1773
Lenore
Überblick↑
Die Ballade Lenore von Gottfried August Bürger entstand 1773 im niedersächsischen Gelliehausen. Sie gehört zu den berühmtesten deutschen Balladen überhaupt. Sie erzählt vom unheimlichen nächtlichen Ritt einer jungen Frau mit ihrem aus dem Krieg heimgekehrten Verlobten. Die Ballade gilt als Warnung vor Gotteslästerung. Nach den Münchhausen-Geschichten ist sie Bürgers wichtigstes Werk. Schon zu seinen Lebzeiten brachte ihm Lenore auch im Ausland großen Ruhm. Edgar Allan Poe ließ sich von der Figur zu The Raven anregen. Walter Scotts erste Veröffentlichung war eine englische Nachdichtung dieser Ballade.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Nach der Schlacht bei Prag im Siebenjährigen Krieg warten die Soldaten auf ihre Rückkehr in die Heimat. Nur Wilhelm, der Verlobte der jungen Lenore, kommt nicht und lässt auch nichts von sich hören. Tag für Tag hofft Lenore vergeblich, bis sie an ihrem Schmerz zu zerbrechen droht. Sie beginnt mit Gott zu hadern und wirft ihm bittere Vorwürfe vor: Nie habe er ihr etwas Gutes getan. Die Mutter ist entsetzt über solche Reden. Sie weiß, dass derartige Lästerungen die Seele gefährden. Sie versucht, die Tochter zu beruhigen. Wilhelm habe vielleicht in Ungarn eine andere gefunden, Lenore solle von ihm lassen. Doch Lenore lässt sich nicht trösten und sagt, nur der Tod könne sie noch erlösen. Dann, mitten in der Nacht, klopft es vor dem Haus: Ein Reiter ist gekommen, um die Verlobte zu holen.
Die Handlung im Detail↑
Die Ballade besteht aus 32 Strophen und gliedert sich in drei Abschnitte. Die ersten vier Strophen führen in die Lage ein: Der Siebenjährige Krieg ist vorbei, die Schlacht bei Prag geschlagen, König Friedrichs Soldaten kehren heim. Lenores Verlobter Wilhelm ist mit in den Krieg gezogen, doch er kommt nicht zurück, und sie hat seit langem nichts mehr von ihm gehört. Ihr Warten zermürbt sie.
Der zweite Abschnitt, die Strophen fünf bis zwölf, besteht aus einem Dialog zwischen Lenore und ihrer Mutter. Lenore hadert offen mit Gott, beschimpft ihn und sagt, er habe ihr nie etwas Gutes getan. Die Mutter ist erschrocken: Solche Gotteslästerung führe in die Hölle, sie bittet um Vergebung für die Tochter und versucht ihre Klage zu mildern. Vielleicht habe Wilhelm in Ungarn eine andere Frau gefunden, vielleicht solle Lenore von ihm lassen. Doch Lenore weist alles zurück. Das Einzige, was sie noch trösten könne, sei der Tod. Bis in die Nacht hinein wütet sie gegen Gott, während die Mutter sie vergeblich zu besänftigen sucht.
Mit Strophe dreizehn beginnt der dramatische dritte Abschnitt. Vor dem Haus erscheint ein Reiter – es ist Wilhelm, doch er ist als Untoter zurückgekehrt. Er drängt Lenore, sofort mit ihm aufzubrechen: Er wolle sie in ihr Hochzeitsbett bringen. Auf ihre Bitte, ins Haus zu treten, weicht er aus; nur um Mitternacht dürften sie satteln, und der Ritt führe von Böhmen aus durch die Nacht. Lenore zögert, willigt aber ein und sitzt zu Wilhelm aufs Pferd.
Der nächtliche Ritt wird zur Geisterfahrt. Unterwegs begegnen ihnen Geister und unheimliches „Gesindel“, die Toten reiten schnell. Allmählich begreift Lenore, dass ihr Verlobter längst kein Lebender mehr ist. Am Ende führt der Ritt nicht zu einem Hochzeitslager, sondern auf einen Friedhof. Das „Hochzeitsbett“, in das Wilhelm sie bringt, sind „sechs Bretter und zwei Brettchen“ – ein Sarg. Lenore stirbt. Ihre Gotteslästerung wird damit gerichtet: Sie wird für ihr Hadern mit Gott bestraft.
Stil↑
Bürger formt seinen Stoff zur klassischen dreiteiligen Ballade aus Einleitung, Dialog und dramatischer Steigerung. Die zweiunddreißig Strophen bauen eine planvolle Spannungskurve auf. Sie führt von ruhiger Berichterstattung über das aufgewühlte Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter bis zum atemlosen nächtlichen Ritt. Charakteristisch ist die Mischung aus volkstümlichem, fast liedhaftem Ton und schauerlichen Bildern. Dazu gehören etwa die wiederkehrende Wendung von den Toten, die schnell reiten, oder das Hochzeitsbett aus sechs Brettern und zwei Brettchen. Diese Verbindung aus knapper, einprägsamer Sprache und unheimlichem Stoff hat Lenore zum Inbegriff der deutschen Schauerballade gemacht.
Rezeption↑
Die Ballade Lenore wurde zum berühmtesten Gedicht Bürgers nach den Münchhausen-Geschichten. Bis heute gehört sie zu den bekanntesten deutschsprachigen Balladen. Schon im 18. Jahrhundert verschaffte die Ballade ihrem Verfasser internationale Popularität. Walter Scott begann seine literarische Laufbahn 1796 mit einer englischen Nachdichtung unter dem Titel William and Helen. Es war sein erstes veröffentlichtes Werk. Edgar Allan Poe übernahm den Namen Lenore in seiner Dichtung. Auch bildende Kunst und Musik nahmen den Stoff immer wieder auf. Es entstanden mehrere Opern und Kompositionen, darunter ein dramatisch-musikalisches Werk Lenore oder die Vermählung im Grabe von 1828. Das Motiv vom geisterhaften Ritt inspirierte Maler zu Bildern wie Die Toten reiten schnell. Die Wirkung der Ballade hält bis heute an – als Warnung vor Blasphemie ebenso wie als unheimliches Sprachkunstwerk.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →