1956
Die Dämonen
Überblick↑
Mit Die Dämonen legte Heimito von Doderer 1956 einen weitläufigen Wien-Roman vor. Er entfaltet ein ganzes Personenpanorama der späten zwanziger Jahre. Der Untertitel Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff verweist auf die besondere Form. Ein alter Beamter ordnet, redigiert und ergänzt Aufzeichnungen, die er einst selbst und andere Mitwirkende verfasst haben. Auf den Wiener Justizpalastbrand vom 15. Juli 1927 läuft alles zu. Damit läuft alles auf einen Schlüsseltag der österreichischen Geschichte zu. Der Roman gilt neben Die Strudlhofstiege als Doderers Hauptwerk.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist Wien zwischen Herbst 1926 und Hochsommer 1927. Dazu kommen Ausflugsziele auf der Rax, am Semmering, im Burgenland, in Kärnten sowie Abstecher nach München und London. Erzählt wird das Leben einer losen Clique aus der besseren Gesellschaft, die sich selbst „die Unsrigen" nennt: Bekannte, Verwandte, Freunde, Geliebte und Nachbarn, die sich in immer neuen Konstellationen begegnen. Ausflüge, ein Gründungsfest, Tischtennis-Nachmittage und allerlei Verabredungen halten den Kreis zusammen. Daneben gehen Dutzende weiterer Figuren ihre eigenen Wege.
Ein roter Faden ist die Geschichte der Charlotte von Schlaggenberg, genannt „Quapp". Ihre Herkunft liegt im Dunkeln. Daneben erscheint René Stangeler, der sich mit einem alten Hexenprozess-Manuskript befasst und mit seiner Beziehung zu Grete Siebenschein ringt. Der Arbeiter Leonhard Kakabsa lernt auf eigene Faust Latein und sucht den Aufstieg in höhere Kreise. Der Schriftsteller Kajetan von Schlaggenberg verfolgt nach einer kurzen Ehe ganz eigene Studien zum weiblichen Typus. Hinzu treten Einblicke in das Hurenmilieu der Brigittenau, in eine Zeitungsredaktion und immer wieder in das großbürgerlich-aristokratische Wien.
Im Hintergrund spielen sich politische Ereignisse ab: die Auseinandersetzungen um das junge Burgenland, die Freigabe österreichischer Guthaben in England, schließlich die Schattendorfer Schießerei vom Januar 1927 und ihr Nachhall. Spürbar ist von Beginn an, dass die einzelnen Lebenslinien auf einen gemeinsamen, äußeren Ereignispunkt zulaufen.
Die Handlung im Detail↑
Erzählt wird die Geschichte als Chronik. Sektionsrat Geyrenhoff hat seine eigenen Aufzeichnungen aus den Jahren 1926 und 1927 erst 1955 als hochbetagter Mann zusammengestellt, redigiert und mit Texten ergänzt, die ihm von anderen geliefert wurden – ausdrücklich genannt sind Schlaggenberg und Stangeler. Schon im Prolog erfährt man, dass Geyrenhoff seinerzeit angetreten war, das Treiben seines Kreises als „Chronist" festzuhalten, dabei aber zunehmend selbst in die Vorgänge verwickelt wurde und seine Aufgabe als gescheitert ansah. Die Abschnitte aus den verschiedenen Quellen folgen einander collageartig, ohne dass die jeweiligen Verfasser ausdrücklich genannt würden – sie aus dem Stil zu erraten, gehört zum Lesevergnügen.
Im Mittelpunkt steht eine lockere Clique der besseren Gesellschaft, „die Unsrigen". Über den gesamten Roman hinweg verfolgt man ihre Bildung, ihre Feste, ihre Ausflüge auf die Rax und den Semmering, ihren Tischtennis-Fünf-Uhr-Tee, ihr „Gründungsfest" – und ihren allmählichen Zerfall. Zwischen den Mitgliedern und ihrem Umkreis kreuzen sich Wege so dicht, dass Begegnungen geradezu unausweichlich werden.
Die ausladendste der vielen Intrigen ist die Geschichte der Charlotte von Schlaggenberg, genannt „Quapp", einer Frau von „habitueller Unwissenheit". Sie ist als beinahe Letzte darüber im Bilde, wer ihre Eltern waren und dass sie Erbin eines Millionenvermögens ist, das ihr fast unterschlagen worden wäre. Erst der lange Erzählbogen führt sie zu dieser Wahrheit.
Parallel laufen weitere Stränge. René Stangeler – unverkennbar ein Alter Ego Doderers – entdeckt ein frühneuhochdeutsches Manuskript über einen abstrusen Hexenprozess und ringt zugleich mit seiner schwierigen Beziehung zu Grete Siebenschein. Der Arbeiter Leonhard Kakabsa bringt sich selbst Latein bei und findet bald Zugang zu höheren Ständen – ein kleiner Entwicklungsroman im großen Ganzen. Der Schriftsteller Kajetan von Schlaggenberg lässt sich nach wenigen Wochen Ehe scheiden und widmet sich von da an der Suche nach einem Idealtypus „Dicker Damen". Dazu treten Studien aus dem Huren- und Verbrechermilieu der Brigittenau und Einblicke in das Beziehungsgeflecht einer Zeitungsredaktion.
Mary K., deren Straßenbahnunfall den Fluchtpunkt von Die Strudlhofstiege gebildet hatte, lernt in einem der ersten Kapitel mit einer Beinprothese zu leben. Rund dreißig Figuren aus dem früheren Roman tauchen wieder auf, ohne dass Die Dämonen eine Fortsetzung wären; meist treten Hauptfiguren des einen Buches im anderen nur am Rand auf.
Den zeitgeschichtlichen Hintergrund bilden die Freigabe der österreichischen Guthaben in England 1926, die Spannungen mit ungarischen Nationalisten um das erst 1921 an Österreich gekommene Burgenland und vor allem die Schattendorfer Schießerei vom 30. Januar 1927. Auf deren Nachspiel läuft das ganze Buch zu: die Revolte vom 15. Juli 1927 nach dem Freispruch der Schattendorfer Täter, die mit einer Stromabschaltung beginnt und im Brand des Wiener Justizpalasts ihren Höhepunkt findet. Mit diesem Tag setzt der Roman seinen Schlusspunkt – die vielen privaten Linien münden in das öffentliche Unheil.
Stil↑
Der Untertitel Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff benennt zugleich die Form. Der Roman gibt sich als Bündel aus eigenen Notizen des Chronisten und zugelieferten Texten anderer Hand. Die Abschnitte mit ihren unterschiedlichen Stillagen werden collageartig nebeneinandergesetzt, ohne dass der jeweilige Verfasser ausdrücklich genannt würde. Der Leser erschließt sich die Stimmen selbst.
Die Erzählweise ist breit, langsam und vielstimmig. Doderer arbeitet mit Dutzenden Figuren, die einander als Verwandte, Bekannte, Freunde, Geliebte und Nachbarn vielfach kreuzen. Die Wiener Topographie nutzt er dabei als kompositorisches Mittel. Oft wird Straße für Straße verfolgt, auf welchen Wegen die Figuren sich bewegen, sodass Begegnungen aus der Geographie selbst entstehen. Wien wird so fast zu einer eigenen Hauptperson. Ganze Passagen sind der Schilderung von Stadtlandschaften gewidmet, in Döbling wird der Wechsel der Jahreszeiten ausgekostet. Daneben gelingen dem Roman feine Nuancierungen der gesellschaftlichen Umgangsformen in großbürgerlichen bis aristokratischen Kreisen. Ebenso gelingen ihm kontrastreiche Studien aus dem Huren- und Verbrechermilieu der Brigittenau oder aus dem Innenleben einer Zeitungsredaktion.
Rezeption↑
Heimito von Doderer wurde bereits 1955 in der Neuen Deutschen Biographie verzeichnet. Noch vor dem Erscheinen der Dämonen 1956 stand er also fest im Blick der literarischen Öffentlichkeit. Der Roman gilt seither als eines der großen Werke der österreichischen Nachkriegsliteratur. Er ist eng verbunden mit Die Strudlhofstiege, an die er zeitlich und personell anschließt, ohne deren Fortsetzung zu sein. Beide Bücher können unabhängig voneinander und in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Diese Lese-Empfehlung gehört zur bleibenden Wirkung des Doppelwerks.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →