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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Leonce und Lena
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Leonce und Lena
1838
– Werkseintrag –

Leonce und Lena

1838 · Komödie

Ein todgelangweilter Prinz flieht vor der ihm aufgezwungenen Braut – und verliebt sich unterwegs ausgerechnet in eine Unbekannte, die mehr mit seinem Schicksal zu tun hat, als er ahnt.

Überblick

Das Lustspiel Leonce und Lena ist die einzige Komödie von Georg Büchner. Es verbindet die heitere, verträumte Welt der romantischen Liebeskomödie mit scharfer politischer Satire auf die deutsche Kleinstaaterei. Büchner schrieb das Stück im Frühjahr 1836 für einen Wettbewerb der Cotta'schen Verlagsbuchhandlung. Doch er versäumte den Einsendeschluss und bekam das Manuskript ungelesen zurück. Gedruckt erschien es erstmals im Mai 1838 – in einer von Karl Gutzkow gekürzten Fassung im Hamburger „Telegraph für Deutschland". Aufgeführt wurde es erst fast sechs Jahrzehnte später. Diese späte Anerkennung zeigt, wie sehr Büchner seiner Zeit voraus war: Seine literarische Bedeutung wurde erst im 20. Jahrhundert wirklich erkannt. Erich Kästner zählte das Werk zu den sechs wichtigsten klassischen Komödien deutscher Sprache.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im winzigen Königreich Popo langweilt sich Prinz Leonce zu Tode. Der junge Mann ist schwermütig und träumerisch, sein Leben erscheint ihm leer wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Selbst die Liebe zu der schönen Tänzerin Rosetta ermüdet ihn mehr, als dass sie ihn anregt. Da stellt ihn sein Vater, König Peter, vor vollendete Tatsachen: Leonce soll die ihm völlig unbekannte Prinzessin Lena aus dem Nachbarreich Pipi heiraten.

Statt sich zu fügen, flüchtet der Prinz Richtung Italien, um dort dem süßen Nichtstun zu frönen. Begleitet wird er von seinem treuen, aber arbeitsscheuen Diener Valerio, einem stets leicht angetrunkenen Genussmenschen, der seinen verträumten Herrn immer wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurückholt. Unterwegs begegnen die beiden zwei Damen – und ahnen nicht, wem sie da wirklich gegenüberstehen. Büchner spielt mit der alten Komödienfrage, ob die Liebe ein freier Entschluss ist oder ein vorgezeichnetes Schicksal.

Die Handlung im Detail

Der melancholische Prinz Leonce vom Königreich Popo leidet an grenzenloser Langeweile. Sein Königreich ist eine spöttische Karikatur auf die deutschen Kleinstaaten – winzig im Gebiet und beschränkt im Geist. „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus", klagt er. Auch das Verhältnis zu seiner Mätresse, der Tänzerin Rosetta, langweilt ihn. Einzig im Sterben dieser Liebe findet er noch einen Reiz. Gefühllos lässt er Rosetta fallen, die daraufhin das Schloss verlassen muss. Trotz seiner Jugend scheint dem Prinzen der Höhepunkt seines Lebens schon vorbei: „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an."

Da eröffnet ihm sein Vater, König Peter, dass er die unbekannte Prinzessin Lena vom Königreich Pipi heiraten soll. Leonce will sich diesem Ehebund nicht beugen und flieht Richtung Italien, um sich dem süßen Nichtstun hinzugeben – dem „o dolce far niente". An seiner Seite ist sein Diener Valerio, ein arbeitsscheuer, ständig hungriger und leicht betrunkener Genussmensch. Ähnlich wie Sancho Pansa holt er seinen verträumten Herrn immer wieder in die Wirklichkeit zurück. König Peter, ein scheinbar aufgeklärter, in Wahrheit aber völlig geistloser absolutistischer Herrscher, beruft unterdessen eine Staatsratsversammlung ein, um seinen Heiratsplan zu verkünden.

Auf dem Weg nach Italien treffen Leonce und Valerio „zufällig" auf zwei Damen: Prinzessin Lena, die ebenfalls geflohen ist, weil sie sich vor der Heirat mit einem ungeliebten Mann fürchtet, und ihre Gouvernante, die für Lena eine ähnlich komische Begleitrolle spielt wie Valerio für Leonce. Ohne zu ahnen, dass sie ihren versprochenen Partner vor sich haben, verlieben sich Leonce und Lena auf der Stelle ineinander. Hingerissen von Lenas schöner Traurigkeit und überwältigt von seinen Gefühlen will sich Leonce sofort in den nächsten Fluss stürzen. Doch Valerio hält ihn davon ab, zieht die Tragik des Freitods ins Lächerliche und bittet ihn spöttisch, ihn mit seiner „Leutnantsromantik" zu verschonen. Statt Selbstmord empfiehlt er eine handfeste Heirat und ein gemeinsames Altwerden der beiden Schwermütigen. Die nötigen Vorbereitungen am Hof des Bräutigams will er selbst übernehmen.

Im Königreich Popo probt der Zeremonienmeister derweil mit dem Bauernvolk den feierlichen Empfang des erwarteten Hochzeitspaares – eine sarkastische Szene über bäuerliches Elend und aristokratische Arroganz. Im Schloss, von dem aus man das ganze Königreich überblicken kann, wächst die Unruhe, denn der Prinz ist verschwunden und die Hochzeit droht zu platzen. Da tauchen an der Grenze des Reiches vier Gestalten auf. Leonce und Lena haben sich bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, und Valerio preist sie als die „zwei weltberühmten Automaten" an, die alle Funktionen des menschlichen Lebens vollkommen erfüllen könnten. König Peter beschließt darauf, die Hochzeit „in effigie" zu feiern – also stellvertretend, mit den Automaten als Braut und Bräutigam.

Am Ende der Zeremonie nehmen die beiden die Masken ab. Jetzt erst erkennen sie, dass sie ihren Vätern keineswegs einen genialen Streich gespielt haben. Vielmehr konnten sie dem vorbestimmten Schicksal ihrer Verbindung gar nicht entkommen: Sie sind genau das Paar, das man füreinander bestimmt hatte. Leonce ist begeistert von dieser „Vorsehung" und nimmt mit verzweifelt komischer Ironie sein Los an, König über ein Reich stumpf gehorsamer Untertanen zu werden. Auch Lena fügt sich freudig in ihre neue Rolle. Valerio, von Leonce wegen seiner Verdienste zum Staatsminister ernannt, treibt den Spott auf die Spitze: Er befiehlt, die bestehende Ordnung im Chaos versinken zu lassen und das Leben fortan allein auf den persönlichen Genuss auszurichten.

Stil

Sein besonderes Gepräge erhält das Werk aus der Mischung zweier Tonlagen. Auf der einen Seite steht die zarte, verträumte Sprache der romantischen Liebeskomödie, auf der anderen die beißende politische Satire. Büchner lässt beides ständig ineinanderspielen, sodass jede Gefühlsregung sogleich gebrochen und ironisch hinterfragt wird.

Kennzeichnend sind die schwermütigen Bildreden des Prinzen, die das eigene Leben in eindringliche Vergleiche fassen – das leere Blatt Papier, der verlassene Tanzsaal mit den abgelegten Masken. Solche Bilder verleihen der Langeweile eine fast poetische Schönheit und werden zugleich durch die nüchternen Einwürfe des Dieners Valerio entlarvt. Dieses Gegenspiel zwischen dem idealistisch verträumten Herrn und dem bodenständigen, genusssüchtigen Begleiter erinnert an das alte Paar aus Ritter und Knappen.

Die Satire trifft die deutsche Kleinstaaterei mit voller Schärfe. Schon die Namen der Zwergreiche Popo und Pipi machen sie lächerlich, und König Peter verkörpert einen Herrscher, der sich aufgeklärt gibt, in Wahrheit aber leer und geistlos ist. Motive wie die Verkleidung, die Masken und die mechanischen „Automaten" verdichten die Frage, wie viel Freiheit dem Menschen überhaupt bleibt und wie sehr sein Leben einem vorgeschriebenen Spiel gleicht.

Rezeption

Erst die Nachwelt erkannte den Rang dieses Lustspiels. Zu Büchners Lebzeiten blieb es ungedruckt und ungespielt, da das Manuskript nach dem versäumten Wettbewerb ungelesen zurückkam. Aufgeführt wurde das Stück fast sechzig Jahre nach seiner Entstehung, am 31. Mai 1895, in einer Freilichtaufführung des Münchner Theatervereins Intimes Theater unter der Regie von Ernst von Wolzogen und unter Mitwirkung von Max Halbe und Oskar Panizza.

Diese späte Bühnenpremiere wirft ein bezeichnendes Licht auf die Modernität des Autors, dessen literarische Weltgeltung sich erst im 20. Jahrhundert durchsetzte. Seither gilt das Werk als fester Bestandteil des deutschen Komödienschatzes: Erich Kästner zählte es zu den sechs wichtigsten klassischen Komödien deutscher Sprache. Bis in die Gegenwart wurde der Stoff vielfach neu bearbeitet – als Bühnenfassung, Hörspiel und in zahlreichen musikalischen Vertonungen.

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