1135 – 1190
Chrétien de Troyes
Kurzbiografie↑
Als Begründer des höfischen Romans gilt Chrétien de Troyes, ein französischer Dichter des 12. Jahrhunderts. Seine Versromane haben die Literatur und Kunst weit über Frankreich hinaus geprägt. Sein Werk kreist um den Sagenkreis des sagenhaften Königs Artus. Es verbindet Abenteuer, Minne und ein neues höfisches Lebensideal zu kunstvoll gebauten Erzählungen. Werke wie Erec et Enide, Le Chevalier au lion und der unvollendete Perceval wurden zu Vorlagen für die mittelhochdeutschen Dichter Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach. Über sein Leben ist kaum etwas gesichert. Seine Romane zählen jedoch zu den prägenden Werken der altfranzösischen Literatur.
Biografie↑
Gesicherte Lebensdaten Chrétiens sind nicht überliefert. Schon das Geburts- und das Sterbejahr sind in der Forschung umstritten. Wikidata nennt für die Geburt das Jahr 1135, die Deutsche Nationalbibliothek das Jahr 1150. Die gängige Angabe lautet „um 1140“. Ähnlich verhält es sich mit dem Tod. Wikidata datiert ihn auf 1181, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen auf 1190. Verbreitet ist die Angabe „um 1190“. Als Geburtsort wird Troyes genannt, als Sterbeort Flandern. Beides ist allein durch Wikidata und nicht durch die Deutsche Nationalbibliothek belegt.
Was über ihn bekannt ist, geht im Wesentlichen aus seinen eigenen Werken hervor. In seinem Roman Erec et Enide bezeichnet er sich selbst als aus Troyes stammend. Die betreffende Zeile lautet „Por ce dit Crestiiens de Troies“. Er schrieb im Dialekt der Champagne. Er muss eine gute Bildung nach Art eines Klerikers genossen haben. Seine Schaffenszeit erstreckte sich offenbar von etwa 1160 bis in die 1180er-Jahre.
Hinweise auf seine Auftraggeber liefern die Widmungen seiner Romane. Sein Lancelot entstand nach Auskunft der Widmung im Auftrag der Gräfin Marie de Champagne. Diesen Titel erhielt sie durch ihre Heirat 1164. Sein letztes und unvollendetes Werk, der Conte du Graal, ist Graf Philipp von Flandern gewidmet. Dieser übernahm den Titel 1169 und wurde 1180 Regent von Frankreich. Die Widmung wurde offenbar vor diesem Zeitpunkt verfasst und erwähnt diese Würde noch nicht. Chrétien muss also nach 1164 und vor beziehungsweise um 1180 zeitweilig in Beziehung zu diesen Fürsten gestanden haben.
Sein Publikum bildeten solche fürstlichen Mäzene samt ihren Gattinnen, Hofdamen und Edelfräulein. Dazu kam der an ihren Höfen lebende oder verkehrende kleinere und mittlere Militär- und Verwaltungsadel. Sein Schaffen fällt in den Höhepunkt der Macht dieser Territorialfürsten, der Herzöge und Grafen. Deren Höfe rivalisierten im 11. und 12. Jahrhundert als Macht- und Kulturzentren mit dem Hof der französischen Könige.
Literarische Merkmale↑
Im Mittelpunkt von Chrétiens überliefertem Werk stehen fünf Versromane. Ihre Stoffe stammen überwiegend aus der sogenannten Matière de Bretagne, dem keltisch-britannischen Sagenkreis um König Artus. Diesem Kreis liegen vermutlich mündlich verbreitete Geschichten zugrunde, wie sie im walisischen Mabinogion und den irischen echtrai, den Erzählungen von Abenteuerreisen, erhalten sind. Chrétien reichert diese Stoffe mit erfundenen Episoden an. Er verlegt das Geschehen in eine Welt, die dem höfischen Zeitgeist entsprach. Die Vorstellungen des Minnedienstes, wie sie in der Troubadourlyrik entwickelt worden waren, fließen in seine Epen ein. Vor allem die zahlreichen Dialoge und inneren Monologe handeln von der Minne. Sein Verfahren, aus verschiedenen Elementen eine kunstvoll gebaute und bedeutungsvolle Handlung zu schaffen, nannte er mit Selbstbewusstsein eine „molt bele conjointure“, eine sehr schöne Verbindung.
Seine Romane sind in paarweise gereimten Achtsilbern verfasst. Érec et Énide erzählt vom Königssohn Érec, der aus Liebe zu seiner Frau Énide seine ritterlichen Pflichten vernachlässigt. Er erkennt seinen Fehler und bewährt sich auf Abenteuerfahrt. Cligès verbindet eine byzantinische Vorgeschichte mit der eigentlichen Liebeshandlung. Der Roman enthält die berühmte These von der „translatio studii“, der Weitergabe der Gelehrsamkeit von den Griechen über die Römer an die Franzosen. Le Chevalier de la charrette erzählt von Lancelots hingebungsvoller Liebe zur entführten Königin Guenièvre. Die letzten rund tausend Verse stammen von einem gewissen Godefroi de Lagny, offenbar nach Plänen Chrétiens. In Le Chevalier au lion läutert sich der Ritter Yvain durch viele Prüfungen zum idealen Ritter. Der unvollendete Perceval schließlich versucht, den höfischen Roman mit christlichen Elementen und dem Mythos vom Heiligen Gral zu durchdringen.
Manches ist nur indirekt bezeugt. Den Cligès leitet Chrétien mit einem Werkverzeichnis ein, das bis etwa 1170 reicht. Es nennt unter anderem Übertragungen Ovids sowie eine Geschichte von König Marke und der blonden Isolde. Diese Werke sind, bis auf den Erec und die Verwandlungssage Philomena, nicht erhalten geblieben.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten und kurz danach strahlte Chrétiens Werk weit über Frankreich hinaus. Seine Romane Erec und Yvain wurden schon vor oder um 1200 von Hartmann von Aue in mittelhochdeutschen Versen nachgedichtet. Den Perceval dichtete Wolfram von Eschenbach bald nach 1200 nach. Dies gilt als Zeichen dafür, wie vorbildhaft die französische Literatur in den Nachbarländern Frankreichs zu dieser Zeit wirkte.
In Frankreich selbst wurden im 13. Jahrhundert fast alle Romane Chrétiens für ein überwiegend städtisches Publikum in Prosa umgeschrieben. Vor allem der umfangreiche Prosa-Lancelot fand weite Verbreitung. Er wurde bis ins 15. Jahrhundert hinein abgeschrieben und gelesen. Im England des 15. Jahrhunderts fügte Sir Thomas Malory verschiedene Stränge der Artus-Sagen zusammen. Noch Richard Wagner ließ sich, vermittelt über Wolfram von Eschenbach, von Stoffen Chrétiens anregen.
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