1181
Li Contes del Graal
Überblick↑
Der Versroman Li Contes del Graal ist der fünfte, längste und letzte höfische Versroman des Dichters Chrétien de Troyes. Er entstand vermutlich zwischen 1181 und 1191. Chrétien war ein Trouvère aus der Champagne, also ein Dichter des mittelalterlichen Nordfrankreich. Er widmete das Werk seinem Auftraggeber und Gönner, dem Kreuzfahrer Philipp von Elsass, Graf von Flandern.
Mit diesem Roman tritt der Gral zum ersten Mal in die Literatur ein. Hier liegt die Geburtsstunde des geheimnisumwitterten Gralmythos. Chrétien versuchte, die weltliche Ritterlichkeit und die geistliche Suche nach dem Gral mit christlichen Motiven zu verbinden. Dieser Versuch blieb unvollendet. Gerade das offene Ende löste eine Flut von Fortsetzungen und Nachdichtungen aus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Perceval, ein einfältiger Bursche, den seine verwitwete Mutter fernab der Welt auf dem Lande aufzieht. Sie will ihn beschützen, denn ihre anderen Söhne sind im Kampf gefallen. Eines Tages begegnen dem Knaben im Wald fünf Ritter, die er in seiner Ahnungslosigkeit für Engel hält. Von da an will er selbst Ritter werden und bricht zum Hof des Königs Artus auf.
Perceval besteht seine ersten Bewährungsproben, wird zum Ritter geschlagen und lernt die schöne Blanchefleur kennen. Schließlich gelangt er zu einer geheimnisvollen Burg, in der ein verwundeter Herrscher lebt, der Fischerkönig. Dort wird er Zeuge eines rätselhaften Umzuges: An ihm ziehen eine blutende Lanze und ein leuchtendes Gefäß vorbei, der Gral. Was dieser Anblick bedeutet und was Perceval daraus folgt, treibt die Erzählung voran.
Parallel zu Perceval berichtet der Roman von den Abenteuern eines zweiten Ritters der Tafelrunde, Gauvain. So verflicht das Werk zwei Lebenswege miteinander: die geistliche Suche des einen und die weltlichen Kämpfe des anderen.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn lobt Chrétien im Prolog seinen Gönner, den Grafen von Flandern. Er vergleicht sich mit einem Sämann, dessen Saat reich aufgehen werde. Zugleich beruft er sich auf ein Buch, das ihm der Graf übergeben habe, damit er daraus eine Geschichte in Versen reime, „die beste, die je am Königshofe erzählt werde“.
Perceval wächst bei seiner verwitweten Mutter im keltischen Britannien auf. Als ihm im Wald fünf Ritter begegnen, ist sein Entschluss gefasst, selbst Ritter zu werden. Die erschrockene Mutter versucht ihn umzustimmen. Sie enthüllt ihm seine adlige Herkunft und den Tod des Vaters und der Brüder. Drei Tage später bricht Perceval dennoch auf. Er kümmert sich nicht um das Leid der Mutter. Vom Pferd aus sieht er noch, wie sie vor Schmerz vor dem Herrenhaus zusammenbricht, doch er reitet weiter.
Unterwegs überfällt er ein Fräulein im Zelt. Am Artushof besiegt er den Roten Ritter. Der erfahrene Gornemant de Goort nimmt ihn auf und schlägt ihn zum Ritter. Auf der Burg Beaurepaire begegnet er Blanchefleur. Nach langem Ritt überschreitet er die Schwelle in einen anderweltlichen Bereich und erreicht die Gralsburg. Dort empfängt ihn der verwundete Fischerkönig, auf Altfranzösisch Roi Pescheor. Vor Percevals Augen ziehen eine blutende Lanze und der Gral vorüber. In diesen Versen erscheint der Gral zum ersten Mal in der Dichtung.
Hier begeht Perceval einen folgenschweren Fehler. Aus falscher Zurückhaltung fragt er den Fischerkönig nicht nach dem Grund seines Leidens und nicht nach der Bedeutung der Lanze und des Grals. Er weiß nicht, dass er den König mit dieser Frage hätte heilen und erlösen können. Am nächsten Morgen findet er die Burg vollkommen leer vor.
Perceval kennt nicht einmal seinen eigenen Namen, denn die Mutter hatte ihn stets nur „Biax Filz“ genannt, schöner Sohn. Erst im Gespräch mit seiner Cousine erinnert er sich wieder. Von ihr erfährt er auch, dass die Mutter am Tag seines Auszugs vor Kummer tot zu Boden gefallen ist. Später versinkt er beim Anblick dreier Blutstropfen im Schnee in Gedanken, denn sie erinnern ihn an Blanchefleur. Als er an den Artushof zurückkehrt, erscheint dort ein Fräulein von unbeschreiblicher Hässlichkeit. Es verflucht ihn. Perceval gelobt, nicht zu ruhen, bis er die Bestimmung des Grals und der blutenden Lanze ergründet hat.
Danach verschwindet Perceval fast ganz aus der Erzählung. Fünf Jahre irrt er gottvergessen durch die Welt und häuft dabei Heldentaten an. An einem Karfreitag führt ihn eine Prozession zu einem Einsiedler. Perceval erkennt seine Sünden und legt eine Beichte ab. Nun erhält der Gral eine christliche Deutung: Er trägt die geweihte Hostie, von der sich allein der Gralkönig ernährt, der die höchste Form der Frömmigkeit erreicht hat.
Die zweite Hälfte des Romans gehört Gauvain, dem Ritter der Tafelrunde. Er kämpft beim Turnier von Tintagel und besteht die Prüfung auf dem Wunderbett, dem gefährlichen Bett, altfranzösisch Lit de la Mervoille. In diesen Szenen schöpft Chrétien aus dem Märchenhaften und Magischen bretonischer Sagen. Mitten in Gauvains Abenteuern, nach gut neuntausend Versen, bricht die Erzählung unvermittelt ab. Chrétien führte sein Werk nicht zu Ende. An dieser Stelle setzen später die Fortsetzungen seiner Nachahmer ein, die den „alten Perceval“ Chrétiens vom „neuen Perceval“ der Nachfolger unterscheiden.
Stil↑
Die Erzählung ist in gepaarten Achtsilbern gedichtet, dem gereimten Achtsilber-Vers. Je nach überlieferter Handschrift umfasst sie bis zu 9.234 Verse. Chrétien schrieb nicht auf Latein, wie im Mittelalter üblich, sondern in der Volkssprache. Im achten Vers nennt er sein Werk selbst einen „romans“, also eine Erzählung in romanischer, altfranzösischer Sprache.
Auffällig ist der zweiteilige Aufbau. Rund 5.000 Verse gehören Perceval, etwa 4.000 den Abenteuern Gauvains. So stellt der Dichter die geistliche Suche des einen neben die weltlichen Kämpfe des anderen. Der Prolog verbindet die Lobrede auf den Gönner mit dem Eigenlob des Dichters und dem Bild vom Sämann.
Kennzeichnend ist die bewusste Verrätselung. Den Umzug auf der Gralsburg lässt der Erzähler absichtlich im Geheimnisvollen. Er verrät nicht, was Lanze und Gral bedeuten, und zieht den Leser gerade dadurch in den Bann. Immer wieder greift der Erzähler in die Handlung ein und ordnet das Geschehen. Seinen Helden zeichnet Chrétien zunächst als einfältigen Tor, der erst allmählich reift.
Rezeption↑
Mit diesem Werk beginnt die Geschichte des Grals in der Literatur. Der geheimnisvolle Gegenstand erhält hier seinen ersten dichterischen Auftritt. Weil Chrétien den Roman offen ließ, fieberte das mittelalterliche Publikum einer Auflösung entgegen. Diese Erwartung wurde nie erfüllt und trieb andere Dichter an, das Fehlende selbst zu erfinden.
So entstand eine Flut von Gral- und Artus-Erzählungen, zunächst in Frankreich, dann in ganz Europa und schließlich weltweit bis in die Gegenwart. Zahlreiche Nachahmer setzten den unvollendeten Roman fort. Zu den Dichtern, die den Stoff aufgriffen, gehört Wolfram von Eschenbach, dessen Parzival den jungen Helden einen „tumben Tor“ nennt. Zu den Bearbeitungen des Stoffes zählt auch die Parcevals saga.
Auch in späteren Jahrhunderten wirkte der Stoff weiter. Er steht hinter dem dramatisch-musikalischen Werk Parsifal. Éric Rohmer verfilmte den Roman 1978 unter dem Titel Perceval le Gallois. Der Gralmythos, den Chrétien de Troyes begründete, gehört bis heute zu den nachwirkendsten Erfindungen der mittelalterlichen Dichtung.
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