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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Leonardo da Vinci
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Cover Leonardo da Vinci
Leonardo da Vinci
1900
– Werkseintrag –

Leonardo da Vinci

1900 · Roman

Am Leben Leonardo da Vincis entfaltet der Roman den großen Widerstreit der Renaissance – zwischen dem strengen Glauben des Mittelalters und der wieder auflebenden Kunst und Weisheit der Antike.

Überblick

Der geschichtsphilosophische Roman Auferstandene Götter. Leonardo da Vinci stammt von dem russischen Schriftsteller Dmitri Sergejewitsch Mereschkowski. Er erschien 1900 zunächst in der Zeitschrift „Mir Boschij" („Gottes Welt") und kam 1901 als eigenständiges Buch heraus. Das Werk bildet den zweiten Teil der Trilogie Christus und Antichrist. In englischer Übersetzung wurde es unter dem Titel The Romance of Leonardo da Vinci bekannt. Im Mittelpunkt steht das Leben des italienischen Renaissance-Künstlers und Gelehrten Leonardo da Vinci (1452–1519). Mereschkowski deutet die Geschichte als einen fortwährenden Kampf zwischen einer „Religion des Geistes" und einer „Religion des Fleisches". Obwohl der Roman mit dem ersten und dem dritten Band der Trilogie verbunden ist, bildet er eine in sich geschlossene, eigenständige Handlung.

Inhalt (ohne Spoiler)

Das Geschehen spielt im Italien der Renaissance, in einer Zeit, in der das streng klösterliche Weltbild des Mittelalters und ein neues, am Menschen und an der Antike orientiertes Denken aufeinanderprallen. Zu Beginn findet ein Kaufmann und Sammler eine antike Venus-Statue. Leonardo da Vinci wird als Fachmann hinzugezogen. Ein Priester, der überall den Teufel am Werk sieht, zerschlägt die Figur. Der junge Giovanni Beltraffio wird Schüler Leonardos, der zugleich an einer Flugmaschine baut, das Wandbild vom Abendmahl malt und ein Denkmal für den Herzog Sforza entwirft. Beltraffio ist innerlich zerrissen: Bald erscheint ihm der Meister als Heiliger, bald als Antichrist. Er begegnet der geheimnisvollen Kassandra, die ihn für die alten olympischen Götter gewinnen will. Als der Bußprediger Savonarola die Stadt mit seinen Predigten erfasst, gerät Giovanni zwischen die Fronten. Leonardo selbst wandert von Hof zu Hof und stößt mit Rivalen wie Michelangelo und Raffael zusammen. Über allem steht die Frage, ob sich Glaube und forschendes Wissen, Christentum und wiedererwachte Antike miteinander versöhnen lassen.

Die Handlung im Detail

Am Anfang steht der Kaufmann Buonaccorsi, ein Sammler antiker Kunst, der eine Venus-Statue findet. Als Sachverständiger wird Leonardo da Vinci gerufen. Mehrere junge Männer, unter ihnen Giovanni Beltraffio, reden über das seltsame Verhalten des Künstlers. Der Priester Pater Faustino, der überall den Teufel wittert, dringt in das Haus ein und zerschlägt die schöne Statue. Giovanni tritt bei Leonardo in die Lehre. Der Meister baut an einer Flugmaschine, malt das Abendmahl und arbeitet an einem Denkmal für den Herzog Sforza. Zugleich lernt Giovanni Kassandra kennen, die ihn davon überzeugen will, an die alten olympischen Götter zu glauben.

Leonardo steht im Dienst des Herzogs Moro. Dessen Vorhaben zum Bau von Domen und Kanälen erscheinen dem Herrscher zu kühn. Der Herzog ist zudem in den Tod Gian Galeazzos verwickelt, eines Freundes von Leonardo. Viele verdächtigen den Künstler selbst dieser Tat, weil er als gottlos und als Zauberer gilt. Giovanni grübelt weiter über seinen Lehrer nach: Mal erscheint er ihm als Heiliger, mal als Antichrist. Unter dem Eindruck der Predigten Savonarolas verlässt Giovanni den Meister, um Novize zu werden. Savonarola sammelt ein „Heiliges Heer" zum Kreuzzug gegen den römischen Papst. Diese Schar, zu der auch Giovanni gehört, verwüstet Paläste, verbrennt Bücher, zerschlägt Statuen und dringt in die Häuser der „Gottlosen" ein. Dabei verbrennt sie auch ein Werk Leonardos, das Bild von Leda und dem Schwan. Erschüttert von dem, was er gesehen hat, kehrt Giovanni zu seinem Lehrer zurück.

Savonarola verliert an Einfluss und gerät ins Gefängnis; der Herzog wendet sich der Religion zu. Französische Truppen rücken in Italien ein, und auf Leonardo warten neue Prüfungen. Er tritt in den Dienst Cesare Borgias und denkt hier erneut über Macht, Kirche und die Gefahren des Wissens nach. Auch die Auseinandersetzungen mit seinen Rivalen Michelangelo und Raffael bergen unerwartete Gefahren. Beltraffio trifft Kassandra wieder, die zwar die christlichen Bräuche einhält, im Herzen aber Heidin bleibt. Sie stirbt als Opfer der Hexenverfolgung, welche die Inquisition entfacht hat. In Italien tobt ein Bürgerkrieg. Leonardo zieht mit Giovanni nach Rom, an den Hof des Papstes Leo X. Auch dort schmiedet Michelangelo Ränke gegen ihn und versucht, den Papst davon zu überzeugen, dass Leonardo ein Verräter sei.

Am Ende wird Giovanni Beltraffio erhängt aufgefunden. Es stellt sich heraus, dass er sich das Leben genommen hat – aus dem Gedanken heraus, dass Christus und Antichrist ein und dasselbe seien. Leonardo stirbt, ohne die Flugmaschine gebaut und ohne seine Zweifel gelöst zu haben.

Stil

Mereschkowski erzählt in weiten, panoramaartigen Bildern und stellt die Widersprüche des Zeitalters einander gegenüber: das streng-asketische Mittelalter und das neue humanistische Denken, den christlichen Glauben und die wiedererwachte Antike. Diese Gegensätze durchziehen den ganzen Roman und verdichten sich in der Gestalt Leonardos, den der Autor zur Symbolfigur erhebt – schwankend zwischen dem Bild eines Heiligen und dem eines Antichrist. Das geschichtsphilosophische Grundmuster, der Kampf zwischen Geist und Fleisch, bestimmt sowohl den Aufbau als auch die Figurenzeichnung. Kennzeichnend ist die dichte Verarbeitung historischer Quellen. Mereschkowski stützte sich auf umfangreiche Auszüge, Aufzeichnungen und Tagebücher, die einen erheblichen Teil des rund tausend Seiten starken Werkes ausmachen. Der Roman ist überdies eng mit den übrigen Teilen der Trilogie verwoben; sein Anfang klingt an den Schluss des ersten Bandes Julian Apostata an.

Rezeption

Die Kritik nahm den Roman uneinheitlich auf. Der Geistliche A. Men bemängelte, Mereschkowski habe den Bußprediger Savonarola als Wahnsinnigen gezeichnet und Leonardo nach einem abstrakten, bei Nietzsche entlehnten Vorbild geformt. Auch zeitgenössische Kritiker sahen den Einfluss jener Richtung des Nietzscheanismus, die die Moral durch die Verehrung der Kraft ersetze und die Kunst jenseits von Gut und Böse stelle. Der Kritiker O. Michailow bemerkte im Roman eine gewisse Absichtlichkeit und Vorbestimmtheit; wichtiger aber sei nicht die abstrakte Idee, sondern der große Held selbst, der geniale Künstler und Denker.

Der Roman wurde früh in mehrere Sprachen übertragen. Auf Englisch erschien er 1902 in Großbritannien unter dem Titel The Forerunner und 1904 in den Vereinigten Staaten als The Romance of Leonardo de Vinci, beides in der Übersetzung von Herbert Trench. Eine französische Fassung von Jacques Sorrèze kam 1907 als Le Roman de Léonard de Vinci heraus. Eine polnische Übertragung von Eugenia Żmijewska lag bereits 1902 unter dem Titel Zmartwychwstanie Bogów vor.

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