1862
Aufzeichnungen aus einem Totenhaus
Überblick↑
Mit den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus verarbeitete Fjodor Michailowitsch Dostojewski seine eigene Lagerhaft in Sibirien. Von 1850 bis 1854 musste er in der Festung Omsk Zwangsarbeit leisten, die sogenannte Katorga. Seit 1855 arbeitete er an dem Text. Erste Kapitel erschienen 1860 in der Zeitung Russki Mir; von 1861 bis 1862 folgte das Werk in Fortsetzungen in seiner Zeitschrift Wremja, 1862 dann als Buch. Einen Roman mit durchgehender Handlung erzählt das Werk nicht. Es schildert vielmehr in Szenen und Beobachtungen, wie Menschen in einem sibirischen Straflager leben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Als Verfasser der Aufzeichnungen tritt ein erfundener Insasse auf: Alexander Petrowitsch Gorjantschikow. Er wurde wegen des Mordes an seiner Frau nach Sibirien deportiert und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Weil er von Adel ist, steht er anfangs zwischen allen Fronten. Nicht nur das Gefängnispersonal schikaniert ihn, auch die Mitgefangenen aus den unteren Schichten lassen ihn ihre Feindschaft spüren.
Was folgt, ist kein Spannungsbogen, sondern ein Panorama. Der Erzähler beschreibt den Alltag im Lager: die Arbeit, das Essen, die Strafen, die Feiertage. Er stellt die Menschen vor, mit denen er eingesperrt ist, und die Offiziere, die über sie bestimmen. Nach und nach lernt er, in dieser Welt zu bestehen.
Die Handlung im Detail↑
Der Bericht führt in ein sibirisches Gefängnislager und bleibt dort. Alexander Petrowitsch Gorjantschikow, der fiktive Verfasser, hat seine Frau ermordet und büßt dafür zehn Jahre Zwangsarbeit. Seine adlige Herkunft macht ihm den Anfang schwer. Von oben wird er schikaniert, von unten abgelehnt. Im Lauf der Haftjahre findet er sich jedoch immer mehr in die Gemeinschaft der Gefangenen hinein.
Dostojewski porträtiert etwa neunzig der hundertfünfzig Gefangenen und Aufseher. Er lässt keine Gruppe aus: die teils grausamen Offiziere, die Polen ganz unten in der Rangordnung der Häftlinge, die Schmuggler, sogar die Hunde des Lagers. In der abgeschlossenen Welt hinter dem Zaun treffen diese Charaktere aufeinander wie in einem Versuchsaufbau.
Seine Kritik richtet sich gegen das, was sinnlos quält und entwürdigt. Schwerkranke werden in Ketten gelegt. Sauberkeit wird verweigert. Die Sträflinge werden stigmatisiert. Und alle werden gleich behandelt, gleichgültig, wen die Strafe wie hart trifft. Gerade die weicheren und geistig anspruchsvolleren Gefangenen leiden darunter ungleich mehr.
Ein eigenes Kapitel bildet das Geld. „Geld ist geprägte Freiheit“, schreibt Dostojewski. In der Gegenwelt der Häftlinge ist es besonders kostbar. Obwohl der Handel bei Prügelstrafe verboten ist, blüht er: mit Branntwein, Tee, Tabak, allen möglichen Waren und Diensten. Ein Vorrat lässt sich aber nicht anlegen. Kopeken und Silberrubel sind ständig von Diebstahl oder Beschlagnahme bedroht und müssen darum rasch ausgegeben werden, ähnlich wie in Zeiten starker Geldentwertung.
Stil↑
Kennzeichnend für die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus ist die Genauigkeit der Beobachtung. Dostojewski schildert das Lagerleben in einzelnen Szenen und Beschreibungen statt in einer fortlaufenden Geschichte. Eine Handlung, die von einem Punkt zum anderen führt, gibt es nicht.
Der Kunstgriff liegt in der vorgeschobenen Erzählerfigur. Was Dostojewski selbst erlebt hat, legt er dem erfundenen Sträfling Gorjantschikow in die Feder. Die Darstellung wirkt dadurch authentisch und hält zugleich Abstand zum Autor. Das Lager erscheint als geschlossener Raum, in dem die Charaktere unmittelbar aufeinanderstoßen.
Rezeption↑
Der Text fand über die Literatur hinaus Widerhall. Leoš Janáček nahm den Stoff als Vorlage für seine letzte Oper Aus einem Totenhaus, tschechisch Z mrtvého domu. Sie wurde 1930 nach dem Tod des Komponisten uraufgeführt.
Auch die Zahl der deutschen Übersetzungen zeigt, wie lebendig das Werk geblieben ist. Schon 1866 erschien in Dresden eine erste Fassung unter dem Titel Aus einem todten Hause. Weitere folgten unter wechselnden Titeln, darunter Das tote Haus und Erinnerungen aus einem toten Hause. Zu den bekannteren Übertragern zählen E. K. Rahsin, Alexander Eliasberg und Hermann Röhl. Die Ausgabe von Gregor Jarcho aus dem Jahr 1963 enthält einen Essay von Helmut Gollwitzer zum Verständnis des Werkes. 2020 legte Barbara Conrad im Hanser Verlag eine Neuübersetzung vor.
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