1747 – 1794
Gottfried August Bürger
Kurzporträt↑
Gottfried August Bürger (1747–1794) war ein deutscher Dichter der Aufklärung. Man rechnet ihn dem Sturm und Drang zu. Berühmt wurde er vor allem durch seine Balladen und durch die deutsche Fassung der Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen. Mit der Ballade Lenore schuf er das bis heute bewunderte Vorbild der deutschen Kunstballade. Sein Leben war von finanzieller Not, drei unglücklichen Ehen und einer früh ausgebrochenen Schwindsucht geprägt. Dieser erlag er mit nur 46 Jahren.
Biografie↑
Bürger wurde am 31. Dezember 1747 in Molmerswende geboren und wuchs als Sohn eines Landpfarrers auf. Der Vater zeigte wenig Interesse an seiner Ausbildung. So ebnete der Großvater mütterlicherseits den Weg zur höheren Bildung, der Hospitalprovisor Jakob Philipp Bauer in Aschersleben. Ab 1760 besuchte Bürger die Stadtschule in Aschersleben, von der er verwiesen wurde. Wikipedia berichtet von einer Schlägerei, während die Forscher Lore Kaim und Siegfried Streller ein spöttisches Epigramm als Anlass nennen. Sein Großvater protestierte energisch und brachte ihn am Pädagogium in Halle unter. Dort freundete er sich mit dem Lyriker von Goeckingk an.
1764 begann er auf Druck des Großvaters in Halle ein Theologiestudium. Dieses gab er rasch zugunsten einer sprunghaften Beschäftigung mit philologischen Gegenständen auf; burschikose Exzesse begleiteten diese Zeit. 1768 erlaubte ihm der Großvater den Wechsel nach Göttingen, wo er Rechtswissenschaft studieren sollte. Doch auch dort geriet er in eine Lotter- und Schuldenwirtschaft. Der Großvater zog seine Hand von ihm zurück. Erst die leibliche Not und die tätige Hilfe von Johann Wilhelm Ludwig Gleim sowie wohlmeinender Kommilitonen und Professoren brachten ihn zurück auf den rechten Weg. In Göttingen schloss er Freundschaft mit Heinrich Christian Boie, der ihn mit dem Göttinger Hainbund in Kontakt brachte. Auch mit dem späteren Berliner Aufklärer Johann Erich Biester freundete er sich an, mit dem er Shakespeare-Studien betrieb.
1772 verschaffte ihm Boie die Stelle eines Amtmanns in Altengleichen mit Sitz in Gelliehausen. Laut der Deutschen Biographie wurde er als Gerichtshalter des von Uslarschen Gerichtsbezirks gewählt. Bis 1784 versah er dieses Amt und wohnte ab 1774 in Wöllmarshausen. 1775 wurde er in die Göttinger Freimaurerloge Zum goldenen Zirkel aufgenommen. Von 1777 bis zu seinem Tod war er deren Redner. Im Herbst 1774 heiratete er Dorothea, die zweite Tochter des hannoverischen Amtmanns Johann Carl Leonhart zu Niedeck. Die Ehe war unglücklich. Bürger verliebte sich in Dorotheas jüngere Schwester Auguste, die er in Gedichten als „Molly" besang. Nach dem Tod des Schwiegervaters 1777 zog Molly ins Haus. Bürger lebte nun eine Ménage-à-trois, die er gegen die Widerstände des Bürgertums verteidigen musste. 1782 wurde ein Sohn Mollys geboren. Die Deutsche Biographie spricht von einer „geheimen Ehe zu Dritt", die von „schweren Gewissensqualen getrübt" gewesen sei.
Geringe Einkünfte, häufige Krankheiten und eine 1780 übernommene Pachtung in Appenrode zermürbten ihn. Eine Untersuchung wegen nachlässiger Geschäftsführung endete zwar mit Freispruch, doch Bürger legte sein Amt freiwillig nieder. Nach dem Tod seiner ersten Frau 1784 übersiedelte er nach Göttingen. Dort versuchte er, sich durch Privatvorlesungen über Ästhetik und deutschen Stil eine neue Existenz aufzubauen. Die Mehrheit der Fakultät betrachtete ihn als Außenseiter. Im Juni 1785 heiratete er endlich Molly. Ihr Tod im Kindbett am 9. Januar 1786 stürzte ihn in tiefe Verzweiflung und nahm ihm für lange Zeit die Lust am Dichten.
Eine öffentliche Vorlesung über die in Göttingen verpönte Kantsche Philosophie im Wintersemester 1787/88 wurde sein bedeutendster Lehrerfolg. Zu seinen engsten Schülern gehörte der junge August Wilhelm Schlegel. 1789 verlieh ihm die Universität zum 50-jährigen Jubiläum die philosophische Doktorwürde. Im November ernannte sie ihn zum außerordentlichen Professor – ein Ehrentitel ohne Gehalt. Eine unbekannte Verfasserin, die er mit „Y." kennzeichnete, hatte ihm in einem Gedicht in einer Stuttgarter Zeitschrift einen scherzhaften Heiratsantrag gemacht. Bürger erfuhr ihren Namen, Elise Hahn aus Stuttgart, und reiste nach Stuttgart, um seinerseits anzutragen. Am 29. September 1790 heiratete er die 21 Jahre jüngere Schriftstellerin in Göttingen. Am 1. August 1791 kam der Sohn Agathon zur Welt, ein kränkliches und anscheinend geistig behindertes Kind. Die Ehe scheiterte rasch. Bürger schilderte in einem Brief an seine Schwiegermutter Untreue und Liederlichkeit Elises. Am 31. März 1792 wurde sie vom Universitätsgericht schuldig geschieden und verlor dadurch ihre Mitgift von 1177 Talern.
Schillers anonyme, vernichtende Kritik in der Allgemeinen Literatur-Zeitung vom 15. und 17. Januar 1791 traf ihn bis ins Mark. Um Geld zu verdienen, lieferte er Übersetzungen für auswärtige Buchhändler. Eine Erkrankung an Schwindsucht raubte ihm zuletzt die Stimme. So konnte er keine Vorlesungen mehr halten und keine Kollegiengelder mehr einnehmen. Das Universitätskuratorium bewilligte ihm statt eines erbetenen Gehalts eine einmalige Unterstützung von 50 Talern. Bürger starb am 8. Juni 1794 in Göttingen und wurde auf dem Bartholomäusfriedhof beigesetzt. Nur drei Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Er hinterließ zwei Töchter und zwei Söhne.
Literarische Merkmale↑
Sein literarisches Werk ist laut der Deutschen Biographie in zweierlei Hinsicht bedeutend. Zum einen ließ Bürger die „unerlebte, papierene Rokokodichtung" hinter sich und stellte die Einheit zwischen Leben und Werk her, vor allem in seiner Liebeslyrik. Zum anderen überwand er die auf gelehrter Bildung beruhende Form der zeitgenössischen Lyrik. Mit ausgeprägtem Formsinn griff er auf national-volkstümliche Formen und Motive zurück. In seinem Herzensausguß über Volkspoesie (1776) prägte er den Begriff des „Volksdichters". Er zielte auf eine Popularität, die Volks- und Kunstdichtung vereinen sollte. Unterstützt wurden diese Bestrebungen durch die gleichlaufenden Anschauungen Herders.
Im stillen Wettbewerb mit den Kunstballaden seines Freundes Ludwig Christoph Heinrich Hölty entstand seine gewaltige Ballade Lenore. Sie verbindet die volkstümlichen Elemente der Luther- und Kirchenliedsprache mit der Volkssprache seiner Zeit. Sie lehnt sich an eine alte düstere Volksballade an und verleiht den irrationalen Kräften und der Intensität des Emotionalen Ausdruck. Die Deutsche Biographie nennt sie das „bis heute bewunderte Vorbild der deutschen Ballade". Weitere Balladen waren zum Teil von Thomas Percy angeregt. Sie überforderten nach Urteil der NDB die innere Form der Gattung durch eine „kraftgenialisch übersteigernde, allzu holzschnittmäßige Grobschlächtigkeit".
Die Gewinnung des Volksstils für die höhere Dichtung und die Öffnung der „Tiefenwelten des Irrationalen" sind aus dem Boden des Sturm und Drang gewachsen. Neben dem Drama und der Genielyrik Goethes gelten Bürgers Balladen der NDB als die einzigen heute noch gültigen dichterischen Bekundungen des Sturm- und Dranggeistes. Davor versinkt sein früheres Schaffen: die witzig-tändelnden Verse, die „Minnelieder" im Ton des Göttinger Hains und die burlesk-parodistischen Versuche im Stil der Gleimschen Romanzen, die von einem missverstandenen Begriff der Volkstümlichkeit ausgingen. Viele Großprojekte blieben liegen. Eine Eindeutschung der Ilias in Blankversen wurde durch Friedrich Leopold Stolbergs Hexameter-Übersetzung überholt. Eine eigene Hexameter-Übersetzung brach trotz Lobes Friedrich August Wolfs mit dem vierten Gesang ab. Dazu kamen Ossian-Übersetzungen in rhythmischer Prosa und ein geplantes Nationalepos auf Friedrich den Großen. Auch ein bürgerliches Trauerspiel blieb liegen, dessen Stoff später in die Ballade Des Pfarrers Tochter von Taubenheim einging. Bürger war, so die NDB, „nicht der Mann der objektivierenden literarischen Großgattungen". In seinen späten Jahren wandte er sich von der Originalpoesie des Sturm und Drang ab und der traditionsgeprägten Kunstpoesie zu. In Anlehnung an Petrarca dichtete er Sonette, deren Motivik die Erinnerung an Molly wachhielt.
Rezeption↑
Zu seinen Lebzeiten erfuhr Bürger sowohl Anerkennung als auch Verletzung. Die öffentliche Vorlesung über die in Göttingen verpönte Kantsche Philosophie im Wintersemester 1787/88 wurde laut der Deutschen Biographie sein bedeutendster Lehrerfolg. Zu seinen engsten Schülern gehörte der junge August Wilhelm Schlegel, mit dem er sich in die italienische Dichtung vertiefte. 1789 erhielt er die philosophische Doktorwürde. Auf Betreiben des ihm gewogenen Professors Heyne wurde er zum unbesoldeten außerordentlichen Professor ernannt. Die Mehrzahl der Fakultätsmitglieder aber sah in ihm einen Außenseiter.
Schillers anonyme Kritik in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung vom Januar 1791 nennt die NDB „vernichtend und verständnislos". Sie verneinte mit allzu deutlichen Anspielungen auf Bürgers Sittlichkeit sein ganzes dichterisches Werk. Der Schlag traf ihn bis ins Mark. Die folgenden Jahre verzehrten ihn zwischen seelischem Kummer und materieller Not, die er durch aufreibende literarische Lohnarbeit zu lindern suchte. Sein Begräbnis 1794 war einsam. Nur drei Menschen gaben ihm das letzte Geleit: einer seiner Söhne und seine beiden Ärzte.
Über den Tod hinaus blieb sein Werk lebendig. Seine um etwa ein Drittel erweiterte Rückübersetzung der Wunderbaren Reisen … des Freiherrn von Münchhausen (1786) aus dem Englischen des Rudolf Erich Raspe wurde zum Volks- und Jugendbuch. Seine Prosa-Bearbeitung des Macbeth, die er Biester widmete, galt der NDB als „erfolgreichste Eindeutschung vor Schiller". Sein Liebesverhältnis zu Molly wurde im 19. Jahrhundert literarischer Stoff. Salomon Hermann Mosenthal verarbeitete es 1851 im Schauspiel Bürger und Molly, oder ein deutsches Dichterleben. Die Lenore schließlich gilt der Forschung bis heute als Vorbild der deutschen Kunstballade. Sie sicherte Bürger seinen Platz neben Goethes Genielyrik als gültiges Zeugnis des Sturm und Drang.
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