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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Cover Die Wand
Die Wand
1963
– Werkseintrag –

Die Wand

1963 · Roman

Eine Frau erwacht in einer Berghütte und findet die Welt hinter einer unsichtbaren Wand erstarrt – allein mit einem Hund, einer Kuh und der Aufgabe, sich ein neues Leben zu erschaffen.

Überblick

Der Roman Die Wand erschien 1963 und ist der dritte Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Er erzählt vom Leben einer Frau, die durch eine plötzlich auftauchende, unsichtbare Wand von der übrigen Welt abgeschnitten wird. Das Buch gilt als eines der erfolgreichsten Werke der damals dreiundvierzigjährigen Autorin. 2012 kam eine Verfilmung unter demselben Titel in die Kinos; im selben Jahr wurde der Stoff für das Burgtheater inszeniert.

Inhalt (ohne Spoiler)

Eine vierzigjährige Frau, deren Namen wir nie erfahren, erzählt selbst ihre Geschichte. Sie reist an einem Wochenende mit ihrer Cousine Luise und deren Mann Hugo zu einer Jagdhütte ins Gebirge. Am Abend gehen die beiden noch in eine Gaststätte im Tal hinunter. Am nächsten Morgen sind sie verschwunden. Die Frau bricht mit dem zurückgebliebenen Hund auf, um nach ihnen zu suchen.

Am Ausgang der Schlucht stößt sich der Hund die Schnauze blutig – an einer unsichtbaren Sperre. Dahinter, im Tal, wirkt ein Mann am Brunnen wie versteinert. Offenbar hat ein rätselhaftes Unglück alles Leben jenseits dieser durchsichtigen Wand erstarren lassen. Die Erzählerin ist geschützt und zugleich gefangen.

Von nun an muss sie lernen, sich selbst zu versorgen: von den Vorräten, den Früchten und Tieren des Waldes und ihrem Garten. Bald teilt sie ihr eingeschlossenes Gebiet mit mehreren Tieren, die ihr zulaufen – dem Hund, mehreren Katzen und einer trächtigen Kuh. Der Roman schildert in ruhiger, genauer Sprache, wie sich diese Frau ein neues Dasein aufbaut und wie sie sich innerlich von ihrem früheren Leben entfernt.

Die Handlung im Detail

Die vierzigjährige, namenlose Ich-Erzählerin fährt mit ihrer Cousine Luise und deren Ehemann Hugo zu einer Jagdhütte im Gebirge. Am Abend suchen Luise und Hugo eine Gaststätte im Tal auf. Am Morgen sind sie nicht zurückgekehrt, und die Frau verlässt die Hütte, um nach ihnen Ausschau zu halten. Der Hund des Paares, der bei ihr geblieben ist, stößt sich am Ausgang der Schlucht die Schnauze an einer unsichtbaren Sperre blutig. Durch ihr Fernglas erkennt sie einen Mann, der im Tal Wasser schöpfte und nun wie versteinert wirkt.

Es scheint, als habe ein großes Unglück alle Lebewesen jenseits der durchsichtigen Wand tödlich erstarren lassen. Die Erzählerin ist durch die Wand vor dem Unglück geschützt und zugleich in ihrem Gebiet gefangen. Weil sich das umschlossene Land über mehrere Jagdreviere erstreckt, lernt sie mit der Zeit, sich von den verbliebenen Vorräten, von Früchten und Tieren des Waldes und aus ihrem Garten zu ernähren. Zur Sorge um ihr eigenes Überleben kommt die Sorge um die Tiere, die ihr zulaufen: der Hund, mehrere Katzen und eine trächtige Kuh.

Im dritten Winter schreibt sie den Bericht, den wir lesen – ohne zu wissen, ob ihn je jemand zu Gesicht bekommen wird. Zu ihrem früheren Leben gewinnt sie immer mehr Abstand. Das zeigt sich besonders, wenn sie über ihr Verhältnis zu ihren Töchtern nachdenkt, deren Schicksal ungewiss bleibt.

Gegen Ende erscheint auf der Alm, die sie als Sommerquartier bezogen hat, ein fremder Mann. Ohne erkennbaren Grund erschlägt er mit einer Axt den jungen Stier, den die Kuh geboren hat, und tötet auch den Hund, der zu Hilfe eilt. Die Frau läuft zur Almhütte, bewaffnet sich mit ihrem Jagdgewehr und erschießt den Mann ohne Zögern.

Trotz dieser Gewalt klingt der Roman zuversichtlich aus. Am Ende hält die Erzählerin unter anderem fest, dass die Kuh Bella ein Kalb bekommen wird und dass es vielleicht auch wieder junge Katzen geben wird. Ihr eigenes Schicksal bleibt offen.

Stil

Die Geschichte wird durchgehend aus der Ich-Perspektive erzählt und ist als Bericht angelegt, den die Frau im dritten Winter ihrer Abgeschiedenheit niederschreibt. Die Sprache bleibt schlicht und zugleich sehr genau. Gerade diese sachlich-trockene, exakte Schilderung erzeugt die Spannung: Hat man die unerklärliche Existenz der Wand einmal angenommen, entwickelt sich alles Weitere mit unerbittlicher Folgerichtigkeit, so ordnet es Oskar Jan Tauschinski dem magischen Realismus zu. Zugleich trägt der Roman deutliche Züge einer Robinsonade – ein Mensch wird unverschuldet in ein einsames Dasein gezwungen und muss sich die notwendigen Fertigkeiten des Überlebens erst wieder aneignen.

Rezeption

Haushofers Roman lässt sich auf sehr verschiedene Weise lesen. Er kann als radikale Zivilisationskritik verstanden werden, die den Menschen in die Natur zurückversetzt und ihm die Güter der Kultur – etwa den langsam zuwachsenden Mercedes – als überflüssig entzieht. Diese Rückkehr sichert der Frau das Überleben und die Möglichkeit, sich zu läutern, verlangt ihr durch die Einsamkeit aber auch viel ab.

Eine andere Lesart versteht das Buch als Kritik am Patriarchat. Der verstorbene Ehemann der Erzählerin spielt in ihren Erinnerungen nur eine Nebenrolle, und immer wieder wird spürbar, wie unzufrieden sie mit ihrem früheren Leben gewesen sein muss. Sie erwähnt, dass sie ihre Lage höchstens mit einer alten Frau teilen wolle und lieber allein lebe, als mit einem Mann eingeschlossen zu sein. Der einzige weitere Überlebende erweist sich als so aggressiv, dass sie ihn erschießt, kaum dass er auftritt – anders als bei Robinson Crusoe endet die Begegnung mit dem anderen Menschen sofort in einer Katastrophe.

Das Bild der Wand kehrt in Haushofers stark autobiografischem Kindheitsroman Himmel, der nirgendwo endet von 1966 wieder, dort als Wand zwischen Mutter und Tochter. Von hier aus lässt sich die Lage der Erzählerin auch als Bild für die Einsamkeit des Menschen deuten, als Gefangenschaft im eigenen Ich. Henner Reitmeier weist zugleich auf eine Schwäche im Aufbau hin: Nach dem ersten Zusammenstoß mit der Sperre kann die Frau noch gar nicht wissen, wie weit das Unglück reicht, geht aber sofort von ihrer Isolation aus – ein Umstand, der den Verdacht nährt, dass sie die Verlassenheit trotz aller Tragik auch begrüßt.

Tauschinski hebt neben dem Thema der Isolation den matriarchalisch regierten kleinen Kosmos hervor, den sich die Erzählerin schafft, und spricht von der Hoffnungs- und Zukunftslosigkeit, ja einer „Weltraumkälte“ des Romans. Zugleich lässt sich das Buch als Geschichte eines am Ende harmonischen Zusammenlebens von Mensch und Tier in weitgehend unberührter Natur lesen, mit Zügen einer Katzengeschichte, wie sie die Autorin auch im Kinderbuch Bartls Abenteuer von 1964 aufnimmt. So bleibt der Roman eine in schlichter, sehr genauer Sprache erzählte Utopie, die zwischen Aufbegehren und Versöhnlichkeit schwankt und gerade dadurch zu den beliebtesten Werken der Autorin zählt.

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