1616 – 1664
Andreas Gryphius
Kurzporträt↑
Andreas Gryphius wurde am 2. Oktober 1616 in Glogau geboren und starb ebendort am 16. Juli 1664. Er gilt als der bedeutendste Lyriker des deutschen Barocks. Sein bürgerlicher Name lautete Andreas Greif. Die latinisierte Form Gryphius wurde ihm zum Markenzeichen einer Dichtung, die das Leid und die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins eindringlich ins Wort hob. Geprägt war er von früher Verwaisung, vom Dreißigjährigen Krieg und von konfessioneller Verfolgung. Er schuf Sonette, Oden, Trauerspiele und Lustspiele, die zu seinen Lebzeiten Ruhm einbrachten und nach langem Verschütten im 20. Jahrhundert neue Beachtung fanden. Den Lebensunterhalt verdiente er nach seinen Wanderjahren als Jurist und Syndikus der Glogauer Landstände.
Biografie↑
Andreas Gryphius wurde als jüngstes Kind aus der dritten Ehe des lutherischen Archidiakons Paul Greif geboren. Schon der Geburts- und Sterbeort ist in den Quellen unterschiedlich verzeichnet. Die Deutsche Nationalbibliothek führt den deutschen Namen Glogau, Wikidata nennt den heutigen polnischen Ortsnamen Głogów. Beides bezeichnet denselben Ort, der seit 1945 zu Polen gehört. Der Vater starb 1621, die Mutter Anna 1628 an Tuberkulose. Etwa ein Jahr nach dem Tod des Vaters heiratete die Mutter den Lehrer Michael Eder. 1625 entging der neunjährige Andreas knapp dem Tod durch Ertrinken.
Ende 1628 begann der kaiserliche Landeshauptmann mit der Rekatholisierung Glogaus. Der protestantische Stiefvater wurde vertrieben, der Junge folgte ihm Ende des Jahres in das polnische Driebitz bei Fraustadt. Drei Jahre lang versuchte Gryphius vergeblich, in Görlitz und Glogau wieder eine Schule zu besuchen. Erst ab Sommer 1632 fand er in Fraustadt eine geregelte Schulbildung. Dort war sein Stiefvater seit 1631 lutherischer Pfarrer und Aufseher des Gymnasiums. Hier trat er mit dem lateinischen Epos Herodes erstmals als Autor an die Öffentlichkeit.
Von 1634 bis 1636 studierte Gryphius am Akademischen Gymnasium der weltoffenen Handelsstadt Danzig. Dort kam er durch den Mathematiker und Astronomen Peter Crüger mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild Galileis und Keplers in Berührung. Anschließend ging er als Hauslehrer auf das Gut des Juristen Georg Schönborn bei Freystadt. Schönborn war ihm in seiner Melancholie verwandt. Er krönte ihn 1637 zum Dichter, ernannte ihn zum Magister der Philosophie und erhob ihn in den Adelsstand. Vom Adel machte Gryphius jedoch nie Gebrauch. In Schönborns Bibliothek vollendete er seine erste deutsche Gedichtsammlung, die 1637 in Lissa als Sonnete erschien. Den verheerenden Brand von Freystadt im Juli 1637 schilderte er noch im selben Winter in der Prosa Fewrige Freystadt. Dieser Bericht brachte ihm wegen der Kritik am Versagen der städtischen Obrigkeit viele Feinde ein.
Nach Schönborns Tod begleitete Gryphius 1638 dessen Söhne zum Studium an die niederländische Universität Leiden. Sechs Jahre blieb er dort. Er hörte unter anderem René Descartes und war als studiosus philosophiae immatrikuliert. Er beschäftigte sich aber mit den verschiedensten Disziplinen und hielt selbst Kollegs von der Metaphysik über Geographie und Astronomie bis zur Chiromantie. Besonders faszinierten ihn die Sektionen im Theatrum Anatomicum. 1640 starben sein Bruder Paul und seine Schwester Anna Maria innerhalb weniger Monate, er selbst erkrankte lebensbedrohlich. In Leiden veröffentlichte er fünf weitere Gedichtsammlungen und vollzog die Hinwendung zur deutschen Sprache.
Im Juni 1644 brach er mit einer pommerschen Adelsgruppe zur Kavalierstour durch Frankreich und Italien auf. Ziele waren Paris und Angers, dann Rom, Florenz und Venedig, dessen Senat er das lateinische Epos Olivetum widmete. In Straßburg, wo er bis Mai 1647 verweilte, entstand sein erstes Trauerspiel Leo Armenius. Im Juli 1647 trat er den Heimweg über See an. In Stettin beendete er Catharina von Georgien und erreichte im November Fraustadt, wo er den Stiefvater todkrank vorfand.
Am 12. Januar 1649 heiratete Gryphius in Fraustadt Rosina Deutschländer, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Aus der Ehe gingen vier Söhne und drei Töchter hervor, von denen mehrere früh starben. Der älteste Sohn Christian wurde später selbst Gelehrter und Dichter und gab 1698 die Werke des Vaters neu heraus. In den Jahren nach der Rückkehr entstanden die Trauerspiele Cardenio und Celinde und Carolus Stuardus sowie die Lustspiele Peter Squentz und Horribilicribrifax. Rufe an die Universitäten Frankfurt an der Oder, Heidelberg und Uppsala schlug Gryphius aus.
1650 wurde er Syndikus der Glogauer Landstände und damit Rechtsvertreter gegen die zentralistische und gegenreformatorische Politik der Habsburger. Nach dreijähriger Archivarbeit veröffentlichte er 1653 die Urkundensammlung Glogauisches Fürstenthumbs Landes Privilegia. Das Amt nahm ihn so in Anspruch, dass das letzte Trauerspiel Papinian erst zwischen 1657 und 1659 entstand. 1662 wurde Gryphius unter dem Namen „Der Unsterbliche" als Mitglied Nr. 788 in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen. Am 16. Juli 1664 erlitt er während einer Sitzung der Glogauer Landstände einen tödlichen Schlaganfall.
Literarische Merkmale↑
Gryphius waren, wie die Deutsche Biographie notiert, tiefer Ernst und Schwermut wesenseigen. Er verlor früh beide Eltern, sah fast alle Geschwister sterben und erlebte Pestepidemien, Feuersbrünste und die Zerstörung des Dreißigjährigen Krieges. Diese Erfahrungen prägten ihm die „Vergänglichkeit menschlicher Sachen" tief in sein Weltbild ein. Aus diesem Lebensgrund speist sich auch sein Werk. Es kreist um das Leiden, die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Eitelkeit alles irdischen Strebens.
Schon das lateinische Jugendepos Herodis Furiae zeigt, was sein späteres Werk auszeichnet: eine beachtliche Beherrschung der rhetorisch-poetischen Mittel der Zeit, die dramatische Anlage, das Gewicht der Sprache und die pathetische Schwellung bis hin zur gelegentlichen Übersteigerung. Diese sprachgewaltige, rhetorisch hochgespannte Form bleibt sein Markenzeichen. In den Sonetten verbindet er kunstvolle Form mit eindringlichen Bildern der Vergänglichkeit. Das Gedicht Tränen des Vaterlandes von 1636 schildert eindringlich die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Es ist alles eitel und Menschliches Elende stellen das barocke Vanitas-Motiv ins Zentrum. In der Leidener Ode Vanitas! Vanitatum Vanitas! fasste Gryphius seine Gedanken zur menschlichen Eitelkeit in fünfzehn Versen zusammen.
Während der Leidener Jahre vollzog er die Loslösung von der schulrhetorischen lateinischen Tradition und wandte sich der deutschen Sprache zu. Neben der Lyrik baute er ein dramatisches Werk auf. Es umfasst Trauerspiele wie Leo Armenius, Catharina von Georgien, Cardenio und Celinde, Carolus Stuardus und Papinian. Im Papinian stilisiert er den römischen Juristen zum Märtyrer des Rechts – möglicherweise eine Anspielung auf seine eigene Lage als protestantischer Rechtsvertreter gegen die kaiserliche Politik. Daneben stehen Lustspiele wie Peter Squentz und Horribilicribrifax. Sie zeigen, dass sein Werk nicht ausschließlich von Düsternis geprägt war.
Rezeption↑
Bereits zu Lebzeiten war Gryphius als Tragödienschriftsteller bekannt. Im 18. Jahrhundert schätzte ihn Johann Christoph Gottsched höher ein als Daniel Casper von Lohenstein. Friedrich Ludewig Bouterweck und August Vilmar würdigten ihn später als Vater des deutschen Dramas. Mit dem Aufkommen der Lessingschen Dramatik wurde das barocke Drama allerdings nahezu restlos von den Theaterbühnen verdrängt. In der Literaturwissenschaft blieb der Theaterdichter Gryphius gleichwohl hoch geschätzt.
Seine Gedichte blieben dank ihrer rhetorischen Sprachkunst Dichtern wie Friedrich Gottlieb Klopstock präsent. Im 18. Jahrhundert traten sie aber durch die allgemeine Abwertung der Barocklyrik und die durch Goethe geprägte Lyrikästhetik in den Hintergrund. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts brachte Victor Manheimers Monographie Die Lyrik des Andreas Gryphius eine neue Wendung in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Barockdichtung. Dazu trug auch das Interesse der Naturalisten Richard Dehmel und Arno Holz sowie der Symbolisten Rudolf Borchardt und Karl Wolfskehl bei. Eine breite Aufnahme seiner Lyrik durch die Dichtung um die Jahrhundertwende und den Expressionismus lässt sich gleichwohl nicht nachweisen, obwohl diese wegen ihrer Metaphorik immer wieder mit dem Barock in Verbindung gebracht wurden.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gewannen seine Gedichte spürbar an Popularität. Nun wurden sie teilweise als Echo der Vergangenheit gelesen, als Vergegenwärtigung historischer Schrecken. Der amerikanische Komponist Philip Glass übernahm einige Gedichte aus Gryphius' Werk in das Libretto seiner Oper Kepler. An seinem 200. Todestag wurde Gryphius in Glogau ein Denkmal gesetzt: eine von Hermann Michaelis modellierte Sandsteinbüste in zweieinhalbfacher Lebensgröße über der Freitreppe zum dortigen Schauspielhaus. Die Künstlergilde Esslingen vergibt zudem jährlich einen nach ihm benannten Literaturpreis. Er geht an Autoren, die deutsche Kultur in Mittel-, Ost- und Südosteuropa reflektieren und zur Verständigung zwischen Deutschen und ihren östlichen Nachbarn beitragen.
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