1857
Les Fleurs du Mal
Überblick↑
1857 erschien in Paris Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du Mal – auf Deutsch meist Die Blumen des Bösen. Er hob die europäische Lyrik aus den Angeln. Schon bei Erscheinen geriet das Buch in einen Skandal: Ein Pariser Gericht verurteilte den Dichter wegen Verletzung der öffentlichen Moral und verbot sechs Gedichte. Bis 1868 erschien die Sammlung in drei immer umfangreicheren Fassungen mit jeweils neu geordneten Abschnitten. Im Zentrum stehen der Großstadtmensch und sein „Ennui" – jene mit Widerwillen und Verdruss durchsetzte Entfremdung vom Dasein. Erst eine Dichter-Generation später wirkte das Buch voll auf Arthur Rimbaud, Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé. Heute gilt es als Ausgangspunkt der modernen Lyrik in Europa.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Etwa hundert Gedichte sind in fünf, später sechs Abteilungen geordnet. Ihre Titel – Spleen et Idéal, Tableaux parisiens, Le Vin, Fleurs du Mal, Révolte, La Mort – stecken den Bogen des Buches ab. Das Buch ist keine bloße Sammlung, sondern ein durchkomponiertes Ganzes. Ein Sprecher zieht durch die Pariser Welt und durch die Abgründe seiner Seele. Er trägt oft autobiographische Züge des Dichters.
Dieser Sprecher ist zwischen zwei Polen hin- und hergespannt. Der eine ist das „Idéal", die Sehnsucht nach Schönheit, Reinheit und Aufschwung. Der andere ist der „Spleen", eine Mischung aus Trübsinn, Ekel und finsterer Faszination. Mal sucht er Trost in der Liebe zu einer Frau, in der Erinnerung an eine Straßenbegegnung, in Träumen von einer Reise in ein fernes Land, in Wein und sinnlichem Rausch. Mal kippt das Ganze um in Melancholie, Lebensüberdruss, Todessehnsucht.
Der Schauplatz vieler Stücke ist die moderne Großstadt mit ihren Randexistenzen, Spielsälen und Straßenszenen. Mythologie und biblische Bilder – Kain und Abel, Ikarus, Sisyphus, Engel und Satan, Lethe und Styx – werden herangezogen, um das doppelgesichtige Wesen des Menschen zu zeigen. Wer das Buch zur Hand nimmt, betritt eine Welt, in der Schönheit und Hässlichkeit, Aufstieg und Absturz, Eros und Tod unauflöslich verschränkt sind.
Die Handlung im Detail↑
Die etwa hundert Gedichte folgen keinem äußeren Handlungsfaden, doch die Abteilungen ergeben eine innere Bewegung. Spleen et Idéal entfaltet das Grundthema: das Schwanken des Sprechers zwischen einem hellen, platonisch gefärbten Ideal und dem dunklen Spleen, einer Verdrossenheit, die Walter Benjamin später als „das Gefühl, das der Katastrophe in Permanenz entspricht" gedeutet hat. Stefan George übersetzte das Begriffspaar mit „Trübsinn" und „Vergeistigung". Der Mensch erscheint hier als Doppelwesen, zerrissen zwischen den Mächten des Hellen und Guten und denen des Dunklen und Satanischen. „Jeder hat in sich eine Schlange wohnen", heißt es im Gedicht Der Warner.
Liebe und Eros sind ein zentraler Strang. Selten ist erfülltes Glück; meist erlebt der Sprecher es nur in Sehnsuchtsbildern – in Moesta et errabunda, in Einer Kreolin, in der Einladung zu einer Reise in ein fernes ideales Land, in einer flüchtigen Straßenbegegnung mit einer Trauernden („Dich hätte ich geliebt und du hast es gewusst"). Die Frau erscheint einmal als himmlische Verheißung, dann als „Königin der Sünde": berauschend, übermächtig, vernichtend. In Gedichten wie Das Haar, Fremdländischer Duft, Die Schlange im Tanze, Das Geschmeide, Lethe sucht der Sprecher im sexuellen Rausch Vergessen – „Aus deinem Mund kann ich Vergessen saugen, in deiner Küsse Lethe stirbt das Denken" – und gerät zugleich in eine unstillbare Gier (Sed non satiata), die kein Begehren je sättigt.
Eng damit verbunden ist das Motiv von Aufstieg und Absturz. Der Aufschwung gelingt selten ganz: „Glücklich wer hinter Verdrusse und Leid […] Mit kräftigem Flügel kann steigen und fliegen Zu den Gärten des Lichts und der Heiterkeit." Im Albatros wird der „König der Wolke" vom Schiffsvolk auf Deck gezerrt und ist dort flügellahm und lächerlich – ein Bild für den Dichter selbst. In der Ikarischen Klage zerbricht dem Suchenden „der Griff nach Wolken und Firnen" die Arme. In Der Schwan reibt sich ein aus seinem Pariser Käfig entkommenes Tier blutig am Pflaster und ruft nach Wasser und Blitz, die nicht kommen.
In den Tableaux parisiens rückt die Großstadt selbst ins Bild: Straßenatmosphären, Spielsäle, ein „Traum in Paris", Nebel und morbides Licht. Hier wird der Sprecher zum Beobachter der Randexistenzen einer hässlich gewordenen Welt. Schon im aufkommenden Realismus zeichnet sich ein neuer Blick ab: Schönheit findet sich auch in „Gesichter[n], drein der Wurm im Herzen Furchen frisst". Aus dieser Erfahrung wächst der Schluss: „Verlachenswertes Menschenvolk, in allen Breiten Bewundert dich in deines Krampfs Gezuck der Tod" (Totentanz).
In der Abteilung Le Vin sucht der Sprecher Betäubung; in den eigentlichen Fleurs du Mal wird die Faszination am Bösen, am Ekelhaften und Morbiden zum Thema. Vanitas-Bilder häufen sich – eine gesprungene Glocke, ein verwesendes „Stück Aas" am Wegrand, fahles Licht, Schauder und Dunst.
Die fünfte Abteilung, Révolte, treibt die Empörung gegen die Weltordnung auf die Spitze. Der vom Vater bevorzugte Abel wird dem ungeliebten Kain gegenübergestellt: „Geschlechter Kains, erstürmt den Himmel Und stürzt zur Erde nieder Gott!" In Die Verleugnung des Heiligen Petrus spricht der Sprecher Petrus frei: „Petrus verriet den Herrn… nun er tat recht!" In Der Empörer stemmt er sich gegen einen vom Himmel niederfahrenden, ihn züchtigenden Engel: „Und ich will nicht!"
Am Schluss steht die Abteilung La Mort. Der Himmel erscheint hier nur noch als „Deckel zu dem großen Kessel, wo unbemerkt und breit der Mensch verdampft". Der Sprecher wendet sich dem Tod als letzter Hoffnung zu. In Die Reise ruft er den „alt[n] Schiffer Tod" an: „die Anker lichte! Dies Land hier langweilt uns, o Tod. Auf Fahrt!" Er will „ins Reich Des Unbekannten tauchen […] Ob Himmel oder Hölle gilt [ihm] gleich!" Eine Erlösung wird nicht verheißen; vielleicht, so seine Furcht im „knöchernen Ackersmann", müsse man auch jenseits noch „Mit blutendem und nackten Füßen In spröde Erde treten". Das Buch endet so, wie es begonnen hat: in der unaufgehobenen Spannung zwischen Sehnsucht und Desillusion, zwischen Aufschwung und Absturz, zwischen Eros und Tod.
Stil↑
Baudelaire bindet seine Stoffe in fest gefügte klassische Formen – Sonette, durchgereimte Strophen, sorgfältig gebaute Verse. Diese Form füllt er mit Stoffen, die bis dahin in der Lyrik fremd waren: Großstadt, Spielsaal, Bordell, Aas, Krankheit, Spleen. Diese Spannung zwischen strenger Form und „niedrigem" Gegenstand ist eines der Geheimnisse des Buches.
Die Sammlung ist kein loses Nebeneinander von Stücken, sondern ein durchkomponiertes Ganzes. Die Abteilungen tragen quasi metaphorische Titel: Spleen et Idéal, Tableaux parisiens, Le Vin, Fleurs du Mal, Révolte, La Mort. Sie stehen in einer inneren Beziehung zueinander. Wiederkehrende Motive – Traum und Wirklichkeit, Aufstieg und Absturz, Eros und Tod, Tag und Nacht, Herbst und Frühling, Himmel und Erde, Hoffnung und Scheitern – vernetzen die einzelnen Gedichte über die Abschnitte hinweg.
Auffällig ist ein dicht gewebtes morbides Wortfeld: verrinnen, verglüht, aufgefressen, gelähmt, müd, schlaff, fröstelnd, grausig, fahl, schaudern, hohl, bleich, dunstig. Daneben treten Licht-, Natur- und Raummetaphern, Vanitas-Symbole wie die gesprungene Glocke und das Aas am Weg. Bibel und antike Mythologie liefern ein zweites Bildreservoir: Gott Vater und Sohn, Engel und Satan, Kain und Abel, Luna und Hermes, die Danaiden, Sisyphus, Ikarus, Hippolyta, Andromache, Sappho, Lethe und Styx.
Träger des Ganzen ist ein lyrisches Ich mit deutlich autobiographischen Zügen. Dieser Sprecher durchwandert die Stadt, schaut die Frauen an, befragt die Götter und redet den Leser unmittelbar mit an. Aus dieser Stimme, aus dem schroffen Wechsel zwischen Pathos und kalter Beobachtung, gewinnen die Gedichte ihren modernen Klang.
Rezeption↑
Schon kurz nach Erscheinen, am 30. August 1857, schrieb Victor Hugo dem Dichter einen begeisterten Brief: „Ihre Blumen des Bösen strahlen und funkeln wie Sterne. Machen Sie weiter so." Auch Jules Amédée Barbey d'Aurevilly besprach das Buch wohlwollend. Daneben aber stand die scharfe Kritik des Figaro und vor allem der staatliche Zugriff. Baudelaire wurde wegen Verletzung der öffentlichen Moral verurteilt. Sechs Gedichte durften nicht weiter gedruckt werden. Zugleich geriet er in den Verdacht sozialistischer Neigungen. Anlass waren der zeitkritische Ton und die politische Haltung seines Verlegers Poulet-Malassis. Dem „Juste Milieu" des Zweiten Kaiserreichs blieben Autor und Werk suspekt. Auch linke Kreise mochten das Buch nicht, weil sie in ihm jeden offenen politischen Protest vermissten. Im Februar 1866 nannte Baudelaire seine Fleurs du Mal selbst ein „vergessenes Buch".
Seine eigentliche Wirkung entfaltete der Band erst eine Generation später. Nach 1880 traten Arthur Rimbaud, Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé aus dem Schatten Victor Hugos. Baudelaire wurde zu ihrem Schlüsselautor. Mit ihnen begann der europäische Symbolismus. An der Wende zum 20. Jahrhundert war der Paradigmenwechsel offensichtlich. Der Lyriker tritt von nun an typologisch als „Poète maudit" auf, als verfemter Dichter am Rand der Gesellschaft. Er setzt der Vulgarität der Welt seine Verachtung entgegen. Ihre Erscheinungen macht er zum Gegenstand – die Anonymität der Massengesellschaft, die Anti-Natur der Großstadt.
Im deutschen Sprachraum stellte Stefan George 1891 eine erste Teilübersetzung in einer faksimilierten Handschrift von 25 Exemplaren her. Walter Benjamin arbeitete seit 1914 an einer Übertragung. 1923 erschien bei Richard Weißbach sein Band Tableaux Parisiens mit der berühmten Vorrede Die Aufgabe des Übersetzers. Vier weitere Übertragungen brachte Franz Hessel in seiner Zeitschrift „Vers und Prosa" heraus. 1977 spielte Robert Gernhardt mit seiner Sammlung Die Blusen des Böhmen als Schüttelreim scherzhaft auf den deutschen Titel an. Das ist ein Hinweis darauf, wie tief das Buch ins kulturelle Gedächtnis eingegangen ist.
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