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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Paul Scheerbart
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Porträt Paul Scheerbart
Paul Scheerbart
1863 – 1915
– Autorenporträt –

Paul Scheerbart

1863 – 1915 · 52 Jahre

Paul Scheerbart schrieb fantasievolle Romane und Gedichte über ferne Länder und das Weltall, zeichnete auch selbst und blieb zeitlebens arm – seine später verfasste Schrift über Glasarchitektur beeindruckte junge Architekten wie Bruno Taut.

Kurzbiografie↑

Als Schriftsteller phantastischer Literatur und als Zeichner ging Paul Scheerbart (1863–1915) eigene Wege. In der Blütezeit des Naturalismus setzte er auf das Phantastische und gründete 1892 den „Verlag deutscher Phantasten“. Seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke spielen oft an fernen Schauplätzen: im mittelalterlichen Orient oder in den Weiten des Weltalls. Zeitlebens lebte er in ärmlichen Verhältnissen, doch seine Ideen wirkten nach – seine Schrift über Glasarchitektur beeindruckte junge Architekten wie Bruno Taut, und Walter Benjamin wurde einer seiner größten Bewunderer.


Biografie↑

Geboren wurde Paul Carl Wilhelm Scheerbart am 8. Januar 1863 in Danzig. Sein Vater Carl Eduard war Zimmermeister; die Mutter Catharina Friederike, geborene Hering, stammte aus Altona bei Hamburg. Scheerbart verlor seine Eltern früh und wuchs von einer Stiefmutter auf. Das Gymnasium in Danzig verließ er laut der Neuen Deutschen Biographie ohne Abschluss.

Von 1885 an arbeitete er als Journalist, unter anderem für den Berliner „Börsen-Courier“, den „Danziger Courier“ und das „Berliner Tageblatt“. Dabei spezialisierte er sich auf Kunst- und Architekturkritik. In den Angaben zum Studium gehen die Quellen auseinander: Die Wikipedia nennt einen 1885 begonnenen Beschäftigung mit Philosophie und Kunstgeschichte, während die Neue Deutsche Biographie ihn schon 1885 als Journalisten führt. Eine kleine Erbschaft ermöglichte die Niederschrift seines ersten Romans Das Paradies. Die Heimat der Kunst, der 1889 erschien.

Seit 1889 lebte Scheerbart in Berlin. Dort versuchte er, das Perpetuum mobile zu erfinden. 1892 gründete er den „Verlag deutscher Phantasten“, um seiner phantastischen Literatur zum Durchbruch zu verhelfen. Da Mitstreiter ausblieben, musste er sein künstlerisches Programm allein verwirklichen. Zeitlebens war er in finanziellen Schwierigkeiten. Anerkennung in literarischen Kreisen verschaffte ihm der Roman Die große Revolution, der 1902 im Insel Verlag erschien – nennenswerte Verkaufszahlen erreichte er damit allerdings nicht.

Der junge Ernst Rowohlt verlegte 1909 Scheerbarts Gedichtsammlung Katerpoesie als eines der ersten Bücher seines Verlags. 1913 folgte der Asteroiden-Roman Lesabéndio mit Zeichnungen von Alfred Kubin, 1914 das Baumanifest Glasarchitektur, das er Bruno Taut widmete.

Scheerbart heiratete 1900 in Berlin Anna Scherler, geborene Sommer, verwitwete Scherler, aus Osterburg in der Altmark. Die Ehe blieb kinderlos. Zu seinem Berliner Freundes- und Trinkerkreis gehörte auch Erich Mühsam, der ihm in seinen Unpolitischen Erinnerungen ein Kapitel widmete. Eng befreundet war er zudem mit Richard Dehmel.

Paul Scheerbart starb am 15. Oktober 1915 in Berlin-Lichterfelde an einem Schlaganfall; die Neue Deutsche Biographie nennt als möglichen Sterbetag auch den 17. Oktober. Von Walter Mehring stammt die unbewiesene Behauptung, Scheerbart sei als überzeugter Pazifist aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg verhungert. Beigesetzt wurde er auf dem Parkfriedhof Berlin-Lichterfelde; das Grab ist nicht erhalten.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Scheerbarts vielfältiges Schaffen sind Eigenwilligkeit und Experimentierfreude. In seinen Romanen, Erzählungen und Theaterstücken wählte er meist zeitlich und räumlich entfernte Schauplätze. Mal führte er die Leser in den mittelalterlichen Orient, wie in Tarub. Bagdads berühmte Köchin, mal in die Zukunft verlegte Weltausstellungen wie in Münchhausen und Clarissa. Am liebsten aber begab er sich in die Weiten des Weltalls, die er mit höher entwickelten Lebewesen bevölkerte – etwa in den Astralen Novelletten und in Lesabéndio.

In kurzen Prosastücken nahm er auch die Realität ins Visier und gab ihr oft groteske Züge. Sprachwitz, Lust am Nonsens und ein zum Absurden tendierender Humor prägen diese Texte. Die separat veröffentlichte kleine Prosa verknüpfte er später über Rahmenerzählungen zu „Romanen“, wie in Ich liebe Dich! und Immer mutig!. Humorvoll sind auch seine Gedichte, mit denen er große Popularität erlangte.

Neben dem Schreiben zeichnete Scheerbart. Angeregt von den Buchkunst-Bestrebungen des Jugendstils, versah er seine Bücher zeitweise mit eigenen Illustrationen. Diese phantastisch-figurativen Zeichnungen wurden in Ausstellungen gezeigt und als Mappenwerk unter dem Titel Jenseits-Galerie veröffentlicht. Für das Kabarett schrieb er zahlreiche kurze Stücke, von denen aber nur wenige aufgeführt wurden.


Rezeption↑

Zeitlebens blieb Scheerbart ein Außenseiter mit schmalem Publikum. Seine Bücher fanden zwar in literarischen Kreisen Anerkennung, doch nennenswerte Verkaufszahlen erreichten sie nicht. Georg Hecht rechnete ihn „zu den ganz großen Könnern in der literarischen Kunst Deutschlands“. Seine Lautgedichte beeindruckten Christian Morgenstern und die Dadaisten, seine Ideen zum Theater wirkten auf Alfred Jarry.

Im Kreis der Expressionisten und Dadaisten wurde sein Werk geschätzt. Seine phantasievollen Aufsätze über Glasarchitektur beeinflussten junge Architekten wie Bruno Taut, aber auch Walter Benjamins Passagenwerk. Benjamin verfasste bereits 1917 einen bewundernden Essay über Lesabéndio und setzte Scheerbart 1933 in dem Essay Erfahrung und Armut ein Denkmal. Die Neue Deutsche Biographie nennt Benjamin wohl seinen größten Bewunderer.

Scheerbarts Person war von Legenden umwoben; seine exzentrische Persönlichkeit und seine zurückgezogene Lebensweise begünstigten diese Neigung. Die Nationalsozialisten setzten ihn auf die Liste der verbotenen Autoren. In der Forschung wurde sein Werk später vor allem als frühe phantastische und Science-Fiction-Literatur wiederentdeckt; mehrere Bibliografien, Dissertationen und eine zehnbändige Werkausgabe (1986–1996) zeugen von diesem anhaltenden Interesse.

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