bachler und viele andere. Alle Fäden laufen bei den Claytons zusammen. Wohin sie führen, lässt der Roman zunächst offen.
Die Handlung im Detail↑
Robert Clayton und seine junge Frau Harriet reisen 1877 zur Hochzeitsreise auf den Kontinent. Auf dieser Fahrt besichtigen sie die Wasserfälle von Slunj (Rastoke) im kroatischen Hinterland, wo sich die Slunjčica in die Korana ergießt. Das Bild dieser Wasserfälle bildet die elegante Klammer des Romans, die sich erst gegen Ende wieder schließt.
Die Claytons sind Inhaber der Maschinenfabrik Clayton & Powers in Großbritannien. Sie eröffnen eine Wiener Zweigstelle und siedeln sich in der Donaumetropole an; ihre Villa steht im Pratercottage, das Werk liegt jenseits des Donaukanals. Der historische Hintergrund ist die Frühzeit der landwirtschaftlichen Maschinenfabrik Hofherr-Schrantz-Clayton-Shuttleworth AG mit Zweigstellen in Budapest und Bukarest. Über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgt der Roman das Schicksal der Familie, vor allem das des Sohnes Donald, der die Geschäfte des Vaters fortführt.
Um die Claytons herum spannt Doderer ein dichtes Personennetz. Eine Gruppe von Schülern aus dem gehobenen Bürgertum gründet einen „Metternich-Club“. Zwei Vorstadtprostituierte retten ein Kind vor dem Ertrinken – ein Vorfall, der ihnen den Weg auf ein ungarisches Gut öffnet. Der Stiefsohn einer Wiener Hausmeisterin wird Postmeister in Kroatien; in einem ausführlichen Exkurs entfaltet der Erzähler eine regelrechte „Naturgeschichte der Wiener Hausmeister“. Der Buchhalter Chwostik, der einst in bescheidenen Verhältnissen zwischen zwei Prostituierten wohnte, wird zum Glücksfall für die Firma Clayton und wächst beruflich weit über seine Anfänge hinaus. Die Ingenieurin Monica Bachler tritt in die Welt der Claytons ein und verändert das Leben sowohl des Sohnes Donald als auch des Vaters Robert.
So verflicht der Roman die unterschiedlichsten Lebenswege miteinander, Schicht um Schicht, vom Bürgertum bis ins Milieu der Vorstadt. Am Ende kehrt die Erzählung zu den Wasserfällen von Slunj zurück – der Ort der Hochzeitsreise wird zum Schauplatz, an dem sich das Schicksal der Familie auf einprägsame Weise rundet.
Stil↑
Auch dieses Spätwerk lebt von der für Doderer typischen Personenfülle. Die Erzählweise arbeitet mit Zeitsprüngen und führt verschiedene Lebenslinien parallel. Gegenüber den großen Vorgängerromanen Die Dämonen und Die Strudlhofstiege nimmt sich der Autor allerdings etwas zurück. Der Roman ist konzentrierter angelegt, der Erzählton ruhiger.
Bestimmend bleibt jene liebevoll-ironisierende Haltung, mit der Doderer seine Figuren zeichnet: psychologisch genau, manchmal mit leiser Wehmut, oft mit feinem Humor. Die Schriftstellerin Eva Menasse hat in Bezug auf die Wasserfälle von Slunj hervorgehoben, dass Doderer auf der Humorebene noch immer unterschätzt werde. Die Erzählhaltung wechselt mühelos zwischen großen historischen Linien und kleinen, beinahe miniaturhaften Beobachtungen. So schiebt der Erzähler etwa einen Exkurs über die Wiener Hausmeister ein und macht daraus ein eigenes kleines Kabinettstück.
Rezeption↑
Als Doderers letzter vollendeter Roman nimmt das Buch einen besonderen Platz in seinem Werk ein. Der ursprünglich geplante Großbau einer Tetralogie blieb unvollendet. Das Fragment Der Grenzwald erschien 1967 posthum. Damit wurde der 1963 vorgelegte Roman ungewollt zum Schlussstein eines Lebenswerks. Dieses Lebenswerk hat mit der Strudlhofstiege und den Dämonen die österreichische Nachkriegsliteratur geprägt.
In der jüngeren Auseinandersetzung mit Doderer ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass sein Humor und seine ironische Figurenzeichnung in der literarischen Wahrnehmung zu kurz kommen. Eva Menasse hat das mit Blick auf die Wasserfälle von Slunj ausdrücklich festgehalten. Dieser Befund empfiehlt den Roman als Wiederentdeckungsfall.
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