Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Kurt Tucholsky
Eingang · Autoren · Kurt Tucholsky
Porträt Kurt Tucholsky
Kurt Tucholsky
1890 – 1935
– Autorenporträt –

Kurt Tucholsky

1890 – 1935 · 45 Jahre

Scharfsinniger Publizist und Satiriker der Weimarer Republik, der unter fünf Namen zugleich vor dem heraufziehenden Nationalsozialismus warnte.

Kurzporträt

Kurt Tucholsky war einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik und einer ihrer schärfsten Satiriker. Als linker Demokrat, Sozialist und Pazifist warnte er früh vor dem Erstarken der politischen Rechten und vor dem Nationalsozialismus. In der Wochenzeitschrift Die Weltbühne schrieb er unter fünf Namen zugleich: Kurt Tucholsky, Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser. Ein einziger Autor hätte das breite Spektrum kaum tragen können. Es reichte vom politischen Leitartikel über die Gerichtsreportage und die Glosse bis zum Chanson und Liebesgedicht. Erich Kästner beschrieb ihn als „ein kleiner dicker Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte". 1933 verbrannten die Nationalsozialisten seine Bücher. 1935 starb er im schwedischen Exil.


Biografie

Kurt Tucholsky wurde am 9. Januar 1890 in Berlin geboren, in einem wohlhabenden jüdisch-bürgerlichen Elternhaus. Sein Vater Alex Tucholsky war Bankkaufmann und stieg bis zum Direktor der Berliner Handels-Gesellschaft auf. Von 1893 bis 1899 lebte die Familie in Stettin, wo der Vater einen Direktorenposten innehatte. Danach kehrte sie nach Berlin zurück. Der Vater war ein liebevoller, musisch interessierter Mann, der dem preußischen Militarismus skeptisch gegenüberstand. Er starb bereits 1905. Das Verhältnis zur herrschsüchtigen Mutter Doris blieb zeitlebens schwierig. Biograph Michael Hepp sieht in ihr das Vorbild für die tyrannische Heimleiterin Adriani in der Erzählung Schloß Gripsholm. Doris Tucholsky wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort 1943 um.

Tucholsky besuchte von 1899 an das Französische Gymnasium in Berlin. 1903 wechselte er an das Königliche Wilhelms-Gymnasium und legte 1909 als Externer das Abitur ab. Er galt als mittelmäßiger und rebellischer Schüler, blieb stets ein Einzelgänger und urteilte später bitter über seine Lehrer. Im Oktober 1909 schrieb er sich für Jura an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität ein. Das Sommersemester 1910 verbrachte er in Genf. Daneben besuchte er Vorlesungen in Nationalökonomie, Germanistik, Geographie und Psychologie. Auf die erste juristische Staatsprüfung verzichtete er 1913 zugunsten seiner journalistischen Arbeit. An der Universität Jena wurde er Anfang 1915 mit einer Dissertation zum Hypothekenrecht zum Dr. iur. promoviert.

Erste journalistische Texte erschienen schon 1907 in der satirischen Wochenzeitschrift Ulk. Während des Studiums schrieb er auch für das sozialdemokratische Blatt Vorwärts. 1912 veröffentlichte er die Erzählung Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte. Sie schlug einen für die Zeit ungewohnt frischen, verspielt-erotischen Ton an und machte ihn erstmals einem größeren Publikum bekannt. Am 9. Januar 1913 erschien sein erster Artikel in Siegfried Jacobsohns Theaterzeitschrift Die Schaubühne, die 1918 in Die Weltbühne umbenannt wurde. Jacobsohn blieb bis zu seinem Tod 1926 sein Mentor und Freund. Tucholsky schrieb später, er verdanke ihm „alles, was er geworden ist".

Im April 1915 wurde Tucholsky als Armierungssoldat an die Ostfront nach Polen eingezogen. Anders als viele Schriftsteller blieb er der patriotischen Kriegsbegeisterung fern. Vom August 1916 an war er in Alt-Autz in Kurland tätig. Dort gab er die Feldzeitung Der Flieger heraus und lernte seine spätere zweite Frau Mary Gerold kennen. 1918 wurde er als Feldpolizeikommissar nach Rumänien abkommandiert. In Turnu Severin ließ er sich im Sommer 1918 protestantisch taufen, nachdem er bereits 1914 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war. Aus dem Krieg kehrte er als überzeugter Antimilitarist und Pazifist zurück.

Ab Dezember 1918 leitete Tucholsky die Redaktion des Ulk im Mosse-Verlag. Gleichzeitig schrieb er wieder regelmäßig für die Weltbühne. Um das Blatt nicht zu „Tucholsky-lastig" wirken zu lassen, legte er sich Pseudonyme zu: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter und ab Dezember 1918 Kaspar Hauser. Daneben dichtete er Chansons und Couplets für das Kabarett – für Max Reinhardts Schall und Rauch, für Rudolf Nelson, Trude Hesterberg und Claire Waldoff. Politisch deckte er in einer Artikelserie ab Januar 1919 Kriegsverbrechen des Offizierskorps auf und prangerte die politischen Morde der frühen Republik an. Im Dezember 1919 war er Mitgründer des pazifistischen Friedensbundes der Kriegsteilnehmer. Nach dem Kapp-Putsch 1920 trat er der USPD bei, wechselte aber nicht zur KPD. Ein Engagement bereute er später ausdrücklich. Von Juli 1920 bis April 1921 schrieb er für das Propagandablatt Pieron, das im Auftrag der Reichsregierung vor der oberschlesischen Volksabstimmung anti-polnische Stimmung machte. Im Krisenjahr 1923 musste er aus Geldnot seine publizistische Arbeit aufgeben und in der Berliner Bank Bett, Simon & Co. arbeiten.

1920 heiratete er die Ärztin Else Weil, die Vorlage der Claire aus Rheinsberg. Die Ehe wurde 1924 geschieden. Im selben Jahr siedelte Tucholsky nach Paris über und heiratete Mary Gerold. Auch diese Ehe wurde 1933 geschieden. Aus Frankreich lieferte er Reisebeschreibungen wie das Pyrenäenbuch (1927), Feuilletons für die Vossische Zeitung und Antikriegsartikel für die Weltbühne. In den späten zwanziger Jahren engagierte er sich mit Bertolt Brecht, Alfred Döblin und Ernst Toller in der Gruppe Revolutionärer Pazifisten. 1931 erschien die Erzählung Schloß Gripsholm.

Ab Anfang der dreißiger Jahre zog sich Tucholsky publizistisch zurück. Er lebte zuletzt in Schweden. Innerlich aber blieb er beteiligt. Kurz vor seinem Tod plante er einen Artikel gegen Knut Hamsun, der das Hitler-Regime unterstützt und den im KZ Esterwegen inhaftierten Carl von Ossietzky angegriffen hatte. Hinter den Kulissen wirkte er auch an der Verleihung des Friedensnobelpreises 1935 an Ossietzky mit, erlebte den Erfolg aber nicht mehr. Vom 14. Oktober bis zum 4. November 1935 lag er wegen ständiger Magenbeschwerden im Krankenhaus. Seither konnte er nicht mehr ohne Barbiturate einschlafen. Am Abend des 20. Dezember 1935 nahm er in seinem Haus in Hindås eine Überdosis Veronal. Tags darauf wurde er ins Sahlgrensche Krankenhaus in Göteborg gebracht, wo er am Abend des 21. Dezember 1935 starb. Die Deutsche Biographie vermerkt den Tod als „wohl Freitod". In Emigrantenkreisen kursierte zunächst das Gerücht eines politischen Mordes. Seine Asche wurde im Sommer 1936 unter einer Eiche nahe Schloss Gripsholm im schwedischen Mariefred beigesetzt. Auf der Grabplatte steht aus Goethes Faust II der Vers „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis".


Literarische Merkmale

Tucholsky schrieb auf engstem Raum für die unterschiedlichsten Rubriken – vom politischen Leitartikel über die Gerichtsreportage, Glosse und Satire bis zur Buchbesprechung, zum Gedicht, zum Chanson und Kabarett-Couplet. Eben weil er fast die ganze Weltbühne allein bestücken konnte, legte er sich seine berühmten Pseudonyme zu: der polemische Politik-Mann Ignaz Wrobel, der spöttische Theaterkritiker Peter Panter, der Versschmied und Liederdichter Theobald Tiger, der nachdenkliche Kaspar Hauser. Die Vielzahl der Stimmen war kein Spiel, sondern eine Arbeitsökonomie. Jede Stimme hatte ihren eigenen Tonfall. Gemeinsam ergaben sie eine Stimmenvielfalt, die kein einzelner Name hätte tragen können.

In der literarischen Prosa schlug er schon mit Rheinsberg (1912) einen für die Zeit ungewohnt frischen, verspielt-erotischen Ton an, der ihm rasch ein größeres Publikum verschaffte. In der Weltbühne entwickelte er Figuren-Serien, die das Großstadtmilieu der Republik festhielten – etwa die satirischen Monologe des „Herrn Wendriner", des gehetzten jüdischen Geschäftsmanns (1922–1930), oder die launigen Betrachtungen der Nachher-Serie über ein Leben nach dem Tod (1925–1928). Die Wikipedia ordnet ihn als Gesellschaftskritiker in die Tradition Heinrich Heines ein: scharfe politische Beobachtung verbunden mit Witz, Sprachlust und einer unsentimentalen Zärtlichkeit für die Schwächen seiner Mitmenschen. Selbst in seinen härtesten antimilitaristischen Texten bleibt die Bereitschaft zur Selbstanalyse spürbar. Biograph Michael Hepp nennt die „Militaria"-Serie eine „Art öffentliche Selbstanalyse". Denn Tucholsky wusste, dass seine eigene Haltung als Soldat sich nicht grundsätzlich von dem unterschied, was er am Offizierskorps geißelte.


Rezeption

Die Nationalsozialisten beschimpften Tucholsky noch nach seinem Tod als „jüdischen Schmierfinken" und „vielköpfiges Ungeheuer". Nach dem Untergang der NS-Diktatur wurde er als hellsichtiger Warner vor dem von ihr angerichteten Unheil wiederentdeckt. Erich Kästner beschrieb ihn als „ein kleiner dicker Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte". Anders als viele Exilautoren, die in der Nachkriegszeit lange im Schatten blieben, war Tucholskys Werk schon wenige Jahre nach Kriegsende wieder präsent. Die Sommergeschichte Schloß Gripsholm gehörte 1950 zu den ersten rororo-Taschenbüchern. Der Rowohlt Verlag brachte in der Folge regelmäßig Auswahlbände aus der Weltbühne und Briefsammlungen heraus.

Großen Anteil daran hatte seine zweite Frau und Nachlassverwalterin Mary Gerold. Sie ließ sich nach dem Krieg in Rottach-Egern nieder und baute dort das Kurt-Tucholsky-Archiv auf. 1969 übergab sie es dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, wo Teile in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne zu sehen sind. Im selben Jahr gründete sie zusammen mit Fritz J. Raddatz die Kurt-Tucholsky-Stiftung in Hamburg, die nach ihrem Tod 1987 die Rechte am Werk übernahm. Die 1988 gegründete Kurt-Tucholsky-Gesellschaft mit Sitz in Berlin widmet sich ebenfalls dem Andenken und vergibt alle zwei Jahre den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik. Die schwedische Sektion von PEN International verleiht seit 1984 einen jährlichen Tucholsky-Preis an Autorinnen und Autoren, die im Exil leben, weil sie in ihrem Herkunftsland bedroht werden. Im Marstall von Schloss Rheinsberg, dem Schauplatz seines Bilderbuchs für Verliebte, wurde 1995 das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum eingerichtet. In ganz Deutschland tragen heute zahlreiche Straßen, Plätze und Schulen seinen Namen. Ein 1995 entdeckter Asteroid heißt (12401) Tucholsky. Die Deutsche Biographie verzeichnet zudem eine über sechzehn Jahre erarbeitete 22-bändige Gesamtausgabe der Texte und Briefe (1996–2011), die die wissenschaftliche Grundlage für die heutige Beschäftigung mit seinem Werk bildet.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (102 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten