1860 – 1904
Anton Pawlowitsch Tschechow
Kurzporträt↑
Anton Pawlowitsch Tschechow (1860–1904) gehört zu den bedeutendsten Autoren der russischen Literatur. In knapp fünfundzwanzig Schaffensjahren schrieb der gelernte Arzt mehrere hundert Erzählungen und über ein Dutzend Theaterstücke. Zu ihnen gehören die Welterfolge Die Möwe, Onkel Wanja, Drei Schwestern und Der Kirschgarten. Er stammte aus einer armen kleinbürgerlichen Familie in der südrussischen Hafenstadt Taganrog. Sein Leben lang schilderte er vor allem das Leben der einfachen Leute in der russischen Provinz: nüchtern, knapp und ohne moralisches Urteil. Tschechow starb mit 44 Jahren an Tuberkulose im Schwarzwald-Kurort Badenweiler.
Biografie↑
Anton Tschechow wurde am 29. Januar 1860 in Taganrog am Asowschen Meer geboren. Sein Vater Pawel Jegorowitsch, Sohn eines ehemals leibeigenen Bauern, betrieb dort einen kleinen Billigwarenladen. Auch die Mutter Jewgenija stammte aus einer einst leibeigenen Bauernfamilie. Anton hatte vier Brüder und eine Schwester. Die Familie lebte in beengten Verhältnissen. Die Söhne mussten schon früh im Laden mithelfen. Auf Anordnung des strengen, später von Tschechow als despotisch beschriebenen Vaters mussten sie außerdem täglich im Kirchenchor singen. Ab 1869 besuchte Anton das Zweite Taganroger Jungengymnasium. Er galt als eher durchschnittlicher Schüler und blieb zweimal sitzen. Zugleich fiel er durch Humor, satirische Spitznamen für die Lehrer und seine Liebe zum Stadttheater auf.
1876 musste der Vater nach dem Bankrott seines Ladens heimlich nach Moskau fliehen. Die Familie folgte ihm dorthin. Anton blieb allein in Taganrog zurück. Er mietete sich eine Ecke im verlorenen Elternhaus und finanzierte das Abitur mit Nachhilfestunden und dem Verkauf des verbliebenen Hausrats. Einen Teil schickte er nach Moskau. 1879 zog er mit einem kleinen Stipendium der Stadt nach Moskau und schrieb sich an der medizinischen Fakultät der Kaiserlichen Universität ein. Schon als Student begann er, kurze humoristische Geschichten unter Pseudonymen an Moskauer und Petersburger Witzblätter zu verkaufen. Am bekanntesten war das Pseudonym „Antoscha Tschechonté". So half er, die siebenköpfige Familie mitzuernähren. Bis zum Abschluss des Studiums 1884 hatte er bereits über 200 Erzählungen, Feuilletons und Humoresken veröffentlicht, darunter Der Tod des Beamten, Der Dicke und der Dünne und Ein Chamäleon. Im Sommer 1884 erschien mit den Märchen der Melpomene sein erstes Buch.
Nach dem Examen praktizierte Tschechow als Arzt in Woskressensk und Swenigorod. Die meisten Patienten behandelte er kostenlos und betrachtete weiterhin die Schriftstellerei als Haupteinnahmequelle. In den späten 1880er Jahren schrieb er besonders intensiv: 1885 erschienen 133, 1886 noch 112 Texte. 1885 traf er in Sankt Petersburg den Verleger Alexei Suworin und den renommierten Romancier Dmitri Grigorowitsch. Die Begegnung brachte ihm bessere Konditionen und die Ermutigung, die Pseudonyme abzulegen. Ab 1886 veröffentlichte er in Suworins auflagenstarker Zeitung Nowoje wremja unter eigenem Namen. Schon im Dezember 1884 hatte ein erster Bluthustenanfall eine Tuberkulose-Erkrankung angekündigt, die er lange verdrängte.
Ende der 1880er Jahre ließ die Produktivität nach. 1888 erschien die viel beachtete Novelle Die Steppe. 1889 starb sein Bruder Nikolai an Tuberkulose. 1890 unternahm Tschechow eine strapaziöse, fast dreimonatige Reise quer durch Sibirien auf die Gefangeneninsel Sachalin. Angeregt hatten ihn juristische Materialien seines Bruders Michail. Drei Monate lang besichtigte er dort Gefängnisse, behandelte Kranke und führte eine Volkszählung von rund 10.000 Inselbewohnern durch. Die Rückreise per Schiff führte über Ceylon und den Suezkanal. Aus den Erfahrungen entstand 1893 das Sachbuch Die Insel Sachalin. Dessen Schilderungen von Züchtigung, Korruption und Kinderprostitution im Russischen Reich sorgten für Aufsehen und lösten eine staatliche Untersuchungskommission aus.
1891 reiste Tschechow erstmals nach Westeuropa (Wien, Venedig, Florenz, Rom, Paris). 1892 erwarb er das Landgut Melichowo südlich von Moskau. Dort behandelte er erneut kostenlos die Bauern und half bei einer Cholera-Vorsorge. Später arbeitete er in der Dorfselbstverwaltung und initiierte den Bau mehrerer Volksschulen. Büchersammlungen schickte er an die Bibliothek von Taganrog und an die Schulen auf Sachalin. In den Melichowo-Jahren entstanden Krankenzimmer Nr. 6 (1892), Der schwarze Mönch (1894), Das Haus mit dem Mezzanin (1896), Die Bauern (1897), die Umarbeitung des Waldschrats zu Onkel Wanja (1896) sowie das Drama Die Möwe (1895). Dessen Petersburger Uraufführung 1896 wurde ein Misserfolg. Erst die Inszenierung am neu gegründeten Moskauer Kunsttheater durch Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko brachte den Durchbruch.
Im März 1897 erlitt Tschechow eine schwere Lungenblutung und ließ sich erstmals ärztlich behandeln. Ärzte rieten zu milderem Klima. 1898 zog er auf die Krim, wo er sich bei Jalta ein Haus bauen ließ. Anfang 1899 verkaufte er für 75.000 Rubel sämtliche Rechte an seinen Werken (ohne die Theaterstücke) an den Verleger Adolf Marx. Auf der Krim lernte er die Schauspielerin Olga Knipper kennen. Im Mai 1901 heiratete er sie in einer heimlichen Trauung in Moskau. Die Ehe blieb nach einer Fehlgeburt kinderlos. In Jalta entstanden die Stücke Drei Schwestern (1900) und Der Kirschgarten (1903) sowie Erzählungen wie Die Dame mit dem Hündchen (1899) und Der Bischof (1902). Sein letzter öffentlicher Auftritt war die Premiere des Kirschgartens am Moskauer Kunsttheater an seinem 44. Geburtstag im Januar 1904.
Anfang Juni 1904 reiste Tschechow mit Olga Knipper nach Deutschland zu einer Kur in Badenweiler im Schwarzwald. Nach kurzzeitiger Besserung erlitt er Mitte Juli mehrere Herzanfälle und starb in der Nacht auf den 15. Juli 1904. Sein Leichnam wurde nach Moskau überführt und am 22. Juli unter großer Anteilnahme auf dem Neujungfrauenkloster-Friedhof neben seinem Vater beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Tschechows Frühwerk – kurze Miniaturen, Parodien, Anekdoten – ist von einem witzigen, oft satirischen Ton geprägt. Die reifen Erzählungen ab Mitte der 1880er Jahre sind dagegen dem Realismus zuzuordnen. Seine medizinische Ausbildung und die Erfahrung als Landarzt prägten dabei die nüchterne Beobachtung mit. Sein Lebensmotto als Erzähler hat er selbst in einem Brief von 1888 formuliert: Der Schriftsteller sei nicht „Richter seiner Personen", sondern „leidenschaftsloser Zeuge"; urteilen sollten die Leser. Aus dieser Haltung folgt ein wertneutraler, zurückhaltender Stil, der für ihn typisch wurde.
Die meisten Erzählungen kreisen um das Leben der Kleinbürger im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts, um den Verfall des geistigen Lebens, um Sünde und Vergänglichkeit. Die Handlung ist meist in eine mittel- oder südrussische Landschaft oder in eine provinzielle Kleinstadt eingebunden und hat nicht selten ein offenes Ende. In Werken wie Krankenzimmer Nr. 6 (1893) rechnet Tschechow gnadenlos mit der passiven Anpassung an soziale Missstände ab. In Wolodja, Schlafen! oder Typhus zeigt er sich als feiner Psychologe. Die von Thomas Mann besonders gepriesene Novelle Langweilige Geschichte (1889) führt einen alternden Medizinprofessor vor, der im Angesicht des Todes die Sinnlosigkeit seines Lebens erkennt.
Zugleich ist Tschechows Themenpalette ungewöhnlich breit. Sie reicht von leichten Situationskomödien (Vater werden ist nicht schwer) und Tiergeschichten für Kinder (Kaschtanka) bis zur Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit (Gram, Gussew, Der Bischof). Einzelne Werke wie Der Student (1894) oder Die Steppe (1888) wirken wie eine optimistische Huldigung an die Welt. Wiederkehrend ist die Vorliebe für individualisierte Charaktere statt großer Handlung. Dazu kommen eine demonstrative Sparsamkeit der Mittel – „Die Kürze ist die Schwester des Talents", so Tschechow selbst – und der Verzicht auf traditionelle Intrigen.
In den Theaterstücken behielt er diese Methode objektiver Beschreibung bei. Die Figuren sind Kleinadlige, die anständig und sensibel sind und von einem besseren Leben träumen. Am übersteigerten Selbstmitleid und an ihrer fehlenden Willensstärke scheitern sie aber. Tschechow nannte die meisten seiner Stücke „Komödien", obwohl ihre Handlung nicht komisch ist. Gemeint war das unfreiwillig Komische im Verhalten seiner hilflosen Figuren. Dieses Missverstehen seines Anliegens war auch schuld am Misserfolg der Möwe bei der Erstaufführung 1896. Tschechow schrieb nie einen längeren Roman. Er gilt aber als einer der frühen Meister der Kurzgeschichte und übte einen immensen Einfluss auf die Form der modernen Novelle und des modernen Schauspiels aus.
Rezeption↑
Viele von Tschechows späten Werken wurden noch zu Lebzeiten ins Deutsche und in weitere Sprachen übersetzt und fanden rasch internationale Resonanz. Im deutschsprachigen Raum ist die russische Literatur traditionell mit Romanciers wie Tolstoi oder Dostojewski verbunden. Dort wurde Tschechow vor allem als Dramatiker bekannt. Im angelsächsischen Raum dagegen fand sein erzählerisches Werk seit dem frühen 20. Jahrhundert großen Anklang, weil seine sparsame Form an die dort bereits etablierte Tradition der Short Story etwa eines Edgar Allan Poe anknüpfen konnte. Zu den bekanntesten deutschsprachigen Ausgaben zählen die Werkausgaben des DDR-Verlags Rütten & Loening und des Schweizer Diogenes Verlags.
Tschechows Stücke werden im deutschsprachigen Raum bis heute oft fürs Theater adaptiert. Zu den jüngeren Inszenierungen gehören Die Möwe am Berliner Maxim-Gorki-Theater (2000, Regie Katharina Thalbach), Platonow am Schauspielhaus Köln (2003), Drei Schwestern am Berliner Theater am Kurfürstendamm (2008) und Iwanow am Düsseldorfer Schauspielhaus (2008/09, Regie Amélie Niermeyer). Zum 150. Geburtstag des Autors brachte Frank Castorf 2010 beim Internationalen Tschechow-Theaterfestival in Moskau das Stück Nach Moskau! Nach Moskau! heraus. Es beruht auf Drei Schwestern und der Erzählung Die Bauern.
Auch auf die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wirkte Tschechow stark. James Joyce bezeichnete ihn als den von ihm meistbewunderten russischen Autor seiner Epoche. Tschechows Dramen beschrieb er als dramaturgisch revolutionär, weil sie auf einen Spannungsbogen verzichteten und die klassischen Dramenkonventionen aufsprengten. In seinen Figuren sah Joyce erstmals eine existentielle Einsamkeit auf der Bühne erfasst. Anglistische und slawistische Studien (James Atherton, Richard Ellmann, Patrick Parrinder) haben Anspielungen und stilistische Parallelen nachgewiesen. Sie mussten aber einräumen, dass Joyce die Kenntnis von Tschechows Erzählungen selbst bestritt. Der Einfluss gilt als belegt, aber schwer zu fassen. Katherine Mansfield nannte Tschechow ausdrücklich ihren „Meister". Ihre Erzählung The Child-Who-Was-Tired ist eine Adaption von Tschechows Schlafen!. Stilistisch wurden auch Verbindungen zu Franz Kafka, George Bernard Shaw, Katherine Anne Porter, Sherwood Anderson, Ernest Hemingway, Bernard Malamud und Raymond Carver gezogen.
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