1826 – 1886
Joseph Victor von Scheffel
Kurzporträt↑
Zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellern des Kaiserreichs zählte Joseph Victor von Scheffel (1826–1886). Seinen Ruhm begründeten das Versepos Der Trompeter von Säkkingen und der historische Roman Ekkehard, beide in den 1850er Jahren erschienen, sowie die Studentenlieder der Sammlung Gaudeamus!. Das Kaiserreich stilisierte ihn zum Nationaldichter, und zeitweise galt er als „der Lieblingsdichter des deutschen Volkes“. Sein Bild als lebenslustiger Sänger täuschte über ein von Enttäuschung und Krankheit geprägtes Leben hinweg. Nach dem Ersten Weltkrieg verblasste sein Ruhm.
Biografie↑
Am 16. Februar 1826 kam Scheffel in Karlsruhe zur Welt, so übereinstimmend die Wikipedia und die Neue Deutsche Biographie. Joseph wuchs als ältestes von drei Kindern im Bürgertum der badischen Residenzstadt auf. Sein Vater Philipp Jakob Scheffel war Ingenieur, badischer Oberbaurat und Major; er wirkte unter Johann Gottfried Tulla an der Rheinbegradigung mit. Die Mutter Josephine, geborene Krederer, führte einen künstlerischen Salon und schrieb selbst Gelegenheitsgedichte und kleine Theaterstücke. Sein Bruder Karl war von Geburt an behindert, seine als begabte Zeichnerin geltende Schwester Marie starb jung an Typhus.
Am Karlsruher Lyceum erwies sich Scheffel als sehr guter Schüler der alten Sprachen. Entgegen seinem Interesse an der Malerei nahm er auf Wunsch des Vaters ein Jurastudium auf. Er begann 1843 in München, ging 1844/45 nach Heidelberg, verbrachte ein Jahr in Berlin und kehrte nach Heidelberg zurück. In den studentischen Verbindungen fühlte er sich wohl; das turbulente Verbindungsleben veranlasste den Vater schließlich, den Sohn zur Examensvorbereitung nach Hause zu holen. Anfang August 1848 legte Scheffel das juristische Staatsexamen ab. Am 11. Januar 1849 wurde er mit einer Arbeit über die Natur und Bedeutung des Surrogats nach französischem und römischem Recht zum Doktor der Rechte promoviert.
In die Revolutionsjahre geriet auch der junge Jurist. Schon im März 1848, noch vor dem Staatsexamen, folgte er dem badischen Gesandten Carl Theodor Welcker als unbesoldeter Legationssekretär zur Frankfurter Nationalversammlung. Nach dem Examen fand er Zugang zu einem Heidelberger Akademikerzirkel und übernahm 1849 die Redaktion der kurzlebigen Vaterländischen Blätter. Am 13. Mai 1849 verteidigte er als Mann der Bürgerwehr das Karlsruher Zeughaus gegen die Revolutionäre und floh danach für einige Wochen ins hessische Auerbach. Nach der Niederschlagung des Aufstands arbeitete er kurz als Volontär, wurde aber schon im Juli 1849 entlassen.
Die literarisch produktiven Jahre begannen mit einem kurzen Staatsdienst. Von 1850 bis 1852 war Scheffel Rechtspraktikant in Säckingen und Justizsekretär am Hofgericht Bruchsal. Dann ließ er sich beurlauben und brach im Mai 1852 nach Italien auf, um sich als Landschaftsmaler zu erproben. In der deutschen Künstlerkolonie in den Albaner Bergen erkannte er, dass seine Begabung eher in der Dichtkunst lag. Aus Capri brachte er das fertige Manuskript des Trompeters von Säkkingen mit, den er im Februar 1853 geschrieben hatte. Das Werk machte ihn schlagartig bekannt. Anschließend sammelte er Materialien für seinen zweiten großen Erfolg, den historischen Roman Ekkehard, den er im Elternhaus niederschrieb und 1855 veröffentlichte.
Zunehmend litt Scheffel unter Krankheit und Unruhe. Eine Italienreise mit dem Maler Anselm Feuerbach führte 1855 nach Venedig; wiederholt plagten ihn Augenleiden und Malariaschübe. 1856 zog er nach München und verkehrte im Dichterkreis der Krokodile. Der Tod seiner Schwester Marie im Februar 1857 löste heftige Selbstvorwürfe aus und ließ seine Schreibtätigkeit erlahmen. Ende 1857 trat er eine Stelle als Bibliothekar am Fürstenhof in Donaueschingen an, wo die Erzählung Juniperus entstand. Ein von Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach gewünschter Wartburg-Roman gelang ihm nie; das ausufernde Material ließ sich nicht zusammenfügen. 1860 erlitt Scheffel auf einer Bahnfahrt in der Schweiz einen Nervenzusammenbruch.
Danach lebte er zeitweise als Patient in Schweizer Heilanstalten. 1864 heiratete er in Karlsruhe Caroline Freiin von Malsen, doch die Ehe blieb unglücklich; die Eheleute lebten bald getrennt. 1867 wurde der Sohn Victor geboren. In diesen Jahren erschienen die Erzählung Juniperus als eigenständiges Buch sowie 1868 die lange zirkulierenden Trinklieder unter dem Titel Gaudeamus!. Diese Sammlung wurde begeistert aufgenommen und zog die Auflagen der älteren Werke mit in die Höhe. Die Liedersammlung Frau Aventiure und die 1870 erschienenen Bergpsalmen profitierten davon nicht.
Mit der Reichsgründung stieg Scheffels Ruhm, während seine Schaffenskraft versiegte. Vom Verkaufserfolg wohlhabend geworden, ließ er sich 1872 in Radolfzell die „Villa Seehalde“ erbauen. Zu seinem 50. Geburtstag erhob ihn Großherzog Friedrich I. von Baden 1876 in den erblichen Adelsstand. Im selben Jahr kaufte er die Bodensee-Halbinsel Mettnau. Er lebte teils in Karlsruhe, teils am Bodensee. 1885 begleitete er den Sohn nach Berlin. Am 9. April 1886 starb Scheffel 60-jährig im Karlsruher Elternhaus, nachdem er sich mit der angereisten Ehefrau versöhnt hatte. Sein Grabmal befindet sich am alten Karlsruher Friedhof.
Literarische Merkmale↑
Lebendig, witzig und zuweilen selbstironisch ist die Sprache seiner Episteln und Lieder. In den Erzählungen dagegen wirkt sie an vielen Stellen gewollt altertümelnd. Scheffel war politisch, historisch und philologisch interessiert, und dieses Interesse prägte seine Stoffe: Der historische Roman Ekkehard greift in das zehnte Jahrhundert zurück, die Wartburg-Lieder der Sammlung Frau Aventiure beschwören das Mittelalter. Die Studentenlieder der Sammlung Gaudeamus! haben das Bild vom lebenslustigen und humorvollen Dichter geprägt.
Sein Erzähltalent lässt sich auch aus dem Elternhaus erklären. Die Mutter galt als phantasievolle Märchenerzählerin voll Witz und sprudelnder Laune; ihre Gelegenheitsgedichte und kleinen Theaterstücke verehrte der Sohn. Ein Lustspiel von ihr wurde Anfang der 1850er Jahre am Karlsruher Hoftheater aufgeführt. Neben der Dichtung übte sich Scheffel in der Landschaftsmalerei und im Zeichnen. Zu vielen seiner Bücher entstanden Illustrationen, die er ab 1863 in enger Absprache mit dem Maler Anton von Werner erarbeitete.
Rezeption↑
Schlagartig bekannt wurde Scheffel mit dem Trompeter von Säkkingen, und der historische Roman Ekkehard wurde von der Kritik gefeiert. In seiner Zeit zählte er zu den meistgelesenen Autoren des deutschsprachigen Raums. Der Erfolg der Sammlung Gaudeamus! zog die Auflagen der früheren Werke mit in die Höhe. Das anfangs von ihm ungeliebte Kaiserreich stilisierte ihn zum Nationaldichter; er wurde mit Ehrungen überhäuft und 1876 in den Adelsstand erhoben.
Laut der Neuen Deutschen Biographie ist Scheffels Stellung in der Literatur des 19. Jahrhunderts auf die Erfahrung der Revolution von 1848 zu beziehen. Die Enttäuschung über deren Niederschlagung teilte er mit den Autoren des Realismus. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm seine Bekanntheit ab. Die Weimarer Republik konnte mit der Verklärung des Mittelalters wenig anfangen; inmitten der Neuen Sachlichkeit wirkte seine Literatur verstaubt. Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich die Literaturgeschichtsschreibung wieder intensiver mit ihm. Sein Andenken pflegten früh eigene Einrichtungen: der Scheffelbund in Wien bestand von 1890 bis 1919, und in Karlsruhe wie in Radolfzell entstanden Scheffel-Museen.
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