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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Jean-Paul Sartre
Jean-Paul Sartre
1905 – 1980
– Autorenporträt –

Jean-Paul Sartre

1905 – 1980 · 74 Jahre

Vordenker des Existentialismus und Paradefigur der französischen Intellektuellen – 1964 lehnte er den Nobelpreis für Literatur ab.

Kurzbiografie↑

Als Vordenker und Hauptvertreter des Existentialismus zählte Jean-Paul Sartre zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Der 1905 in Paris geborene Franzose war Romancier, Dramatiker, Philosoph, Religionskritiker und Publizist zugleich und gilt als Paradefigur der französischen Intellektuellen seiner Zeit. In Romanen wie Der Ekel und in philosophischen Schriften wie Das Sein und das Nichts kreiste sein Werk um Freiheit, Verantwortung und die menschliche Existenz. Zeitlebens verband ihn eine enge Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit der Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir. 1964 lehnte er den Nobelpreis für Literatur ab und blieb bis zu seinem Tod 1980 eine ebenso kontroverse wie einflussreiche Gestalt des Geisteslebens.


Biografie↑

Geboren wurde Sartre am 21. Juni 1905 in Paris. Sein Vater, ein Marineoffizier, starb schon fünfzehn Monate nach der Geburt an Gelbfieber, das er sich während eines Einsatzes in Indochina zugezogen hatte. Die junge Mutter, Anne-Marie geborene Schweitzer, kehrte daraufhin ins Elternhaus zurück. Dort wuchs der Junge unter dem Einfluss seines Großvaters Charles Schweitzer auf, eines Gymnasiallehrers für Deutsch und Onkels von Albert Schweitzer. Vom Großvater und wechselnden Privatlehrern wurde er zu Hause unterrichtet und begann sehr früh zu lesen, auch auf Deutsch. Als Junge erlitt er eine Linsentrübung im rechten Auge, das nach und nach erblindete. Später kam er auf das Pariser Lycée Henri IV. Diese Kindheit beschrieb er mit fast sechzig Jahren in Die Wörter.

Nach der Wiederheirat seiner Mutter zog er 1917 mit ihr nach La Rochelle, ein Umbruch, den der Zwölfjährige schwer verkraftete. 1920 wurde er nach Paris zurückgeschickt und besuchte wieder das Lycée Henri IV, nun als Internatsschüler. Hier freundete er sich mit Paul Nizan an, der ihn in die zeitgenössische Literatur einführte. 1922 legte er das Baccalauréat ab. Gemeinsam mit Nizan strebte er ein Studium an der École normale supérieure an und wechselte dafür auf das Lycée Louis-le-Grand. 1924 bestand er die Aufnahmeprüfung. Die vier Jahre an der Hochschule waren eine glückliche Zeit; er arbeitete täglich in festem Rhythmus, den er zeitlebens beibehielt. Philosophisch entwickelte er früh eine „Theorie der Kontingenz“, wonach das menschliche Leben ein Zufallsprodukt ist und keinen von höheren Mächten verbürgten Sinn hat.

Bei der Vorbereitung auf den zweiten Anlauf zur Rekrutierungsprüfung für das Lehramt begegnete er Simone de Beauvoir. Beide bestanden, Sartre diesmal auf Platz 1. Nach dem Militärdienst bei den Meteorologen in Tours wurde er 1931 als Philosophielehrer nach Le Havre geschickt. 1933 ging er für ein Jahr als Stipendiat an das Institut français in Berlin, wo er Edmund Husserl und Martin Heidegger las und aus einer früheren Streitschrift den späteren Roman Der Ekel zu entwickeln begann. Zurück in Le Havre fühlte er sich einsam und wurde depressiv. Ein Selbstversuch mit der Droge Meskalin, den ihm 1935 ein befreundeter Arzt spritzte, verstärkte seine Wahn- und Panikphasen und brachte ihn für zwei Wochen in eine psychiatrische Klinik.

1936 lehnte der Gallimard-Verlag zunächst sein Romanmanuskript ab. Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs bewegte ihn tief und ging in die Erzählung Die Mauer ein, die André Gide 1937 zur Veröffentlichung annahm. Im selben Jahr wurde auch der Roman angenommen, nun unter dem Titel Der Ekel. Er erschien im April 1938 mit Erfolg. Ein Sammelband mit Erzählungen unter dem Titel Die Mauer folgte 1939. Damit hatte Sartre seinen Durchbruch geschafft und begann ein größeres Romanprojekt.

Als Frankreich im September 1939 Deutschland den Krieg erklärte, wurde Sartre eingezogen. Er verbrachte den zunächst kampflosen Krieg im Elsass und arbeitete weiter an seinem Roman Die Zeit der Reife. Ende Juni 1940 geriet er in Gefangenschaft und verbrachte einige Monate im Stalag XII D in Trier. Dort verfasste er ein versteckt politisches Weihnachtsstück. Im März 1941 kam er mit Hilfe eines Attestes über die Teilerblindung seines rechten Auges frei. Zurück in Paris gründete er mit de Beauvoir die Widerstandsgruppe Socialisme et liberté, die sich vor allem gegen das Vichy-Regime richtete. Versuche einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten scheiterten; diese misstrauten ihm und verbreiteten sogar das Gerücht, er sei Gestapo-Agent. 1942 löste er die Gruppe auf und beschränkte sich auf das Schreiben.

In diesen Jahren entstand sein philosophisches Hauptwerk Das Sein und das Nichts, das 1943 erschien. Im selben Jahr wurde das Stück Die Fliegen uraufgeführt, zunächst mit mäßigem Erfolg. Das rasch geschriebene Drama Geschlossene Gesellschaft löste 1944 einen Skandalerfolg aus und bestätigte Sartre als zentrale Figur des intellektuellen Paris. In den Nachkriegsjahren war er der tonangebende französische Intellektuelle. Der Essay Der Existentialismus ist ein Humanismus von 1946 galt neben Das Sein und das Nichts als Hauptwerk der neuen Philosophie. Seine Romane, unter dem Sammeltitel Die Wege der Freiheit veröffentlicht, verkauften sich gut; seine Stücke wurden auf zahlreichen europäischen Bühnen gespielt. Die von ihm gegründete Zeitschrift Les Temps Modernes wurde ein Forum für viele Autoren von Rang.

Auch politisch blieb er engagiert. 1952 schlug er sich auf die Seite der Kommunisten, was den Bruch mit Albert Camus und anderen gemäßigt linken Intellektuellen nach sich zog. 1956 kehrte er den Kommunisten den Rücken, weil er die sowjetische Intervention in Ungarn missbilligte. In Kritik der dialektischen Vernunft von 1960 versuchte er, die marxistische Dialektik mit dem Existenzialismus zu verbinden. Er verfasste literaturtheoretische Essays wie Was ist Literatur und Monografien über Baudelaire, Jean Genet, Mallarmé und Gustave Flaubert. 1963 erschien das autobiografische Werk Die Wörter.

Am 22. Oktober 1964 wurde Sartre der Nobelpreis für Literatur zuerkannt. Er lehnte ihn ab und begründete dies damit, ein Autor solle sich nicht in eine Institution verwandeln lassen. Da eine Ablehnung in den Statuten der Schwedischen Akademie nicht vorgesehen ist, gilt er dennoch als Preisträger. In den Mai-Unruhen 1968 stellte er sich auf die Seite linker Studenten und war von 1970 bis 1973 Weggefährte der französischen Maoisten. Ab 1973 war er nahezu völlig erblindet und konnte nicht mehr selbst schreiben, blieb aber mit Interviews und öffentlichen Auftritten präsent. 1974 erregte sein Besuch beim RAF-Mitglied Andreas Baader in Stuttgart Aufsehen. Jean-Paul Sartre starb am 15. April 1980 im Alter von 74 Jahren in Paris. Bei seiner Beerdigung folgten 50.000 Trauernde dem Sarg. Simone de Beauvoir wurde nach ihrem Tod 1986 an seiner Seite bestattet.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Sartre ist, dass sich Literatur und Philosophie bei ihm gegenseitig durchdringen. Schon 1938 galt ihm Literatur als Welterschließung und Philosophie als Problemlösung. Die Literatur soll durch das kunstvolle Zusammenfügen von Wörtern die Welt enthüllen, während die Philosophie mit teils vieldeutigen Begriffen arbeitet. Die Sprache war für ihn das bevorzugte Mittel, die Welt kennenzulernen und darzustellen. Diese Auffassung kommt im Roman Der Ekel unausgesprochen zum Ausdruck, dessen Ich-Erzähler Roquentin ähnliche Sinn- und Selbstfindungsprobleme durchlebt, wie Sartre sie in seinen Jahren in Le Havre erfuhr.

In seinen Erzählungen suchte Sartre bevorzugt die Grenzsituation des menschlichen Daseins auf. In Die Mauer gestaltet er die Todesangst dreier zum Tode Verurteilter im Spanischen Bürgerkrieg, ein Thema, das er später mehrfach aufgriff. Sein Theater lebt von der zugespitzten Konfrontation: In Geschlossene Gesellschaft quälen sich ein Mann und zwei Frauen mit allen Tricks des Psychoterrors, und in Die schmutzigen Hände projiziert er sich in den jungen Anarchisten Hugo und den sozialistischen Realpolitiker Hoederer zugleich hinein. Seine Figuren tragen häufig Züge realer Konflikte und politischer Auseinandersetzungen.

Im Zentrum seiner Philosophie steht der Gedanke der Freiheit. Am bündigsten fasste er ihn in dem Satz „Die Existenz geht dem Wesen voraus“: dem Menschen ist einzig sein nacktes Dasein vorgegeben, was ihn am Ende ausmacht, muss er selbst erfinden. Der Mensch sei in Situation frei, nicht im luftleeren Raum, und trage Verantwortung, weil er das Gegebene auf sich nimmt und es zugleich überschreiten kann. Sein philosophisches Denken war stark von der Phänomenologie Husserls geprägt, die er in Berlin studierte. Später, unter dem Eindruck von Krieg und eigener Einberufung, wandte er sich zunehmend dem Marxismus zu und betonte stärker, dass das Wesen des Menschen gesellschaftlich geprägt sei. In einem Interview von 1969 definierte er Freiheit als „jene kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt.“


Rezeption↑

Bereits zu Lebzeiten war Sartre eine öffentliche Gestalt von großer Wirkung. In den Nachkriegsjahren galt er als der tonangebende französische Intellektuelle, und seit 1949 wurde er zunehmend als „maître à penser“, als Vordenker, wahrgenommen, der seine Stimme zu großen wie kleineren Fragen der Nation erhob. Sein Protest gegen Menschenrechtsverletzungen in den französischen Kolonialkriegen, im Vietnamkrieg und im kommunistischen Ostblock trug ihm ebenso viel Bewunderung wie den Hass vieler rechtsgerichteter Franzosen ein. 1960 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.

Sein Werk war von scharfen Kontroversen begleitet. Der Bruch mit Albert Camus 1952 und sein wechselndes Verhältnis zu den Kommunisten sorgten für Auseinandersetzungen im linken Lager. Die Ablehnung des Nobelpreises 1964 machte weltweit Schlagzeilen. Auch spätere Stellungnahmen blieben umstritten: Seine Unterschrift unter einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie von 1977 zog posthum Kritik nach sich, ebenso seine anfängliche Sympathie für die beginnende Islamische Revolution im Iran.

Bis zuletzt blieb Sartre eine geachtete Person des öffentlichen Lebens. Über seinen Tod 1980 wurde weltweit berichtet, und 50.000 Trauernde folgten dem Sarg. Sein Werk ist Gegenstand einer umfangreichen Forschungsliteratur, die von Einführungen über biografische Darstellungen bis zu Studien über sein Verhältnis zu Camus, zur Kunst und zum Marxismus reicht.

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