1650
Leo Armenius
Überblick↑
Mit Leo Armenius legte Andreas Gryphius 1650 sein erstes eigenständiges Trauerspiel vor. Das Stück entstand wahrscheinlich schon 1646. Es erzählt vom Sturz und der Ermordung des byzantinischen Kaisers Leon V. im Jahr 820. Es gilt als ein Schlüsselwerk des deutschen Barockdramas. Es ist das erste deutsche Drama, das die poetologischen Vorgaben von Martin Opitz mustergültig umsetzt. Damit markiert es einen Wendepunkt der deutschen Dramengeschichte. Das Stück erschien zu Lebzeiten des Autors mehrfach: 1657 in den gesammelten Werken und 1663 in der Ausgabe letzter Hand unter dem Titel Leo Armenius / Oder Fürsten-Mord.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist Byzanz, kurz vor Weihnachten des Jahres 820. Am Kaiserhof braut sich eine Verschwörung gegen Kaiser Leon V. zusammen. An ihrer Spitze steht ausgerechnet sein oberster Feldhauptmann Michael Balbus. Ihm hat Leon einst sein Vertrauen geschenkt. Die Verschwörer suchen ihrem Vorhaben eine Rechtfertigung zu geben. Dabei berufen sie sich auf ein dunkles, mehrdeutiges Löwen-Orakel.
Der Kaiser ahnt den Verrat. Doch zwischen seinem Wissen und entschlossenem Handeln liegt eine bange Zone des Zögerns: Sorge um die Ruhe im Land, Furcht vor übereilten Schritten, das Gewicht eines Glaubens, der am heiligen Weihnachtsfest kein Blut sehen will. Auch die Kaiserin Theodosia greift mit eigenen Beweggründen in den Lauf der Dinge ein.
So entwickelt sich ein Spiel, in dem die Rollen von Herrscher und Gefangenem, von Treue und Verrat in ein verwirrendes Licht geraten. Gryphius führt seine Zuschauer an den Altar einer Christmette. Dort begegnen sich politische Macht und religiöse Symbolik auf bedrängende Weise.
Die Handlung im Detail↑
Das Trauerspiel setzt am Mittag vor dem Weihnachtstag in Byzanz ein. In einer kurzen Eröffnung zeigt Gryphius die Verschwörer um Michael Balbus, der als Oberster Feldhauptmann am Hof Kaiser Leons V. dient. Die Gruppe will den Kaiser stürzen und beruft sich zur Begründung auf ein Löwen-Orakel, dessen Mehrdeutigkeit sich erst im weiteren Verlauf des Stücks zeigt.
Leon weiß um die Umtriebe seines Feldhauptmanns. Handfeste Indizien sprechen gegen Michael, doch der Kaiser scheut die voreilige Verhaftung, auch aus Angst vor politischen Unruhen. Er ersinnt eine Probe: Sein Berater Exabolius soll Michael in ein Gespräch verwickeln. Im vierten Eingang der ersten Abhandlung gesteht Michael, der sich in Sicherheit wähnt, dem Berater mehr oder weniger offen seine Anschlagspläne. Hinter einem Vorhang stehen die kaiserlichen Wachen bereit und nehmen ihn auf der Stelle gefangen.
In der zweiten Abhandlung wird über Michael Balbus das Urteil gesprochen: Er soll an Händen und Füßen gefesselt am Pfahl öffentlich verbrannt werden. Im letzten Augenblick aber tritt Kaiserin Theodosia für ihn ein. Sie mahnt den Kaiser, am hohen Weihnachtsfest kein Blut zu vergießen: Wer wolle befleckt mit Mord zur Tafel Jesu treten? Widerstrebend gewährt Leon den Aufschub und ahnt das eigene Schicksal voraus mit dem Satz, man richte am Ende auch jene Feinde hin, die selbst am Altar stehen. Michael bleibt in vermeintlich sicherer Kerkerhaft, bewacht von Papias, einem Diener, den der Kaiser für treu hält.
Die dritte Abhandlung dreht die Verhältnisse in ein verwirrendes Vexierspiel. Aus schweren Träumen und einer unheilverkündenden Geistererscheinung aufgeschreckt, steigt Leon in der Nacht selbst in Michaels Zelle hinab. Er findet den Gefangenen nicht in Ketten, sondern in Purpur und Scharlach gehüllt, umgeben von Vorhängen und goldgestickten Teppichen; den Wächter Papias entdeckt er friedlich schlafend zu Michaels Füßen. Dieser Verrat im eigenen Haus lässt den Kaiser endgültig resignieren. Er kündigt seinen eigenen Tod an, spricht von der letzten Nacht, die der Himmel ihm gönnt, und tritt für den Rest des Stücks vom Schauplatz ab.
In der vierten Abhandlung lässt der gefangene Michael, der paradoxerweise im Kerker freier handeln kann als der Kaiser auf dem Thron, die Verschwörer durch eine List benachrichtigen. Die Gruppe holt deutenden Rat beim Schwarzmagier Jamblichus ein, womit das Stück eine Parallele zum Löwen-Orakel des Anfangs zieht. Sie plant die letzten Schritte: die Ermordung Leons und die Befreiung Michaels.
In der fünften Abhandlung schleichen sich die Verschwörer als Priester verkleidet in die Weihnachtsmesse. Am Altar erdolchen sie den Kaiser. Sterbend ergreift Leon das Kreuz, das die Vorrede des Dichters ausdrücklich als das echte Kreuz Christi ausweist, und nimmt damit, zumindest äußerlich, die Haltung eines Märtyrers ein. Der Kaiser selbst erscheint von nun an nur noch als Leiche in den Berichten eines Boten und des Obersten Priesters. Die Schlussszene treibt die religiöse Bildsprache hart an die Grenze zur Blasphemie: Das Blut des erstochenen Kaisers vermischt sich mit Brot und Wein der Weihnachtsmesse, dem Fleisch und Blut Christi, sodass Tyrann und Erlöser am Altar gleichsam eins werden.
Stil↑
Gryphius schreibt sein Trauerspiel in fünf Abhandlungen. Er folgt darin den poetologischen Regeln, die Martin Opitz für das deutsche Kunstdrama aufgestellt hatte. Der Vers ist hochgespannt, bilderreich und tönt schwer von der Vergänglichkeits-Stimmung des Barock. Auffällig ist die kunstvolle Verknüpfung zweier Zeichensysteme: politische Vorgänge am Hof und religiöse Symbolik der Christmette greifen ineinander, bis sie sich in der Schlussszene buchstäblich vermischen.
Das Stück arbeitet mit Vorzeichen, Träumen und Orakeln. Das mehrdeutige Löwen-Orakel des Anfangs und die Beratung beim Schwarzmagier Jamblichus am Ende rahmen die Handlung. Sie stellen die Frage nach Deutung und Selbsttäuschung. Gryphius spielt mit Elementen des Märtyrerdramas, ohne ein reines Märtyrerstück zu schreiben. Die Forschung nennt das Werk darum auch ein hermeneutisches Chamäleon. Programmatisch ist die Vorrede an den Leser. Sie stellt das Vaterland als Schauplatz der Eitelkeit aus, das sich nach dem Dreißigjährigen Krieg in seine eigene Asche verscharrt habe. Und sie kündigt eine ganze Reihe von Trauerspielen an, in denen die Vergänglichkeit menschlicher Dinge sichtbar werden soll.
Rezeption↑
Die Tragödie Leo Armenius gilt als das erste eigenständige Trauerspiel des Gryphius. Zugleich ist sie das erste deutsche Drama, das die Opitzschen Regeln mustergültig erfüllt. Damit nimmt sie einen entscheidenden Wendepunkt in der deutschen Dramengeschichte ein. Schon im 17. Jahrhundert erschien das Stück mehrfach: 1650 als Erstdruck, 1657 in den gesammelten Werken und 1663 in der Ausgabe letzter Hand, jeweils unter dem Titel Leo Armenius / Oder Fürsten-Mord.
Das Urteil der Nachwelt ist auffallend gespalten. Für die einen erreicht Gryphius hier ein künstlerisches Niveau, das er später nie wieder erlangt habe. Andere Philologen sahen in vermeintlicher Inhomogenität und in der Stoffwahl typische Mängel eines Erstlingswerks und versuchten, das Stück damit zu entschuldigen. Diese Unsicherheit der Bewertung hängt mit der schillernden Gattung des Werks zusammen, das mit dem Märtyrerdrama spielt, ohne in ihm aufzugehen. Bis in die jüngere Forschung hinein ist Leo Armenius Gegenstand intensiver Deutung geblieben, etwa in den Arbeiten von Wilfried Barner, Nicola Kaminski oder Harald Steinhagen. Mehrere moderne Ausgaben halten das Stück bis heute zugänglich, darunter eine viel benutzte Reclam-Edition.
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