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Autoreneintrag · Warlam Tichonowitsch Schalamow
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Porträt Warlam Tichonowitsch Schalamow
Warlam Tichonowitsch Schalamow
1907 – 1982
– Autorenporträt –

Warlam Tichonowitsch Schalamow

1907 – 1982 · 74 Jahre

Der russische Schriftsteller überlebte sechzehn Jahre in sowjetischen Straflagern im Nordosten Sibiriens und hielt seine Erfahrungen in den „Erzählungen aus Kolyma“ fest, einem der wichtigsten Zeugnisse über den Gulag.

Kurzbiografie↑

Warlam Tichonowitsch Schalamow war ein russischer Schriftsteller, Oppositioneller und Dissident der Sowjetunion. Bekannt wurde er vor allem durch seine Erzähl- und Essayreihe Erzählungen aus Kolyma, die das Leben im sowjetischen Gulag der 1930er- bis 1950er-Jahre schildert. Weil er der linken Opposition nahestand, wurde er 1929 erstmals verhaftet; nach einer zweiten Verhaftung 1937 verbrachte er insgesamt sechzehn Jahre in den Lagern an der Kolyma im Nordosten Sibiriens. In der Sowjetunion konnte er offiziell nur Gedichtsammlungen veröffentlichen, während seine Lagererzählungen im Untergrund und im Ausland kursierten. Wirkliche Anerkennung fand Schalamow erst nach seinem Tod, mit dem Aufkommen von Glasnost und der posthumen Veröffentlichung seines Hauptwerks Ende der 1980er-Jahre.


Biografie↑

Geboren wurde Warlam Schalamow am 5. Juni 1907 in Wologda. Seinen Namen erhielt er zu Ehren des Nowgorod-Heiligen Warlam Chutynski, dessen Gedenktag mit seinem Geburtsdatum zusammenfiel. Sein Vater Tichon Nikolajewitsch Schalamow war Erbpriester; Großvater, Urgroßvater und weitere Verwandte hatten in den Kirchen von Weliki Ustjug gedient. Von 1893 bis 1904 wirkte der Vater in der orthodoxen Mission auf Kodiak Island in Alaska. Die Mutter, Nadeschda Alexandrowna, stammte aus einer Lehrerfamilie und wurde nach der Heirat Hausfrau. Warlam war das jüngste von fünf überlebenden Kindern. Der Vater hatte nach den Worten seines Sohnes eher liberale Ansichten, verurteilte den Antisemitismus und war während der Revolution von 1905 bis 1907 öffentlich aktiv; in der Familie trat er jedoch autoritär auf. Schalamow verstand sich schon als Kind als Atheist und blieb es zeitlebens.

Die Mutter brachte ihm mit drei Jahren das Lesen bei. 1914 trat er in ein Männergymnasium in Wologda ein. Mit dem Bürgerkrieg 1918 wurde die Zeit für die Familie schwer: Die Zahlungen an den Vater wurden eingestellt, die Wohnung ausgeraubt. In den frühen 1920er-Jahren erblindete der Vater, hielt aber bis zur Schließung der Kirchen 1930 Predigten, für die Warlam ihn führte. 1923 schloss Schalamow die Schule ab. Ein Jahr später ging er nach Moskau und arbeitete als Gerber in einer Lederwarenfabrik. 1926 begann er ein Studium an der Juristischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität. Zunehmend sympathisierte er mit der linken Opposition. Auf einer Demonstration zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution 1927 trug er ein Transparent mit der Aufschrift „Nieder mit Stalin“.

Am 19. Februar 1929 wurde Schalamow in einer illegalen Universitätsdruckerei verhaftet, weil er Lenins Testament verbreitet hatte. Sein Jurastudium war damit beendet. Er wurde zu drei Jahren Haft im Lagersystem und zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Von 1929 bis 1931 war er Gefangener der Wischera-Abteilung des Gulag und leistete in einer Holzfabrik Zwangsarbeit. Im Oktober 1931 kam er vorzeitig frei und fand beim Bau eines Chemiekombinats in Beresniki Arbeit. 1932 kehrte er nach Moskau zurück. 1933 starb sein Vater, ein Jahr später die Mutter. 1934 heiratete er Galina Guds; 1935 wurde die Tochter geboren. Von 1934 bis 1937 arbeitete er in Moskau als Journalist und veröffentlichte Essays und eine Kurzgeschichte.

Im Januar 1937 wurde Schalamow im Zuge des Großen Terrors erneut verhaftet, nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches wegen „konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Seine erste Frau ließ sich sogleich von ihm scheiden. Im August gelangte er per Schiff nach Magadan in die Kolyma-Region und musste im Goldbergwerk „Partisan“ arbeiten. Es folgten Jahre eines Weges durch immer neue Lager, Bergwerke und Krankenstationen. 1943 wurde er in Jagodnoje noch einmal zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt – der Anlass war, dass er den nach Frankreich emigrierten Iwan Bunin einen klassischen russischen Schriftsteller genannt hatte. Immer wieder erkrankte er, wurde denunziert und erneut verurteilt. Zwischen 1945 und 1951 arbeitete er unter anderem in Dschelgala, Sussuman und am Fluss Duskanja. Er besuchte Kurse für Arzthelfer und erhielt schließlich eine leichtere Tätigkeit im Zentralen Lagerkrankenhaus. Heimlich begann er, Gedichte zu schreiben; so entstanden die Kolymaer Hefte.

Am 13. Oktober 1951 wurde Schalamow aus dem Lager entlassen, blieb aber bis 1953 als Freigelassener Arzthelfer. Insgesamt hatte er sechzehn Jahre in Kolyma verbracht. Nach seiner Rückkehr weigerte sich seine erwachsene Tochter, ihn als Vater anzuerkennen. Von 1953 bis 1956 lebte er in der Gegend von Kalinin, dem heutigen Twer. 1954 begann er heimlich mit der Arbeit an den Erzählungen aus Kolyma, an denen er bis Anfang der 1970er-Jahre schrieb. Am 18. Juni 1956 wurde er hinsichtlich der Anklage von 1937 rehabilitiert. Im selben Jahr heiratete er die Schriftstellerin Olga Nekljudowa und zog wieder nach Moskau. 1957 erschienen erste Gedichte in sowjetischen Literaturzeitschriften. 1958 erkrankte er schwer und wurde invalidisiert. 1966 ließ er sich von seiner zweiten Frau scheiden.

Von 1968 bis 1971 arbeitete Schalamow an seinen Kindheitserinnerungen Das vierte Wologda und 1970 bis 1971 an Wischera. Ein Antiroman. Das Manuskript der Erzählungen aus Kolyma schmuggelte er aus der Sowjetunion; 1971 erschien es in Deutschland und Frankreich auf Deutsch und Französisch. 1978 folgte eine russischsprachige Auswahl in London. Als dies der Staatssicherheit bekannt wurde, musste er eine Erklärung unterschreiben, die Thematik der Erzählungen sei seit dem XX. Parteitag nicht mehr aktuell. Neben Solschenizyn war Schalamow damit zu einem der im Westen bekannten sowjetischen Dissidenten geworden. Ab 1979 lebte er in einem Altersheim. 1980 erhielt er die Freiheitsprämie des französischen P.E.N.-Clubs. Am 17. Januar 1982 starb er in Moskau in einer Nervenheilanstalt. Im Jahr 2000 wurde er auch hinsichtlich der Anklage von 1929 postum rehabilitiert.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Schalamows Prosa ist ihre Knappheit: In lakonischen Erzählungen gibt er als „Chronist der Menschheitsverbrechen“ Zeugnis vom sowjetischen Lagersystem. Die Erzählungen aus Kolyma gelten zugleich als Kunstwerk und als historisches Dokument über den Gulag. Sie sind das Ergebnis der Suche nach einer neuen Form, die die Katastrophe des Humanismus und das menschliche Verhalten unter äußersten Bedingungen darstellen kann. Schalamow hatte erfahren, dass sich der Mensch unter solchen Umständen in kürzester Zeit in ein Tier verwandeln kann, und erkannte die „außerordentliche Fragilität der menschlichen Kultur und Zivilisation“. Nach seiner Rückkehr aus dem Lager waren für ihn, wie es heißt, „die Maßstäbe verschoben“.


Rezeption↑

Anerkennung fand Warlam Schalamow vor allem nach seinem Tod – nach englischsprachigen Veröffentlichungen in den frühen 1980er-Jahren und mit dem Aufkommen von Glasnost. Zu Lebzeiten blieb sein Schreiben ein Wagnis: Während westeuropäische Autoren zunehmend an Ansehen gewannen, konnte er in der Sowjetunion offiziell nur Gedichte veröffentlichen, und seine Lagererzählungen erschienen zunächst im Samizdat und im Ausland. Heute wird er gemeinsam mit Imre Kertész, Primo Levi und Jorge Semprún genannt. Die Erzählungen aus Kolyma zählen neben den Werken Alexander Solschenizyns zu den wichtigsten Texten über den Gulag. Anders als Solschenizyn versuchte Schalamow nach seiner Rehabilitierung allerdings, sich mit dem sowjetischen System zu arrangieren, und wehrte sich gegen die Instrumentalisierung seiner Person für eine antisowjetische Protestbewegung.

Auch außerhalb der Literatur wirkt sein Name nach: 1991 wurde ein 1977 entdeckter Asteroid nach ihm benannt. Seit 2007 erscheint die erste Werkausgabe außerhalb Russlands im Verlag Matthes & Seitz Berlin. Zum 100. Geburtstag im Juni 2007 widmete ihm die Zeitschrift Osteuropa eine Ausgabe unter dem Titel „Das Lager schreiben“. 2018 kam am Cuvilliés-Theater in München eine Theateradaption der Erzählungen aus Kolyma unter dem Titel Am Kältepol – Erzählungen aus dem Gulag auf die Bühne.

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