1896 – 1966
Heimito von Doderer
Kurzporträt↑
Heimito von Doderer war ein österreichischer Schriftsteller. Berühmt wurde er vor allem mit seinen großen Wien-Romanen. Mit der Strudlhofstiege (1951) und den Dämonen (1956), seinem Opus magnum, galt er als Galionsfigur der österreichischen Literatur der 1950er und der ersten Hälfte der 1960er Jahre. Weniger bekannt sind sein schmales lyrisches und essayistisches Werk sowie seine Tagebücher. Geboren wurde er 1896 in Hadersdorf-Weidlingau bei Wien. Gestorben ist er 1966 in Wien.
Biografie↑
Heimito von Doderer kam am 5. September 1896 zur Welt, als jüngstes von sechs Kindern einer wohlhabenden Wiener Familie. Geboren wurde er im Laudon'schen Forsthaus bei Hadersdorf-Weidlingau. Dieses diente der Familie während der Bauarbeiten an der Wienflussregulierung als Aufenthalt. Sein Großvater, der Architekt Carl Wilhelm Doderer, war 1877 als "Ritter von Doderer" geadelt worden. Sein Vater Wilhelm Carl war ebenfalls Architekt, Ingenieur und Bauunternehmer. Er wirkte führend beim Bau der Tauernbahn, der Karawankenbahn, des Nord-Ostsee-Kanals, der Wienflussregulierung und der Wiener Stadtbahn mit. Mit einem Vermögen von rund zwölf Millionen Kronen zählte die Familie zu den reichsten der Habsburgermonarchie. Im Ersten Weltkrieg verlor sie durch die Zeichnung österreichischer Kriegsanleihen einen großen Teil dieses Kapitals. Über seine Urgroßmutter war Doderer entfernt mit dem Dichter Nikolaus Lenau verwandt.
Den ungewöhnlichen Vornamen verdankte er nach Familienüberlieferung einem Spanienurlaub der Mutter. Diese hatte Gefallen an der Koseform "Jaimito" gefunden. Im Kreis der Familie nannte man ihn auch "Heimo", "Heimerl" oder "Heimchen". Die Adelsbezeichnung "von" war in Österreich 1919 abgeschafft worden. Doderer nahm sie ab dem Roman Ein Mord, den jeder begeht (1938) wieder konsequent in Gebrauch. Das geschah zunächst womöglich aus rechtlichem Irrtum, später als Teil seiner literarischen Selbstinszenierung.
Doderer war ein eher mittelmäßiger Schüler. Die Matura legte er 1914 nur dank eines mit Mehrheit gefassten Kommissionsbeschlusses ab. Im April 1915 trat er als Einjährig-Freiwilliger in das Dragoner-Regiment Nr. 3 ein und diente an der Ostfront in Galizien und der Bukowina. Am 12. Juli 1916 geriet er während der Brussilow-Offensive in russische Kriegsgefangenschaft. Er wurde nach Sibirien in das Lager Krasnaja Rjetschka bei Chabarowsk verlegt. Dort entschloss er sich, Schriftsteller zu werden, und schrieb erste Prosatexte. Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk begann 1918 die Rückreise. Der Russische Bürgerkrieg unterbrach sie jedoch. Die Gefangenen mussten wieder nach Osten ausweichen und wurden schließlich in einem primitiven Lager bei Krasnojarsk untergebracht. Dort starben viele am Fleckfieber, und Elsa Brändström vom Roten Kreuz leistete Hilfe. Am 14. August 1920 kam Doderer in Wien an.
Er nahm sein Studium wieder auf, wechselte aber zu Geschichte und Psychologie. Prägend wurden die Historiker Oswald Redlich und Heinrich von Srbik sowie die Psychologen Karl Bühler und Hermann Swoboda. Dessen Lehre der "Perioden des menschlichen Organismus" war eine Biorhythmus-Lehre im Geiste von Wilhelm Fließ. Sie beeinflusste Doderer tief und ging später in seine Romantheorie ein. Weitere geistige Einflüsse waren Otto Weiningers Geschlecht und Charakter und Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes. 1921 lernte er Auguste "Gusti" Hasterlik kennen. Sie entstammte einer ursprünglich jüdischen Wiener Arztfamilie und war am Konservatorium zur Pianistin ausgebildet worden. 1923 erschien sein literarisches Debüt, der Gedichtband Gassen und Landschaft, 1924 der Roman Die Bresche. Beide Bücher blieben ohne Erfolg. Mitte 1925 schloss er sein Studium mit einer Dissertation über "Zur bürgerlichen Geschichtsschreibung in Wien während des 15. Jahrhunderts" ab.
In den folgenden Jahren schrieb er Feuilletons für Zeitungen und Magazine. Davon konnte er aber nicht leben und blieb finanziell von den Eltern abhängig. 1927 nahm sich seine Schwester Helga das Leben. Diesen Vorgang verarbeitete Doderer später in der Figur der Etelka in der Strudlhofstiege. 1930 erschien der Roman Das Geheimnis des Reichs. Darin verarbeitete er Erlebnisse aus der sibirischen Gefangenschaft vor dem Hintergrund des Russischen Bürgerkriegs. Im selben Jahr heiratete er Gusti Hasterlik und trat dabei aus der Kirche aus. Die Ehe wurde nur pro forma geführt. 1932 trennte sich das Paar endgültig.
Zum 1. April 1933 trat Doderer in die österreichische NSDAP ein. Beeinflusst wurde er dabei auch von seiner Schwester Astri und einigen Freunden, die ebenfalls Parteimitglieder waren. Ab dem 19. Juni 1933 bis zum "Anschluss" war er illegaler Nationalsozialist. Ein in den 1920er Jahren schleichend gewachsener Antisemitismus dürfte diese Hinwendung stark begünstigt haben. Ein 1929 begonnenes Romanprojekt benannte er später in Die Dämonen der Ostmark um und unterstellte es einer entsprechenden weltanschaulichen Programmatik. Nach Auswertung seiner Briefe und Notizen durch Alexandra Kleinlercher traktierte Doderer seine Frau regelmäßig "mit obsessiv vorgetragenen antisemitischen Stereotypen". Die Scheidung von der "rassisch gefährdeten" Gusti betrieb er erst nach dem "Anschluss" 1938 energisch. Sie erfolgte am 25. November 1938. Nach Wolfgang Fleischers Darstellung nutzte er dabei ihre Notlage als Druckmittel. Gusti konnte anschließend nach Amerika emigrieren.
Am 25. September 1952 heiratete Doderer Maria Emma Thoma. Sie blieb jedoch in Landshut, während er in Wien lebte. Im Juni 1955 lernte er bei einer Lesung von Robert Neumann die dreizehn Jahre jüngere Autorin Dorothea Zeemann kennen. Sie wurde seine Geliebte und reflektierte das Verhältnis später in ihrem Buch Jungfrau und Reptil (1982). Am 1. Mai 1956 zog Doderer in die Währinger Straße 50 im Wiener Bezirk Alsergrund, unweit der Strudlhofstiege. Im selben Jahr erschien sein Opus magnum Die Dämonen. Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff, das er über ein Vierteljahrhundert zuvor begonnen hatte. 1958 begann er mit dem Roman No. 7. Er legte ihn analog zur von ihm bewunderten 7. Sinfonie Beethovens auf vier Teile an. 1962 erschien der groteske Roman Die Merowinger oder Die totale Familie, 1963 Die Wasserfälle von Slunj als erster Teil von Roman No. 7. Doderer starb am 23. Dezember 1966 an einem zu spät erkannten Darmkrebs. Am 2. Jänner 1967 wurde er in einem Ehrengrab auf dem Grinzinger Friedhof beigesetzt. Der zweite, unvollendete Teil von Roman No. 7 erschien postum 1967 unter dem Titel Der Grenzwald, herausgegeben von dem Germanisten Dietrich Weber.
Literarische Merkmale↑
Doderer ist vor allem als Verfasser von Romanen und Erzähltexten berühmt geworden. Sein lyrisches und essayistisches Werk blieb demgegenüber schmal. Geprägt wurde seine Erzählweise unter anderem durch die Psychologie Hermann Swobodas. Dessen Lehre zyklischer Vorgänge bewirkt "freisteigende Erinnerungen", also das Wiederauftauchen vergessener Erlebnisse. In seinen späteren Romanen wurde dies zu einem wichtigen Strukturelement. Auch der Bau seines spät begonnenen Roman No. 7 folgt einer musikalischen Vorlage. Er ist analog zur 7. Sinfonie Ludwig van Beethovens auf vier Teile angelegt.
In den Dämonen tritt der Autor in dreierlei Gestalt vor den Leser: als Chronist Geyrenhoff, als Gewaltmensch Schlaggenberg und als Träumer René Stangeler. In dieser "drei- und wohl noch mehrfach gespaltenen Seele" werden Kinderängste, Phobien und mythische Zwangsvorstellungen in dichterischer Vermummung vorgeführt. Eigene biografische Stoffe verarbeitete Doderer wiederholt. So den Selbstmord seiner Schwester Helga in der Figur der Etelka in der Strudlhofstiege und seine Erfahrungen in russischer Kriegsgefangenschaft in Das Geheimnis des Reichs. Auch seine bisexuellen, sadomasochistischen und voyeuristischen Neigungen spiegelten sich, wie es im Material heißt, wiederholt in seinem Werk wider. Mit den Merowingern (1962) trat ein eher abseitiger, grotesker Ton hinzu. Dieser fand bei der literarischen Avantgarde besondere Beliebtheit.
Rezeption↑
Mit der Strudlhofstiege (1951) und den Dämonen (1956) wurde Doderer nach langen erfolglosen Jahren zur Galionsfigur der österreichischen Literatur der 1950er und der ersten Hälfte der 1960er Jahre. Die Dämonen wurden trotz ihrer Länge und überaus anspruchsvollen Prosa vielfach übersetzt und vor allem in Frankreich und den Vereinigten Staaten gewürdigt. Zeitgenössisches Urteil war, Doderer habe mit diesem Buch seinen Namen "in die Annalen der Weltliteratur" geschrieben. Unter den österreichischen Romanciers der Gegenwart hätte kaum einer den Nobelpreis vor ihm verdient. Verliehen wurde er ihm allerdings nicht.
Die Beurteilung blieb jedoch nicht ungebrochen. Andere Kritiker sahen in der Wiederaufnahme der Arbeit an den Dämonen zwar ein Kunststück, jedoch ein "Kunststück der 'Umpolung'": von einem ursprünglich faschistisch determinierten zu einem antiideologischen beziehungsweise antifaschistisch deutbaren Roman. Damit ist ein bis heute prägender Doppelblick auf das Werk benannt. Einerseits steht die internationale Anerkennung des großen Wien-Erzählers, andererseits die kritische Auseinandersetzung mit seiner NSDAP-Mitgliedschaft und seinem Antisemitismus. Diese wird unter anderem in der Doderer-Forschung dokumentiert, etwa in Alexandra Kleinlerchers Auswertung seiner Briefe und Notizen oder in Wolfgang Fleischers Darstellung der Scheidungsumstände. Den grotesken Merowingern wandte sich besonders die literarische Avantgarde zu. Akademische Nachwirkung fand Doderer früh. Dietrich Weber war der erste Germanist, der über ihn dissertierte. Er gab postum den unvollendeten zweiten Teil von Roman No. 7 unter dem Titel Der Grenzwald (1967) heraus.
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