1814 – 1861
Taras Schewtschenko
Kurzporträt↑
Taras Schewtschenko (1814–1861) war ukrainischer Dichter und Maler. Er gilt als einer der bedeutendsten Nationaldichter der Ukraine. Sein literarisches Werk legte den Grundstein zur modernen ukrainischen Literatur. Es trug zur Entwicklung der ukrainischen Sprache bei und weckte das ukrainische Nationalbewusstsein. Geboren wurde er als Sohn von Leibeigenen. Erst als Erwachsener wurde er freigekauft. Später verurteilte man ihn wegen seiner regimekritischen Dichtung zu jahrelangem Militärdienst in der Verbannung. Seine Gedichte verfasste er auf Ukrainisch. Einen großen Teil seiner übrigen Werke schrieb er jedoch auf Russisch, darunter seine Tagebücher. Deshalb rechnete man ihn im 19. Jahrhundert gelegentlich auch den russischen Schriftstellern zu.
Biografie↑
Schewtschenko wurde am 25. Februar (julianisch) bzw. 9. März 1814 (gregorianisch) geboren. Sein Geburtsort war das Dorf Morinzy im Gouvernement Kiew, das heutige Morynzi in der Ukraine. Er war das dritte von sechs Kindern der Leibeigenen Hryhorij und Kateryna Schewtschenko. Als er etwa zwei Jahre alt war, zog die Familie ins nahegelegene Kyryliwka. Dort verbrachte er die folgenden zwölf Jahre. Die Familie konnte lesen und schreiben und brachte ihm früh Religion, Kultur und Literatur nahe. Mit 13 Jahren las er bereits Werke von Hryhorij Skoworoda und Iwan Kotljarewskyj. Schon damals zeigte sich sein Talent zum Zeichnen und Malen.
Das Schicksal traf ihn früh. 1823 starb seine Mutter, mit elf Jahren war er Vollwaise. Mit 14 Jahren wurde er Kammerdiener seines neuen Gutsherrn Pawel Engelhardt. Als dieser den jungen Taras beim Abmalen von Lithographien ertappte, ließ er ihn zunächst auspeitschen. Dann aber begann er ihn zu fördern, gereizt von der Aussicht, einen leibeigenen Künstler zu besitzen. Von Herbst 1829 an studierte Schewtschenko im litauischen Wilna bei Jan Rustem Malerei. Im März 1831 kam er mit Engelhardt nach Sankt Petersburg.
Dort ging er beim Maler Wassili Schirjajew in die Lehre. Offiziell war er noch Leibeigener. Dennoch erlaubte ihm die Lehrzeit eine gewisse Freiheit: Er lernte Russisch, Polnisch und Französisch und besuchte Theater und Vorlesungen. 1835 oder 1836 lernte er im Sommergarten seinen Landsmann Iwan Soschenko kennen. Dieser führte ihn in die künstlerische Gesellschaft ein und machte ihn mit Karl Brjullow, Wassili Schukowski und anderen bekannt. Als seine Freunde bemerkten, wie sehr er unter der Unfreiheit litt, beschlossen sie, ihn freizukaufen. Engelhardt verlangte die hohe Summe von 2500 Rubel. Um sie aufzubringen, verlosten sie ein Porträt Schukowskis, das Brjullow gemalt hatte. Die Lotterie fand am 14. April 1838 statt. Am 22. April 1838 kaufte sich Schewtschenko aus der Leibeigenschaft los, auch mit Unterstützung der Zarenfamilie. Tags darauf wurde er Student an der Akademie der Künste.
Von 1838 an konzentrierte er sich stärker auf die Dichtung. Sein erster Gedichtband Kobsar erschien nur stark zensiert. Dennoch fand er tiefe Resonanz bei der russischen Intelligenz. Sie bescheinigte ihm Talent, kritisierte zugleich aber scharf, dass er die ukrainische Sprache wählte. Diese galt damals als primitiver Dialekt. Sein Tagebuch führte er zeitlebens auf Russisch. Zahlreiche Reisen durch seine Heimat prägten Werke mit rebellischem Unterton. Dort erlebte er Unfreiheit und Armut, aber auch alte Zeugnisse ukrainischer Kultur. Er wurde, wie es heißt, zum Prototyp des ukrainischen Romantikers. Ab Mai 1843 bereiste er die Ukraine. Er traf Dichter wie Pantelejmon Kulisch und Jewhen Hrebinka und fertigte zugleich Gemälde an. Ende 1844 veröffentlichte er den ersten Band der Malerischen Ukraine. Am 22. März 1845 verließ er die Akademie mit zwei Silbermedaillen und dem Titel eines „freien Künstlers“.
In Kiew wurde er Mitglied der Archäologischen Kommission. Er bereiste die Ukraine, um historische und folkloristische Traditionen zu skizzieren. Im Herbst 1845 entstand das Gedicht Ketzer. Es führte den Panslawismus als neues Thema ein und verband den Tod des Reformators Jan Hus mit der Gegenwart. Weihnachten 1845 schrieb er in Perejaslaw eines seiner bekanntesten Gedichte, Vermächtnis. Von 1846 an lehrte er Malerei an der Kiewer Universität. Zugleich schloss er sich der panslawistischen „Kyrill-und-Method-Bruderschaft“ an.
Ein Student verriet die Bruderschaft. Daraufhin wurde Schewtschenko am 5. April 1847 verhaftet und in die Sankt Petersburger Peter-und-Paul-Festung gebracht. Bei ihm fand man Dichtungen, die als revolutionär galten und den Kaiser satirisch behandelten. In der Haft schrieb er den Gedichtzyklus In der Kasematte. Am 30. Mai 1847 wurde er zu lebenslangem Militärdienst als einfacher Soldat verurteilt und verbannt. Grund waren Gedichte wie Der Traum, Der Kaukasus und Der Brief, die die Unterdrückung der Ukraine beklagten. Kaiser Nikolaus I. verbot ihm eigenhändig das Schreiben und Malen. Man brachte ihn nach Orenburg und in die Festung Orsk. 1848/49 nahm er an einer Expedition zur Erkundung des Aralsees teil. Als Zeichner konnte er dabei das Malverbot umgehen und fertigte rund 200 Gemälde und Skizzen an. Nach einer Denunziation wurde er 1850 erneut verhaftet und in die abgelegene Festung Nowopetrowsk am Kaspischen Meer verbannt.
Nach dem Tod von Nikolaus I. erreichten 1857 einflussreiche Freunde seine Begnadigung. Am 2. Mai 1857 kam er frei, musste sich aber zunächst in Nischni Nowgorod niederlassen. Im März 1858 durfte er nach Sankt Petersburg ziehen. Dort lebte und arbeitete er unter polizeilicher Aufsicht und strenger Zensur, gefeiert und zugleich gefürchtet. 1859 erhielt er die Erlaubnis, in die Ukraine zu reisen. Dort wurde er jedoch erneut denunziert und verhaftet und nach Petersburg zurückgeschickt. 1860 verlobte er sich kurzzeitig mit der Dienstmagd Lukerija Polusmak und wurde zum Akademiker der russischen Kunstakademie ernannt. 1861 litt er an Angina pectoris. Er starb am 10. März in Sankt Petersburg, einen Tag nach seinem 47. Geburtstag und eine Woche nach der Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland. An seiner Beerdigung auf dem Smolensker Friedhof nahmen unter anderem Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Michail Saltykow-Schtschedrin und Nikolai Leskow teil. Einige Wochen nach der Beisetzung wurden seine sterblichen Überreste in die Ukraine überführt. Am 22. Mai 1861 wurden sie am Ufer des Dnepr bei Kaniw beigesetzt, wie er es sich in seinem Gedicht Vermächtnis gewünscht hatte. Die Überführung wurde zu einer Demonstration des ukrainischen Selbstbehauptungswillens. Zehntausende säumten den Weg.
Literarische Merkmale↑
Schewtschenkos Dichtung ist von der Spannung zwischen Herkunft und Bildung geprägt. Er war zugleich eine bäuerliche, aus Knechtschaft und Unfreiheit geborene Stimme und ein kultivierter, hochgebildeter Künstler. Beides verarbeitete er auf neue Weise in seinen Versen. Seine Gedichte schrieb er auf Ukrainisch und half damit, diese Sprache als literarisches Ausdrucksmittel zu etablieren. Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Mit seinen Reisen durch die Ukraine nahmen die Werke einen offen rebellischen Unterton an. Er wurde zum Prototyp des ukrainischen Romantikers. Daneben behandelte er Themen wie den Panslawismus, etwa im Gedicht Ketzer. Darin verband er einen historischen Stoff mit der politischen Wirklichkeit seiner Zeit.
Rezeption↑
Bereits sein erster Gedichtband Kobsar fand trotz strenger Zensur tiefe Resonanz bei der russischen Intelligenz, die ihm Talent bescheinigte. Seine Werke mit rebellischem Unterton verschafften ihm in allen Schichten stürmische Bewunderung. Welche Bedeutung er für sein Land erlangte, zeigte sich schon bei seiner Beisetzung. Die Überführung seines Sarges in die Ukraine wurde zu einer Demonstration des ukrainischen Selbstbehauptungswillens. Zehntausende Menschen säumten den Weg nach Kaniw. An seiner Beerdigung in Sankt Petersburg nahmen bekannte russische Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Michail Saltykow-Schtschedrin und Nikolai Leskow teil. Wassyl Tarnowskyj junior schuf später eine der umfangreichsten Gedenksammlungen zu Schewtschenko und kümmerte sich um den Erhalt seiner Grabstätte. Sein Nachleben reicht bis in die Gegenwartsliteratur. In Andrei Kurkows Roman Petrowitsch macht sich der Protagonist auf die Suche nach den „geheimen Tagebüchern des ukrainischen Vorzeigedichters Taras Schewtschenko“.
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