1852
Aufzeichnungen eines Jägers
Überblick↑
Die Erzählsammlung Aufzeichnungen eines Jägers stammt von dem russischen Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Turgenjew. Es handelt sich um einen Zyklus von Erzählungen und Skizzen, die das russische Land- und Provinzleben aus der Sicht eines jagenden Gutsbesitzers schildern. Die Sammlung erschien 1852 in Buchform und verhalf ihrem Verfasser zu erster Berühmtheit. Hinter den scheinbar beiläufigen Beobachtungen steht eine eindringliche Anklage gegen die Leibeigenschaft und gegen die Unterdrückung der russischen Bauern.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein adeliger Gutsbesitzer, der auf der Jagd durch das russische Land streift. Aus seiner Sicht, der eines Ich-Erzählers, entfalten sich die einzelnen Erzählungen. Auf seinen Wegen begegnet er den unterschiedlichsten Menschen: Bauern und Gutsbesitzern, Verwaltern und einfachen Dorfbewohnern. Aus diesen Begegnungen entstehen Porträts, in denen sich das ganze Provinzleben Russlands spiegelt.
Der Erzähler tritt dabei zurück und beobachtet eher, als dass er urteilt. Turgenjew verbindet stimmungsvolle Schilderungen der Natur mit einer genauen Darstellung des Landadels und der leibeigenen Bauern. So entsteht nach und nach ein breites Bild vom Alltag auf dem Land. Es zeigt seine Schönheit ebenso wie seine Härten.
Der Zyklus besteht aus zahlreichen einzelnen Stücken mit Titeln wie Chor und Kalinytsch, Die Beschinwiese, Birjuk, Der Tod oder Die Sänger. Jede dieser Skizzen steht für sich und lässt sich einzeln lesen. Zusammen ergeben sie ein zusammenhängendes Gemälde des russischen Bauerntums.
Die Handlung im Detail↑
Die Sammlung folgt keinem durchgehenden Handlungsstrang, sondern reiht eine Vielzahl von Erzählungen und Skizzen aneinander. Verbindendes Glied ist der jagende adelige Gutsbesitzer, der als Ich-Erzähler durch die russische Provinz zieht und von seinen Begegnungen berichtet.
Den Anfang machte die Erzählung Chor und Kalinytsch, die 1847 in der Zeitschrift Sowremennik erschien. Nach diesem ersten Erfolg schrieb Turgenjew weitere rund zwanzig Skizzen und Erzählungen, die ebenfalls im Sowremennik veröffentlicht und 1852 unter dem Titel Aufzeichnungen eines Jägers gesammelt herausgegeben wurden. In den 1870er Jahren erweiterte Turgenjew den Zyklus auf 25 Erzählungen, darunter Die lebende Reliquie aus dem Jahr 1874.
Zu den einzelnen Stücken gehören unter anderem Jermolaj und die Müllerin, Der Himbeerquell, Der Kreisarzt, Mein Nachbar Radilow, Der Hofbesitzer Owsjanikow, Ljgow, Die Beschinwiese, Kasjan von der Schönen Aussicht, Der Bürgermeister, Das Kontor, Birjuk, Zwei Gutsbesitzer, Lebedjan, Tatjana Borisowna und ihr Neffe, Der Tod, Die Sänger, Pjotr Petrowitsch Karatajew, Das Stelldichein, Der Hamlet des Kreises Schtschigry, Tschertopchanow und Nedopjuskin, Tschertopchanows Ende, Es rattert! sowie die abschließende Skizze Wald und Steppe.
In all diesen Stücken zeichnet der Erzähler scheinbar neutral und ohne offene Wertung. Gerade dieser zurückhaltende Blick aber macht die Erzählungen zu einer Anklage: gegen die Leibeigenschaft, gegen die Unterdrückung der Bauern und gegen ihre Ausbeutung durch Gutsbesitzer und eigennützige Verwalter. Die Menschen, denen der Jäger begegnet, werden in ihrer Würde und ihrem Leid sichtbar.
Das Werk steht in engem Zusammenhang mit Turgenjews eigenem Leben. Er war zeitlebens ein leidenschaftlicher Jäger und kannte die brutale Wirklichkeit des bäuerlichen Alltags von Kindheit an. Er stammte aus adeliger Familie; das elterliche Gut Spasskoje mit Tausenden Leibeigenen wurde von seiner Mutter mit großer Härte verwaltet. Turgenjew erinnerte sich später, er sei in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der Faustschläge, Tritte, Prügel und Ohrfeigen an der Tagesordnung waren, und auch er selbst sei fast täglich verprügelt worden.
Das Erscheinen des Buches wurde vermutlich nur durch ein Versehen der Zensurbehörden möglich. Der Erfolg und die so auf die Missstände gelenkte Aufmerksamkeit veranlassten die zaristischen Behörden, gegen den Autor vorzugehen. Noch im Jahr 1852 wurde Turgenjew verhaftet – Anlass war sein Nachruf auf den verstorbenen Schriftsteller Nikolai Gogol, der ohne Zustimmung der Zensur erschienen war. Für etwa eineinhalb Jahre wurde er auf sein Gut verbannt. 1861 wurde die Leibeigenschaft in Russland unter Zar Alexander II. schließlich aufgehoben.
Stil↑
Kennzeichnend für das Werk ist die Verbindung zweier Schreibweisen. Auf der einen Seite stehen lyrische Schilderungen der russischen Natur, auf der anderen die realistische Darstellung des Landadels und der leibeigenen Bauern. Beides fügt Turgenjew zu einem geschlossenen Bild zusammen.
Erzählt wird durchgehend aus der Sicht des jagenden Gutsbesitzers, eines Ich-Erzählers. Dieser nimmt den Standpunkt eines neutralen Beobachters ein. Er beschreibt, was er sieht und hört, ohne sich selbst zum Richter aufzuschwingen. Gerade diese Zurückhaltung verleiht den Erzählungen ihre Kraft. Die Anklage gegen die Leibeigenschaft ergibt sich aus den geschilderten Tatsachen selbst, nicht aus lauten Urteilen des Erzählers. Die lose Reihung einzelner, in sich abgeschlossener Skizzen lässt nach und nach ein umfassendes Gemälde der russischen Provinz entstehen.
Rezeption↑
Schon bei seinem Erscheinen erregte das Buch große Aufmerksamkeit und machte Turgenjew erstmals berühmt. Bereits 1854 erschien das Werk in deutscher und französischer Übersetzung und fand so rasch auch über Russland hinaus Verbreitung.
Zeitgenossen und spätere Kritiker hoben vor allem die gesellschaftliche Bedeutung hervor. Der Kritiker Julian Schmidt rühmte, Turgenjew habe der Mit- und Nachwelt berichtet, was Leibeigenschaft sei. Alexander Herzen sprach von einer poetischen Anklagerede gegen die Leibeigenschaft. Hermann Pongs sah in dem Werk einen Querschnitt durch die Leidensgeduld des russischen Bauerntums, das in allem ausgenutzt werde, auch in der Liebe.
Die Wirkung reichte bis in die Politik hinein: Der Erfolg des Buches lenkte die Aufmerksamkeit auf die Missstände und trug dazu bei, dass die zaristischen Behörden gegen den Autor vorgingen. Bis heute gilt das Werk als bedeutendes Zeugnis der russischen Literatur. Davon zeugt die lange Reihe deutscher Übersetzungen, die bis in die jüngere Zeit fortgeführt wurde. Auch das Kino griff einzelne Erzählungen auf. Der Regisseur Sergei Eisenstein arbeitete in den Jahren 1935 bis 1937 an einer Verfilmung der Beschinwiese, von der ein Fragment erhalten ist. 1978 wurde Birjuk verfilmt.
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