1818 – 1883
Iwan Sergejewitsch Turgenew
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts zählt Iwan Sergejewitsch Turgenew (1818–1883). In Deutschland schreibt man ihn meist Iwan Turgenjew. Als einer der ersten griff er in der russischen Literatur die alltäglichen Nöte und Ängste der Gesellschaft auf und machte sie zum Thema. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des russischen Realismus und zugleich als ein Meister der Novelle. Einen großen Teil seines späteren Lebens verbrachte er im Ausland, vor allem in Deutschland und Frankreich. Er tat viel dafür, die russische Literatur in Westeuropa bekannt zu machen.
Biografie↑
Geboren wurde Turgenew am 9. November 1818. Nach dem damals in Russland gültigen Kalender war es der 28. Oktober. Als Geburtsort nennen die Quellen denselben Ort in leicht abweichender Schreibung: Wikidata führt ihn als Orjol, die Deutsche Biographie als Orel. Er wuchs auf dem elterlichen Gut Spasskoje-Lutowinowo im Gouvernement Orjol auf und stammte aus einem alten Adelsgeschlecht. Sein Vater war Offizier in der russischen Armee. Seine Eltern besaßen mehrere tausend Leibeigene.
Seine Kindheit verbrachte er hauptsächlich in Orjol, wo ihn Privatlehrer unterrichteten. 1827 wurde seine Erziehung in einem Moskauer privaten Pensionat fortgesetzt. Der Direktor des Instituts, Krause, förderte seine Hinwendung zur mittel- und westeuropäischen Kultur. Nach dem Schulabschluss studierte er Literatur, 1833/34 in Moskau, von 1834 bis 1837 in Sankt Petersburg. Von 1838 bis 1841 hielt er sich zum Studium im Ausland auf. In Berlin befasste er sich besonders mit der Philosophie Hegels bei dessen Schüler Karl Werder. In diese Zeit fällt auch seine erste Begegnung mit Nikolai Stankewitsch und Michail Bakunin.
Schon 1838 erschienen einige Gedichte Turgenews im Druck. Nach seiner Rückkehr nach Russland folgte um 1841 ein kurzes Zwischenspiel von etwa zwei Jahren als Beamter in Petersburg. Danach entschied er sich für die Existenz als freier Schriftsteller. Er kehrte nach Orjol zurück und gab die Leibeigenen seines Gutes frei. Sein Erstlingswerk in erzählender Prosa ist die 1844 veröffentlichte Novelle Andrej Kolossow. Die Erzählsammlung Aufzeichnungen eines Jägers, seine erste Buchveröffentlichung von 1852, legte den Grundstein für seine Berühmtheit. Im März 1852 wurde er jedoch wegen eines Artikels über Gogol verhaftet und zeitweilig auf sein Gut verbannt.
Ab 1855 lebte Turgenew mit nur kurzen Unterbrechungen im Ausland, besonders in Deutschland und Frankreich. Von dort aus verarbeitete er die Unruhen in seinem Heimatland. Vor allem reiste er zu seiner langjährigen Geliebten, der Mezzosopranistin Pauline Viardot (1821–1910), nach Paris. Nach Russland kehrte er nur noch gelegentlich zurück. Sieben Jahre lang hatte er auch einen festen Wohnsitz in Baden-Baden. Zu seinem Freundeskreis zählten unter anderem Gustave Flaubert, Prosper Mérimée, Berthold Auerbach, Paul Heyse, Gustav Freytag und Theodor Storm. Neben der Literatur galt sein Interesse dem Schachspiel. Er finanzierte 1861 ein Turnier im Café de la Régence, trug 1862 einen Wettkampf gegen Ignaz von Kolisch aus und gehörte zu den Organisatoren des internationalen Schachturniers in Baden-Baden 1870. Seit 1860 war er korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.
1882 erkrankte Turgenew an Krebs. Ein Tumor im Bereich oberhalb des Schambeins musste im Januar 1883 in Paris entfernt werden. Eine Heilung war jedoch nicht möglich, da sich bereits Metastasen im Rückenmark gebildet hatten. In den letzten Monaten litt er an erheblichen Schmerzen. Am 3. September 1883 erlag er in seinem Haus in Bougival bei Paris seiner Erkrankung. Die Leiche wurde zur Autopsie nach Sankt Petersburg überführt und dort am 27. September auf dem Wolkowo-Friedhof beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus verband Turgenew genaue Beobachtung mit einem stark lyrischen Grundton. Seine Prosa wendet sich besonders häufig Naturbeschreibungen und gefühlsbetonten Abschweifungen zu. Ausgehend von der Sprache Puschkins suchte er sie um Ausdrucksfähigkeit und die künstlerische Verwendung der Satzmelodie zu erweitern. Er galt als Meister der Charakterzeichnung. Seine Figuren ließ er aus vielen kleinen und kaum wahrnehmbaren Einzelheiten erstehen.
In frühen Jahren bis 1847 pflegte er vor allem die Lyrik, etwa mit der Versnovelle Parascha von 1843. Ab 1855 trat er vermehrt als Autor von Dramen und Komödien hervor. Ihre äußerlich wenig dramatischen Entwicklungen nehmen Züge der Dramen Anton Tschechows vorweg. Die Erzählungen Aufzeichnungen eines Jägers von 1852 wurden von vielen als Anprangerung der Leibeigenschaft und als soziale Anklage verstanden. Im Mittelpunkt stehen sehr individuelle, bäuerliche Figuren. In seinen sechs Romanen verband Turgenew die Schicksale seiner Helden mit der Schilderung sozialer, politischer und kultureller Strömungen im Russland der 1850er bis 1870er Jahre. In Väter und Söhne von 1862 behandelte er den Generationenkonflikt. In späteren Werken wie Rauch von 1867 neigte er dagegen immer stärker zu Polemik und zur satirischen Darstellung der zeitgenössischen Zustände.
Turgenew zählt auch zu den bedeutendsten europäischen Novellendichtern. Seine Novellen sind vor allem durch große Vielfalt in der Beschreibung gekennzeichnet und gelten als Höhepunkt dieser Gattung in der russischen Literatur. Bevorzugt arbeitete er mit Rahmenerzählungen und dem vielfach abgewandelten Motiv der Liebe. In späten Jahren floss auch das Übernatürliche und Geheimnisvolle in seine Erzählungen ein, etwa in Klara Militsch von 1882. Darin wird eine über den Tod hinausreichende Liebe geschildert. Beeinflusst wurde er von Goethe, besonders von dessen Faust. Daraufhin veröffentlichte er 1856 eine gleichnamige Novelle. Weitere Einflüsse kamen von Charles Baudelaire, Giacomo Leopardi und – im Alterswerk – Arthur Schopenhauer. Zu den wichtigsten Bezugspunkten, vor allem für das Frühwerk, zählte jedoch Alexander Puschkin.
Rezeption↑
Turgenew gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller. Sein Werk hatte großen Einfluss auf die Entwicklung des „melancholischen Impressionismus“ in Westeuropa. Seine wenig dramatisch angelegten Bühnenstücke nehmen Züge der Dramen Anton Tschechows vorweg. Seine Novellistik wird als ein Höhepunkt dieser Gattung in der russischen Literatur angesehen.
Verankert war Turgenew zugleich tief im literarischen Leben Westeuropas. Er sprach fließend Französisch und Deutsch. Er pflegte enge Freundschaften zu Schriftstellern wie Gustave Flaubert, Prosper Mérimée, Paul Heyse und Theodor Storm und tat viel dafür, die russische Literatur im Westen bekannt zu machen. Oft schrieb er Vorworte für Übersetzungen russischer Werke ins Französische und Deutsche oder übersetzte selbst in diese Sprachen. Seit 1860 war er korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.
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