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Werkseintrag · Die Dämonen
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Die Dämonen
1873
– Werkseintrag –

Die Dämonen

1873 · Roman

Mit „Die Dämonen" zeigt Dostojewski, wie in einer russischen Provinzstadt aus großen Ideen, kleinen Eitelkeiten und einem geheimnisvollen Heimkehrer ein Strudel aus Verschwörung, Liebe und Gewalt entsteht.

Überblick

Mit Die Dämonen legt Fjodor Michailowitsch Dostojewski 1873 einen großen politischen Roman vor. Er seziert das Russland kurz vor den Revolutionen. Im Mittelpunkt steht eine Provinzstadt, in der eine kleine Gruppe junger Verschwörer alle Ordnungen umstürzen will. Dostojewski führt die widerstreitenden Strömungen seiner Zeit in jeweils eigenen Figuren vor: Nihilismus, Sozialismus, Liberalismus und Konservatismus. So zeigt er, wie aus weltverbessernden Ideen Mord und Selbstzerstörung werden können. Der Roman gilt als eines seiner Hauptwerke und gehört zur ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz ist eine russische Provinzstadt unweit von Sankt Petersburg in den späten 1860er Jahren. Erzählt werden die Vorgänge von einem ortsansässigen Beamten. Er ist ein Freund des alternden Schöngeists Stepan Trofimowitsch Werchowenskij, der seit Jahren als Hausfreund der wohlhabenden Witwe Warwara Petrowna Stawrogina lebt.

In diese eingespielte, etwas träge Welt der gebildeten Provinz brechen zwei junge Männer ein. Der eine ist Warwaras Sohn Nikolai Stawrogin, ein faszinierender, aber innerlich zerrissener Mann, der nach Jahren ausschweifenden Lebens im Ausland zurückkehrt. Der andere ist Pjotr Stepanowitsch Werchowenskij, der Sohn Stepans. Pjotr gibt sich als ergebener Freund Stawrogins, treibt aber im Geheimen seine eigenen Pläne voran. Er hat eine kleine Verschwörergruppe um sich gesammelt. Er behauptet, sie sei nur eine Zelle in einem riesigen Netz, das bald ganz Russland und Europa umstürzen werde.

Während sich die alten Salongespräche über Ideen und Ideale fortsetzen, geraten Liebesverhältnisse, Familienbande und politische Pläne in ein dichtes Geflecht aus Lüge, Eitelkeit und Manipulation. Eine heimlich geschlossene Ehe Stawrogins, die Werbung um die reiche Lisaweta Tuschina und die Gewissensnöte des Studenten Schatow schieben sich übereinander. Dazu kommt die seltsame Philosophie des Ingenieurs Kirillow, der den Selbstmord zum Beweis der Freiheit des Menschen erklären will. Im Hintergrund knüpft Pjotr Werchowenskij Fäden bis hinauf zum neuen Gouverneur und seiner ehrgeizigen Frau. Der Leser ahnt früh, dass diese Mischung aus persönlicher Not, religiöser Verzweiflung und kalter Ideologie nicht ohne Erschütterung enden wird.

Die Handlung im Detail

Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Der erste stellt die Personen vor: Stepan Trofimowitsch Werchowenskij, einst Hauslehrer von Nikolai Stawrogin und nun Hausfreund der vermögenden Witwe Warwara Petrowna, sowie deren Sohn Nikolai, der aus Sankt Petersburg und vom Auslandsaufenthalt heimkehrt. Erzähler ist der Beamte Anton Lawrentjewitsch, ein Freund Stepans, der manche Szenen selbst miterlebt, das meiste aber aus Augenzeugenberichten zusammensetzt; in vielen Kapiteln tritt diese Erzählerfigur jedoch hinter einer mehrstimmigen Darstellung zurück.

Bald wird offenbar, dass Nikolai heimlich verheiratet ist: aus einer Laune heraus hat er in Sankt Petersburg Marija Timofejewna, die verkrüppelte und geisteskranke Schwester des Trunkenbolds Lebjadkin, geheiratet und unterstützt sie finanziell, ohne sie zu lieben. Lebjadkin und seine Schwester sind nun in die Stadt gezogen, und Marija erwartet, dass Nikolai sie als seine Frau anerkennt. Damit zerbrechen Warwaras Pläne, ihren Sohn mit der reichen, in ihn verliebten Lisaweta Tuschina zu verbinden. Um zugleich ein vermutetes Verhältnis Nikolais mit ihrem Mündel Darja Schatowa aus dem Weg zu räumen, drängt Warwara den alten Stepan, um Darja zu werben – eine peinliche Brautwerbung, die Stepan durchschaut und schließlich ablehnt, nachdem sein Sohn Pjotr die Angelegenheit gezielt öffentlich gemacht hat, um den Vater zu beschämen.

Mit Nikolai trifft Pjotr Stepanowitsch Werchowenskij in der Stadt ein. Unter der Maske des bewundernden Freundes intrigiert er nach allen Seiten. Er ist fanatisch entschlossen, jede weltliche und religiöse Autorität zu stürzen, und benutzt dafür eine konspirative Fünfergruppe – die Beamten Liputin, Lämschin, Wirginskij, dessen Schwager Schigaljow sowie den Eisenbahner Tolkatschenko. In ihrem Umfeld bewegen sich auch der Student Schatow, der Ingenieur Kirillow und der Theoretiker Schigaljow. Pjotr macht den Männern weis, sie seien eine von Tausenden Zellen, die von einer geheimen Zentrale gesteuert und mit der europäischen Weltrevolution verbunden seien. Stawrogin will er als „Zarewitsch Iwan" für das Volk vorzeigen und auf dieser Welle ein System nach Schigaljows Entwurf errichten: neun Zehntel der Menschheit sollen auf primitivster Stufe arbeiten und vom restlichen Zehntel uneingeschränkt beherrscht werden, Gleichheit durch Diktatur und Entmenschlichung.

Im zweiten Teil treten die Konflikte hervor, die Stawrogin auslöst, weil sich alle Hoffnungen und Enttäuschungen auf ihn richten. Schatow ist hin- und hergerissen zwischen Verachtung und Verehrung für ihn; durch Stawrogin meint er einst seinen Glauben an Gott wiedergefunden zu haben und ist innerlich zu einer Position gerückt, die der Potschwennitschestwo-Bewegung nahesteht – innerhalb der Gruppe wird er damit zum Abweichler. Zudem ist er von Stawrogins Verhältnis mit seiner Frau Marija tief verletzt. Stawrogin selbst sucht sich aus seinen „bösen Geistern" zu befreien: Er bittet Darja um Vergebung für vergangene und künftige Verbrechen und sucht auf ihr Drängen den Geistlichen Tichon auf. Vor diesem gesteht er seine Unfähigkeit zu glauben und zu lieben sowie den Missbrauch eines jungen Mädchens, dessen Selbstmord er nicht verhindert hat. Dieses Kapitel Bei Tichon wurde in der Erstfassung von den Behörden als blasphemisch und unmoralisch zensiert und steht in manchen modernen Ausgaben nur im Anhang.

Pjotr nutzt diese Spannungen für seine Zwecke. Er lässt den entlaufenen Mörder Fedjka Nikolai vorschlagen, Lebjadkin und Marija zu töten, um den Weg für eine Ehe mit Lisaweta freizumachen. Stawrogin lehnt ausdrücklich ab, doch seine schwankende Haltung ermutigt Pjotr, die Tat dennoch in die Wege zu leiten. Zugleich knüpft Pjotr Kontakte zum neuen Gouverneur Andrei von Lembke und dessen ehrgeiziger Frau Julia, gewinnt ihr Vertrauen und benutzt sie für seine Pläne und persönlichen Rachefeldzüge. Aus Verbitterung über die Vernachlässigung durch den Vater denunziert er den alten Stepan fälschlich als Revolutionär, so dass die Polizei eine Hausdurchsuchung durchführt und einen Teil von Stepans Büchern beschlagnahmt. Sein eigentliches Ziel, Stawrogin zum Anführer der Bewegung zu machen, erreicht er jedoch nicht.

Der dritte Teil beginnt mit einem Fest, das die Gouverneurin ausrichtet: eine vormittägliche Lesung und ein abendlicher Ball. Pjotr lässt beides in provokative Ausschweifungen kippen. Ein Brand in der Vorstadt bricht die Veranstaltung ab – Fedjka hat das Haus Marijas und Lebjadkins angezündet, um die Spuren des Mordes an den Geschwistern zu verwischen. In derselben Nacht trifft Nikolai sich mit Lisaweta auf seinem Gut. Sie hat ihren Verlobten Mawrikij Drosdow verstoßen und sich für ein Leben mit Stawrogin entschieden. Als sie vom Brand erfährt und Nikolai ihr eingesteht, den Mord an Marija nicht verhindert zu haben, eilt sie erschüttert mit Mawrikij zum Brandort, wo sie von aufgebrachten Nachbarn als vermeintliche Anstifterin erschlagen wird.

Auch die Verschwörer drängen zum Ende. Schatows Frau Marija, schwanger und todkrank, taucht bei ihm auf; er nimmt sie und ihr Kind auf, der Sohn soll seinen Namen Iwan tragen – ein kurzes Glück, das vom kommenden Unheil überschattet ist. Pjotr suggeriert der Fünfergruppe, Schatow wolle sie verraten, und überredet die Männer, ihn in einem abgelegenen Park zu töten. Den Mord lädt er anschließend dem Ingenieur Kirillow auf, der ohnehin entschlossen ist, sich umzubringen, um – so seine Philosophie – zu beweisen, dass es Gott nicht gibt und der Mensch frei und selbst Gott sei. Kirillow nimmt vor seinem Selbstmord auf Pjotrs Diktat hin auch die Ermordungen Marijas, ihres Bruders und Schatows auf sich. Pjotr setzt sich nach Sankt Petersburg ab. Seine Gruppe bleibt zurück, wird von Gewissensnot zerfressen und schließlich verhaftet, nachdem eines der Mitglieder die Wahrheit gestanden hat.

Der in Ungnade gefallene Stepan Trofimowitsch verlässt die Stadt und macht sich zu Fuß auf eine letzte Wanderschaft. Unterwegs erkrankt er. Warwara Petrowna spürt ihn auf, doch eine Rückkehr in ihr Haus kommt nicht mehr zustande. Vor seinem Tod gestehen sich die beiden alten Menschen ihre jahrelang verschwiegene Liebe.

Stil

Dostojewski verschmilzt in Die Dämonen zwei ursprünglich getrennte Projekte. Das eine ist ein politischer Roman über den realen Mord innerhalb der nihilistischen Gruppe um Sergei Netschajew, an dessen Mitglied Iwan Iwanowitsch Iwanow ermordet wurde. Das andere ist ein religiöser Roman, aus dem die Beichte Stawrogins vor dem Geistlichen Tichon hervorging. Diese Doppelherkunft prägt das Buch: politische Satire und seelische Tiefenbohrung greifen ineinander.

Der Aufbau in drei Teilen folgt einer klaren Dramaturgie: Vorstellung der Personen, Verdichtung der Konflikte, Katastrophe. Erzählt wird scheinbar aus der Ich-Perspektive des Provinzbeamten Anton Lawrentjewitsch. Dieser erlebt die Gespräche teils selbst mit, teils rekonstruiert er sie aus Augenzeugenberichten. In vielen Kapiteln tritt der Erzähler jedoch ganz hinter eine vielstimmige, polyperspektivische Darstellung zurück. In ihr führen die Figuren in ausgedehnten Dialogen und Monologen ihre Weltbilder gegeneinander. Jeder ideologischen Strömung gibt Dostojewski eine eigene Figur: Nihilismus, Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus. So ist der Roman zugleich als Personengalerie und als Ideenstreit lesbar.

Schon der Titel ist programmatisch. „Бесы" meint die bösen Geister der russischen Volksmythologie, die von Lebenden Besitz ergreifen können, und nicht die Dämonen westlicher Tradition. Dostojewski selbst hebt diese Unterscheidung im Roman hervor. Dem Buch ist die Bibelstelle Lukas 8,32–36 vorangestellt. Darin fahren die Teufel aus einem Menschen in eine Schweineherde, die sich in einen See stürzt. Dieses Bild steht wie ein heimliches Vorzeichen über der Handlung.

Rezeption

Der Roman zählt zu den großen Werken Dostojewskis und wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Ins Deutsche ist er mehrfach übertragen worden. Elisabeth Kaerrick wählte unter dem Pseudonym E. K. Rahsin zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Titel Die Dämonen. Diesen behielten auch die späteren Übersetzungen von Hermann Röhl und Marianne Kegel bei. Röhl legte daneben eine Fassung unter dem Titel Die Teufel vor. Weitere Ausgaben erschienen als Die Besessenen. Swetlana Geier übersetzte das Buch 1998 unter dem Titel Böse Geister. Schon diese Titelvielfalt zeigt, wie sehr der Roman die deutschsprachige Leserschaft über Generationen beschäftigt hat.

Albert Camus hat den Selbstmord der Figur Kirillow als „pädagogischen Selbstmord" bezeichnet. Damit erschloss er das Werk für die philosophische Diskussion des 20. Jahrhunderts. Die Wirkung reicht bis ins Kino und Fernsehen. Claus Peter Witt verfilmte den Stoff 1977 als Fernsehserie, Andrzej Wajda 1988 fürs Kino und Igor Wassiljewitsch Talankin 1992 unter dem russischen Titel Besy. Weitere Adaptionen stammen von Walerij Ahadow und Wladimir Chotinenko.

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