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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Lenz
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Lenz
1839
– Werkseintrag –

Lenz

1839 · Erzählung

Ein Dichter wandert im Winter durch das Gebirge zu einem Pfarrer – und kämpft Tag für Tag darum, seinen Verstand nicht zu verlieren.

Überblick

Die Erzählung Lenz von Georg Büchner schildert, wie sich die Geisteskrankheit des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz verschlimmert. Der Text erschien erst nach Büchners Tod, im Jahr 1839, in der Zeitschrift Telegraph für Deutschland. Den Titel hat nicht der Autor selbst gewählt. Wann genau Büchner die Erzählung schrieb, ist unbekannt; sicher ist nur, dass er sich spätestens seit dem Frühjahr 1835 mit dem Stoff befasste und die Arbeit vor Januar 1836 abschloss. Ob es sich um ein abgeschlossenes Werk oder ein Fragment handelt und ob man es eine Novelle nennen darf, ist bis heute umstritten. Das Werk zählt zu den oft gelesenen Prosatexten der deutschen Literatur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein junger Dichter wandert im Winter durch das Gebirge zu dem Pfarrer Oberlin in das Bergdorf Waldbach. Schon auf dem Weg verliert er das Gefühl für Raum und Zeit: Er hört die Felsen sprechen, sieht in der Sonne ein „gleißend Schwert" und wird zwischen kurzen Augenblicken höchsten Glücks und langen Phasen der Gleichgültigkeit hin- und hergerissen. Bei Einbruch des Abends überfallen ihn Einsamkeit und Angst.

Im Pfarrhaus wird er freundlich aufgenommen. Das ruhige Familienleben tut ihm wohl und erinnert ihn an seine Kindheit. Doch sobald er allein in seinem kahlen Zimmer ist, kehren die Unruhe und eine unnennbare Angst zurück. Tagsüber ist sein Zustand erträglich, mit der Dunkelheit aber wachsen die Ängste. Lenz versucht, sich an Oberlin ein Vorbild zu nehmen, in der Natur ein Geschenk Gottes zu sehen und seine Not mit dem Glauben abzuwenden. Der Besuch eines Freundes und ein leidenschaftliches Gespräch über Kunst bringen ihm noch einmal klare, gelöste Stunden. Die Erzählung folgt von hier an dem schwankenden Weg eines Menschen, der zwischen Hoffnung und Verzweiflung um sein seelisches Gleichgewicht ringt.

Die Handlung im Detail

Lenz ist auf der Reise in das Bergdorf Waldbach – in Wirklichkeit das elsässische Waldersbach – zum Pfarrer Oberlin. Seine Wanderung führt ihn durch das winterliche Gebirge, dessen Kälte und Unwirtlichkeit er nicht spürt. Das Gefühl für Raum und Zeit geht ihm verloren, er hört die Stimmen der Felsen, sieht die Wolken jagen und in der Sonne ein „gleißend Schwert", das die Landschaft schneidet. Seine eigene Erschöpfung nimmt er nicht mehr wahr; sie wird ihm Teil des Weltalls, Ausgangspunkt kürzester Augenblicke höchster Glücksgefühle und langer Phasen der Gleichgültigkeit. Der Abend bringt ihm Einsamkeit und Angst, seine Schritte werden ihm wie „Donnergrollen", und es ist ihm, als „jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm".

Im Dorf heißt ihn Oberlin willkommen, der die Dramen von Lenz kennt. Im Pfarrhaus genießt der aufgewühlte Wanderer das ruhige Miteinander der Familie, das ihn an seine eigene Kindheit erinnert. Doch als er sein kaltes, kahles Zimmer im gegenüberliegenden Schulgebäude bezieht, erleidet er einen Rückfall. Die Erinnerung an den schönen Abend weicht schnell wieder einer Unruhe und „unnennbaren Angst". Erst als er sich selbst Schmerzen zufügt und schließlich einem Trieb folgend in den kalten Brunnen taucht, beruhigt sich sein Zustand vorübergehend.

Die folgenden Nächte werden ihm zur Qual. Seine Wahrnehmung löst sich von der Wirklichkeit und macht sie zum Traum; „der Alp des Wahnsinns setzt sich zu seinen Füßen". Trotzdem versucht Lenz, sich einzuleben, erinnert sich an die Erlebnisse der Tage und schöpft Hoffnung. Seine Mitmenschen und deren Alltag erscheinen ihm wie ein Theaterspiel. Als Begleiter Oberlins wird er selbst zum Akteur, kann aber in dieses Leben nicht wirklich eintauchen. Tagsüber ist sein Zustand erträglich, doch mit der Dunkelheit kehren die Angstzustände zurück. Die Ahnung einer unabwendbaren Erkrankung verstärkt sich. Lenz versucht, die Natur als Geschenk Gottes anzusehen und die aufkommenden Ängste mit Hilfe der Bibel abzuwenden – er erkennt darin eine letzte Möglichkeit, sich selbst zu heilen. Doch das „süße unendliche Gefühl des Wohls" hält nie lange an, während die Verzweiflung und das Leid seiner Einsamkeit zunehmen und schließlich überhandnehmen.

Ein zentraler Moment ist der Besuch seines Freundes Christof Kaufmann. Im Gespräch über Kunst, in der leidenschaftlichen Aussprache gegen die idealistische Literatur, spricht Lenz wieder konzentriert und gelöst. Auf Kaufmanns Einwände reagiert er schroff. Doch erst als Kaufmann ihn auffordert, zu seinem Vater zurückzukehren, bricht er das Gespräch ab. Er empfindet den Aufenthalt in dem kleinen Bergdorf als einzige Möglichkeit, sich vor der „Tollheit" zu retten, in die ihn das bürgerliche Leben treiben würde.

Als Oberlin und Kaufmann am nächsten Tag zu einer Reise in die Schweiz aufbrechen, beginnt der endgültige kritische Wendepunkt. Lenz bleibt allein zurück, begleitet die Freunde aber noch ein Stück des Weges bis dorthin, „wo die Täler sich in die Ebene ausliefen". Auf seinem Heimweg kreuz und quer durch die menschenleere Bergwelt gelangt er bei einbrechender Dunkelheit ins Steintal nach Fouday und findet Unterschlupf in einer armseligen Hütte. Dort liegt ein todkrankes Mädchen im Fieber, und ein altes, halbtaubes Weib singt mit schnarrender Stimme unablässig Lieder aus dem Gesangbuch. Als er einige Tage später vom Tod eines kleinen Mädchens erfährt, packt ihn die fixe Idee, „wie ein Büßender" mit aschebeschmiertem Gesicht nach Fouday zu pilgern und das Kind wie einst Jesus den Lazarus wiederzuerwecken. Doch angesichts der kalten Glieder und der „halbgeöffneten gläsernen Augen" der Toten erfährt er nur seine eigene Ohnmacht. Das treibt ihn zu wilden Gotteslästerungen und macht ihn vorübergehend zum Atheisten: „Lenz musste laut lachen, und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und fasste ihn ganz sicher und ruhig und fest."

Als Oberlin aus der Schweiz zurückkehrt, erkennt er den desolaten Geisteszustand seines Gastes, dessen religiöse Gewissensbisse und Scham. Er verweist ihn auf Jesus, der für die Vergebung der Abgefallenen gestorben sei. Lenz fragt nach dem Zustand „des Frauenzimmers", doch Oberlin versteht nicht, was er meint. Da deutet Lenz an, seine Geliebte aus Eifersucht getötet zu haben: „Verfluchte Eifersucht, ich habe sie aufgeopfert – sie liebte noch einen anderen – ich liebte sie, sie war's würdig – o gute Mutter, auch die liebte mich. Ich bin ein Mörder." Dieser Mord ist nur ein Produkt seiner Wahnvorstellungen. Nach diesem Geständnis bleiben Lenz nur noch wenige Augenblicke bei klarem Verstand. Die Ruhe, die er aus der Stille des Tales und der Nähe Oberlins geschöpft hat, wirkt nicht mehr.

Nachdem Lenz sich wiederholt nachts aus dem Fenster gestürzt und umzubringen versucht hat, lässt Oberlin ihn nach Straßburg bringen. Lenz reagiert nur noch apathisch, die Abendlandschaft berührt ihn nicht mehr. In einer Herberge unternimmt er erneut mehrere Versuche, Hand an sich zu legen, wird aber zu scharf bewacht. Als sie am nächsten Tag bei trübem Wetter in Straßburg ankommen, scheint er „ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat Alles wie es die Anderen taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin."

Stil

Bemerkenswert ist, wie nah die Erzählung an die innere Welt ihrer Hauptfigur rückt. Die Sprache folgt nicht dem ruhigen Blick eines Beobachters, sondern dem schwankenden Empfinden eines kranken Menschen: Die winterliche Landschaft wird lebendig, die Felsen sprechen, die Sonne wird zum Schwert, und die eigene Wahrnehmung verschmilzt mit der Natur. So erlebt der Leser den Verfall nicht von außen, sondern beinahe von innen mit.

Büchner stützte sich auf zwei reale Quellen. Zum einen verwertete er Briefe des Dichters Lenz, zum anderen die schriftlichen Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin, der den kranken Mann tatsächlich bei sich aufgenommen hatte. Büchner stützte sich dabei eng auf Oberlins Aufzeichnungen und übernahm daraus teils wörtlich – ein Verfahren, das ihm immer wieder den Vorwurf des Plagiats eintrug. In dem Gespräch über Kunst spricht sich Lenz leidenschaftlich gegen die idealistische Literatur aus und tritt für eine Darstellung des Wirklichen ein. Darin spiegelt sich Büchners eigener nüchterner, wirklichkeitsnaher Kunstanspruch wider.

Rezeption

Bis heute beschäftigt die Forschung die Frage, ob es sich um ein Fragment handelt und ob die Bezeichnung Novelle zutrifft. Auch der Umgang mit Oberlins Aufzeichnungen wird immer wieder diskutiert.

Der Stoff hat zahlreiche spätere Künstler angeregt. Schriftsteller, Komponisten und Filmemacher griffen die Geschichte auf: 1960 entstand das literarische Werk Der Meridian, 1973 die Erzählung Lenz von Peter Schneider, 1979 die dramatisch-musikalische Bearbeitung Jakob Lenz. Hinzu kommen mehrere Verfilmungen, darunter Arbeiten von George Moorse (1971) und Thomas Imbach (2006), sowie ein Hörspiel aus dem Jahr 2017. Diese anhaltende Beschäftigung zeigt, wie stark die Erzählung über Generationen hinweg nachgewirkt hat.

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