Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Hanna Diyab
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Hanna Diyab
– Autorenporträt –

Hanna Diyab

Syrischer Erzähler aus Aleppo, der Antoine Galland die Geschichten von „Aladin und die Wunderlampe“ und „Ali Baba und die vierzig Räuber“ lieferte – jahrhundertelang blieb sein Name fast vergessen.

Kurzbiografie↑

Aus Aleppo stammte der maronitische Christ Antun Yusuf Hanna Diyab, geboren um 1688 im Osmanischen Reich. Als junger Mann reiste er im Gefolge des Forschungsreisenden Paul Lucas bis an den Hof Ludwigs XIV. In Paris begegnete er dem Orientalisten Antoine Galland und erzählte ihm Geschichten, die dieser in seine französische Fassung von Tausendundeine Nacht aufnahm. Darunter waren Aladin und die Wunderlampe und Ali Baba und die vierzig Räuber. Jahrhundertelang blieb Diyab fast namenlos; erst 2015, mit der Übersetzung seiner eigenen Reiseerzählung, trat der Erzähler hinter den berühmten Geschichten hervor.


Biografie↑

Geboren wurde Hanna Diyab um das Jahr 1688 in Aleppo, damals eine bedeutende Handelsstadt im osmanischen Syrien. Seine Familie war maronitisch-christlich und lebte in einfachen Verhältnissen. Den Vater verlor er früh. In der Forschung ist sein Geburtsjahr nicht eindeutig geklärt: Wikidata nennt 1687, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen 1689, während die gängige Darstellung von „um 1688“ ausgeht.

Als junger Mann arbeitete Diyab für französische Kaufleute, die in Aleppo Handelsniederlassungen unterhielten. Dabei lernte er Französisch und Italienisch. Antoine Galland notierte in seinem Tagebuch, dass Diyab außerdem Provenzalisch und Türkisch beherrschte.

Noch als älterer Halbwüchsiger trat er in ein maronitisches Kloster im Libanon ein und begann dort das Noviziat. Schon nach kurzer Zeit verließ er es wieder. Zu Beginn des Jahres 1707 kehrte er, knapp zwanzig Jahre alt, nach Aleppo zurück. Dort traf er den Forschungsreisenden Paul Lucas. Dieser war im Auftrag Ludwigs XIV. unterwegs, um Antiquitäten für den französischen Hof zu beschaffen. Lucas bot Diyab an, für ihn als Diener, Assistent und Dolmetscher zu arbeiten und mit nach Frankreich zu kommen. Er stellte ihm sogar eine Anstellung an der Königlichen Bibliothek in Paris in Aussicht.

Im Februar 1707 brachen die beiden auf. Der Weg führte sie über Tripoli, Sidon und Beirut nach Zypern und Ägypten, danach weiter nach Libyen und Tunesien. Von dort segelten sie mit einer Zwischenstation auf Korsika nach Livorno. Nach Aufenthalten in Genua und Marseille erreichten sie zu Beginn des Jahres 1708 Paris.

Lucas und Diyab wurden im Schloss Versailles empfangen, von Ludwig XIV. und seinem Hofstaat. Diyab erregte dabei einiges Aufsehen. Lucas ließ ihn in syrischer Nationaltracht auftreten. Außerdem musste er einen Käfig halten, in dem zwei Springmäuse aus Tunesien zu bestaunen waren. Nach diesem Auftritt lebte Diyab noch etwa zwei Jahre in Paris. In dieser Zeit erzählte er Antoine Galland jene Geschichten, die später weltberühmt wurden. Die versprochene Festanstellung bekam er jedoch nie. 1710 kehrte er nach Aleppo heim.

In seiner Geburtsstadt stieg er in das Tuchhändler-Geschäft seines Bruders Abdallah ein. 1717 heiratete er. Fortan lebte er, wie es heißt, „als Familienvater und gestandener alter Tuchhändler im Basar von Aleppo.“ Erst 1763 fand er Muße und Antrieb, seine autobiografische Reiseerzählung aufzuschreiben. Irgendwann danach starb er in Aleppo. Der genaue Zeitpunkt seines Todes ist unbekannt, ebenso der Ort seines Grabes.


Literarische Merkmale↑

Erzählen war Diyabs eigentliche Kunst, und er beherrschte sie mündlich wie schriftlich. Seine Geschichten folgen weit verbreiteten internationalen Märchentypen. Sie erschienen zuerst nicht auf Arabisch, sondern auf Französisch, weil Galland sie als angeblich originale Bestandteile der Tausendundeine Nacht einfügte. Oft werden sie deshalb bis heute für traditionelle arabische Volksmärchen gehalten. Die Literaturwissenschaft sieht darin jedoch etwas anderes: die schöpferische Begabung eines Erzählers, der mehrere Sprachen sprach und weite Teile des damaligen Orients und Okzidents bereist hatte.

In seiner Reiseerzählung Von Aleppo nach Paris zeigt sich dieselbe Gabe. Der französische Historiker Bernard Heyberger betont in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe Diyabs persönlichen Stil, der von der lebhaften Redeweise des orientalischen Erzählers geprägt sei. Diese Art des Erzählens war bei volkstümlichen Versammlungen in den Kaffeehäusern und Gärten Aleppos beliebt. Eine Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hob die dramaturgischen Einfälle des Autors hervor: Er halte Informationen zurück, verfolge „Schicksalswendungen und Nebenstränge“ und arbeite damit im Stil der Tausendundeine Nacht.

Bemerkenswert ist auch der Blickwinkel. Diyab schrieb als Angehöriger einer wenig privilegierten Schicht über die „Länder der Christen“. Er beobachtete neugierig und mit wachem Blick für alles Neue. Heyberger sieht darin ein frühes Beispiel der syrischen Literatur für eine Perspektive „von unten nach oben, [aus] dem Standpunkt des Subalternen“. Zugleich fühlte sich Diyab durch seinen frühen Umgang mit europäischen Kaufleuten und ihren Sprachen nicht ausschließlich einer fremden, orientalischen Welt zugehörig. Er beschrieb sich vielmehr häufig als selbstsicheren Mittelsmann im Dienst respektabler europäischer Reisender und Gelehrter.


Rezeption↑

Anerkennung fand Diyab zu seinen Lebzeiten nicht. In dem 1712 veröffentlichten Reisebericht von Paul Lucas, den er selbst seinen „Meister“ nannte, kommt er überhaupt nicht vor. Galland erwähnte ihn in seinem Tagebuch nur als „der Maronit Hanna aus Aleppo“. Diyabs eigener Autobiografie zufolge fürchtete Galland, der Syrer könnte jene Stelle an der Königlichen Bibliothek erhalten, um die er sich selbst beworben hatte; deshalb habe er entschieden, Diyab nach Aleppo zurückzuschicken.

Lange Zeit war Diyab daher kaum mehr als ein Vorname in fremden Aufzeichnungen. Das änderte sich 2015 mit der Übersetzung seines arabischen Manuskripts. Die französische Fassung diente als Vorlage für die deutsche Ausgabe, die 2016 unter dem Titel Von Aleppo nach Paris erschien. Die Literaturwissenschaftler Ruth B. Bottigheimer und Paulo Lemos Horta untersuchten Gallands Tagebücher und Diyabs Autobiografie. Sie vertreten die Auffassung, dass Diyab als ursprünglicher Verfasser einiger der von ihm überlieferten Geschichten gelten könne; mehrere dieser Erzählungen zeigten zudem Parallelen zu seiner Autobiografie. Beweisen lässt sich das nicht, doch eine ältere arabische Fassung von Aladin oder Ali Baba ist bis heute nicht bekannt.

Insgesamt enthalten die in zahlreiche Sprachen übertragenen Ausgaben von Tausendundeine Nacht zehn Geschichten von Hanna Diyab. Die Literaturwissenschaft hält seinen Beitrag zu diesem Werk der Weltliteratur für sehr bedeutend; der Islamwissenschaftler Ulrich Marzolph bezeichnete ihn als den Mann, „der die Nächte unsterblich machte“. Sein Reisebericht gilt als eine Art Schelmenroman und als literaturhistorischer Glücksfall. Bernard Heyberger nennt ihn „dank seiner erzählerischen Qualitäten, der reichhaltigen Beobachtungen und der Vertrautheit, die er mit dem Leser durch die Schilderung seiner Eindrücke und Gefühle herstellt, ein einzigartiges Dokument."

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