1913
Lesabéndio
Überblick↑
Der Roman Lesabéndio von Paul Scheerbart erschien 1913 und trägt den Untertitel eines Asteroiden-Romans. Er spielt auf dem Himmelskörper Pallas, den eine eigentümliche Wesensart bewohnt. Das Werk verbindet phantastische Zukunftserzählung mit Fragen nach dem Zusammenleben, nach dem Bau und nach dem Blick ins Weltall. Es gilt als ein früher Vorläufer dessen, was später Science-Fiction genannt wurde.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf dem Asteroiden Pallas lebt ein Volk schlanker, gummiartiger Wesen. Sie können ihre Gestalt verändern, stehen auf einem einzigen Saugfuß, bewegen sich rasch mit Flügeln am Rücken und besitzen Augen, die sich wie Fernrohre ausfahren lassen. Eines dieser Wesen ist Lesabéndio, kurz Lesa genannt.
Lesa lässt eine dichte Nebelwolke keine Ruhe, die den Raum über ihm verdunkelt. Er fasst einen kühnen Entschluss: Er will einen gewaltig hohen Turm errichten, der weit über alles Bisherige hinausragt. Für dieses Vorhaben gewinnt er mehrere Handwerker seines Volkes, von denen jeder eine besondere Fähigkeit mitbringt. So entfaltet sich vor dem Leser der Bau Schritt für Schritt, und zugleich zeigt sich das Leben der Pallasier in vielen Einzelheiten.
Die Handlung im Detail↑
Der Schauplatz ist der Asteroid Pallas, bewohnt von schlanken, biegsamen Geschöpfen mit ungewöhnlichen Körpern. Sie verändern ihre Form nach Belieben, halten sich auf einem Saugfuß aufrecht, gleiten mit Rückenflügeln dahin und blicken durch Augen, die sich wie Teleskope ausdehnen lassen.
Lesabéndio, den man Lesa nennt, stört eine dichte Nebelwolke, die den Raum über ihm verhüllt. Um sie zu überwinden, beginnt er den ehrgeizigen Bau eines hohen Turms, der ihn selbst weit überragen soll. Er ruft mehrere pallasische Handwerker zu Hilfe, jeder mit einer eigenen Gabe ausgestattet. Auf diese Weise wird der Bauvorgang ausführlich geschildert und zugleich die ganze Gesellschaft der Pallasier beschrieben.
Als es Lesa endlich gelingt, sich über die Wolke zu erheben, tut sich den Pallasiern der Blick in den Kosmos auf. In diesem Augenblick gerät bei der gesamten Bevölkerung das Wirken ihres Bewusstseins in Bewegung und Erschütterung.
Stil↑
Getragen wird das Werk von einer phantastischen Erfindungskraft, die eine ganze fremde Welt bis in ihre Einzelheiten ausmalt. Scheerbart schildert die Körper seiner Wesen, ihre Fähigkeiten und ihr Zusammenleben mit genauer Anschauung. Besonderen Raum nimmt der Turmbau ein, dessen einzelne Schritte der Erzähler wie ein Vorgang aus Technik und Handwerk vor Augen führt.
Die ausgeprägte Vorliebe des Autors für moderne Architektur, wie sie sich auch in seinem Buch Glasarchitektur von 1914 zeigt, prägt die Form des Romans. Sie hat dazu geführt, dass man nach seiner Gattung fragte: ob es sich um einen Roman handle, um ein Manifest oder um eine Art zukunftsgewandtes Handbuch – oder um all dies zugleich.
Rezeption↑
Eine der eindrücklichsten Spuren hinterließ das Buch bei Walter Benjamin. Sein Freund Gershom Scholem schenkte ihm im April 1917 ein illustriertes Exemplar. Benjamin schrieb daraufhin in einem Brief, er habe geistig eine zweite Verwandlung durchlebt. Für sein Denken über Utopie und Sprache spielte der Roman eine wichtige Rolle; er soll sein Lieblingsroman gewesen sein.
Nachdem der Verlag Wakefield Press 2012 die englische Übersetzung von Christina Svendsen herausgebracht hatte, urteilte John F. Barber in der Zeitschrift Leonardo, das Buch sei ökologisch gewesen, ehe die Ökologie eine Disziplin war, und Science-Fiction, ehe diese eine literarische Gattung war. Es lasse sich auch als politisches Gleichnis über die Gefahren und die Notwendigkeit des Konflikts lesen.
Erik Morse von der Los Angeles Review of Books hob hervor, dass Lesabéndio schon vor Martin Heideggers Sein und Zeit und vor Peter Sloterdijks Trilogie Sphären die Frage nach dem Sein mit einer bestimmten Technik der Umwelt verband.
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